Christoph? Katharina? Ein neuer Text von Sabine Breitbach

Ich freue mich sehr, dass es neben weiteren aktuellen Hinweisen auf den verschwundenen Christoph (hier ein sehr schöner von Sylvia Meywerk) auch Neuigkeiten von Katharina gibt! Sabine Breitbach hatte Christoph zunächst in einer Backstube aufgespürt (hier), die er dann aber offenbar doch verlassen hat … Wer einen Eindruck von den Texten gewinnen möchte, die Sabine Breitbach schreibt, wenn sie weder mit Christoph noch mit Katharina beschäftigt ist, dem sei der schöne Text „Blau und braun“ sehr empfohlen, der im März 2015 „Text des Monats“ im Literaturhaus Zürich war.

„Eine Zeitlang schrieb er noch Postkarten, bunte Ansichtskarten, als sei er nur ein paar Wochen auf Urlaub. Sie bekam die Karten ins Lehrlingswohnheim. Viel stand nicht darauf, in seiner krakeligen kleinen Handschrift, wie lose ausgelegte Fliegenbeine, war da nur ein kurzes: Mir geht’s gut, oder: Wohin der Wind mich eben weht, oder: Die Alpen schaffe ich auch noch! zu lesen. Die Fotos auf der Bildseite zeigten den Kölner Dom, das Heidelberger Schloss oder die Münchner Frauenkirche, und immer war der Himmel darauf ganz unverschämt himmelblau und es schien so, als würde Christoph sich ganz allmählich immer weiter nach Süden bewegen, immer weiter weg.

Süden, das schien auch Katarina im norddeutsch verregneten November die richtige Richtung. Ohne Christoph war alles noch trister als es sowieso schon war. Hätte er sie doch nur mitgenommen. Aber er war einfach eines Tages losgefahren und nicht mehr wiedergekommen. Einfach so. Noch nicht einmal ihr hatte er etwas gesagt. Auch diese Karten erklärten ihr nichts. Und einen Absender, an den sie hätte schreiben können, stand auch nicht drauf. Nur: Tschüss Trine, der Christoph, stand jedes mal drunter. Und sie musste jetzt mit seinen Eltern klarkommen, ganz alleine.

In der ersten Nacht schickte sein Vater Katharina hinauf in die Wohnung über der Bäckerei: Hol die Schlafmütze mal aus dem Bett! Sie war hochgegangen und hatte an seine Tür geklopft, aber reingehen wollte sie lieber nicht. Sie war nur ein einziges mal drin gewesen, da hatte ihr Christoph seine alten Lehrbücher gegeben. Sie hatte dann auf seinem Handy angerufen und es hatte hinter der Tür gedudelt, Backe backe Kuchen, diese alberne Melodie, die Christoph als Klingelton eingerichtet hatte. Als sie dann doch die Tür öffnete, weil sich dahinter immer noch nichts bewegte, lag das Handy auf der Fensterbank und dudelte immer weiter, aber das Zimmer wirkte sonderbar unbewohnt und roch schon da nur noch ganz wenig nach Christoph, nur ganz leicht, wie eine schwache Erinnerung.

Christoph ist nicht da, sagte sie, als sie wieder in der Backstube stand. Da tobte seinVater und schepperte ganz unnötig laut mit einem Stapel Blechen und dann sagte er: Na gut! in so einem bedrohlichen Ton, dass Katharina den Kopf noch tiefer als sonst zwischen die Schultern zog. Gut, dann musst du eben schneller machen. Wie sollte das gehen ohne Christoph, der ihr immer mal geholfen hatte, wenn sie wieder zu langsam war? Es wurde ein wirklich blöder Tag, ohne Christoph. Und es wurden wirklich blöde Wochen. Ohne Christoph, der nicht wiederkam. Ein paar Tage tobte der Chef noch, dann wurde er still und sagte nur noch das allernötigste. Das war dann auch nicht besser. Die Mutter lief immer wieder aus dem Verkaufsraum und heulte heimlich auf dem Klo. Den Kunden erzählten sie, Christoph sei verreist, später behaupteten sie, er mache ein Auslandspraktikum. Und noch später fragte niemand mehr nach Christoph. Obwohl er immer dabei war, wie ein christoph-förmiger Hohlraum, über den niemand sprach. Sie glaubte nicht, dass seine Eltern Karten oder Briefe von ihm bekämen, seine Mutter hätte ihr doch sicherlich davon erzählt, in den Minuten, die sich Katharina mitunter zu ihr flüchtete, weil der Chef gerade ganz besonders ungeniessbar war.

Nur ihr schrieb er. Da war sie sich sicher, wenn sie nach Wochen mal wieder so eine bunte Karte aus ihrem Postfach fischte, das bisher immer leer geblieben war. Nur ihr schrieb er und sie erzählte niemandem davon. Noch nicht einmal den Leuten im Wohnheim. So hatten sie ein kleines Geheimnis miteinander, hinter dem Rücken der anderen, so wie Christoph hinter dem Rücken seines Vaters mit Quarkbällchen jongliert hatte, wenn der Katharina wieder mal alles noch einmal erklärte und dabei so genervt seufzte. Später hatten sie die Quarkbälle dann zusammen gegessen, verkaufen konnte man die ja doch nicht mehr.

Am schlimmsten wurde es zu Silvester. Tja, sagte da der Chef. Jetzt musst du wohl mal zeigen, was du bei mir gelernt hast. Mach voran. Die Kunden warten nicht. Und sie stand stundenlang alleine an der Fettpfanne und buk Berliner aus und dann stand sie stundenlang alleine und füllte sie mit Marmelade und wälzte sie in Zucker und dachte an Christoph und die fliegenden Quarkbällchen und dass er ihr letztes Jahr den Dreh gezeigt hatte, wie man die Teigbälle mit einem Ruck alle auf einmal im Zucker wendet. Zum Schluss musste sie auch noch alleine die Backstube wischen, denn der Chef machte sich fertig für den Silvesterball der Bäckerinnung. Er hoffte, dort einen neuen Gesellen zu finden. Der alte war ihm ja davongelaufen. Fahnenflüchtig nannte er das.

Die letzten Wochen saß sie über den Büchern, Christophs Büchern. In jedem war sein Name in den Buchdeckel geschrieben, mit seiner Schrift, so krakelig wie Fliegenbeine. Keine Sorge, hatte er gesagt als er ihr die Bücher gegeben hatte. Das schaffst du, Trine! Und niemand sonst durfte sie so nennen. Ich kann dir ja auch helfen. Das hatte er gesagt. Helfen! dachte sie, als sie mal wieder das Fachmathe-Buch am liebsten an die Wand geworfen hätte. Von wegen helfen, weg bist du! Weg! Sie kritzelte solange mit dem Kugelschreiber über die Fliegenbeine, bis sein Name in keinem der Bücher mehr zu lesen war. Nur noch ihrer, den sie damals dicht darunter geschrieben hatte. Die Prüfungen bestand sie mit Ach und Krach, ganz ohne seine Hilfe.

Bei seinen Eltern wollte Katharina dann nicht mehr länger arbeiten und als sie die Stellenangebote las, ignorierte sie die Bäckereien in Köln und in Heidelberg und in München. Schleswig wäre vielleicht schön, oder Norden. Schliesslich wurde es Kiel.

Als die Karte aus Rom kam, mit dem Bild vom Kolosseum darauf, war Katharina schon fort. Sie hatte ihr Zimmer geräumt und übergeben und war mit ihren paar Sachen auf dem Rad und im Rucksack auf dem Weg zum Bahnhof. Die Bücher hatte sie auf dem Tisch liegen lassen, vielleicht konnte die ja noch jemand brauchen. Ihr Name stand noch darin, in voller Länge, gleich neben dem kugelschreiber-blauen Balken, unter dem seiner verschwunden war. Von niemandem würde sie sich je wieder Trine nennen lassen.“

Christoph ist verschwunden – Geschichte eines Fahndungserfolges …

Verloren gegangen war zunächst ein Satz. Der Satz: „Christoph ist verschwunden“. Vier Jahre lang war es der erste Satz meines Romanmanuskriptes und dann musste ich ihn sehr schweren Herzens streichen – eine Änderung der Perspektive ließ ihn mir nicht mehr vollkommen stimmig erscheinen. Ich habe hier im Blog darüber berichtet und erhielt – wie zum Trost – eine kleine Christoph-Skizze von Dorothea. Das brachte mich auf die Idee, den Satz zu „retten“, indem ich einen Aufruf starte und darum bitte, diesen ersten Satz „weiterzuschreiben“. Oder Hinweise zu geben: Wo wurde Christoph gesehen? Hat er vor, wiederzukommen? Wie geht es ihm? Reden wir wirklich über denselben Christoph? (Weitere Hinweise sind jederzeit willkommen!)

Und dann geschah etwas, das mich überrascht und sehr begeistert hat – es gab unglaublich viele und wunderbar vielfältige Texte, Skizzen, Notizen und Bilder. Ganz unverhofft begegnete mir plötzlich Christoph an Orten, an denen ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte – und ich erhalte weiter Hinweise und Ankündigungen und freue mich sehr darüber! Und für diejenigen, die noch ein paar Christoph-Spekulationen vertragen können, rücke ich eine Leseprobe meiner eigenen raus …

„Wiederholte Verdächtigungen“ – erscheint am 09.02.2015 bei Klöpfer & Meyer.

Christoph ist verschwunden – literarische Hinweise dringend erbeten!

Kürzlich hatte ich hier im Blog davon berichtet, dass mir über die langjährige Arbeit am Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ (erscheint im Februar 2015 bei Klöpfer & Meyer) der erste Satz verloren gegangen war: Christoph ist verschwunden. Und vermutlich, um mir den Abschied zu erleichtern, hatte mir Dorothea eine kleine Notiz zu Christoph geschenkt, was mich nun auf die Idee bringt, dass es großartig wäre, eine Sammlung von (eher) kurzen Texten, Spekulationen, Hinweisen oder Such-Tipps hier im Blog zu sammeln – die alle mit dem Satz vom verlorenen Christoph beginnen. Der dann immerhin nicht verschwunden wäre …

Bin sehr gespannt, ob und wo ihr Christoph gesehen habt? Hat er vor, wiederzukommen? Wie geht es ihm? Und reden wir wirklich über denselben Christoph?

 

Nachtrag vom 11.12.14:

Nicht nur in der virtuellen Welt, sondern auch in der sehr realen „Schreib-Werkstatt“-Welt zieht die Suche nach Christoph ihre Kreise – eine besonders schöne Version von Sabine Breitbach füge ich hier ein:

Frau Hansen war die erste Kundin, wie fast jeden Morgen. „Moin Christoph“, sagte sie und wollte wie immer fünf Krosse und zwei Kornknacker, ach nee doch lieber drei. „Hab garnicht mit dir gerechnet. Ich dachte, du wärst verschwunden.“
Christoph, der gerade ein Blech Brötchen in den Korb geschüttet hatte und schon wieder in die Backstube hetzte, bevor ihm die Ladung Croissants verbrennen würde, fragte nur „Wie komm se denn da drauf ?“
Zurück am Ofen dachte er dann: „Na, schön wärs. Dann müsste ich hier nicht schwitzen und mir die Finger verbrennen und Mehlsäcke schleppen.“
Der Nachbar Unger, der wie immer ein Käsebrötchen mit Käse wollte und das wie immer unerklärlicherweise komisch fand, fragte: „Was machst du denn hier? Ich dachte du wärst weg.“ Auch der Schuhmacher von gegenüber, der diesmal nur drei Flaschen Kakao nahm, wunderte sich. „Ach Christoph, doch nicht verschwunden?“
Die kannten ihn alle noch aus der Zeit, als er gerade mal so über den Tresen kucken konnte und mit dem Einmaleins mit 23 kämpfte, dem damaligen Preis für die Krossen. Viel hatte sich seitdem nicht verändert, hier gab’s immer noch reichlich Handarbeit, sein Vater wollte es so. Für die Kunden war er nur der Sohn vom Bäckermeister Tophoven. Und sie würden ihn wohl noch mit seinem Vornamen anreden, wenn er schon keine eigenen Zähne mehr hätte, mit denen er sie freundlich angrinsen konnte. Das war Order seines Vaters: ‚Und wenn se Himbeerdrops mit Senf wollen, der Kunde ist König, also immer freundlich bleiben.‘
Aber was hatten die heute bloß alle mit dem Verschwinden, als hätten sie sich abgesprochen? Immer, wenn er nur kurz durch den Laden huschte, um Brot zu bringen oder Brötchen oder die ersten Plunderteilchen, machte schon wieder jemand so eine sonderbare Bemerkung.
Die konnten sich die Bäckerei ohne ihn doch gar nicht vorstellen, aber er hatte mal ganz andere Pläne gehabt. Straßenmusik wollte er machen, Polarforscher werden, oder Postbote, oder Gärtner, irgendwas draußen, aber dann hatte er doch alles so gemacht, wie sein Vater es gewollt hatte, mit seinem Schulabschluss hatte er auch keine große Auswahl. Und jetzt drehte er Brötchen und schoss Brot in den Ofen und der Laden lief und er lief mit. Zwei seiner Kollegen in der Berufsschule hatten schon im ersten Lehrjahr einfach eine Mehlallergie bekommen, aber er hatte nicht mal den leisesten Husten.
Dann war Mittag, Feierabend, und er zog sich ein trockenes Hemd an und die Jacke und hielt sein weißes Bäckergesicht in die dünne Wintersonne. Er hatte die Wahl, endlich mal an die frische Luft zu kommen oder sich aufs Ohr zu legen. Wahrscheinlich wäre ein Nickerchen vernünftig, aber er entschied sich für eine kleine Fahrradtour, ein bisschen verschwinden dachte er und grinste grimmig.
Schon auf den ersten Metern lüftete sich das Rätsel um das ganze Gerede. Direkt vor der Ladentür, am Haltestellenhäuschen, hing ein Plakat. ‚Christoph ist verschwunden‘ stand da in riesigen Lettern, und an der nächsten Haltestelle war es das gleiche.
Christoph zählte 12 Plakate an den Haltestellenhäuschen, während er aus der Stadt fuhr und noch zwei große Plakatwände mit dem gleichen Text. Dann stieg er vom Rad und las das Kleingedruckte. Es war ein Wettbewerb, von einem dieser Privatsender. Es wurden Ideen gesucht für eine ihrer schon ewig dauernden Serien, die er nie sah. Da lag er nämlich schon längst im Bett. ‚Warum ist Christoph verschwunden? Wo ist er hin? Wird er zurückkehren?Wird er schon vermisst?‘
Christoph fuhr vorbei am botanischen Garten und am Tierheim und vorbei am Biohof Voigt und über die Bahngleise Richtung Süden und er fand sich so anwesend wie schon seit Jahren nicht mehr.
„Hallo Christoph!“, sprach er mit sich selbst. „Lange nichts von dir gehört. Wie schön, dass du wieder da bist.“ Und nach einer Pause: „Wo geht’s jetzt lang?“
„Egal“, antwortete er sich selbst, fuhr in die langgezogene Kurve gleich hinter Riede und dann mit Schwung den Hügel hinunter. „Erstmal verschwinden“ und dann kam er außer Sicht und war auch schon weg.