Mensch, war das knapp!

14 Likes mehr und ich wäre auf der Shortlist des Virenschleuderpreises gelandet – das ist ärgerlich und toll zugleich und ich möchte mich unbedingt und schnellstmöglich bei allen bedanken, die gevotet, Daumen gedrückt und wunderbare Komplimente gemacht haben! Das hat mich alles sehr gefreut!

Jetzt gehts in die Schule, um mit Schüler:innen Geschichten zu erfinden und deswegen wird das vermutlich der kürzeste Beitrag aller Zeiten und nicht etwa weil ich mich gräme, dazu besteht zum Glück ja kein Anlass 😉

Heute entscheidet ihr, ob ich auf die Shortlist des Virenschleuderpreises komme!

Ich hatte hier darüber berichtet, dass ich zu meiner großen Freude für den Virenschleuderpreis (#vsp15) in der Kategorie „Idee“ nominiert bin. Die zehn Nominierungen einer jeden Kategorie mit dem meisten Likes kommen auf die „Shortlist“, aus der die Jury dann die Gewinner bestimmt.

Lange sah es gut für mich aus, aber in denn letzten Tagen sind starke Bewerbungen eingegangen und nun wird es doch ganz schön knapp und was sich wie ein billiger Mobilisierungstrick anhört, ist der aktuelle Stand der Dinge: Wenige Stimmen werden entscheiden!

Abgestimmt wird ausschließlich über Facebook und das könnt ihr nur noch heute (05.10.2015)  hier tun!

Ein großer Dank an alle, die das bereits getan haben oder so wunderbare Werbung für mich gemacht haben, wie z. B. Carmen oder Christiane. Alle anderen bitte ich um weitersagen, teilen und retweeten! Ich würde mich sehr freuen, wenn ich auf dieser Liste landen würde 😉

Christoph? Katharina? Ein neuer Text von Sabine Breitbach

Ich freue mich sehr, dass es neben weiteren aktuellen Hinweisen auf den verschwundenen Christoph (hier ein sehr schöner von Sylvia Meywerk) auch Neuigkeiten von Katharina gibt! Sabine Breitbach hatte Christoph zunächst in einer Backstube aufgespürt (hier), die er dann aber offenbar doch verlassen hat … Wer einen Eindruck von den Texten gewinnen möchte, die Sabine Breitbach schreibt, wenn sie weder mit Christoph noch mit Katharina beschäftigt ist, dem sei der schöne Text „Blau und braun“ sehr empfohlen, der im März 2015 „Text des Monats“ im Literaturhaus Zürich war.

„Eine Zeitlang schrieb er noch Postkarten, bunte Ansichtskarten, als sei er nur ein paar Wochen auf Urlaub. Sie bekam die Karten ins Lehrlingswohnheim. Viel stand nicht darauf, in seiner krakeligen kleinen Handschrift, wie lose ausgelegte Fliegenbeine, war da nur ein kurzes: Mir geht’s gut, oder: Wohin der Wind mich eben weht, oder: Die Alpen schaffe ich auch noch! zu lesen. Die Fotos auf der Bildseite zeigten den Kölner Dom, das Heidelberger Schloss oder die Münchner Frauenkirche, und immer war der Himmel darauf ganz unverschämt himmelblau und es schien so, als würde Christoph sich ganz allmählich immer weiter nach Süden bewegen, immer weiter weg.

Süden, das schien auch Katarina im norddeutsch verregneten November die richtige Richtung. Ohne Christoph war alles noch trister als es sowieso schon war. Hätte er sie doch nur mitgenommen. Aber er war einfach eines Tages losgefahren und nicht mehr wiedergekommen. Einfach so. Noch nicht einmal ihr hatte er etwas gesagt. Auch diese Karten erklärten ihr nichts. Und einen Absender, an den sie hätte schreiben können, stand auch nicht drauf. Nur: Tschüss Trine, der Christoph, stand jedes mal drunter. Und sie musste jetzt mit seinen Eltern klarkommen, ganz alleine.

In der ersten Nacht schickte sein Vater Katharina hinauf in die Wohnung über der Bäckerei: Hol die Schlafmütze mal aus dem Bett! Sie war hochgegangen und hatte an seine Tür geklopft, aber reingehen wollte sie lieber nicht. Sie war nur ein einziges mal drin gewesen, da hatte ihr Christoph seine alten Lehrbücher gegeben. Sie hatte dann auf seinem Handy angerufen und es hatte hinter der Tür gedudelt, Backe backe Kuchen, diese alberne Melodie, die Christoph als Klingelton eingerichtet hatte. Als sie dann doch die Tür öffnete, weil sich dahinter immer noch nichts bewegte, lag das Handy auf der Fensterbank und dudelte immer weiter, aber das Zimmer wirkte sonderbar unbewohnt und roch schon da nur noch ganz wenig nach Christoph, nur ganz leicht, wie eine schwache Erinnerung.

Christoph ist nicht da, sagte sie, als sie wieder in der Backstube stand. Da tobte seinVater und schepperte ganz unnötig laut mit einem Stapel Blechen und dann sagte er: Na gut! in so einem bedrohlichen Ton, dass Katharina den Kopf noch tiefer als sonst zwischen die Schultern zog. Gut, dann musst du eben schneller machen. Wie sollte das gehen ohne Christoph, der ihr immer mal geholfen hatte, wenn sie wieder zu langsam war? Es wurde ein wirklich blöder Tag, ohne Christoph. Und es wurden wirklich blöde Wochen. Ohne Christoph, der nicht wiederkam. Ein paar Tage tobte der Chef noch, dann wurde er still und sagte nur noch das allernötigste. Das war dann auch nicht besser. Die Mutter lief immer wieder aus dem Verkaufsraum und heulte heimlich auf dem Klo. Den Kunden erzählten sie, Christoph sei verreist, später behaupteten sie, er mache ein Auslandspraktikum. Und noch später fragte niemand mehr nach Christoph. Obwohl er immer dabei war, wie ein christoph-förmiger Hohlraum, über den niemand sprach. Sie glaubte nicht, dass seine Eltern Karten oder Briefe von ihm bekämen, seine Mutter hätte ihr doch sicherlich davon erzählt, in den Minuten, die sich Katharina mitunter zu ihr flüchtete, weil der Chef gerade ganz besonders ungeniessbar war.

Nur ihr schrieb er. Da war sie sich sicher, wenn sie nach Wochen mal wieder so eine bunte Karte aus ihrem Postfach fischte, das bisher immer leer geblieben war. Nur ihr schrieb er und sie erzählte niemandem davon. Noch nicht einmal den Leuten im Wohnheim. So hatten sie ein kleines Geheimnis miteinander, hinter dem Rücken der anderen, so wie Christoph hinter dem Rücken seines Vaters mit Quarkbällchen jongliert hatte, wenn der Katharina wieder mal alles noch einmal erklärte und dabei so genervt seufzte. Später hatten sie die Quarkbälle dann zusammen gegessen, verkaufen konnte man die ja doch nicht mehr.

Am schlimmsten wurde es zu Silvester. Tja, sagte da der Chef. Jetzt musst du wohl mal zeigen, was du bei mir gelernt hast. Mach voran. Die Kunden warten nicht. Und sie stand stundenlang alleine an der Fettpfanne und buk Berliner aus und dann stand sie stundenlang alleine und füllte sie mit Marmelade und wälzte sie in Zucker und dachte an Christoph und die fliegenden Quarkbällchen und dass er ihr letztes Jahr den Dreh gezeigt hatte, wie man die Teigbälle mit einem Ruck alle auf einmal im Zucker wendet. Zum Schluss musste sie auch noch alleine die Backstube wischen, denn der Chef machte sich fertig für den Silvesterball der Bäckerinnung. Er hoffte, dort einen neuen Gesellen zu finden. Der alte war ihm ja davongelaufen. Fahnenflüchtig nannte er das.

Die letzten Wochen saß sie über den Büchern, Christophs Büchern. In jedem war sein Name in den Buchdeckel geschrieben, mit seiner Schrift, so krakelig wie Fliegenbeine. Keine Sorge, hatte er gesagt als er ihr die Bücher gegeben hatte. Das schaffst du, Trine! Und niemand sonst durfte sie so nennen. Ich kann dir ja auch helfen. Das hatte er gesagt. Helfen! dachte sie, als sie mal wieder das Fachmathe-Buch am liebsten an die Wand geworfen hätte. Von wegen helfen, weg bist du! Weg! Sie kritzelte solange mit dem Kugelschreiber über die Fliegenbeine, bis sein Name in keinem der Bücher mehr zu lesen war. Nur noch ihrer, den sie damals dicht darunter geschrieben hatte. Die Prüfungen bestand sie mit Ach und Krach, ganz ohne seine Hilfe.

Bei seinen Eltern wollte Katharina dann nicht mehr länger arbeiten und als sie die Stellenangebote las, ignorierte sie die Bäckereien in Köln und in Heidelberg und in München. Schleswig wäre vielleicht schön, oder Norden. Schliesslich wurde es Kiel.

Als die Karte aus Rom kam, mit dem Bild vom Kolosseum darauf, war Katharina schon fort. Sie hatte ihr Zimmer geräumt und übergeben und war mit ihren paar Sachen auf dem Rad und im Rucksack auf dem Weg zum Bahnhof. Die Bücher hatte sie auf dem Tisch liegen lassen, vielleicht konnte die ja noch jemand brauchen. Ihr Name stand noch darin, in voller Länge, gleich neben dem kugelschreiber-blauen Balken, unter dem seiner verschwunden war. Von niemandem würde sie sich je wieder Trine nennen lassen.“

Als Geschichten-Anstifterin bin ich für den Virenschleuder-Preis 2015 nominiert …

… und das ist (man muss es ja der einen oder dem anderen bei diesem etwas ungewöhnlichen Namen dazusagen) eine wirkliche gute Nachricht, über die ich mich sehr freue!

Der Virenschleuder-Preis wird in unterschiedlichen Kategorien für „ansteckendes Marketing in der Medien- und Kreativwirtschaft“ verliehen – und ich bin nun nominiert in der Kategorie „Idee“. Das verdanke ich dem schönen Satz „Christoph ist verschwunden“, das verdanke ich Annette Rieger, die mich vorgeschlagen hat – und vor allem aber natürlich allen, die sich an der Suche nach Christoph, nach einer neuen Christoph-Geschichte beteiligt haben und wunderbarerweise weiter beteiligen – gerade eben habe ich eine großartige, neue Version auf dem Blog von Sylvia Meywerk entdeckt. Ich freue mich über all das wirklich sehr und habe auf dieser Seite die Geschichte rund um den Satz „Christoph ist verschwunden“ zusammengefasst.

Selbstverständlich freue ich mich über weitere Christoph-Geschichten und selbstverständlich freue ich mich auch, wenn ihr für mich votet, denn auch dieser Preis hat eine „Shortlist“ und auf die kommt, wer genug Facebook-likes vorweisen kann (was nur möglich ist, wenn man einen Account bei Facebook hat – aber wer hat den nicht, außer mir 😉

Hier könnt ihr also für Christoph, für mich, für uns abstimmen: http://virenschleuderpreis.de/2015/09/10/jutta-reichelt-geschichten-anstiftung/. Ach ja: Weitersagen, teilen, retweeten wäre auch eine ziemlich gute Idee!

„Christoph ist verschwunden“ – die wechselvolle Geschichte eines Satzes

„Zunächst war es die Geschichte eines Verlustes. “Christoph ist verschwunden” war jahrelange der erste Satz des Manuskriptes aus dem der Roman “Wiederholte Verdächtigungen” (Klopfer & Meyer 2015) entstand. Alles mögliche hatte ich verändert (Perspektive, Tempus, Szenen und Figuren), nur dieser Satz blieb und hielt nach meinem eigenen Gefühl “alles zusammen”. Schließlich musste ich auch ihn streichen. Obwohl ich an ihm hing, obwohl es ein richtig guter erster Satz war. “”Kill your Darlings” nennen das manche und ich habe hier auf dem Blog unter dem Titel “Vom Text zum Buch: Der erste Satz” davon berichtet. So fing die Geschichte dieses Satzes an …“

Hier könnt ihr lesen, wie es weiterging, denn ich habe diese Geschichte, die noch nicht beendet ist und mir und vielen anderen so viel Freude bereitet hat, auf einer neuen Seite dieses Blogs endlich zusammengetragen.

Ich verabschiede mich damit in die Sommerpause (das Meer!) und würde mich sehr freuen, wenn ich nach meiner Rückkehr  neue Spekulationen, Notizen oder Links hier vorfände …

Euch allen eine Zeit – so gut als möglich!

„Der Mensch ist einer, der etwas stattdessen tut“

… zu diesem Motto von Odo Marquardt hat das Literaturhaus Zürich nun im ersten Quartal des Jahres 2015  Texte für den hauseigenen Wettbewerb „Text des Monats“ gesucht. Die Preisträgertexte werden wie immer online veröffentlicht und ich möchte gerne besonders auf den „März“-Text von Sabine Breitbach hinweisen (die den sehr aufmerksamen Leser:innen dieses Blogs bereits durch einen schönen „Christoph ist verschwunden“-Beitrag aufgefallen sein könnte …).

Und so beginnt der aktuelle Text:

„Blau und Braun

An diesem Freitag machte er früher als gewöhnlich Feierabend und ging ins Museum. In der Kunsthalle wurden impressionistische Landschaften gezeigt. Die Bilder zeigten immer wieder den gleichen Berg, aus unterschiedlichen Perspektiven, zu verschiedenen Tages-und Jahreszeiten, in wechselnden Lichtstimmungen. Er tauchte ein in diese ihm fremde Landschaft mit ihren kleinen Dörfern und Wäldchen, den immer gleichen Berg meist im Hintergrund oder auch als einzelnes Motiv unter einem großen, mal bewegten, mal klarblauen Himmel. …“

Und hier gibt es die vollständige Version.

Und das Thema für das zweite Quartal? Lautet: „Glotz(t) nicht so romantisch“ (B. Brecht). Weitere Informationen zu den Wettbewerbsbedingungen finden sich hier.

Christoph ist verschwunden – und was ist mit Katharina?!

„Christoph ist verschwunden“, war lange Zeit der erste Satz meines Roman-Manuskriptes „Wiederholte Verdächtigungen“ (hier gehts zur Leseprobe). Wegen eines Perspektivenwechsels musste ich ihn ersetzen und um den Trennungsschmerz ein wenig zu mildern, hatte ich mich entschlossen, ihn „frei zu geben“ und dazu aufgefordert, Hinweise zum verschwundenen Christoph zu schicken. Niemals hätte ich für möglich gehalten, was für wunderbare Hinweise hier auf dem Blog eingehen würden. Texte, Bilder, Töne – an den unterschiedlichsten Orten war Christoph entdeckt, vermisst oder vertrieben worden.

Und was ist mit Katharina, fragte ich mich. Katharina, die diesen Satz sagte oder dachte und die ganze Sucherei damit erst auslöste. Und ja aber auch eine ganz eigene Person ist. Und weil hier und da die Frage bereits angeklungen war, und ich mir eingebildet hatte, darin Vorfreude zu hören (was ja nun so wahnsinnig gut zu diesen Tage passt), starte ich also einen zweiten Aufruf:

„Christoph ist verschwunden – und was macht Katharina? Sucht sie ihn? Hat sie eine Vermutung, wo er stecken könnte? Ist sie vielleicht froh, dass er nun fort ist (das klang ja hier und dort bereits an) oder wenn sie ihn doch vermisst – was macht sie, um sich abzulenken? Und was macht sie, wenn sie gerade nicht über Christoph und seine Aufenthalte nachdenkt – hat sie möglicherweise ein (zweites?) Leben, ganz unabhängig von Christoph?“

Ich freue mich über Zuschriften (juttareichelt@aol.com), aber natürlich vor allem, wenn ich die Katharina auf dem ein oder anderen Blog wiederfände …

Schöne Feiertage!

Christoph? Christoph!

Wahrscheinlich gäbe es elegantere Möglichkeiten, aber ich habe jetzt erstmal eine Kategorie „Christoph ist verschwunden“ eingeführt, die es hoffentlich erleichtert, den Überblick über die diversen Christophs – und ihre Aktivitäten zu behalten. Und natürlich zieht die Suche nach Christoph nicht nur in der virtuellen, sondern auch in der ganz realen „Schreibwerkstatt-Welt“ ihre Kreise – eine besonders schöne „Christoph-Version“ von Sabine Breitbach habe ich als „Nachtrag“ auf die ursprüngliche Seite gestellt und veröffentliche sie aber auch hier, weil sie mir so gut gefällt:

Frau Hansen war die erste Kundin, wie fast jeden Morgen. „Moin Christoph“, sagte sie und wollte wie immer fünf Krosse und zwei Kornknacker, ach nee doch lieber drei. „Hab garnicht mit dir gerechnet. Ich dachte, du wärst verschwunden.“

Christoph, der gerade ein Blech Brötchen in den Korb geschüttet hatte und schon wieder in die Backstube hetzte, bevor ihm die Ladung Croissants verbrennen würde, fragte nur: „Wie komm se denn da drauf?“

Zurück am Ofen dachte er dann: „Na, schön wärs. Dann müsste ich hier nicht schwitzen und mir die Finger verbrennen und Mehlsäcke schleppen.“

Der Nachbar Unger, der wie immer ein Käsebrötchen mit Käse wollte und das wie immer unerklärlicherweise komisch fand, fragte: „Was machst du denn hier? Ich dachte du wärst weg.“ Auch der Schuhmacher von gegenüber, der diesmal nur drei Flaschen Kakao nahm, wunderte sich. „Ach Christoph, doch nicht verschwunden?“

Die kannten ihn alle noch aus der Zeit, als er gerade mal so über den Tresen kucken konnte und mit dem Einmaleins mit 23 kämpfte, dem damaligen Preis für die Krossen. Viel hatte sich seitdem nicht verändert, hier gab’s immer noch reichlich Handarbeit, sein Vater wollte es so. Für die Kunden war er nur der Sohn vom Bäckermeister Tophoven. Und sie würden ihn wohl noch mit seinem Vornamen anreden, wenn er schon keine eigenen Zähne mehr hätte, mit denen er sie freundlich angrinsen konnte. Das war Order seines Vaters: ‚Und wenn se Himbeerdrops mit Senf wollen, der Kunde ist König, also immer freundlich bleiben.‘

Aber was hatten die heute bloß alle mit dem Verschwinden, als hätten sie sich abgesprochen? Immer, wenn er nur kurz durch den Laden huschte, um Brot zu bringen oder Brötchen oder die ersten Plunderteilchen, machte schon wieder jemand so eine sonderbare Bemerkung.

Die konnten sich die Bäckerei ohne ihn doch gar nicht vorstellen, aber er hatte mal ganz andere Pläne gehabt. Straßenmusik wollte er machen, Polarforscher werden, oder Postbote, oder Gärtner, irgendwas draußen, aber dann hatte er doch alles so gemacht, wie sein Vater es gewollt hatte, mit seinem Schulabschluss hatte er auch keine große Auswahl. Und jetzt drehte er Brötchen und schoss Brot in den Ofen und der Laden lief und er lief mit. Zwei seiner Kollegen in der Berufsschule hatten schon im ersten Lehrjahr einfach eine Mehlallergie bekommen, aber er hatte nicht mal den leisesten Husten.

Dann war Mittag, Feierabend, und er zog sich ein trockenes Hemd an und die Jacke und hielt sein weißes Bäckergesicht in die dünne Wintersonne. Er hatte die Wahl, endlich mal an die frische Luft zu kommen oder sich aufs Ohr zu legen. Wahrscheinlich wäre ein Nickerchen vernünftig, aber er entschied sich für eine kleine Fahrradtour, ein bisschen verschwinden dachte er und grinste grimmig.

Schon auf den ersten Metern lüftete sich das Rätsel um das ganze Gerede. Direkt vor der Ladentür, am Haltestellenhäuschen, hing ein Plakat. ‚Christoph ist verschwunden‘ stand da in riesigen Lettern, und an der nächsten Haltestelle war es das gleiche.

Christoph zählte 12 Plakate an den Haltestellenhäuschen, während er aus der Stadt fuhr und noch zwei große Plakatwände mit dem gleichen Text. Dann stieg er vom Rad und las das Kleingedruckte. Es war ein Wettbewerb, von einem dieser Privatsender. Es wurden Ideen gesucht für eine ihrer schon ewig dauernden Serien, die er nie sah. Da lag er nämlich schon längst im Bett. ‚Warum ist Christoph verschwunden? Wo ist er hin? Wird er zurückkehren?Wird er schon vermisst?‘

Christoph fuhr vorbei am botanischen Garten und am Tierheim und vorbei am Biohof Voigt und über die Bahngleise Richtung Süden und er fand sich so anwesend wie schon seit Jahren nicht mehr.

„Hallo Christoph!“, sprach er mit sich selbst. „Lange nichts von dir gehört. Wie schön, dass du wieder da bist.“ Und nach einer Pause: „Wo geht’s jetzt lang?“

„Egal“, antwortete er sich selbst, fuhr in die langgezogene Kurve gleich hinter Riede und dann mit Schwung den Hügel hinunter. „Erstmal verschwinden“ und dann kam er außer Sicht und war auch schon weg.

Christoph ist verschwunden – Geschichte eines Fahndungserfolges …

Verloren gegangen war zunächst ein Satz. Der Satz: „Christoph ist verschwunden“. Vier Jahre lang war es der erste Satz meines Romanmanuskriptes und dann musste ich ihn sehr schweren Herzens streichen – eine Änderung der Perspektive ließ ihn mir nicht mehr vollkommen stimmig erscheinen. Ich habe hier im Blog darüber berichtet und erhielt – wie zum Trost – eine kleine Christoph-Skizze von Dorothea. Das brachte mich auf die Idee, den Satz zu „retten“, indem ich einen Aufruf starte und darum bitte, diesen ersten Satz „weiterzuschreiben“. Oder Hinweise zu geben: Wo wurde Christoph gesehen? Hat er vor, wiederzukommen? Wie geht es ihm? Reden wir wirklich über denselben Christoph? (Weitere Hinweise sind jederzeit willkommen!)

Und dann geschah etwas, das mich überrascht und sehr begeistert hat – es gab unglaublich viele und wunderbar vielfältige Texte, Skizzen, Notizen und Bilder. Ganz unverhofft begegnete mir plötzlich Christoph an Orten, an denen ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte – und ich erhalte weiter Hinweise und Ankündigungen und freue mich sehr darüber! Und für diejenigen, die noch ein paar Christoph-Spekulationen vertragen können, rücke ich eine Leseprobe meiner eigenen raus …

„Wiederholte Verdächtigungen“ – erscheint am 09.02.2015 bei Klöpfer & Meyer.