28. KW: Was tut sie da? Über Schwierigkeiten des autobiographischen Schreibens

Das kann doch nicht so schwer sein, denken viele Menschen, die über sich selbst, über ihr Leben schreiben wollen: Es ist ja alles schon da! Ich muss es „nur noch“ aufschreiben … Wenn es dann doch nicht so leicht geht, weder auf Anhieb noch nach längerem Nachdenken und Rumprobieren, dann scheint es für viele nur eine mögliche Erklärung zu geben: Sie können nicht schreiben!

Deswegen habe ich mich gefreut, als ich kürzlich auf das folgende Zitat stieß (und habe es zur Steigerung der Nachsicht schon mehrfach vorgelesen): „Die Aufgabe privateste Erlebnisse zu beschreiben, kann man damit vergleichen, dass man tief in einen Brunnen greift, um mit dicken Lederfäustlingen winzige und zerbrechliche Kristallfiguren daraus hervorzuholen“ (Jerome Kagan). Über sich selbst zu schreiben ist voraussetzungsvoll und es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass man dabei in Schwierigkeiten gerät – wenn man überhaupt so weit kommt …

Ich glaube, eine der Schwierigkeiten liegt darin, dass es uns schwer fällt, auf uns selbst wie auf eine Figur zu blicken – aus einer gewissen Distanz. Wenn wir eine Geschichte, vielleicht einen Roman erfinden, beschäftigen wir uns selbstverständlich mit Fragen wie: was will die Figur, was ist ihr wirklich wichtig, in welche Schwierigkeiten oder Konflikte gerät sie? Was macht sie, um ihr Ziel zu erreichen? Wir setzen Wendepunkte und bestimmen Schlüsselszenen. Aber wer schaut so auf sein eigenes Leben?

Um diesen anderen Blick aufs eigene Leben zu erleichtern, habe ich daher zuletzt Teilnehmer,innen meiner Workshops aufgefordert, einmal aus einer solch großen Distanz auf sich zu schauen und zu fragen: Was tut sie (er) da? Mit einem staunenden Blick eine Episode, eine Begebenheit des eigenen Lebens herauszugreifen und zu schildern, als handele es sich um eine ganz fremde Person, (also auch in der 3. Person zu schreiben). Ich war selbst überrascht, wie gut das geklappt hat, wie sehr diejenigen, die es ausprobiert haben, belohnt wurden.

„Was tut sie da?“ ist ein zudem ein schönes Beispiel dafür, dass ich viele meiner Schreibanregungen aus der eigenen Schreibpraxis gewinne: „Was tut sie da?“ ist zugleich die Überschrift eines Kapitels des Textes, an dem ich gerade arbeite. Es ist ein Text, der (auch) von den diversen Schwierigkeiten autobiographischen Erzählens handelt. Eine liegt drin, nicht die Frage beantworten zu können, warum man getan hat, was man getan hat, oder sich eben zu fragen: Was tut sie da?

Einen Roman in 60 Minuten erfinden – gemeinsam!

17498816_1241323489256434_5405932536679598207_nEs war ein Experiment. Natürlich. Aber in anderer Weise, als die meisten vermuten würden. Ich wusste, dass es möglich ist, mit einer Gruppe von Menschen innerhalb kurzer Zeit die Handlung für einen Roman zu entwickeln – ich mache das oft in meinen Workshops, in ganz unterschiedlichen Varianten und ich bin selbst immer wieder überrascht, wie viel Spaß es macht und wie gut es funktioniert.
Manchmal ist es der erste Schritt und im Anschluss werden die gerade erfundenen Szenen verteilt, von einzelnen Teilnehmer.innen oder Gruppen aufgeschrieben und schließlich  vorgetragen.

Dieses Vorgehen hält für die Teilnehmer.innen oft eine Reihe von Überraschungen bereit:
1. Eine Geschichte zu erfinden ist weder trocken noch kompliziert – es kann ein großer Spaß sein (Bringe deine Figur in Schwierigkeiten!)
2. Ich muss als Autorin nicht alles erzählen, was ich weiß – ich sollte es auch nicht. (Wie kann ich so erzählen, dass Spannung entsteht?)
3. Schreiben kann leicht und vergnüglich sein (insbesondere für Menschen ohne oder mit wenig Schreiberfahrung erleichtert es das Schreiben, wenn sie relativ genau wissen, was in „ihrer“ Szene geschehen soll).
4. Ich bin ja gar nicht so „unkreativ“ wie ich immer dachte! (Sowohl das gemeinschaftliche, wie auch das jeweilige „Einzel“-Ergebnis ist in aller Regel viel „besser“ als die Teilnehmer.innen vorher für möglich gehalten haben.)

Während es manchmal der Schwerpunkt eines Workshops ist, setze ich das gemeinsame Erfinden auch gelegentlich  spontan ein, wenn nach der Mittagspause alle müde sind oder am Ende des Tages, wenn die kreativen Ressourcen verbraucht scheinen. Bei den Teilnehmer.innen erfreut es sich großer Beliebtheit und für manche ist sogar ein  echtes „Aha-Erlebnis“.
Meistens nutze ich den Geschichten-Generator, aber manchmal frage ich auch, ob jemand eine Idee hat – für eine Figur, für einen Anfang, für irgendetwas, aus dem eventuell eine Geschichte werden könnte oder ich frage nach einem festgefahrenen Romanprojekt. .

Weil dieses gemeinsame Geschichtenerfinden so gut ankommt und weil ich bereits seit längerem mit Formaten experimentiere, die „irgendwas mit Literatur zu tun haben, aber keine Lesungen sind“ und weil ich das Erwachsenwerden des Geschichten-Generators (jetzt kann man ihn kaufen ;)) gebührend feiern wollte, hatte ich die Idee zu der Veranstaltung „Einen Roman in 60 Minuten erfinden“.

Sabine und Axel Stiehler vom Logbuchladen brauchte ich nicht lange zu überreden, wir haben bereits eine Reihe schöner, gemeinsamer Veranstaltungen und Projekte auf und über die Bühne gebracht und so vertrauten sie meiner Zuversicht, dass das „ein großer Spaß“ werden würde, aber wirklich klar war ihnen nicht, was ich vorhatte. Sie befanden sich damit in guter Gemeinschaft, denn so sehr ich mich auch mühte, mir fiel keine gute, knappe Beschreibung ein und selbst, wenn ich erzählte, was ich hier nun auch erklärend zusammengefasst habe, sah ich in eher ratlose Gesichter: Also ist das auch ein Workshop? NEIN! Wird da geschrieben? NEIN! Wenn ich sagte, dass man es vielleicht am ehesten mit Impro-Theater vergleichen könne, musste ich sofort hinzufügen: Aber ihr müsst nichts machen!

Und dann war es soweit. Das Lox war voll. Ausverkauft. Ich habe eine (sehr kurze!) Geschichte zur Einstimmung erzählt und dann haben wir schon angefangen und den klassischen Generator-Start gewählt: Drei zufällig gezogene Karten (eine Figur, ein Ort, ein Satz):

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Lotte (schwer bepackt), Schulhof, Natürlich kann ich das 

Eins wollte ich unbedingt vermeiden: Eine unangenehm krampfige oder angespannte Atmosphäre, in der niemand etwas sagen mag, aber alle sich dazu genötigt fühlen. Die Lösung: erstmal 10 Worte, die mit „L“ anfangen, dann auch noch zehn Verben mit „L“ (L wegen Lotte). Alles wurde von mir vorne auf meinen Lieblingsfolien, die man überall selbsthaftend anbringen kann, notiert. Aber es wäre vielleicht auch gar nicht nötig gewesen, denn es gab sofort zahlreiche Ideen zu den Anfangsfragen:

Was könnte das los sein? Wer ist Lotte? Womit ist sie bepackt?

Ist Lotte eine Schülerin? Mehr Kopfschütteln als Nicken. Aber auch keine Lehrerin, oder? Erneut Kopfschütteln, dann von rechts: „Vielleicht ist Lotte ein Pferd!“ Das war ein wunderbares Signal, denn nun ging es los. Lotte könnte Hausmeisterin sein. Vorschläge, Heiterkeit von allen Seiten, die ich mich nicht scheute zu unterbrechen für den Hinweis: Wir benötigen Schwierigkeiten. Ergiebige Schwierigkeiten!

Sofort kamen wunderbare Schwierigkeiten von allen Seiten geflogen: Lotte könnte verliebt sein – in die Schulleiterin? Und war vielleicht einmal ein Mann? Kennen sie sich von früher? War Lotte der Lehrer von Birgit, der Schulleiterin? Viele weitere Vorschläge, viel Gelächter und damit waren erste, wichtige Etappenziele erreicht: eine lockere Atmosphäre war etabliert, sowie eine Vorstellung von den beiden wichtigsten Bestandteilen, die wir benötigen, wenn wir eine Geschichte erzählen wollen, die vielleicht sogar Romanformat hat: Figuren und Schwierigkeiten, „in denen es um etwas geht“ und die zusätzlich die Handlung nach vorne treiben.

Auch bei Workshops hat es sich manches Mal bewährt, die erste Runde zum Aufwärmen zu verwenden und in einer zweiten auf das große Ganze zu zielen. Dafür hatte ich mir am Tag zuvor zwei Karten und den Anfang einer Geschichte ausgedacht

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Luise (ältere Dame mit Hut), Schiffsdeck

Mein Vorschlag für einen Ausgangspunkt: das Schiffsdeck befindet sich auf ein em Kreuzfahrtschiff und Luise ist dort mit ihrem Mann, einem gerade pensionierten Kriminalbeamten, der sich diese Reise gewünscht hat, Luise wäre lieber zu Hause geblieben, um einem ihrer feinsinnigen Hobbys nachzugehen. Als Luise ihrem Mann von einer seltsamen Beobachtung erzählt, glaubt der ihr kein Wort. Luise will nur ihre Ruhe haben, denkt er … Und erneut kamen sofort und mühelos Vorschläge aus dem Publikum: Was könnte Luise gesehen haben? Wer gerät in Gefahr und wie könnte man die üblichen Erwartungen unterlaufen? Was könnte eine erste Szene sein und würden die Leser.innen mehr oder weniger wissen als die Figuren?

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Entscheidend: Plan entgleist, Casino, Gefahr

An diesem Zeitpunkt ist ein Zeitstrahl hilfreich und auch der passte noch auf die Folie. Am Ende hatten wir tatsächlich einen groben Plot und ein wunderbar begeistertes Publikum (darunter einen tollen Überraschungsgast aus Hamburg!) – nur einen wirklich überzeugenden Namen habe ich noch immer nicht für das, was da passiert ist.

Es ist keine Lesung, kein Vortrag, kein Workshop, es ist auch kein Impro-Theater …

Vielleicht fällt euch etwas ein? Es wäre toll, denn ich würde dieses Angebot gerne ausbauen. Es ist ein schöne Alternative zur üblichen Lesung für Buchläden und Bibliotheken, auf Festivals und in Kneipen. Es eignet sich als Einführung ins Storytelling und als Ermutigung für alle, die auf (gemeinsame) Kreativität angewiesen sind – und wer ist das heutzutage nicht?

Zum Schluss habe ich den Beitrag „Geständnisse aus der Schreibwerkstatt“ vorgelesen. Und weil ich vergessen habe, das schöne Zitat aus Felix Scheinbergers „Mut zum Skizzenbuch“ zu verwenden, notiere ich es hier: „Wenn wir es gerne machen, werden wir es oft machen. Und wenn wir es oft machen, werden wir es gut machen“.

„Ich kämpfe mit der Tastatur“

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen, die an einer meiner Schreibwerkstätten teilnehmen, erstaunt sind  – dass dort geschrieben wird. Das ist nicht ganz so absurd, wie es sich im ersten Moment anhört, denn tatsächlich wird in anderen meiner Workshops überhaupt nicht geschrieben, sondern ausschließlich über bereits Geschriebenes geredet.

Die Teilnehmer.innen, die sich am vergangenen Wochenende für einen Tageskurs angemeldet hatten, wussten, was auf sie zukam: Auf eine längere, etwa zweistündige Schreibphase sollte ein Austausch über Texte folgen. Es ist mir wichtig, den Teilnehmer.innen einen möglichst offenen Raum zu bieten, so dass sie ihren unterschiedlichen Schreibfragen oder – wünschen nachgehen können. Deswegen weiß ich selbst nie genau, was wann passiert oder wie lange dauert. Die wichtigsten Fragen zu Beginn sind: Wer wünscht sich neue Anregungen? Wer möchte so schnell wie möglich loslegen und die Schreibzeit für einen bereits begonnenen Text nutzen? Wer steckt irgendwo fest?

Ich mag es sehr, wenn dann alle irgendwann einen Platz gefunden haben – und schreiben. Und verblüffenderweise ist es immer irgendwann so. Und weiterschreiben, auch wenn die Schreibzeit eigentlich vorbei ist, wenn es einen kleinen Mittagssnack gibt oder alle wieder zusammen kommen, um sich auszutauschen.

Gerade weil ich mir wünsche, dass jede und jeder möglichst seinen eigenen Anliegen nachgehen kann, versuche ich, am Anfang oder Ende eine kurze Phase gemeinsamen Schreibens einzubauen. Diesmal hatten alle zum Aufwärmen und Lockerwerden sieben Minuten „automatisch“ geschrieben und im Anschluss je einen Satz ausgewählt, den sie den anderen als Schreibanregung zu Verfügung zu stellen bereit waren. Wir hatten die Sätze nicht benötigt, weil alle an vorhandenen Texte weiterschreiben wollten, was eher selten vorkommt.

Diese einzelnen Sätze lagen noch immer auf dem Tisch, als sich nachmittags eine Stimung erschöpfter Zufriedenheit ausbreitete: Alle hatten nicht nur konzentriert geschrieben, sondern mittlerweile auch ihre Texte vorgelesen. Wir hatten Freude daran und dem Austausch darüber gehabt und waren einer Reihe von Möglichkeiten und Fragen, die die Texte aufwarfen, nachgegangen. Es war noch eine halbe Stunde Zeit bis zum vereinbarten Ende. Manchmal lese ich dann noch einen kurzen Text vor oder biete an, allgemeinere Fragen zum Schreiben, zum Schreibprozess miteinander zu besprechen. Die Zeit ist zu kurz, die Teilnemer.innen zu müde, um jetzt noch etwas zu schreiben, dachte ich – und sah die Sätze auf dem Tisch. Einer sprach mich besonders an: „Ich kämpfe mit der Tastatur“.

Also: Gegen die Skepsis in den Augen der Teilnehmer.innen, gegen ihre Müdigkeit nach einem Tag voller Konzentration: Sieben Minuten drauflos schreiben! Alle machten mit. Und lasen der Reihe nach vor.

Wir hatten so viel Freude an den Texten und weil sie mir etwas von der Lockerheit zu verraten scheinen, in die wir schreibend oft nur gelangen, wenn es keine Rolle mehr spielt, wie andere lesen, was wir schreiben – weil wir müde sind oder weil wir die Stimme des „inneren Kritikers“ vielleicht auch einfach leid sind, deswegen freue ich mich, dass einige Teilnehmer.innen bereit waren, ihre so schnell entstandenen Texte hier für den Blog zu Verfügung zu stellen (vielen dank dafür!). Und vielleicht hat jemand Lust, sich anzuschließen und auch einen kurzen oder längeren Text zu schreiben – zum Kampf mit der Tastatur? Ich würde mich freuen!

Und hier sind sie:

„Wie verhext. Und mit Alkohol geht’s noch schlechter. Fehler, wieder zurück, nochmal schreiben. Ungeduld. Schnell dem Gedanken hinterherhetzen. Sehnsucht nach einem Stift, weißem Papier. Spüren wie die Gedanken über die Nervenbahnen in den Arm, direkt in die Finger, in den Stift und über die Tinte aufs Blatt fließen. Keine Schranke mehr zwischen mir und der Außenwelt. Scheinbar harmlos schmiegen sich die Tasten an meine Fingerspitzen, clac, clac, clac … es läuft, denke ich im Subtext und freue mich, nur um später festzustellen, dass meine Worte mal wieder aufs Bösartigste entstellt sind.“ (marte rapp)

„Ich kämpfe mit der Touchpad-Tastatur. Wer wird sieben – siegen – ? Beharrlich drängt sie mir ihre Vorder Beläge – Nein! Vorschläge! – auf. Nein, keine Vorschläge. Eher in herrisch EM Ton erteilte Befehle. Gegenwehr zwecklos. Sie schreibt – nicht ich. Ich bin nur der Anlass, die Kreativität ihrer Vorschläge zu Geltung zu bringen. Ich könnte sie abschalten. Aber sie sind so praktisch. Machen es schnell er. Jedenfalls bin ich bereit das zu glauben. Was wäre ich ohne sie, deren Geschichte sie schreibt.“ (Jochen G.)

„Ich kämpfe mit der Tastatur. Meine Finger sind heute nicht so wie sie sein sollten. Zu dick vielleicht. Ich erwische immer gleich zwei oder drei Tasten und der Computer entscheidet scheinbar selbstständig, was er aus meinem Befehl macht, s oder w , o oder i , ich habe es nicht in der Hand. Ich ziehe die Hände zurück, lege sie auf die Knie, balle und löse meine Fäuste, schlackere mit den Handgelenken und betrachte mißtrauisch meine Fingerspitzen, die aber aussehen wie immer. Ich nehme meine Brille ab und reibe mir die Augen, lege meine Finger vorsichtig wieder auf die Tastatur, die Zeigefinger auf F und J. Ich kann die kleinen Markierungen auf den Tasten spüren. Ich versuche meine Gedanken zu sammeln, da sehe ich den Curser zügig Zeile für Zeile von links nach rechts rutschen, im Schlepp eine Kette von Buchstaben und Satzzeichen, die ich ganz sicher nicht geschrieben habe, ich setzte die Brille wieder auf, der Rechner schreibt, schreibt ganz von alleine, schreibt mir einen Brief…“ (Sa)

„Ich kämpfe mit der Tastatur. Wie Schluchten tun sich die Abstände zwischen den einzelnen Tasten vor mir auf. Unüberwindlich oder höchstens unter Einsatz meines Lebens zu bewältigen.
Wie bin ich hierher gelangt? Keine Worte in meinem Kopf, die ich mit Hilfe der Tastatur zur verbindenden Brücken ausformen könnte, geschweige denn ganze Sätze.
Versuchsweise springe ich zum nächsten Buchstaben, an Großschreibung ist nicht zu denken, müsste ich dazu doch auch noch die Shift-Taste bewegen. Verzweiflung überwältigt mich, ich habe Sorge zwischen die Tasten hindurch auf den dunklen mit undefinierbaren Krümeln gefüllten Grund der Tastatur zu fallen. Diesen Raum könnte ich ohne Hilfe nie mehr verlassen. Ich wäre verloren in der unerforschten Tiefsee der Buchstaben. Verängstigt bleibe ich auf dem „h“ liegen.“ (Maike Wachendorf)

„Ich kämpfe mit der Tastatur…
Da ist der Buchstabe „F“…
Der Buchstabe „F“ erscheint dann, wenn ich einen Punkt setzte. Das klingt dann so:
„Liebe Grüße. F“
„Bis nachher. F“
Als ob ich nach jedem Satz fluchen würde …“ (Natalia Ivenitskaia)

„Ich bin die Einzige in meinem Jahrgang“

Wieviel einfacher, wieviel leichter wäre ihre Situation, wenn Maike nicht schreiben, sondern singen würde. Oder tanzen. Wenn sie turnen würde oder Klavier spielen. Wenn sie Fotos bearbeiten wollte oder Theater spielen. In all diesen Fällen wäre es für Maike relativ einfach möglich, Kurse und Unterstützung zu finden, jedenfalls in einer Stadt von der Größe Bremens.

Maike möchte sich austauschen über das, was sie am liebsten macht, sie möchte besser werden und wünscht sich vor allem Feedback. Konkrete Vorschläge, was sie anders machen kann. Sie hat eine Geschichte geschrieben, aber das Ende gefällt ihr nicht. Auch Kevin schreibt mit großer Begeisterung, aber immer wieder kommt er an einen Punkt, an dem er nicht weiter weiß. Er hat einen ganzen Stapel angefangener Geschichten mitgebracht. Geschichten voller Ideenreichtum und sprachlicher Gestaltungsfreude. Kevin und Maike heißen anders, aber ich bin ihnen gestern begegnet bei einem Workshop zum Thema „Fanfiction“, den die Stadtbibliothek Bremen/Vegesack angeboten hatte. Die Frage, ob sie sich mit anderen austauschen können, verneinen die meisten. „Ich bin die einzige in meinem Jahrgang“, sagt ein Mädchen. Vielleicht irrt sie sich, denn nach meiner Erfahrung gibt es in den meisten Klassen zwei, drei Schülerinnen oder (für viele erstaunlich) auch Schüler, die sehr viel Zeit mit dem Erfinden und Schreiben von Geschichten verbringen – aber oft noch nicht einmal voneinander wissen.

Alle lachen einträchtig, als einer erzählt, dass die Eltern immer alles gut fänden. Oder seine Frage, was er denn anders machen könne, mit dem Hinweis beantworten, er sei doch viel besser im Schreiben als sie, er würde das schon richtig machen. Alle sagen bei der abschließenden Feedback-Runde, wie gut sie die konkreten Rückmeldungen, vor allem die kritischen gefunden hätten und wie gerne sie noch intensiver an den Texten arbeiten würden.

Immer wieder begegne ich Jugendlichen, die begeistert schreiben und sich Unterstützung und Rat wünschen. Kontinuierliches Arbeiten. Und denen ich nicht eine Anlaufstelle, einen Ort nennen kann, an denen genau das stattfindet. An dieser Stelle klafft eine mir unerklärliche Lücke in den Angeboten für Kinder und Jugendliche – vermutlich nicht nur in Bremen. Das ist auch deswegen ärgerlich, weil diese Kinder und Jugendlichen (dass erstaunt mich selbst immer wieder) eben nicht nur aus den typisch verdächtigen, bildungsnahen Milieus kommen. Wieviele kluge Menschen zerbrechen sich das Hirn, wie zumindest Lesefreude bei genau „solchen“ Kindern und Jugendlichen geweckt werden kann und hier sind sie – und werden in aller Regel nicht wahrgenommen. Erstaunlich oft wissen auch LehrerInnen wenig von der heimlichen Leidenschaft fürs Schreiben. (Gerade habe ich in der ZEIT den tollen Beitrag von Mirijam Günter „Und ich sehe ihre Wut“ gelesen, in dem es um den so schwierigen sozialen Aufstieg in Deutschland geht, und um die zahlreichen Codes und Rituale, die „denen von unten“ Gefühle von Fremdheit und Abwertung vermitteln.)

Wie glücklich wäre ich, wären vor allem die TeilnehmerInnen des gestrigen Workshops gewesen, wenn wir uns nach Zürich hätten beamen können, wo es seit 2015 das jull gibt, das „Junge Literaturlabor“. Dort gibt es ein phantastisch phantasievolles Programm für Schulklassen, aber eben auch für schreibbegeisterte Einzelne. Offene Gruppen, Workshops und ein „Mini-Stipendium“, bei dem Jugendliche für einen längeren Zeitraum von einer SchriftstellerIn betreut wird.

Gerade habe ich  noch ein paar andere Dinge zu erledigen, aber ich denke, ich sollte mich demnächst mal auf die Suche nach ein paar Mitstreitern machen, damit es auch in Bremen wenigstens EIN wirklich gutes, regelmäßiges Angebot gibt, das schreibbegeisterte Kinder und Jugendliche unterstützt – gerade wenn sie aus Familien kommen, in denen es eher unwahrscheinlich ist, dass eine Schriftstellerin zum Bekanntenkreis der Eltern gehört …

Aufgefordert, sich vorzustellen, sprach Irmtraud Hansemann ein Gedicht

Der Grund meines Seins

Meines Sein ist ein Rätsel

Frage ich meine Mutter
warum ich bin,
erzählt sie mir Romane.
Frage ich meinen Vater,
reagiert er wortkarg.
Dann schreien sie sich an.
Vielleicht bin ich ja
das Komma zwischen
ihren hohlen Worten?

Wer kennt sich aus
in der Zeichensetzung?

In dieser Woche habe ich in der  Stadtbibliothek Vegesack im Rahmen eines internen Fortbildungsangebots für AutorInnen einen Workshop zum Thema „Autorenmarketing“ gegeben (ich werde noch darüber berichten). Ich bat die teilnehmenden AutorInnen, sich so interessant wie möglich vorzustellen. Irmtraud Hansemann gelang das ganz wunderbar – indem sie dieses Gedicht vortrug. Ich freue mich sehr über ihre Erlaubnis, es hier zu veröffentlichen. Irmtraud Hansemann liest am 23.01.2016 in der Stadtbibliothek Vegesack um „Punkt 11“, einer Lesereihe, die regelmäßig samstags um 11 Uhr stattfindet.

‚“Show Your Work“ (Austin Kleon) oder: Der Blog als Arbeitsjournal

51JJmS22OcL._SY494_BO1,204,203,200_Gekauft hatte ich dieses Buch um Anregungen für einen Workshop zu erhalten, also in gewisser Weise „für andere“, aber schon beim Durchblättern brachte es mich auf neue Ideen – für mich selbst. Und das hatte vor allem mit dem 3. Kapitel zu tun: „Share something small every day!“

Dabei fiel meine erste Reaktion auf diesen Vorschlag keineswegs positiv aus. Wann soll ich das denn noch machen?, dachte ich. Um dann zu grummeln: Woher soll ich denn um Gottes Willen jeden Tag etwas nehmen, das ich „teilen“, das ich „verbreiten“ kann? Dann fiel mir Susanne Haun ein und ihr toller Blog und dass ich sie in der Vergangenheit manchmal beneidet hatte, weil bildnerische Prozesse und Produkte sich „natürlich“ leichter darstellen, abbilden, zeigen lassen. Zudem hatte Susanne erwähnt, dass sie ihren Blog als Archiv nutzt, um ihre Arbeit zu dokumentieren und auch darum hatte ich sie beneidet – vollkommen sicher, dass das für mich als Autorin nicht in einer halbwegs vergleichbaren Weise möglich wäre.

Ist es vielleicht auch nicht. Aber ausprobieren und experimentieren möchte ich mit dieser Idee. Es gibt im Moment so viele unterschiedliche Projekte und Ideen, denen ich nachgehe. Oft stoße ich bei Recherchen auf einzelne Sätze oder Gedanken, von denen ich überzeugt bin, dass sie auch andere interessieren. Und schon lange reizt mich der Gedanke, diesen Blog als eine Art“Arbeitsjournal“ zu nutzen. Ich glaube, was mir gefehlt hat, war das Wort „small“. „Jeden Tag“ werde ich nicht so ernst nehmen, aber „small“! Einen Gedanken, eine Idee, ein Zitat. Und vielleicht ergibt sich daraus ja auch etwas Neues. Ein Austausch, eine Resonanz. Wenn ich es richtig sehe, wäre das ganz im Sinne von Austin Kleon.

Und was meint ihr dazu?