„Ich kämpfe mit der Tastatur“

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen, die an einer meiner Schreibwerkstätten teilnehmen, erstaunt sind  – dass dort geschrieben wird. Das ist nicht ganz so absurd, wie es sich im ersten Moment anhört, denn tatsächlich wird in anderen meiner Workshops überhaupt nicht geschrieben, sondern ausschließlich über bereits Geschriebenes geredet.

Die Teilnehmer.innen, die sich am vergangenen Wochenende für einen Tageskurs angemeldet hatten, wussten, was auf sie zukam: Auf eine längere, etwa zweistündige Schreibphase sollte ein Austausch über Texte folgen. Es ist mir wichtig, den Teilnehmer.innen einen möglichst offenen Raum zu bieten, so dass sie ihren unterschiedlichen Schreibfragen oder – wünschen nachgehen können. Deswegen weiß ich selbst nie genau, was wann passiert oder wie lange dauert. Die wichtigsten Fragen zu Beginn sind: Wer wünscht sich neue Anregungen? Wer möchte so schnell wie möglich loslegen und die Schreibzeit für einen bereits begonnenen Text nutzen? Wer steckt irgendwo fest?

Ich mag es sehr, wenn dann alle irgendwann einen Platz gefunden haben – und schreiben. Und verblüffenderweise ist es immer irgendwann so. Und weiterschreiben, auch wenn die Schreibzeit eigentlich vorbei ist, wenn es einen kleinen Mittagssnack gibt oder alle wieder zusammen kommen, um sich auszutauschen.

Gerade weil ich mir wünsche, dass jede und jeder möglichst seinen eigenen Anliegen nachgehen kann, versuche ich, am Anfang oder Ende eine kurze Phase gemeinsamen Schreibens einzubauen. Diesmal hatten alle zum Aufwärmen und Lockerwerden sieben Minuten „automatisch“ geschrieben und im Anschluss je einen Satz ausgewählt, den sie den anderen als Schreibanregung zu Verfügung zu stellen bereit waren. Wir hatten die Sätze nicht benötigt, weil alle an vorhandenen Texte weiterschreiben wollten, was eher selten vorkommt.

Diese einzelnen Sätze lagen noch immer auf dem Tisch, als sich nachmittags eine Stimung erschöpfter Zufriedenheit ausbreitete: Alle hatten nicht nur konzentriert geschrieben, sondern mittlerweile auch ihre Texte vorgelesen. Wir hatten Freude daran und dem Austausch darüber gehabt und waren einer Reihe von Möglichkeiten und Fragen, die die Texte aufwarfen, nachgegangen. Es war noch eine halbe Stunde Zeit bis zum vereinbarten Ende. Manchmal lese ich dann noch einen kurzen Text vor oder biete an, allgemeinere Fragen zum Schreiben, zum Schreibprozess miteinander zu besprechen. Die Zeit ist zu kurz, die Teilnemer.innen zu müde, um jetzt noch etwas zu schreiben, dachte ich – und sah die Sätze auf dem Tisch. Einer sprach mich besonders an: „Ich kämpfe mit der Tastatur“.

Also: Gegen die Skepsis in den Augen der Teilnehmer.innen, gegen ihre Müdigkeit nach einem Tag voller Konzentration: Sieben Minuten drauflos schreiben! Alle machten mit. Und lasen der Reihe nach vor.

Wir hatten so viel Freude an den Texten und weil sie mir etwas von der Lockerheit zu verraten scheinen, in die wir schreibend oft nur gelangen, wenn es keine Rolle mehr spielt, wie andere lesen, was wir schreiben – weil wir müde sind oder weil wir die Stimme des „inneren Kritikers“ vielleicht auch einfach leid sind, deswegen freue ich mich, dass einige Teilnehmer.innen bereit waren, ihre so schnell entstandenen Texte hier für den Blog zu Verfügung zu stellen (vielen dank dafür!). Und vielleicht hat jemand Lust, sich anzuschließen und auch einen kurzen oder längeren Text zu schreiben – zum Kampf mit der Tastatur? Ich würde mich freuen!

Und hier sind sie:

„Wie verhext. Und mit Alkohol geht’s noch schlechter. Fehler, wieder zurück, nochmal schreiben. Ungeduld. Schnell dem Gedanken hinterherhetzen. Sehnsucht nach einem Stift, weißem Papier. Spüren wie die Gedanken über die Nervenbahnen in den Arm, direkt in die Finger, in den Stift und über die Tinte aufs Blatt fließen. Keine Schranke mehr zwischen mir und der Außenwelt. Scheinbar harmlos schmiegen sich die Tasten an meine Fingerspitzen, clac, clac, clac … es läuft, denke ich im Subtext und freue mich, nur um später festzustellen, dass meine Worte mal wieder aufs Bösartigste entstellt sind.“ (marte rapp)

„Ich kämpfe mit der Touchpad-Tastatur. Wer wird sieben – siegen – ? Beharrlich drängt sie mir ihre Vorder Beläge – Nein! Vorschläge! – auf. Nein, keine Vorschläge. Eher in herrisch EM Ton erteilte Befehle. Gegenwehr zwecklos. Sie schreibt – nicht ich. Ich bin nur der Anlass, die Kreativität ihrer Vorschläge zu Geltung zu bringen. Ich könnte sie abschalten. Aber sie sind so praktisch. Machen es schnell er. Jedenfalls bin ich bereit das zu glauben. Was wäre ich ohne sie, deren Geschichte sie schreibt.“ (Jochen G.)

„Ich kämpfe mit der Tastatur. Meine Finger sind heute nicht so wie sie sein sollten. Zu dick vielleicht. Ich erwische immer gleich zwei oder drei Tasten und der Computer entscheidet scheinbar selbstständig, was er aus meinem Befehl macht, s oder w , o oder i , ich habe es nicht in der Hand. Ich ziehe die Hände zurück, lege sie auf die Knie, balle und löse meine Fäuste, schlackere mit den Handgelenken und betrachte mißtrauisch meine Fingerspitzen, die aber aussehen wie immer. Ich nehme meine Brille ab und reibe mir die Augen, lege meine Finger vorsichtig wieder auf die Tastatur, die Zeigefinger auf F und J. Ich kann die kleinen Markierungen auf den Tasten spüren. Ich versuche meine Gedanken zu sammeln, da sehe ich den Curser zügig Zeile für Zeile von links nach rechts rutschen, im Schlepp eine Kette von Buchstaben und Satzzeichen, die ich ganz sicher nicht geschrieben habe, ich setzte die Brille wieder auf, der Rechner schreibt, schreibt ganz von alleine, schreibt mir einen Brief…“ (Sa)

„Ich kämpfe mit der Tastatur. Wie Schluchten tun sich die Abstände zwischen den einzelnen Tasten vor mir auf. Unüberwindlich oder höchstens unter Einsatz meines Lebens zu bewältigen.
Wie bin ich hierher gelangt? Keine Worte in meinem Kopf, die ich mit Hilfe der Tastatur zur verbindenden Brücken ausformen könnte, geschweige denn ganze Sätze.
Versuchsweise springe ich zum nächsten Buchstaben, an Großschreibung ist nicht zu denken, müsste ich dazu doch auch noch die Shift-Taste bewegen. Verzweiflung überwältigt mich, ich habe Sorge zwischen die Tasten hindurch auf den dunklen mit undefinierbaren Krümeln gefüllten Grund der Tastatur zu fallen. Diesen Raum könnte ich ohne Hilfe nie mehr verlassen. Ich wäre verloren in der unerforschten Tiefsee der Buchstaben. Verängstigt bleibe ich auf dem „h“ liegen.“ (Maike Wachendorf)

„Ich kämpfe mit der Tastatur…
Da ist der Buchstabe „F“…
Der Buchstabe „F“ erscheint dann, wenn ich einen Punkt setzte. Das klingt dann so:
„Liebe Grüße. F“
„Bis nachher. F“
Als ob ich nach jedem Satz fluchen würde …“ (Natalia Ivenitskaia)

17 Comments

  1. Ich kämpfe anders, eher physisch mit der Tastatur, insofern kann dir und anderen meine Erfahrung nun nicht nützen, weil ich alles zunächst per Hand mache und das anders auch nicht will. Ironischer- oder zufälligerweise habe ich gerade für eine andere Sache einen Text über meine Eigenheit in der Handschrift das ein oder andere zu verdrehen im Entstehen. Das gehört im erweiterten Sinne zu dem Sachtext-Ding, in das ich jetzt eingespannt bin, mir läuft da so ein kleines Nebenprojekt dazu. Ich habe keine Ahnung ob ich das mal zeige, kann dir das aber auch nicht besser erklären im Moment.

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    1. Dazu habe ich eine ganz schöne Anmerkung: Derjenige, der so freundlich war, den Satz zu Verfügung zu stellen, kämpft ebenfalls sehr physisch mit der Tastatur … Ich grüße dich sehr herzlich und wünsche viel Erfolg bei allen Haupt- und Nebenprojekten!

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      1. In der Tat eine schöne Anmerkung. Die Erfolgswünsche nehme ich gern, momentan läuft zwar alles, aber auch alles durcheinander und ich bin paralleles Arbeiten nicht gewohnt, zumal es ja sehr verschiedene Textarten sind. Wenn von WP mal was bei dir ankommt, du seiest in einen Privaten Blog geladen worden, ist es höchstwahrscheinlich von mir und es obliegt dann dir ob du schaust oder nicht. Ich komme zwar derzeit nicht zu meiner angedachten Sammlung von Kurztexten, aber die Halbfiktionssache, eigentlich sehr automatisch, die neben dem Sachding läuft, könnte in Teilen – einige sind (zu) biografisch – auch ein Kandidat sein für Privatblog, einfach damit ich sehe was passiert, wenn ich die nicht an Wände beame sondern als Text bereit stelle.

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  2. Liebe Jutta, zum Kampf mit der Tastatur will ich gar nichts sagen – den kennen wir doch alle 🙂 Spontan fällt mir eines meiner Lieblingsgedichte aus meiner Kindheit ein. Josef Guggenmos dichtete in den 60er Jahren
    Oh unberachenbere Schreibmischane
    was bist du für ein winderluches Tier
    du tauschst die Bachstuben günz nach Vergnagen
    und schröbst so scheinen Unsinn aufs Papier…
    Du tappst die falschen Tisten, luber Bieb!
    Oh sige mar, was kann ich dafür?

    Heute kann man den Unsinn wenigstens mit einem Klick gleich korrigieren….

    Die Freiheit, in deinem Kursen an eigenen Texten zu arbeiten, ist wunderbar. Dieser geschützte störungsfreie Raum – ich freue mich jetzt schon auf unsere gemeinsame Woche in Bassum!
    liebe Grüße Carmen

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  3. Die Tastatur meines Computers hatte zuletzt das Commando übernommen, raste mit einem unaufhaltsamen 1111111111111111111111111 davon und muss nun von einem Experten gezähmt werden. Ich tipsele derweil auf dem Handy ….. Schön von dir und deinen Aktivitäten zu lesen. Gruß von Gerda

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  4. Liebe Jutta ! Bassum, den 22.02.2017
    Ich habe hier mal Deinen freundlichen Kommentar zunächst nur überflogen und wie dis aussieht
    wenn ich mich vertappe , sagt Dir der Dreckfehlerteufel – aber , was ich immer schon ´mal wis –
    sen wollte ; wie bekommt man eigentlich ein Bild in die Kommentarleiste , da würde sich bei mir
    ´ne Lok ganz gut machen . . .
    Und wie funktioniert das – oder ´ne Grinse in den Kommentar ??
    Ich erwarte dankbar einen Tip von Dir , den ich als Antidigitalist auch umsetzen kann ; – )
    Freundliche Grüße vom
    Interbahnhof Frank Gottlieb

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    1. Lieber Frank, das würde mir tatsächlich auch sehr gefallen! Allerdings weiß ich leider auch nicht mehr, wie das geht … Aber wenn du das nächste Mal zu einem Kurs kommst, sollten wir es hinbekommen, hoffe ich 😉

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