27. KW: Schule für Mehrfach-Erzählungen

Ich war in Zürich und in Kreuzlingen und im Schwarzwald. Ich habe, ohne danach zu suchen, einen tollen Buchladen in Zürich gefunden, in dem es jetzt den Geschichten-Generator zu kaufen gibt (er kostet in der Schweiz 15 Franken): Duplikat Buch & Papier. In Kreuzlingen habe ich auf dem Schreibfestival, das Franziska Schramm organisiert hat, nicht nur die „Generator-Show“ Einen Roman in 60 Minuten“ präsentiert, sondern auch kurzfristig einen Workshop Autobiographisches Schreiben angeboten, der zu meiner Freude sehr gut ankam. Und dann ist auch noch etwas ganz Unerwartetes passiert: Durch einen wunderbaren Zufall konnte ich im Jull bei der Generalprobe eines Projektes zuschauen, bei dem die Autorin Ruth Schweikert ein Jahr lang drei Schüler einer Schule für Mehrfachbehinderte dabei unterstützt hat, ihre Geschichten aufzuschreiben. Die meisten Schüler.innen dieser Klasse können nicht schreiben. Mit und über sie hat der Filmemacher Per Larsen einen Film gedreht. Und so ist die Schule für Mehrfacherzählungen entstanden. Und warum mich das gerade auf ganz besondere Weise interessiert, verrate ich ungefähr im Beitrag zur 31. Kalenderwoche …

„Ich bin die Einzige in meinem Jahrgang“

Wieviel einfacher, wieviel leichter wäre ihre Situation, wenn Maike nicht schreiben, sondern singen würde. Oder tanzen. Wenn sie turnen würde oder Klavier spielen. Wenn sie Fotos bearbeiten wollte oder Theater spielen. In all diesen Fällen wäre es für Maike relativ einfach möglich, Kurse und Unterstützung zu finden, jedenfalls in einer Stadt von der Größe Bremens.

Maike möchte sich austauschen über das, was sie am liebsten macht, sie möchte besser werden und wünscht sich vor allem Feedback. Konkrete Vorschläge, was sie anders machen kann. Sie hat eine Geschichte geschrieben, aber das Ende gefällt ihr nicht. Auch Kevin schreibt mit großer Begeisterung, aber immer wieder kommt er an einen Punkt, an dem er nicht weiter weiß. Er hat einen ganzen Stapel angefangener Geschichten mitgebracht. Geschichten voller Ideenreichtum und sprachlicher Gestaltungsfreude. Kevin und Maike heißen anders, aber ich bin ihnen gestern begegnet bei einem Workshop zum Thema „Fanfiction“, den die Stadtbibliothek Bremen/Vegesack angeboten hatte. Die Frage, ob sie sich mit anderen austauschen können, verneinen die meisten. „Ich bin die einzige in meinem Jahrgang“, sagt ein Mädchen. Vielleicht irrt sie sich, denn nach meiner Erfahrung gibt es in den meisten Klassen zwei, drei Schülerinnen oder (für viele erstaunlich) auch Schüler, die sehr viel Zeit mit dem Erfinden und Schreiben von Geschichten verbringen – aber oft noch nicht einmal voneinander wissen.

Alle lachen einträchtig, als einer erzählt, dass die Eltern immer alles gut fänden. Oder seine Frage, was er denn anders machen könne, mit dem Hinweis beantworten, er sei doch viel besser im Schreiben als sie, er würde das schon richtig machen. Alle sagen bei der abschließenden Feedback-Runde, wie gut sie die konkreten Rückmeldungen, vor allem die kritischen gefunden hätten und wie gerne sie noch intensiver an den Texten arbeiten würden.

Immer wieder begegne ich Jugendlichen, die begeistert schreiben und sich Unterstützung und Rat wünschen. Kontinuierliches Arbeiten. Und denen ich nicht eine Anlaufstelle, einen Ort nennen kann, an denen genau das stattfindet. An dieser Stelle klafft eine mir unerklärliche Lücke in den Angeboten für Kinder und Jugendliche – vermutlich nicht nur in Bremen. Das ist auch deswegen ärgerlich, weil diese Kinder und Jugendlichen (dass erstaunt mich selbst immer wieder) eben nicht nur aus den typisch verdächtigen, bildungsnahen Milieus kommen. Wieviele kluge Menschen zerbrechen sich das Hirn, wie zumindest Lesefreude bei genau „solchen“ Kindern und Jugendlichen geweckt werden kann und hier sind sie – und werden in aller Regel nicht wahrgenommen. Erstaunlich oft wissen auch LehrerInnen wenig von der heimlichen Leidenschaft fürs Schreiben. (Gerade habe ich in der ZEIT den tollen Beitrag von Mirijam Günter „Und ich sehe ihre Wut“ gelesen, in dem es um den so schwierigen sozialen Aufstieg in Deutschland geht, und um die zahlreichen Codes und Rituale, die „denen von unten“ Gefühle von Fremdheit und Abwertung vermitteln.)

Wie glücklich wäre ich, wären vor allem die TeilnehmerInnen des gestrigen Workshops gewesen, wenn wir uns nach Zürich hätten beamen können, wo es seit 2015 das jull gibt, das „Junge Literaturlabor“. Dort gibt es ein phantastisch phantasievolles Programm für Schulklassen, aber eben auch für schreibbegeisterte Einzelne. Offene Gruppen, Workshops und ein „Mini-Stipendium“, bei dem Jugendliche für einen längeren Zeitraum von einer SchriftstellerIn betreut wird.

Gerade habe ich  noch ein paar andere Dinge zu erledigen, aber ich denke, ich sollte mich demnächst mal auf die Suche nach ein paar Mitstreitern machen, damit es auch in Bremen wenigstens EIN wirklich gutes, regelmäßiges Angebot gibt, das schreibbegeisterte Kinder und Jugendliche unterstützt – gerade wenn sie aus Familien kommen, in denen es eher unwahrscheinlich ist, dass eine Schriftstellerin zum Bekanntenkreis der Eltern gehört …