(13) Geschichtengenerator in Aktion

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Ich habe mir nie vorgestellt, dass ich als Autorin so etwas wie das „letzte Wort“ hätte, was die Interpretation der von mir verfassten Texte betrifft, dass ich besser wüsste als andere, „was in ihnen steht“. In Texte wandern oft auch Inhalte und Verbindungen, die dort nicht strategisch von der Autorin platziert wurden. „Texte sind oft klüger als ihre Autoren“, sagte der großartige Autor Jurek Becker dazu.

Auch Schreibanregungen sind Texte und auch Schreibanregungen können Möglichkeiten enthalten, die die Autorin zunächst nicht gesehen hat, so wie es mir in der letzten Woche geschah: Das beigefügte Foto enthielt das vollständige „Generator-Personal“ und eine leere Karte aus der Idee heraus: Es kommt auf die Namen, die Figuren gar nicht an – allein die vorgeschlagene Textsorte „Beichte“ zählt.

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Aber das Bild war offenbar stärker als der Text:  Alle Figuren an einem Ort – was für eine Freude! Da müsste sich doch etwas mit anfangen lassen, dachten gleich mehrere und so sind wunderbare und auch wunderbar komische Texte entstanden, in denen sie alle ihren Auftritt hatten: Hier sind sie (bzw. die Links zu ihnen) versammelt.

Und Gerda (die ja schon so viele herrliche Generator-Geschichten verfasst hat), beschenkte mich darüberhinaus in ihrem Beitrag als Einstieg mit diesem Zitat, das wie geschaffen scheint als Motto für die Idee des Geschichten-Generators:

„Luigi Pirandello behauptet (in seinem Vorwort zu dem Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor von 1926), dass er eine Magd habe, Fantasia mit Namen, und “die macht sich einen Spaß daraus, mir Leute ins Haus zu schleppen, damit ich Novellen, Romane und Theaterstücke aus ihnen mache; es sind die unzufriedensten Leute der Welt, Männer, Frauen, Kinder, die in Geschehnisse verwickelt sind, aus denen sie keinen Ausweg mehr finden, die gescheitert sind in ihren Plänen, betrogen in ihren Hoffnungen, und der Umgang mit ihnen kostet natürlich oft große Mühe. – Nun kam meiner Magd Phantasie (…) der unglückliche Gedanke oder, sagen wir, der verhängnisvolle Einfall, mir eine ganze Familie ins Haus zu führen. Ich könnte nicht sagen, wo oder wie sie sie aufgegabelt hatte. Ihrer Ansicht nach hätte ich jedenfalls den Stoff für einen wunderbaren Roman aus ihr herausholen können.” Mir ging es wie Pirandello, mit dem Unterschied, dass ich weiß, wer mir die Figuren ins Haus geschleppt hat: Jutta Reichelt mit ihrem Geschichtengenerator …“

Und heute? Heute haben wir es mit Viktor zu tun, den ich mir als einen jüngeren Mann vorstelle. Aber könnte er nicht auch schon älter sein? Früher stand er im Ruf, Schwierigkeiten mit dem „Nein-Sagen“ zu haben, aber das ist schon länger her. Ein bisschen kopflos ist vielleicht er noch immer. Oder ist auch das nur ein Gerücht? Hat er „die anderen“ vielleicht im Gedränge verloren oder befindet er sich in echter Gefahr?

Wie immer freue ich mich auf Ideen, Anfänge, kleine oder größere Skizzen, Bilder oder was auch immer euch (ganz entgegen meinen ursprünglichen Absichten) alles einfallen mag!

33 Comments

  1. Victor ist bei mir schon lebendig, hat Charakter und Schicksal und Freunde (das Täubchen Emma, Abraam, den Emma den Langen Bunten nennt). Victor ist für mich der unverwechselbare Mann aus Kongo-Brazzaville, Poet, Invalide, der seinen ersten Dichter-Preis gewonnen hat. Da kann ich jetzt nur dran weiterschreiben.

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    1. Ja, das ist (ganz wie in realen Schreibwerkstätten) auch hier eine kleine Herausforderung an alle Beteiligten: Dass es immer wieder (und ich freue mich sehr darüber) „NeueinsteigerInnen“ gibt und solche, die schon auf reichlich Vorarbeiten zurückgreifen können … Ich würde mich freuen, mal wieder etwas von deinem Victor zu hören!

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      1. Ich denke schon fleißig drüber nach, muss aber erst mal recherchieren. Denn Victor stammt aus Kongo Brazzaville, und leider habe ich nicht die geringste Ahnung, wie es sich anfühlt, dort zu leben. Ich kenne Schwarzafrika überhaupt nicht. Und nun gar ein Dichter!

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  2. Ich frage mal beim Atelier-Kind ob es mit mit kooperieren möchte und eine Geschichte von Viktor (der heißt wirklich so), 9, kennt, der „Nein“ zu dem ganzen Förderbohei seiner Eltern sagt (und deshalb fälschlicherweise für verhaltensauffällig gehalten wird, der ist nicht verhaltensauffällig, der ist fertig), die immer nur über eines nachzudenken scheinen, nämlich Wo sind die anderen? [auf Leistung bezogen]. Eine Idee hätten wir damit schon mal… Vielleicht kommt ja noch eine andere.

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      1. Ich frag mal, was er zu erzählen weiß. Dabei kann ich mich gleich in Kindergeschichten-Stil üben. Eine traurige Erwachsenengeschichte bekommst aber sehr wahrscheinlich zusätzlich. Der Satz Wo sind die anderen? passt so gut zu der unglücklichen Situation, dass die geflohenen Nachbarn meiner Mutter gone sind. Was denen passierte kann man sich denken. Ich kannte die Leute nicht sehr gut, aber ich mochte sie und das beeinflusst mich gerade stark, da kommt bestimmt was automatisch..

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  3. Da hast du schon mal die Traurige. Ich wusste, es käme bald, aber nicht, dass das „Regenbogenhaus“ so bald da und in zehn Minuten geschrieben wäre. Es gibt in einer Nachbarstadt ein Haus, das wirklich so aussieht, aber ich glaube nicht, dass es für den Zweck, den ich ihm hier fiktiv zuschreibe genutzt wird.

    Im sogenannten Regenbogenhaus sammelten sie die Leute. Hätten sie das so direkt gesagt, dann hätte das keiner toleriert, weil es dann sofort nach Deportation geklungen hätte. Vielleicht durfte man nicht einmal Regenbogenhaus zu diesem in die Luft ragenden Quadrat sagen, das klang ziemlich nach Sonnenblumenhaus und das kannte doch jeder. Sollte. Dachte man. Und man vergaß, dass dazu viele einfach zu jung waren, und dass die Bilder davon etwas von Happening hatten, weil es schon so lange her war und wenn so etwas wieder passierte, fast jeden Tag und immerzu, dann war das weit entfernt im Osten. Hier gab es das nicht.

    Aber man hatte das Regenbogenhaus. Viktor hatte gesagt, der Regenbogen stammte von Greenpeace, aber das glaubte keiner. Das Haus war unten mit Wiese bemalt und ab den ersten Fenstern hellblau mit Wölkchen und diesem riesigen Regenbogen. Man sah keine Sonne. Die winzigen Fenster waren unzählbar. Es stand frei auf dem Feld, so sah es aus wenn man daran vorbei fuhr, und vielleicht wusste keiner, der niemals drin gewesen ist an welcher Seite des Quadrats man hineinging. Hätten sie das so direkt gesagt, hätten da vielleicht Leute gestanden, die versucht hätten etwas zu verhindern oder den Menschen da drin sonst irgendwie zu helfen. Mit Essen oder Trinken, Decken oder Medizin, vielleicht sogar Trost. Keiner wusste es.

    Und keiner sah jemals die Polizei oder andere Autos. Es wusste keiner was da kam, weil keiner wusste wer die Befugnisse hatte. Nur: Es kam immer in der Nacht. Manchmal wurde nur einer geholt, ein Kind oder ein Familienvater, dann hofften sie, dass die Familie freiwillig mitging, aber immer landeten die Leute im Regenbogenhaus.

    Von dort sah man nur die großen Busse. Man wusste eher, dass man sah. Ein Reisebus in der Stadt aus der Richtung und man gab vielleicht sogar zu zu ahnen und wusste in Wirklichkeit ganz genau. Vielleicht log man sich an und behauptete es wären Neue oder die Leute würden umverteilt, wenn man ganz dreist war auch, die gingen freiwillig. Aber man wusste immer ganz genau wo sie hinfuhren und wer drin saß. Und dann dachte man sich nichts mehr, weil man nie was damit zu tun hatte. Hier gab es keinen Krieg, niemals wäre man selbst betroffen. Hier muss man nicht weg und schon gar nicht illegal und in Todesangst, hier gibt es doch alles und man hat keine Feinde und wird auch niemals welche bekommen.

    Doch manchmal wenn man durch die Straßen ging, vom Einkaufen, vom Sport, aus der Arztpraxis, von der Arbeitsstelle oder aus der Schule kam begegnete man einem oder einer winzigen Gruppe. Nahe genug, dass man in die Gesichter sehen konnte. Und manchmal stand dort neben Erschöpfung, Verwirrung und Dankbarkeit auch eine Frage Wo sind die anderen?

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    1. das ist mir jetzt verdammt auf den Magen geschlagen. Hier in Griechenland klappt es mit der Abschieberei noch nicht so, wie es manche in Brüssel und Berlin ausgeheckt haben, aber allein der Gedanke macht mich krank. Es ist so verdammt grausam. Und nun hast du es mit einem Regenbogenhaus verbunden, wo doch Regenbogen etwas Hoffnungsvolles und Verbindendes hat. Aber eben auch: dass man ihn nie erreicht.

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      1. Das mit dem Regenbogen und dem Sinnbild geht mir – ungelogen – jetzt erst auf wo du es erwähnst, aber es passt natürlich sehr gut da rein. Mir passiert so was manchmal automatisch, was eventuell auch ein Zeichen von beherrschtem Handwerk ist. Ich hatte halt plötzlich dieses Haus im Kopf, wahrscheinlich weil es trotz der Fassadengestaktung so hermetrisch abgetrennt von allem anderen wirkt, dachte „Regenbogenhaus“ (ich weiß nicht ob es so heißt“ und „Sonnenblumenhaus“ (Rostock). Irgendwo müssen die Leute ja gesammelt werden.

        Mich hat es sehr getroffen zu erfahren, dass die weg sind. So liebe Menschen. Aber es hat mir auch ein Stück eigene Naivität vor Augen geführt: Ich hielt sie immer für „sicher“, also mit Aussicht auf Antragsgenehmigung weil sie eine Wohnung hatten und nicht miehr in einer Unterkunft lebten und die Wohnung hatten sie ja lange. Das war naiv.

        Und es hat mir noch was gezeigt: Als wir letztens mit Salma im Museum waren bat sie uns um ein Gruppenfoto vor dem Haus, also wir alle zusammen. Ich werde furchtbar ungern fotografiert und der Handschuhschenker ist auch kamerascheu. Wir haben das Foto gemacht, aber ich glaube, wenn ich das mit Mariam (die in europäischer Kunst bewandert war) da schon gewusst hätte, ich hätte nicht erst noch rumdiskutiert, weil mir dann sehr präsent gewesen wäre wie fragil auch die Situation von Salma und ihrer Familie ist. Die haben immer die Hoffnung, dass man sie hier irgendwo in einer Klinik gebrauchen kann (alle mit medizinischen Berufen).

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      1. WordPress hat den Kommentar gefressen, den ich abgeben wollte. Danke, dass du den Tipp gibst. Damals, als der Film im Kino lief, dachte ich noch er kommt zur richtigen Zeit und dass es aufmerksamer macht für das, was passieren kann. War naiv von mir, danach ging es (leider) erst richtig los.

        Ich habe im letzten Jahr mal versucht mit jungen Menschen über Solingen (in meinem Verkehrsverbund also bestimmt nicht „im Osten“) zu sprechen, als hier was Feuer fing neben einer Unterkunft. Da kam Was geht es uns an, 20 Jahre her… und so was. Sehr schade.

        Irgendwann um die Zeit hatte ich dein „Ich wünschte…“-Gedicht mal verlinkt, glaube ich.

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  4. „So eine Sauerei! Dieses Schwein!“ Luise nahm ihre Mappe und warf sie auf den Boden. Die ganze Clique stand mal wieder in der großen Pause unter der großen Kastanie auf dem Schulhof. „Was hatter denn noch gesagt?“ fragte Erkan. „Abgeschrieben hätte ich. Von A bis Z alles abgekupfert. Aus dem Buch von Professor Vogelsang. Meine ganze Mühe, alles für’n Ar…“ Luise kochte vor Wut. Wochenlang hatte sie sich mit ihrer Hausarbeit beschäftigt. Hatte ihre Beobachtungen notiert, Tabellen angefertigt, photographiert und die Bilder in ihren Text eingefügt. Alles sehr professionell, schließlich wollte sie Ornithologin werden. Eine Eins hatte sie dafür verdient, mindestens. „Der Bode kann mich nicht leiden. Kein Wunder bei dem Mist, den er immer verzapft.“ Sie hatte dem Bio-Lehrer schon öfter Fehler nachgewiesen – der war eine absolute Niete. Wieso der überhaupt Lehrer hatte werden dürfen? Klar, die Sechs jetzt für die Hausarbeit über Singvögel in der Stadt war seine Rache. Und ihr Alter musste auch noch antanzen in der Schule.
    „Vergiss den, Luise.“, sagte Viktor und wollte sie umarmen. „Der sitzt am längeren Hebel. Da kannste dich drehen und wenden, wiede willst.“ „Nee, lass mal, Vicki.“ Luise wand sich aus seinem Arm. „ Es reicht. Der kann was erleben. Weiß jemand, wo der wohnt?“ „Lerchenweg 16. Der hat da ein kleines Häuschen.“ Emma hatte Bode mal zufällig getroffen, als er gerade das Gartentor aufschloss. „Heute abend um acht vor seinem Haus. Ich rechne mit euch.“ Luise hob ihre Mappe auf. „Ich muss los. Der Bus kommt. Und setzt euch schwarze Mützen auf.“

    Es war schon ziemlich dunkel, als sie sich vor Bodes Haus trafen. „Wo ist denn Tom?“, fragte Luise. „Der kommt nach. Muss noch was suchen, meinte er.“, sagte Nina, die einen prall gefüllten Rucksack trug. „Faule Eier. Wir versauen dem den ganzen Garten.“ „Die Rache der Vögel.“, grinste Luise. „Klasse Idee, Nina.“ „Mensch, Luise. Lass doch den Quatsch! Wird doch nur noch das schlimmer, das Ganze.“ Viktor mal wieder. Der Bedenkenträger. „Geh doch nach Hause, wennde Schiss hast. Clara, du passt auf. Da hinten an der Ecke. Wenn jemand kommt, pfeifste ganz laut. Wo Tom nur bleibt?“ Endlich kam er. „Hab sie.“, sagte er stolz und zeigte eine Pistole. „Nur zur Sicherheit. Wenn der Bode Schwierigkeiten macht.“ John wurde blass. „Das kannst du doch nicht machen, Tom.“ „Keine Sorge, ist nicht geladen.“ Toms Vater war im Schützenverein und verwahrte seine Pistole zu Hause auf. Die Munition hatte er gut versteckt.

    Einen Moment lang beobachteten sie das Haus. „Alle zugleich.“ Luise verteilte die Eier und mit einem wüsten Gebrüll stürmten sie in den Garten, wobei sie die Eier gegen die Hauswand donnerten. „Was ist denn hier los?“ Bode war aus der Haustür getreten. „Seid ihr verrückt geworden? Na wartet. Die Polizei ist schon unterwegs.“ Fast rutschte er aus. Ein Ei erwischte ihn am Kopf. „Ihr verdammten Blagen!“, kreischte er und kam auf sie zu. „Ihr fliegt von der Schule. Dafür sorge ich.“ Plötzlich fiel ein Schuss. Bode stolperte und fiel hin. Mit einem Mal war Viktor allein im Garten. Wo zum Teufel waren die anderen? In der Ferne hörte man Polizeisirenen.

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          1. Leider gibt es immer wieder Vorfälle, bei denen Kinder oder Jugendliche zu Hause an Waffen kommen. Und bei denen auch jemand zu Tode kommt. Unabsichtlich oder auch nicht – wie bei den Amokläufen. Noch schlimmer in den USA. Da gibt es mittlerweile Waffen in Miniformat für die Kleinsten – wahlweise rosa oder hellblau. Wenn dann was passiert, ist die Bestürzung hier wie drüben groß und man ruft nach schärferen Gesetzen. und nix passiert …

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          2. Absolute Zustimmung … Es ging ja erst kürzlich wieder durch die Presse im Zusammenhang mit dem Vater eines Amokschützen, dessen Waffe und Munition verwendet wurde und der nun die Ärzte angezeigt hat. Wobei das natürlich, jenseits aller Fragen von Verantwortung und Schuld eine große tragische Dimension besitzt …

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  5. Mit weniger Atelier-Kind-Mitwirkung als erhofft und auch nicht lustig, leider. Ich hatte mir gedacht wenn ich ihn zum erzählen bekomme wird es eine richtige Kindergeschichte. Wurde es nicht. Dieser Viktor hier ähnelt einem früheren Schüler von mir – an einer der Schulen, an der ich die Bibliothek machte gab es nachmittags Lesestunden und dann war ich in den Klassen mit drin und habe mit- oder vorgelesen -, das mit dem ausgeleertem Schulranzen ist einem Mitschüler von mir mal passiert, der gern mit Stühlen warf. Auch so’n überfordertes und vernachlässigtes Chihuahua-Kind.)

    Die Lehrerin stand am offenen Fenster und leerte einen Schulranzen nach draußen aus. „Und jetzt gehst du runter und hebst alles wieder auf! Wenn du wieder kommst geht es dir vielleicht besser.“

    Die Kinder lachten. Viktor mochte das. Er mochte wenn die Kinder lachten und besonders wenn sie über Frau Schiedeke lachten, weil das bedeutete die nahm keiner ernst. Und wenn die so redete wie jetzt, dann musste man sie nicht ernstnehmen. Die hatte sowieso keine Ahnung. Und wahrscheinlich nur deshalb Pädagogik studiert, weil sie zu blöd für ein richtiges Studium war (sagte Viktors Mama immer). Das Dumme war nur, die Sachen, die jetzt draußen im Schulhof lagen waren die von Viktor.

    „Na los! Wir wollen hier in Ruhe weiter machen, alle anderen fanden den Ausflug schön und wollen erzählen, aber du musst permanent stören.“

    Viktor bewegte sich keinen Millimeter. Von so einer musste er sich gar nichts sagen lassen und dieser popelige Ausflug – pah! Was gab es im Zoo schon zu sehen, außer gequälte Tiere? Seine Eltern wollten ihn deshalb auch erst gar nicht mitfahren lassen, aber Herr Horstmann war nicht nur ein Vollhorst sondern auch der Klassenlehrer und hatte Viktors Eltern gesagt, dass es sich um eine schulische Veranstaltung handele und wenn Viktor nicht mit in den Zoo käme wäre das wie Schuleschwänzen. Da hatte seine Mutter kleinbeigegeben, aber kaum dass Viktor und sie im Auto saßen hatte sie gesagt, dass er die Zeit viel besser in der Musikschule verbringen könnte. Das fand Viktor auch, obwohl er Flötespielen hasste. Aber statt in den Zoo zu gehen hätte er vielleicht wirklich lieber dreimal statt zweimal die Woche geübt. Auch wenn das nicht gegangen wäre, weil er an dem Tag mit dem Ausflug nachmittags Physik-Laden, nicht Musikunterricht hatte. Am Tag danach war Trampolinspringen und Fußball und Viktor hatte gehofft, dass der Ausflug und der Physik-Laden schneller vorbei wären wenn er sich darauf freute, aber er war einfach nur sauer gewesen. Stocksauer. Und wusste eigentlich gar nicht so richtig warum.

    Er war sogar eigentlich immer sauer. Auch wenn er gar keine Lust dazu hatte und sich eigentlich freuen wollten. Außerdem hatte er zum Sauersein sowieso keine Zeit. Und dann kam die Schiedeke und wollte den blöden Ausflug besprechen. Da wurde Viktor noch sauerer. Wenn es ihm so ging musste er die anderen zum Lachen bringen. Manchmal rief er dann „Sahnetorte!“ oder „Scheiße mit Ei!“ in den Unterricht, auch wenn es gar nicht um Essen ging, manchmal schmiss er irgendwas durch die Gegend oder malte Männchen wenn er etwas an der Tafel vormachen sollte. Manchmal trampelte oder rülpste er. Alles damit die anderen lachten. Wenn sie lachten, dann ging es ihm besser. Das merkte er richtig in seinem Körper. Dann hatte er das Gefühl, dass er richtig da war. Das durfte er zu Hause nie, seine Mutter gab ihm immer sofort Tabletten, wenn er so war oder wenn er sagte, er hätte keine Lust auf Sport, Physik-Laden oder Geige. Extra Englisch war er so noch losgeworden, mehr war nicht zu machen.

    Zuerst hatten die Lehrer nur gemotzt, dann hatte Herr Horstmann ihn vor die Tür geschickt (und Viktor in den Blumentopf mit der großen Palme auf dem Flur gepinkelt, weil ihm langweilig wurde), dann hatte Herr Horstmann seine Eltern einbestellt und jetzt schmiss die Schiedeke seine Sachen aus dem Fenster weil er den Baby-Witz mit eine Runde Arschkontrolle gebracht hatte als sie was mit Wolle gesagt hatte.

    Es gab zwar wenigstens Show, aber die Kinder lachten wegen Frau Schiedeke nicht wegen ihm. Irgendwie fühlte es sich sogar an als würden sie über ihn lachen. Gleich nicht mehr. Gleich würden sie sich über die Schiedeke totlachen. Er würde das nämlich aussitzen und der zeigen wer am längeren Hebel sitzt. So nannte sein Vater das immer Jemandem zeigen wer am längeren Hebel sitzt und es half immer. Bei dem Musiklehrer, der Viktor nicht als Schüler wollte, weil er fand, der Junge sei schon überfordert zwar nicht, aber immerhin ging Hannah da jetzt nicht mehr hin, weil Hannahs Mutter mit der von Viktor befreundet war. Sonst halft das aber echt bei allen und was Viktors Vater konnte, konnte Viktor auch. Da war er sich sicher. Wenn er jetzt einfach hier sitzen bleiben würde, würde die Schiedeke irgendwann runtergehen und selber aufräumen, sie würde seine Sachen mitbringen und sich bei ihm entschuldigen. So lange konnte er darüber nachdenken ob es nicht doch eine Chance gab sich heute Nachmittag beim Trampolin so fallen zu lassen, dass er sich wehtat. Und wenn er das richtig machte, dann bräuchte er vielleicht ein paar Tage nicht in die Schule und nicht in den Physik-Laden und nicht zum Fußball. Geigen ging dann auch nicht, denn seine Eltern meinten, das müsse man im Stehen. Wie sähe das denn aus wenn er später mal auf einer Bühne rumsäße, wenn er mit dem Konservatorium fertig war?! Außerdem käme er sitzend nie und nimmer bei Jugend musiziert durch. „Will ich doch gar nicht“, hatte Viktor gesagt und seine Mutter hatte empört geguckt und ihn beinahe geohrfeigt, dann waren ihr aber die Tabletten eingefallen und dass Ohrfeigen nur was für die faulen Fettsäcke aus dem Nachmittagsprogramm war. Aber „Mit dir muss man sich ja schämen“, hatte sie dann doch noch gesagt

    Frau Schiedeke ging. Aber nicht nach draußen sondern zu den anderen. „Na, er muss länger machen, nicht ihr. Kommt, wir machen weiter.“

    „Na, ist halt ein Problemkind“, sagte Lasse, der mit Viktor zusammen zum Physik-Laden ging. In die Musikschule ging er auch, aber er spielte Klavier und Gitarre, nicht Geige wie Viktor. Außerdem ging er zu den „Muselpädagogischen Angeboten“ oder wie das hieß. Das war Mittwochs im Museum, da lernte man Bilder abmalen. Für so was hätte Viktor keine Ruhe gehabt.

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  6. Liebe Jutta,

    dieser Viktor, ein scharfer, permanent, rigoroser “ Nein-Sager “. So scheint er sich in den Köpfen der meisten Beteiligten (Anwesenden), unbewusst festgesetzt zu haben.
    Wir haben ein Persönlichkeitsprofil von ihm. Von dem wir schwerlich abweichen. Viktor löst in unsere Fantasie, negative Assoziationen aus.
    Wenn wir über Viktor schreiben, in Berichten, Dokumentation, Nacherzählungen, Kurzgeschichten, sprechen wir, von oder über Gewalt, Gewalttaten und / oder – Absichten. Gewalt, wird als ein Mittel in jedweder Form zur Lösung eines, oder mehrerer Konflikte, angeboten. Mit Viktor verbindet sich nichts Positives.
    Selbst der Sprachschatz, beziehungsweise die Wortwahl, bleibt davon nicht verschont. Gewalt in der Sprache – ein Thema – für sich. Wer kennt es nicht und wer bedient sich nicht dessen?

    Ein „ Nein“ erzeugt im Umkehrschluss, ein „ Ja“. Nur so kann ich mir erklären, warum plötzlich Gewalt, in Texten vermeintlich, Spannung erzeugt.
    Dieser Viktor, handelt aus meiner Sicht manipulativ. Er versucht mit dem „Nein“ sein Gegenüber an die Grenze menschlicher, seelischer Belastbarkeit zu bringen und bleibt in seinem „ Nein“ unbeirrbar.

    Es macht mich nachdenklich.

    Obwohl, ich darf es mal sagen, als Mann finde ich “ Viktor“ faszinierend. Sein Erscheinungsbild fesselt mich. Er hat eine Aura, der schlecht zu wiederstehen ist. Eine große, männliche, nordische Gestalt. Helle Haare und blaue Augen. Alles Merkmale, die Vertrauen erwecken. Vertrauen in sachlicher, zielgerichteter, kompetenter Führung. Ein Machtmensch, ein Egozentriker, ein Introvertierter? Ein ängstlicher Zeitgenosse, der das “ Nein“ sagen, als Fassade aufgebaut hat, um…. was auch immer nichts von sich Preis zu geben? Einer der die “Anderen“ nicht braucht, nicht will. Auch nicht nach ihnen fragt.
    Emma, ich bin Emma, wenn ich “ ehrlich “ bin, …..kommt schon mal vor… (die meiste Zeit), habe ich auch so meine Macken – charakterliche Unebenheiten -, nennt Lena, meine Tochter diese. Ich erhebe mein Glas, Nina reichte es mir zur Begrüßung, ihn Richtung Viktor und nicke. Er erwidert mit einem Lächeln um seine Lippen.
    Währenddessen raunt mir Nina ins Ohr:
    „ Es gibt eine Geschichte“. „Viktor und die Äquator-Taufe“.

    Nina: „ Du machst mich neugierig.“ „Das darfst du sein und ging wortlos“.

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    1. Liebe Pauline, wenn ich erinnern darf: Beim Generator ist alles erlaubt und das betrifft auch den Zeitpunkt der Veröffentlichung! Aber jetzt zum Text: ich bin in gleich mehreren Hinsichten ganz begeistert und freue mich sehr an Vic-Tor: da ist zum einen, ich kann nicht anders, als damit herauszuplatzen die prekäre Situation “meines” Vereins Werder Bremen – und wie heisst der Trainer? Genau! Viktor Skripnik. “Viktor, mein Viktor” nannte die Mutter einer Fan-Freundin ihn, als er noch Spieler bei Werder war und all das schwingt für mich mit in diesem schönen Text, der mich zugleich an einen sehr schönen kurzen Text von Antje Ravic Strubel über eine Fußballerin denken lässt. Und dann finde ich das Wortspiel einfach richtig klasse! Herzliche Grüße!

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      1. Liebe Jutta, das freut mich total, dass mein Text eine Verknüpfung bei dir anspricht! Menschen mit einem „Tor“ im Namen sind ja prädestiniert fürs Kicken 🙂 Ehrlich gesagt habe ich mich beim Schreiben gefragt, wie es wohl ist, über das Fußball-Spielen zu schreiben (insbesondere längere Texte)- also ich stelle mir das etwas kompliziert vor. Vielleicht aber auch generell das Schreiben über Sport. Evtl schaue ich mir mal was von Antje Ravic Strubel an. Herzliche Grüße zurück!

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        1. … ich komme erst jetzt dazu, die Angabe nachzutragen: der Text, den ich meine, ist in der Anthologie „Aus der Tiefe des Traumes. Elf Frauen erzählen Fußballgeschichten“ (die mich insgesamt eher wenig überzeugt hat). Der sehr schöne Text von Antje Rivas Strubel hat den Titel „Sonne rauf, Sonne runter“. Herzliche Grüße!

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