Über den Supermarkt als Schauplatz literarischer Texte

„Als ich wiederkam, war der Einkaufswagen halb voll mit Müsli, Keksen, Pulvernahrung in Tüten und lauter Dessercremes, und ich sag, wozu das alles? – Wie wozu das alles? Ich sag, wozu das alles? Ich sag, wozu soll das gut sein? – Du hast Kinder, Robert, die mögen Crunchy-Müsli, die mögen Schokotäfelchen, auf Kinder-Bueno stehen sie total …“

Dieser Dialog findet sich auf der ersten Seite des gerade erschienenen und von der Kritik ganz überwiegend gefeierten Romans „Glücklich die Glücklichen“ von Yasmina Reza, die vor allem als Theaterautorin bekannt geworden ist (u. a. „Der Gott des Gemetzels“). Innerhalb weniger Zeilen steigert sich das Gespräch zu einem veritablen und schön zu lesenden Ehekrach: „… na dann hau doch ab, hau ruhig ab, mehr kannst du nicht sagen, ich hau ab, deine einzige Antwort …“

Nun ist der Supermarkt ein Ort, der erstaunlich selten literarische Würdigung erhält. Mir fallen spontan nur der Roman „Langer Samstag“ von Burkhard Spinnen ein (1995), „Vier Äpfel“ von David Wagner (2009) und Wilhelm Genazinos „Kassiererinnen“, deren Arbeitsplatz den lustigen Namen „Prezzoprezzo“ trägt (1998). Das ist umso erstaunlicher, bedenkt man, wie viel Zeit wir gewöhnlich in Supermärkten verbringen und dass wir dort oft den Übergang von der Sphäre der Arbeit in die Sphäre des Privaten (Feierabend) vorbereiten, bzw. nicht unerhebliche Teile unserer Freizeit dort verbringen (Wochenendeinkauf).

Und wieviele unterschiedliche Orte überwölbt die Decke des Supermarkts? Natürlich die unterschiedlichen Theken und Abteilungen, die Gänge, in denen man oft vergeblich versucht, jemandem aus dem Weg zu gehen.(Wem und warum?) Es gibt die Leergutannahme mit ihren Zumutungen und den Bereich der Kassen. Schreiende Kinder. Väter, Mütter mit hochroten Köpfen. Beschämt und verärgert. Zeitungen und Bücher und hochprozentiger Alkohol, der manchmal in Vitrinen gesichert wird, die erst aufgeschlossen werden müssen. Und dann, kaum hat man den Supermarkt verlassen, ein kleiner, kläffender Hund, dessen Not die Herzen zweier älterer Dame derart erweicht, dass sie erwägen zum Äußersten zu gehen – und den Marktleiter zu informieren …

Wer auf der Suche nach einer Schreibanregung ist, könnte also vielleicht auch im Supermarkt fündig werden, könnte ein oder zwei (vielleicht auch mehr) Figuren entstehen zu lassen. Bleiben sie für sich und gehen vielleicht nur ihren Gedanken nach – unterbrochen von der immer wieder aufgenommenen Überlegung, was auf dem zu Hause vergessenen Einkaufszettel stand? Oder kommen sie ins Gespräch? Höflich, verstockt oder gereizt, ärgerlich? Für das Schreiben ist ja immer interessanter (und daher auch einfacher), wenn etwas hakt oder sich verkeilt, wenn Reibungen entstehen oder mühsam umschifft werden sollen. Allein das Unglück einkaufen, in einer Schlange stehen zu müssen, wenn das Leben gerade vertan scheint – und dann schiebt auch noch die redselige Nachbarin ihren Einkaufswagen ins getrübte Blickfeld und auf einmal kommt Bewegung in die Szenerie …

13 Comments

    1. Ganz genau so ist es – es ist einer der Orte, die geradezu zum „weiterspinnen“ einladen: was wäre, wenn … Und andererseits gewinne Texte oft, wenn sie nicht nur an den „üblichen“ Schauplätzen stattfinden … (Manchmal kann übrigens auch schon ein vergessener Einkaufszettel die Phantasie beflügeln 😉

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  1. Vielen Dank! Ja, es ist unglaublich auf einmal so viel „Supermarkt“- und wie so oft die Frage: Ist es die veränderte Aufmerksamkeit oder liegt das Supermarkt-Thema gerade in der Luft?! Auch in der vorletzten ZEIT war eine schöne Notiz dazu, die ich erst las, nachdem ich gepostet hatte und mir dann angesichts von hier und da sehr ähnlicher Wortwahl sogar ein bisschen komisch vorkam …

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