(15) Geschichtengenerator in Aktion

imageIst auch der Schulhof ein literarisch unterschätzter Ort? Spontan war ich mir sicher, dass er uns im Unterschied zur Kantine, Eisdiele oder dem Supermarkt in literarischen Texten mit einer gewissen Regelmäßigkeit begegnet – aber als ich dann darüber nachzudenken begann, fiel mir kein einziger ein. Aber dass ich diese Woche den „Schulhof“ in den Mittelpunkt des Geschichten-Generators rücke, hat auch einen anderen Grund, als meine Sympathie für literarisch unterschätzte Orte: Diese Woche ist für mich eine ungewöhnliche und ungewöhnlich erfreuliche „Schulwoche“!

Zunächst war ich am Dienstag gemeinsam mit Heike Müller vom Virtuellen Literaturhaus in Bremerhaven in der Ernst-Reuter-Schule, wo ich im kommenden Schuljahr eine Klasse dabei unterstützen werde, einen sog. „Schulhausroman“ zu schreiben und dann wird am kommenden Sonntag die Preisverleihung des Geschichten-Wettbewerbs sein, der sich an 4. Klassen im Bremer Westen richtete und auf so tolle Resonanz stieß: 60 Kinder aus 5 Klassen haben 44 Geschichten geschrieben und die Jury hatte große Freude an der Lektüre der Texte!

Dass ich nicht nur in der Jury saß, sondern auch an der Planung des Wettbewerbs beteiligt war, werdet Ihr mühelos erkennen, wenn Ihr die „Ersten Sätze“ lest, die ich „gestiftet“ habe. Aus vier Möglichkeiten konnten die Schüler*innen wählen – und Ihr jetzt auch:

»Kommst du mit?«, fragt Erkan.
»Das ist ungerecht!«, sagt Anna.
»Wo sind die anderen?«, fragt Viktor.
Emma traute ihren Augen nicht. »Was war denn das?«

Diese Woche ist also wirklich mal alles möglich: Ich freue mich über Geschichten, die auf einem Schulhof spielen. Vielleicht auch nur ihren Anfang nehmen? Und über Geschichten, die mit einem der vier Sätze beginnen! Und schließlich freue ich mich über Hinweise auf bereits existierende Texte, bei denen der Schulhof eine gewisse Rolle spielt, also nicht nur mit einem kurzen Blick aus dem Lehrerzimmer gestreift wird …

(14) Geschichtengenerator in Aktion

IMG_0103 Wer diesen Blog schon länger liest, weiß um meine Sympathie für „literarisch unterschätzte Ort“. Der Supermarkt (samt Käsetheke) zählt dazu, die Eisdiele und auch die Kantine ist mir erstaunlich selten bislang begegnet. Wie kann das sein, frage ich mich, angesichts all der Lieb- und Feindschaften, die in Kantinen ihren Anfang nahmen, ihren Wendepunkt oder Zenit erreichten? Der Film und insbesondere die Komödie haben das schon lange erkannt – höchste Zeit also, dass wir hier den Generator anwerfen und ein paar schöne Geschichten beisteuern!

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Vielleicht reicht dem einen oder der anderen schon dieser Ort und es stellen sich Ideen und Bilder ein, dann legt los und kümmert euch nicht, dass in einer Ecke der Kantine Luise, die ältere Dame mit Hut auftaucht. Wie kommt sie hierher und was möchte sie? Und ist es wirklich Luise, die sagt: „Natürlich kann ich das!“ Oder fällt der Satz nur in ihrer unmittelbaren Nähe? Aber wer ist es dann, der da redet?

IMG_0106Wie immer freue ich mich auf Geschichten, Ideen und erste Sätze! Und weil ich zuletzt gleich zweimal las, dass eine schrieb, sie habe auf den letzten Drücker noch eine Generator-Geschichte fertigstellen können, möchte ich noch einmal an die wichtigste Geschichten-Generator-Regel erinnern: Alles ist erlaubt!

„Und das war in der Eisdiele?“ Eine Schreibanregung

Ähnlich dem Supermarkt, scheint mir auch die Eisdiele als literarischer Ort vollkommen unterschätzt zu sein. Außer einer sehr schönen Passage in Wilhelm Genazinos „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“, in der der Ich-Erzähler das „Rialto, das zweitgrößte italienische Café“ betritt, um dann seine Freundin Gesa anzurufen, damit sie „Italien hören“ kann, fällt mir auf Anhieb keine Erwähnung ein.

Das ist umso erstaunlicher, weil sich ja das Café in seiner unbestimmteren Variante wiederum großer Beliebtheit erfreut, was vor allem daran liegt, dass man dort (dem Zugabteil ähnlich) ganz unterschiedliche Menschen sich begegnen lassen kann. Um das Potential eines Ortes schreibend entfalten zu können, kann es hilfreich sein, sich nach Überraschendem umzusehen (was meistens eine gute Idee ist) oder nach Kontrasten. Die große Beliebtheit von Beerdigungsinstituten beispielsweise (kaum eine Romanwerkstatt, in der nicht mindestens ein Text dort angesiedelt ist), lässt sich damit erklären, wie unterschiedlich Menschen mit „dem Tod“ umgehen, je nachdem, ob es ihr Job ist oder ob es sich um eine geliebte Person handelt usw.

Die Überlegung Orte gewissermaßen „gegen den Strich“ zu besetzen, führte zu der aktuellen Schreibanregung: Was könnte sich in einer Eisdiele ereignen, das uns erstaunt nachfragen lässt: „Und das war in der Eisdiele?“ Wer könnte sich dort begegnen, welche Geschichte könnte dort ihren Anfang genommen haben?

Wer Lust hat mitzumachen, schreibt auf, was ihm oder ihr in den Sinn kommt: in das Kommentarfenster oder auf den eigenen Blog, ins Tagebuch oder mir per E-Mail (und ich stelle es hier ein). Ich freue mich auf Eure Ideen und auch auf weitere Eisdielen-Fundstellen!

Über den Supermarkt als Schauplatz literarischer Texte

„Als ich wiederkam, war der Einkaufswagen halb voll mit Müsli, Keksen, Pulvernahrung in Tüten und lauter Dessercremes, und ich sag, wozu das alles? – Wie wozu das alles? Ich sag, wozu das alles? Ich sag, wozu soll das gut sein? – Du hast Kinder, Robert, die mögen Crunchy-Müsli, die mögen Schokotäfelchen, auf Kinder-Bueno stehen sie total …“

Dieser Dialog findet sich auf der ersten Seite des gerade erschienenen und von der Kritik ganz überwiegend gefeierten Romans „Glücklich die Glücklichen“ von Yasmina Reza, die vor allem als Theaterautorin bekannt geworden ist (u. a. „Der Gott des Gemetzels“). Innerhalb weniger Zeilen steigert sich das Gespräch zu einem veritablen und schön zu lesenden Ehekrach: „… na dann hau doch ab, hau ruhig ab, mehr kannst du nicht sagen, ich hau ab, deine einzige Antwort …“

Nun ist der Supermarkt ein Ort, der erstaunlich selten literarische Würdigung erhält. Mir fallen spontan nur der Roman „Langer Samstag“ von Burkhard Spinnen ein (1995), „Vier Äpfel“ von David Wagner (2009) und Wilhelm Genazinos „Kassiererinnen“, deren Arbeitsplatz den lustigen Namen „Prezzoprezzo“ trägt (1998). Das ist umso erstaunlicher, bedenkt man, wie viel Zeit wir gewöhnlich in Supermärkten verbringen und dass wir dort oft den Übergang von der Sphäre der Arbeit in die Sphäre des Privaten (Feierabend) vorbereiten, bzw. nicht unerhebliche Teile unserer Freizeit dort verbringen (Wochenendeinkauf).

Und wieviele unterschiedliche Orte überwölbt die Decke des Supermarkts? Natürlich die unterschiedlichen Theken und Abteilungen, die Gänge, in denen man oft vergeblich versucht, jemandem aus dem Weg zu gehen.(Wem und warum?) Es gibt die Leergutannahme mit ihren Zumutungen und den Bereich der Kassen. Schreiende Kinder. Väter, Mütter mit hochroten Köpfen. Beschämt und verärgert. Zeitungen und Bücher und hochprozentiger Alkohol, der manchmal in Vitrinen gesichert wird, die erst aufgeschlossen werden müssen. Und dann, kaum hat man den Supermarkt verlassen, ein kleiner, kläffender Hund, dessen Not die Herzen zweier älterer Dame derart erweicht, dass sie erwägen zum Äußersten zu gehen – und den Marktleiter zu informieren …

Wer auf der Suche nach einer Schreibanregung ist, könnte also vielleicht auch im Supermarkt fündig werden, könnte ein oder zwei (vielleicht auch mehr) Figuren entstehen zu lassen. Bleiben sie für sich und gehen vielleicht nur ihren Gedanken nach – unterbrochen von der immer wieder aufgenommenen Überlegung, was auf dem zu Hause vergessenen Einkaufszettel stand? Oder kommen sie ins Gespräch? Höflich, verstockt oder gereizt, ärgerlich? Für das Schreiben ist ja immer interessanter (und daher auch einfacher), wenn etwas hakt oder sich verkeilt, wenn Reibungen entstehen oder mühsam umschifft werden sollen. Allein das Unglück einkaufen, in einer Schlange stehen zu müssen, wenn das Leben gerade vertan scheint – und dann schiebt auch noch die redselige Nachbarin ihren Einkaufswagen ins getrübte Blickfeld und auf einmal kommt Bewegung in die Szenerie …