Worüber wir reden, wenn wir von Büchern reden – oder auch von Menschen

Manchmal stelle ich mir vor, dass alle Menschen aus tausenden Kügelchen bestehen, die ganz unterschiedliche Farben annehmen können. Unser jeweiliges Wohlbefinden wirkt sich genauso aus wie die Tageszeit oder ein Magengrummeln, Durst, Müdigkeit oder der Schreck, der uns beim Gedanken an unseren Kontostand befällt. Unser Alter spielt eine Rolle und ob wir gerade verliebt oder verärgert sind. In meiner Vorstellung sind wir nie genau die gleichen und wir unterscheiden uns auch und vor allem, je nachdem, mit welchen Menschen wir gerade in einem Raum sind. Es gibt Menschen, die machen uns großzügiger oder engherziger, lassen uns wachsen oder schüchtern uns ein.

Meine Freundin Anna besitzt ein großes empfindsames Herz, sie hat einen ganz eigensinnigen und frechen Humor und sie weiß, dass es Aufgaben gibt, die uns niemand abnimmt. Das sind ziemlich viele, ziemlich gute Eigenschaften, aber manchmal verletzt Anna andere auch im Vorbeigehen und ich kann diejenigen, die unsere Freundschaft erstaunt, durchaus verstehen. Es ist nicht nur so, dass unterschiedliche Menschen Anna unterschiedlich wahrnehmen, es ist so, dass Anna eine andere Person ist, je nachdem, mit wem sie gerade zusammen ist und es kommt mir unsinnig vor, mit jemandem darüber zu diskutieren, oder gar zu streiten, „was für ein Mensch Anna ist“.

Ich glaube, dass es mit Büchern sehr ähnlich ist: Wir interagieren mit ihnen und wir können, selbst wenn wir wollen, nie ein Buch zweimal auf die „gleiche Weise“ lesen. Bücher bringen in jeder Leserin, jedem Leser ganz unterschiedliche Töne zum Klingen und bestehen aus einer einmaligen Kombination von Eigenschaften, die sich mir anders präsentieren als meiner Nachbarin. Eine Schwäche, die ich dem einen Text mühelos nachsehen kann, ärgert mich bei einem anderen. Eine gewisse „Kalauerdichte“ führt bei mir unweigerlich zum Leseabbruch – da kann alles andere an dem Text großartig sein. Das ist nicht „logisch“ oder „fair“ – aber ich bin überzeugt, dass es ist in aller Regel so ist. Wir nehmen ein irrsinnig große Zahl von Eindrücken auf, wenn wir es mit einem Text oder einem Menschen zu tun haben und es ist uns oft noch nicht einmal möglich, genau zu benennen, welche „Korrespondenzen“ dazu führen, dass wir einen Text oder ein Menschen „mögen“, dass wir uns vielleicht sogar „verlieben“ oder einen Menschen, ein Buch „ablehnen“.

Das scheint mir der „Normalfall“ zu sein, was nicht ausschließt, dass es andere Lektüren geben kann – von WissenschaftlerInnen oder LiteraturkritikerInnen, die systematischer ausfallen (wie immer das dann im einzelnen gelingt oder aussieht). Wenn es so sein sollte, wie ich es beschrieben habe, dann bedeutet das, dass wir uns unsere jeweiligen Lektüreeindrücke erzählen können, dass das auch sehr anregend (manchmal verblüffend) sein kann, dass diese Eindrücke aber in der Regel ungeeignet sind, um „Debatten“ auszulösen. Womit ich (endlich) zum Anlass dieses Beitrags vorgedrungen wäre:

In seinem sehr lesenswerten Beitrag „Können wir bitte endlich wieder über Literatur reden?“ fragt Tobias auf seinem Blog Libroskop: „Die Literaturblogosphäre debattiert über eine Professionalisierung, der Buchbetrieb debattiert über die Qualität des zeitgenössischen Feuilletons und der Perlentaucher debattiert über ein Online-Literaturmagazin. Aber wer diskutiert eigentlich noch über Bücher?“

Ich vermute, mit Büchern ist es wie mit Menschen – manchmal gibt es da nicht viel zu diskutieren …

Und was meint Ihr?

27 Comments

  1. Liebe Jutta,
    ich müsste zwar dringend los, aber eben habe ich noch Deinen Text gelesen – und jetzt sch…drauf,, wenn ich einige Minuten zu spät zu meinem Termin komme. CHAPEAU!!! Und das nicht nur wegen des Zufalls, dass wir uns heute beide auf Carver beziehen…
    Dein Text: Stringent, schlüssig, wahr, echt. Vom Eingang – wie wir mit Menschen agieren – bis zum Ende kann ich das unterstreichen und empfinde das ähnlich. Ja, ich meine, man kann über stilistische, über sprachliche Mittel diskutieren, auch über die Inhalte. Letzten Endes bleibt die Lektüre eines Buches jedoch eine sehr persönliche Sache. Ich gehe einen Dialog mit dem Buch ein – ich korrespondiere hier mit einem anderen „Du“. Denn: Bücher sind nicht von Robotern geschrieben, sondern von Menschen gemacht. Der Mensch, der schrieb, suchte seinen Ausdruck – und da kommt dann bei mir als Leserin etwas an, das mich anspricht oder auch nicht.
    Deshalb kann man letzten Endes sicher nicht so über Bücher diskutieren: Weil es eine zutiefst persönliche Sache ist.
    Zwar ist nicht jeder Text autobiographisch – aber ich kann ja auch nie ganz den Autoren vom Werk trennen. Also kommt ein Teil der Persönlichkeit in seinen Werken immer durch – und da geht es eben wie im Zusammenkommen mit Menschen: Irgendwo gibt es einen Urinstinkt, der mir sagt, ob die Chemie passt oder nicht, ob das Buch + der Mensch der dahintersteckt, von Bedeutung ist für mich – temporär oder anhaltend.
    Wie persönlich das manchmal ist: Für mich das beste Beispiel, wie ich mich mit einem Kumpel wegen Handke zerstritt. Ich muss es ja nicht eigens betone – aber ich mag Handke nicht. Das ist fast schon eine persönliche Abneigung. Ich mag die politische Haltung nicht, ich mag nicht, was er ausdrückt, er stellt für mich – obwohl ich den Menschen ja nicht kenne – eine bestimmte Art „Typ“ dar. Das wäre ja auch in Ordnung – nur meine Handke-Äußerungen haben diesen Freund tief verletzt. Wieso? nicht wegen der Bücher oder literarischen Qualitäten Handkes. Sondern weil er in meiner Kritik an diesem Schriftsteller eine Kritik an dem sah, was er selbst repräsentiert, ist, denkt und fühlt…Weiß nicht, ob ich das jetzt in der Eile klar machen konnte, was ich damit sagen wollte: Jede Begegnung eines Menschen mit einem Buch ist eine unbeschreiblich persönliche Angelegenheit.
    Liebe Grüße, Birgit

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    1. Liebe Birgit, vielen Dank für deinen Kommentar, vielen Dank für die Zeit, die du dir dafür genommen hast! Ich freue mich sehr über deine Zustimmung und finde dein „Handke“-Beispiel sehr treffend! Wir reden eben, wenn wir über Texte reden, auch immer über uns selbst – und können diesen Aspekt in seinem Umfang manchmal nur schwer durchschauen. Und dann gibt es eben auch Schriftsteller:innen, die ein unglaubliches „Polarisierungs“-Potential besitzen. Wer könnte darin Handke übertreffen?
      Dass wir beide heute mit Carver-Anspielungen „aufmachen“ ist toll, oder?! Zumal ich damit eigentlich auf Tobias Frage reagieren wollte, die für mich einen leichten Anklang an Carvers „Würdest du bitte endlich still sein bitte“ hatte …

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  2. Liebe Jutta,
    auch ich kann dir nur zustimmen.
    Doch für mich gibt es noch einen Aspekt, der das Miteinanderreden über einen Text rechtfertigt (?). Im Gespräch eröffnen sich die Perspektiven des Anderen. Vielleicht macht mich neugierig, was mein Gegenüber sieht, fühlt, entdeckt hat. Darum empfinde ich es als Bereicherung, über Texte zu sprechen. Vor allem wenn es um die geht, die ich erst einmal ablehne. Der Blick aus einer anderen Perspektive kann mich durchaus einen Schritt voranbringen – manchmal sofort, manchmal Wochen später. Dass ich rundheraus ablehne, weil mich etwas zu sehr nervt oder mein Interesse nicht wach wird, ist natürlich auch möglich.

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    1. Liebe Sylvia, große Zustimmung von mir! Ich finde einen solchen Austausch von Leseeindrücken oft auch sehr erhellend und bin (obwohl ich es mittlerweile schon oft erlebt habe) immer wieder überrascht, wie sehr sich Leseeindrücke unterscheiden können, wie unterschiedlich einfach alles (Figuren, Sprache, Plausibilität, Spannung usw.) wahrgenommen werden kann. Und manchmal spornt mich auch der positive Eindruck eines Menschen, dem ich mich in meinem Lesegeschmack ähnlich wähne, an, nochmal neu einen Zugang zu einem Text zu suchen. Aber das alles unterscheidet sich für mich von „Diskussionen“ oder Debatten im engeren Sinne, in denen es ja (der Idee nach) um den Austausch und die Überzeugungskraft von Argumenten geht.

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      1. Um Geschmack und die Sympathie sollten wir tasächlich nicht diskutieren. Wenn ich ein Buch mag, weil es mich auf einer Ebene anspricht, die der Nächste nicht nachvollziehen kann, gibt es keine Grundlage. Das ist in allen Bereichen der Kunst so. Zumindest beanspruche ich diese Haltung für mich.
        Ein Satz von Birgit beschäftigt mich noch. Sie setzt Text und Autoren in einen sehr engen Zusammenhang. Aber das ist ein neues Thema. Vielleicht hast du Lust, es in dein Blog zu setzen?

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        1. Liebe Sylvia, schreibst du vielleicht noch ein, zwei Stichworte zu dem, was dich interessieren würde, hinsichtlich des Verhältnisses AutorIn – Text? Ich freue mich immer über Anregungen und vor allem, wenn sich „das eine aus dem anderen ergibt“ … Herzliche Grüße!

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          1. Liebe Jutta,

            mich interessiert die Sicht auf die Autoren, die sich durch den Text ergibt – zu ergeben scheint. Ich mache es konkret: Als ich an meinem Roman geschrieben habe, konnte ich nicht umhin, mir vorzustellen, was andere darüber denken könnten. Wahrscheinlich habe ich deshalb Dinge ausgespart, andere eingebracht. Diese Außensicht habe ich im Laufe des Schreibens ein Stück verloren.
            Jetzt ist der Roman seit über einem halben Jahr auf dem Markt und ich erlebe Reaktionen, die mich verwundern und erschrecken. Ich weiß, dass der Roman verstörend wirkt. Das soll er auch ein wenig. Bei der Geschichte handelt es sich aber NICHT um meine Lebensgeschichte! Doch viele Leser vermuten das. Zumindest scheinen sie hin und wieder eine leichte Abart in meinem Wesen festzustellen. Die Fragen, die ich höre, auch oft von den selben Leuten mehrfach: „Wie kommst du auf so ein Thema? Das MUSS doch etwas mit dir zu tun haben!“ Natürlich hat der Roman mit mir zu tun, mit dem, was ich höre, lese, sehe, zusammenspinne etc. Logisch, ich habe ihn ja geschrieben. Wenn ein Autor Folter und Morde zum Thema hat, wird ihm doch nicht unterstellt, er sei der nächste Massenmörder. Oder doch? Ich habe von einem (Stig Larsson?) gelesen, er und seine Horror schreibenden Kollegen seien die entspanntesten Menschen der Welt, weil sie ihre nur allzu menschlichen Bösartigkeiten in Geschichten verwursten können. Normalerweise ist mir nicht sehr wichtig, dass Leser mich seit der Lektüre des Buches für leicht gestört halten. Allerdings irritiert mich, dass der Roman Einzug in meinen Brotberuf findet. Ich bin Erzieherin. Soweit ich weiß, habe ich bisher nur Kolleginnen verstört. Jetzt frage ich mich, wie Eltern das Buch einordnen. Und warum überhaupt Leser einen so engen Zusammenhang sehen wollen.
            Kurz zwischendurch: Der Roman ist kein abartiger Reißer! Es geht lediglich um einen Mann (!), der lange mit seiner verstörenden Mutter zusammengelebt hat und nicht in der Lage ist, eine ’normale‘ Bindung einzugehen. Dieser Mann ist zwar ver-rückt, vielleicht gefährlich, ich finde ihn aber in Ansätzen in meiner Umgebung. Und genau das hat den Reiz dieses Themas für mich ausgemacht. Was passiert mit Menschen, denen Zuneigiung vorenthalten wird?
            Um jetzt endlich zur finalen Frage zu kommen: Wieviel Nähe gibt es zwischen Texten und denen, die sie verfasst haben?
            Liebe Jutta, ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt. Vielleicht ist das Thema für den der liest, gar nicht so interessant, weil die Fantasie über den Schriftsteller zum Lesevergnügen gehört?!

            Einen gemütlichen Sonntag
            Sylvia

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          2. Liebe Sylvia, das ist eine verdrehte Geschichte in die (nicht nur) du da geraten bist! Weil dieses Phänomen so verbreitet ist, gibt es auch eine ganze Reihe literarischer Arbeiten zum Thema! Mir als wirklich komisch in Erinnerung: „Das bin doch ich!“ von Thomas Glavinic (http://www.thomas-glavinic.de/weitere-buecher-von-thomas-glavinic/ueber-das-buch-das-bin-doch-ich/). Ulrich Treichel schreibt in dem Roman (sic!) „Menschenflug“ über die Verwechslungen, die es nach dem Erscheinen seines Bestellers „Der Verlorene“ gab (aber da es sich um einen Roman handelt, ist das ja vielleicht auch vollständig erfunden) und von Javier Marias gibt es (strukturell ähnlich) das Buch „Schwarzer Rücken der Zeit“, in dem er darauf hinweist, dass sich immer genau diejenigen Oxforder Professoren in seinem früheren Text „Alle Seelen“ wiedererkannt hatten, die gar nicht beschrieben waren – ein weitverbreitetes Phänomen, das wohl jede/r kennt, die oder der schreibt. Das hat oft für den Außenstehenden eine komische Seite, aber eben nicht nur – wenn ich da nur an deine „Eltern“ denke …
            Vielleicht sollten wir einen Aufruf starten, indem wir die Welt daran erinnern, dass wir zwar alles Mögliche tun, damit die LeserInnen unsere Geschichten als „reale“ lesen, dass sie das aber nicht sind, dass das zum SPIEL dazugehört?!
            Ich wünsche dir auch einen schönen Sonntag!

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          3. Na, da kann ich ja froh sein, nicht allein dazustehen! Vielen Dank für die Literaturhinweise, die ich mir gleich einmal ansehen werde. Und wehe, ich erkenne mich wieder!

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          4. Ist, wenn ich es richtig in Erinnerung habe alles ziemlich männerlastig – also vermutlich keine so ganz große Verwechslungsefahr (obwohl das ja die pfiffigeren LeserInnen auch kaum abhält 😉

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  3. Was für ein schöner kluger Beitrag, liebe Jutta! Du schreibst von Menschen, die uns großzügiger und engherziger „machen“, die uns „wachsen lassen“ oder „einschüchtern“… Spontan spürte ich mich heftig nicken am Ende einer herausfordernden Woche, in der ich mich das ein und andere Mal meiner Energien „beraubt“ fühlte. Allerdings weist das dem Gegenüber wohl mehr „Verantwortung“ für das eigene Befinden zu als vermutlich „fair“ ist. Ich stelle mir lieber vor, dass da eine(r) etwas in mir zum Klingen bringt. Das kann sich wunderbar melodisch und auch mal ganz überraschend anhören oder furchtbar schrill und dissonant. Dein Bild von den Kügelchen bringt diese Resonanzen wunderbar zum Ausdruck, finde ich. Und ja, ich stimme dir zu, mit Büchern ist das gar nicht anders. Womöglich deshalb kann ich am meisten mit Buchbesprechungen oder Lesetipps anfangen, in denen ausdrücklich oder auch unausgesprochen mitschwingt, was die Lektüre in dem anderen zum Klingen gebracht, welche Kügelchen ins Rollen gekommen sind. Eine irgendwie geartete „Debatte“ über das Gelesene setzte wohl zumindest voraus, dass alle Beteiligten den Text kennen.

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    1. Liebe Maren, ich freue mich sehr über deine freundliche Zustimmung! Ich glaube, es ist so, dass manche Menschen mit manchen anderen einfach keine glücklichen „Verbindungen“ eingehen. Bei anderen kann sich dann schon wieder eine ganz andere Färbung ergeben – obwohl es natürlich auch Menschen gibt, bei denen sich alle irgendwie rötlich verfärben 😉 Ich wünsche dir ein Wochenende frei von Energie-RäuberInnen jedweder Art und grüße sehr herzlich!

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  4. Liebe Jutta,
    auch wenn ich so manchen Punkt in Deinem Text nachvollziehen kann, erschließt er sich mir nicht ganz. Warum kann man nicht über Bücher diskutieren? Gelten für Dich Kriterien, wie sie die Literaturkritik oder vielleicht auch ein kritischer Leser anlegt, nicht? Was ist mit den handwerklichen Aspekten? Ich kann die emotionale, intuitive, nenneswieDuwillst-Ebene, die es beim Lesen gibt, sehr gut nachvollziehen. Aber geht sie nicht einher mit dem, wie ein Buch „gemacht“ ist und was es auslöst? Du schreibst, wie Bücher in ein Leben „eingreifen“ können, wie Menschen durch ihre Art es auch tun. Können Bücher dann nicht auch in eine Gruppe von Menschen oder gar in eine Gesellschaft eingreifen, sie prägen oder verändern? Haben das nicht immer wieder Bücher in der Menschheitsgeschichte getan? Lohnt es also nicht, darüber zu sprechen? Oder wollen wir ein solches Potential der Literatur gar nicht (mehr) zutrauen?
    Viele Grüße, Tobias

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    1. Lieber Tobias,
      das Problem, das ich sehe, wird in meinen Augen durch „Kriterien“ nicht automatisch gelöst, denn auch wenn wir vermutlich relativ mühelos Einigkeit über die Geltung diverser relevanter Kriterien erzielen können (Originalität, Komplexität, sprachliche Gestaltung, Stimmigkeit usw.) werden wir in konkreten Situationen immer wieder Uneinigkeit erleben darüber, ob sie eingelöst werden oder nicht (das ist ja genau in dem von dir angeführten Murakami-Beispiel der Fall: literarische Sprache – ja oder nein), bzw. wie damit umzugehen ist, dass natürlich nie alle in Frage kommenden Qualitätsansprüche durch einen realen Text erfüllt werden. Natürlich gibt es die „üblichen Verdächtigen“ mit denen sich hitzige Debatten entfachen lassen, wie ebenfalls in deinem Beispiel die Aussage: XY ist keine Literatur.
      Vielleicht habe ich aber auch nicht hinreichend klar formuliert: Ich tausche mich gerne mit anderen über Lektüren aus, über Sätze, die mich begeistert haben oder die ich nicht verstehe. Ich versuche auch gerne im Gespräch mit anderen Klarheit darüber zu gewinnen, was genau es denn überhaupt ist, was mich für oder gegen einen Text einnimmt oder in welchen Verbindungen er zu anderen Texten steht. Aber ich glaube, dass es eine Form von „Debatten“ oder „Diskussionen“ gibt, für die sich Bücher und Lektüreeindrücke nicht so gut eignen wie das vielfach angenommen wird. Und ja: da stimme ich dir unbedingt zu – Bücher können Menschen prägen und verändern und darüber lohnt es sich unbedingt zu sprechen! Herzliche Grüße!

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      1. Liebe Jutta,
        ich sehe es anders herum: es gibt Bücher, die sich nicht für das Diskutieren eignen. Entweder, weil sie nichts hergeben, was über Unterhaltung/Lesegenuss hinausgeht, oder weil sie literarisch viel hergeben, aber das Lesen ausschließlich diese persönliche Ebene beeinflußt. Darüber hinaus gibt es andere Bücher, die „mehr wollen“ (wovon ja manchmal selbst die Autorinnen und Autoren, die sie geschrieben haben, nichts wissen…). Über die zu reden, streiten, debattieren, das lohnt. Finde ich zumindest.
        Viele Grüße, Tobias

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  5. Liebe Jutta,
    Deine Zeilen haben mich sehr nachdenklich gemacht, weil ich – so aus dem Bauch heraus – Dir gleich zustimmen, dann aber Deinen Überlegungen auch gleich widerprechen wollte. Also mein Versuch, meine widerstrebenden Gedanken zu ordnen:
    Ein erster Zugang zu einem Roman ist sicherlich der eigene emotionale; ganz platt vielleicht nach den Kriterien „gefällt mir“ – „gefällt mir nicht“. Da fesselt mich das Thema und wie es ausgeführt ist, da fühle ich mich wohl in der Sprache, da gibt es genau meine Art von Humor, da lädt mich der Konflikt zum Grübeln ein, die Lösung bietet neue Perspektiven usw. Das ist ja der Ansatz der kontruktivistischen Literaturdeutung, der die Person des Lesers mit einbezieht und immer wieder darauf verweist, dass der Text ja erst durch das Lesen und das, was der Leser selbst mitbringt an Erfahrungen, Erlebnissen usw. fertiggstellt wird. Dies ist sicherlich unser erster Blick auf den Text – und da mag die Kenntis des Autors und wie wir zu ihm stehen genauso eine Rolle spielen.
    Aber dann gibt es ja noch andere Ansätze, die helfen kömnnen, sich einem Text zu nähern. Ich kann die Biografie des Autors mit einbeziehen, sein gesellschaftliches Umfeld, seine Epoche (biographischer oder zeitgeschichtlicher Ansatz), ich kann mir genauer anschauen, welche Form (inkl. Sprache) er für den Roman gewählt hat und ich kann einfach mal versuchen, den Text nur als Text zu sehen, ohne weitere Aspekte mit einzubeziehen (textimmanenter Ansatz) und den Blick hinterher zu erweitern.
    Ich denke, dass wir diese verschiedenen Persepktiven auf einen Text immer mehr oder weniger intensiv alle durchlaufen, wir machen es uns nur nicht so klar.
    Wenn mir also ein Text gut oder auch überhaupt nicht gefällt, dann frage ich mich woran das liegt – und das mit vor allem wichtig, seit ich blogge, denn wenn ich einen Artikel zu einem Buch schreiben möchte, dann ist es einfach mein Ziel, meine Gedanken auch deutlich zu machen, zu erklären, zu argumentieren.
    Dann spielen die anderen Blicke auf den Text eine wichtige Rolle. Und es ist vor allem wichtig, dass ich mich ein Stück von meinem Eindruck distanzieren kann, eben weil ich genau weiß, dass ein Text auf mich ganz anders wirkt als auf andere Leser.
    Und nun kommt der Austausch als weiterer Erfahrungsbereich, den ich für sehr wichtig halte und der sehr, sehr fruchtbar sein kann. Und ich verstehe Austausch oder auch Diskusssion oder Debatte eben nicht so, dass entweder zwei Gegensätze aufeinander prallen müssen oder dass ein Diskutant die schönsten und überzeugendsten, also die funkelnsten Argumente hat und deshalb die Debatte „gewinnt“.
    Ich finde gerade wichtig, diese verscheidenen Perspektiven auf den Text zu sehen, zu lesen, warum ein anderer Leser die Stelle gut findet, die Sprache mag, welche Deutung er hat. In meinem realen Literaturkreis ist ein Leser, der immer wieder fragt: Warum hat der Autor das so gemacht? Welche Bilder hat er genutzt, welche Metaphern, welche Symbole? Das sind Lesarten, die unsere Diskussion regelmäßig bereichern, weil er immer wieder Mentor des Romans ist, während wir anderen schon längst abgewunken haben. Solch ein Gespräch finde ich unglaublich bereichernd, auch wenn es meine Haltung zum Roman nicht ändert, habe ich doch einen erweiterten Blick darauf bekommen.
    Solch einen erweitereten Blick habe ich bisher nur wenige Male durch das Bloggen gewonnen, nämlich dann, wenn sich zwei oder mehrere Leser gefunden haben, die recht zeitgleich ein Buch gelesen und sich ausgetauscht haben; Eva Menasses „Quasikritalle“ ist mir in Erinnerung und beim letzten Longlistlesen vor allem „Koala“, weil der Roman sehr kontrovers diskutiert wurde und Michael Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“, weil zwar alle einige waren, es aber doch verschiedene Blickwinkel gab (und einmal die beschriebene Methode sogar selbst erprobt wurde).
    Und so etwas erhoffe ich mir nun auch von dem von Tobias angestoßenen virtuellen Lesekreis.
    Puh, das ist jetzt aber lang geworden.
    Trotzdem: ganz viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia, dein Kommentar ist ein großes Geschenk – ich danke dir sehr dafür! Es ist so, dass ich an dem Thema schon lange „hänge“ und nun zum ersten Mal versucht habe, etwas dazu zu formulieren, weil es mir mit Tobias‘ Beitrag so ging, wie dir mit meinem: spontane Zustimmung und dann ein: Aber … Und wie es so ist, habe ich manches ganz vernünftig verständlich machen können und anderes eher nicht. Über manches muss ich auch erst noch weiter nachdenken und selbst das, was mir schon klar ist, kann ich jetzt leider nicht ausführen, weil gleich die Doko-Karten auf den Tisch kommen 😉 Aber ich wollte unbedingt schon mal die Vorausdeutung wagen, dass wir vielleicht gar nicht so weit auseinander liegen … Allerbeste und durchaus debattierfreudige Grüße!

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      1. Viel Spaß beim Doko – und dann lesen wir uns bestimmt wieder beim Debattieren über die Deutung der Literatur :-). Ich habe mit der Frage ja auch mehrmals im Jahr viel Freude, wenn mich bange Schüleraugen anblicken und nach „richtig“ und „falsch“ im Interpretationsaufsatz fragen…
        Einen schönen Abend, Claudia

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        1. Liebe Claudia,
          ich möchte gerne zunächst ein paar Punkte klären, bei denen ich vermute, dass ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe:
          Mein Beitrag war eine Reaktion auf das geäusserte Bedauern und/oder Unverständnis mehrerer BuchbloggerInnen, dass sie mit ihren (oftmals aufwändig und sorgfältig geschriebenen) Rezensionen nicht annähernd vergleichbare Debatten und Diskussionen auszulösen vermögen wie mit manch einem „rausgehauenem“ Post der Art: „Blogs sind xy“.
          Nicht zuletzt, weil ich diese Rezensionen oft gerne und mit Gewinn lese, wollte ich darauf hinweisen, dass in diesem Punkt vielleicht ein Missverständnis vorliegt, weil sich eben Rezensionen nicht in der gleichen Weise als „Debattenauslöser“ eignen – und das eventuell auch ganz gut so ist.

          Ein zweiter Punkt, den ich deutlicher hätte machen sollen: Es kann für mich gar nicht zu viel Reden und Austauch über Texte geben. Ich habe dabei für mich unterschieden zwischen Debatten und Diskussionen (idealerweise verbunden mit Rede und Widerrede; dem Versuch, andere zu überzeugen und letztlich das „bessere Argment“ für sich zu haben) auf der einen Seite und dem „Reden“, dem „Gespräch“ oder „Austausch“ über Texte auf der anderen Seite. Letzteres finde ich oft erhellend und das kann die von dir genannten Fragen umfassen: Wie ist der Text gearbeitet? Wo erfüllt oder hintergeht er unsere Erwartungen? Oder eine meiner Lieblingsfragen: Worin besteht das Wagnis, das genau dieser Text eingeht? Hat er das Potential mich zu beunruhigen, etwas in Frage zu stellen usw.?

          Vielleicht ist es meiner Position als Autorin geschuldet, dass ich tatsächlich nicht mehr daran glaube, dass es so etwas wie einen „Text an sich“ gibt. Texte entstehen beim Lesen und was da entsteht, unterscheidet sich enorm und lässt sich dann nicht annähernd in „richtig“ oder „falsch“ gelesen einordnen. (Auch wenn es natürlich vergleichsweise abwegige Lesarten geben kann.) Und ich finde das wechselseitige Erzählen, was wir gelesen haben in der Regel interessanter als eine „Diskussion“, in der ich versuche, jemanden von irgendetwas zu überzeugen.

          Und dann kommt noch etwas hinzu, das ich noch immer nicht so klar „habe“ wie ich es mir wünsxhen würde: Ich glaube, dass es angesichts dessen, was real passiert, wenn wir lesen, absurd ist, wenn wir die Rolle der Emotionen ausblenden oder nur als ein Randphänomen behandeln. Oder so tun, als seien Emotionen und die Frage, ob ein Text uns berührt, nur eine Frage der Mainstream-Literatur … Aber wie gesagt, das ist ein wirklich „weites Feld“ und es würde mich freuen, wenn mein Nachdenken darüber durch weitere kritische Kommentare befördert würde!

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  6. Es gab eine Zeit, in der ich gerne Randnotizen in Büchern machte. Fachliteratur oder Roman – das war egal. Beim wiederholten Lesen wurde mir damit ganz deutlich vor Augen geführt, wie anders ich nun war. Zum Teil verstand ich meine eigenen Gedankengänge nicht mehr.

    Wie und ob über Bücher gesprochen wird? Ehrlich gesagt geht das ohne innere Beteiligung an mir vorbei. Wenn es mir passt, dann lese ich den Kommentar oder rede mit, wenn es nicht meine Art ist, dann lasse ich es. Am liebsten aber lese ich Bücher einfach für mich und meine Kügelchen.

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar! Mir geht es sehr ähnlich, was die „innere Beteiligung“ betrifft und ich werde das jetzt in meinen aktiven Wortschatz übernehmen: „Ich und meine Kügelchen“ – auch dafür einen herzlichen Dank und schöne Grüße für einen sonnigen Tag 😉

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  7. Liebe Jutta,
    nun tauschen wir uns so ausführlich und engagiert über Literatur aus, dass es keinen Antwort-Button mehr gibt! Soll mal einer sagen, im „Internet“ finden keine Diskurse statt.
    Mit Deinen Hinweisen auf den Kontext Deines Textes hast Du mein Leseverständnis deutlich erweitert. Vor allem der Auslöser – die unterschiedliche Debattierfreudigkeit je nach Art des Artikels – hat hier viel weiter geholfen.
    Und Deine Lieblingsfragen an Texte finde ich sie gut, dass ich sie gleich in meinen inneren Katalog von Herangehensweisen an Literatur aufgenommen habe: „Worin besteht das Wagnis, das genau dieser Text eingeht? Hat er das Potential mich zu beunruhigen, etwas in Frage zu stellen usw.?“ Das sind Fragen, die gut helfen, mit mir selbst ins Gespräch über einen Text zu kommen und dann auch in ein Gespräch mit anderen.
    Deinen Überlegungen, dass Literatur erst beim Lesen „fertiggestellt“ wird, stimme ich sehr zu. Aber, und nun kommt meine Erfahrung in der Schule, es braucht eben auch die literaturwissenschaftlichen Kenntnisse, um solch eine Fertigstellung zu erreichen, die dann natürlich auch gerne von Leser zu Leser differenziert sein darf. Problematisch ist dagegen, den ersten Urteilen „aus dem Bauch“ zu folgen: Das machen Schüler halt sehr gerne, weil sie viel zu oft und viel zu häufig nach ihren ersten Leseeindrücken gefragt werden – und weil sie eben immer mit viel Emotion lesen (dabei reißen ihre Emotionen sie auch gerne einmal völlig weg, die Deutung kann dann wirklich nicht mehr „richtig“ sein,m weil sie auf einem schwankendem Textverständnis beruht). Und etwas, das für Schüler gilt, gilt so vielleicht auch für uns „Ältere“: Die vorurteils- und emotionsfreie Auseinandersetzung mit einem Text, der Blick darauf, wie ein Text „gemacht“ ist, die Frage danach, was der Autor wohl im Sinn gehabt haben könnte, ganz unabhängig von der eigenen Begegnung mit dem Text, der Versuch also, sich dem Text auf einer distanzierten Weise zu nähern, kann auch helfen, einen Text anders zu erschließen, kann vor allem helfen, das eigene Verständnis zu erweitern. Mir ist diese Art des Lesens auch wichtig, sicherlich auch eine berufsbedingte Betrachtung.
    Insgesamt aber: Dass Auseinandersetzung über ein Thema wichtig, hilfreich, Horizont erweiternd ist, das zeigt alleine diese Diskussion hier, ausgelöst durch Deinen Gedanken zum Lesen von Büchern.
    Einen schönen Sonntag wünscht Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      ich danke dir sehr für diesen Austausch, der wie gesagt, ein Geschenk für mich ist!
      Auch mir ist jetzt nochmal verständlicher geworden, auf welchem Erfahrungshintergrund deine Anmerkungen entstanden sind – ich sehe sie sehr lebhaft vor mir, deine SchülerInnen, die vom Schwung ihrer Emotionen sicherlich manchmal an Orte getragen werden, weitab vom Text und vielleicht sogar seinen Nebengleisen. Und da wünsche ich mir auch sehr die beherzte (LehrerInnen)-Nachfrage: (Aber) was steht denn im Text? Ist eine bestimmte Lesart halbwegs „gedeckt? (Aber ehrlich gesagt wünsche ich mir das öfter auch mal bei Rezensionen im „Qualitäts-Feuilleton, bei denen mir dann die Argumente und „Kriterien“, die sich halt so oder so meist finden und verwenden lassen, eher vorgeschoben kommen – weswegen ich auf die Idee mit den Kügelchen kam …)
      Als Autorin bin ich ja wiederum in der glücklichen Lage, Vogel und nicht Ornithologin zu sein und erlaube mir daher, jeden Anspruch auf Vollständigkeit oder Systematik preiszugeben und mir für meine persönlichen „Lese- und Schreibtheorien“ herauszupicken, was mir gerade weiterhilft: Und da taucht aus den Tiefen des Gedächtnisses die Vorstellung eines „idealen“ Lesers auf, bzw. die Frage, welche gedanklichen, aber eben auch Erfahrungshintergründe müsste ein Leser, eine Leserin idealerweise besitzen, um alle in einem Text „angelegten“ Möglichkeiten entfalten zu können.
      Also jetzt danke ich dir nochmals ganz herzlich, weil ich jetzt schnell aufhöre mit dem Gefühl: So viel Klarheit war lange nicht mehr 😉
      Ich wünsche dir auch einen richtig schönen Sonntag – wenn schon ohne Sonne, dann vielleicht mit Torte?!

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  8. Liebe Jutta,
    jetzt haben wir aber nach allen Regeln der Kunst bewiesen, dass Texte ganz unterschiedlich rezipiert werden. Schon die Profession bringt ja ganz offensichtlich verschiedene Arten, an einen Text heranzugehen, mit sich.
    Torte gab es gestern leider nicht, dafür ganz viel italienische Bergsonne und wunderbare Blicke auf die Dolomiten (hihi, ein bisschen eine lange Nase machen muss ja auch sein :-)).
    Viele Grüße von einer Ornithologin an den Vogel, Claudia

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    1. Liebe Claudia, der Vogel ist heute zweimal triefend nass geworden und findet ansonsten auch, dass wir eigentlich irgendeinen „Award“ verdient hätten – haben andere schon für weniger friedensstiftende Maßnahmen erhalten, scheint mir 😉 Lass es dir gut und sonnig ergehen!

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