Worüber wir reden, wenn wir von Büchern reden – oder auch von Menschen

Manchmal stelle ich mir vor, dass alle Menschen aus tausenden Kügelchen bestehen, die ganz unterschiedliche Farben annehmen können. Unser jeweiliges Wohlbefinden wirkt sich genauso aus wie die Tageszeit oder ein Magengrummeln, Durst, Müdigkeit oder der Schreck, der uns beim Gedanken an unseren Kontostand befällt. Unser Alter spielt eine Rolle und ob wir gerade verliebt oder verärgert sind. In meiner Vorstellung sind wir nie genau die gleichen und wir unterscheiden uns auch und vor allem, je nachdem, mit welchen Menschen wir gerade in einem Raum sind. Es gibt Menschen, die machen uns großzügiger oder engherziger, lassen uns wachsen oder schüchtern uns ein.

Meine Freundin Anna besitzt ein großes empfindsames Herz, sie hat einen ganz eigensinnigen und frechen Humor und sie weiß, dass es Aufgaben gibt, die uns niemand abnimmt. Das sind ziemlich viele, ziemlich gute Eigenschaften, aber manchmal verletzt Anna andere auch im Vorbeigehen und ich kann diejenigen, die unsere Freundschaft erstaunt, durchaus verstehen. Es ist nicht nur so, dass unterschiedliche Menschen Anna unterschiedlich wahrnehmen, es ist so, dass Anna eine andere Person ist, je nachdem, mit wem sie gerade zusammen ist und es kommt mir unsinnig vor, mit jemandem darüber zu diskutieren, oder gar zu streiten, „was für ein Mensch Anna ist“.

Ich glaube, dass es mit Büchern sehr ähnlich ist: Wir interagieren mit ihnen und wir können, selbst wenn wir wollen, nie ein Buch zweimal auf die „gleiche Weise“ lesen. Bücher bringen in jeder Leserin, jedem Leser ganz unterschiedliche Töne zum Klingen und bestehen aus einer einmaligen Kombination von Eigenschaften, die sich mir anders präsentieren als meiner Nachbarin. Eine Schwäche, die ich dem einen Text mühelos nachsehen kann, ärgert mich bei einem anderen. Eine gewisse „Kalauerdichte“ führt bei mir unweigerlich zum Leseabbruch – da kann alles andere an dem Text großartig sein. Das ist nicht „logisch“ oder „fair“ – aber ich bin überzeugt, dass es ist in aller Regel so ist. Wir nehmen ein irrsinnig große Zahl von Eindrücken auf, wenn wir es mit einem Text oder einem Menschen zu tun haben und es ist uns oft noch nicht einmal möglich, genau zu benennen, welche „Korrespondenzen“ dazu führen, dass wir einen Text oder ein Menschen „mögen“, dass wir uns vielleicht sogar „verlieben“ oder einen Menschen, ein Buch „ablehnen“.

Das scheint mir der „Normalfall“ zu sein, was nicht ausschließt, dass es andere Lektüren geben kann – von WissenschaftlerInnen oder LiteraturkritikerInnen, die systematischer ausfallen (wie immer das dann im einzelnen gelingt oder aussieht). Wenn es so sein sollte, wie ich es beschrieben habe, dann bedeutet das, dass wir uns unsere jeweiligen Lektüreeindrücke erzählen können, dass das auch sehr anregend (manchmal verblüffend) sein kann, dass diese Eindrücke aber in der Regel ungeeignet sind, um „Debatten“ auszulösen. Womit ich (endlich) zum Anlass dieses Beitrags vorgedrungen wäre:

In seinem sehr lesenswerten Beitrag „Können wir bitte endlich wieder über Literatur reden?“ fragt Tobias auf seinem Blog Libroskop: „Die Literaturblogosphäre debattiert über eine Professionalisierung, der Buchbetrieb debattiert über die Qualität des zeitgenössischen Feuilletons und der Perlentaucher debattiert über ein Online-Literaturmagazin. Aber wer diskutiert eigentlich noch über Bücher?“

Ich vermute, mit Büchern ist es wie mit Menschen – manchmal gibt es da nicht viel zu diskutieren …

Und was meint Ihr?