(17) „Ich bin eher nicht so der wütende Typ!“

Die Wut und überhaupt die Emotionen sind für das Schreiben große, wichtige Themen und deswegen werde ich direkt noch zwei weitere Schreibanregungen vorstellen, die dazu einladen, sich der Wut auf eine vergleichsweise ungefährliche Weise zu nähern. Die erste ist die Aufforderung etwas zu dem Satz zu schreiben, den ich bereits im Titel für diesen Beitrag zitiert habe. Ich verdanke ihn Maike, einer langjährigen Teilnehmerin meiner Werkstätten. Den Satz „Ich bin eher nicht so der wütende Typ“, sagt in einem von Maikes Texten ein Mann, der an einer Bar sitzt. Er sagt es gegen Ende des Textes und damit zu einem Zeitpunkt, wo wir ihn schon besser kennengelernt haben und irgendwie (so habe ich es jedenfalls in Erinnerung) verdichtet sich in dieser gleich doppelt zurückgenommen Selbstcharakterisierung seine ganze persönliche Tragik auf eine sehr komische Weise. Ich kann mich noch gut an die große Begeisterung und Heiterkeit erinnern, die dieser Text auslöste – und an die zahlreichen „Geständnisse“, die sich anschlossen: Waren wir nicht alle „eher nicht so wütende Typen“? Und so wurde aus dem Dialog-Satz eine Schreibanregung, die mittlerweile schon viele Texte inspiriert hat. Texte, die auf komische oder ernste Weise von all den versteckten oder offenen Formen erzählen, die die Wut annehmen kann. Ihr könnt diesen Satz als Einstieg für einen autobiographischen Text verwenden, aber natürlich auch einer fiktiven Figur in den Mund legen.

Das gleiche gilt auch für die zweite Anregung. Für diese stellt Euch bitte einen Weg vor, den ihr sehr häufig geht oder früher gegangen seid. Es wäre gut, wenn Ihr Euch diesen Weg wirklich gut vorstellen könnt. Und nun stellt Euch vor, dass Ihr oder eine erfundene Figur diesen Weg lang geht und zwar mit einer wirklich großen Portion Wut in der Magengegend. Ihr (oder die fiktive Figur) schimpft vor Euch hin und alles was Ihr seht, gibt Eurer Wut neue Nahrung oder verbindet sich jedenfalls mit ihr. (Noch ein Tipp für alle (die so wie ich selbst ja auch) „eher nicht so der wütende Typ“ sind: Löst die Wut nicht auf – oder jedenfalls nicht schon nach ein paar Metern. Haltet sie ein bisschen durch.)

Wie wir die Menschen wahrnehmen, die uns umgeben oder begegnen, das ist sehr abhängig von unseren Stimmungen. Wir sehen ganz anders „in die Welt“ je nachdem, ob wir gerade voller Zuversicht und guter Laune sind oder ob wir gekränkt oder ärgerlich sind und das trifft natürlich auch auf unsere Figuren zu. Vielleicht achtet Ihr beim Schreiben, beim Lesen einmal darauf, wie direkt oder indirekt Ihr von den Stimmungen und Emotionen der Figuren erfahrt. Vielleicht müssen die Leser:innen nicht in jeder Szene eine Vorstellung davon haben, in welcher emotionalen Verfassung sich die Figuren befinden (vielleicht!) – aber Ihr als Autor:innen solltet es wissen …

Ich freue mich auf Eure „Wutausbrüche“, auf Eure Erfahrungen oder Kommentare!

Versuche über Fußball: Torjubel

Ich habe das absolute Gehör. Oder jedenfalls eine Variante davon. Eine leider eher sinnlose Variante: Ich kann jedem TOR-Jubel anhören, ob er „echt“ ist. Oder aufgesetzt. Ich hasse aufgesetzte TOR-Jubel-Schreie. Fast alle (deutschen) Fußballreporter stoßen TOR-Jubel-Schreie aus, die sich nicht aus einer echten Emotion nähren.

Ich stelle mir vor, dass sie das tun, weil sie auf ihren Fußballreportertribünen ständig ihre italienischen, spanischen, englischen usw. Kollegen schreien hören. Das gefällt ihnen und sie wissen auch, dass es ihnen ZuhörerInnen gefallen würde und deswegen möchten sie auch so sein. Das ist verständlich, wir alle lieben es, wenn Menschen in Begeisterung geraten, wenn sie uns an ihren Emotionen teilhaben lassen, aber so geht es leider nicht! Man kann sich nicht vornehmen, schon beim Anpfiff in einen hysterischen Taumel zu geraten – wenn man tatsächlich ein eher sachlicher Typ ist, der im Fall großer Aufregung allenfalls den kleinen Finger der linken Hand abspreizt.

Auch im Stadion hat sich (zumindest in unserer Ostkurven-Ecke) in den letzten Jahren der seltsame Brauch etabliert, dass alle alle im Falle eine Tores umarmen. Als Zeichen einer überbordenden Freude („und dann fielen sich wildfremde Menschen in die Arme …“), die aber eben nicht bei JEDEM Tor gleichermaßen überbordend ist.

Vielleicht haben wir uns einreden lassen, Fußball sei eine einzige große Emotion. 90 Minuten. Ohne Unterbrechung. In jedem Spiel. Aber das stimmt nicht. In Fußball-Stadien entstehen Emotionen, die einmalig sind. Aber sie entstehen nicht, weil wir sie herbeisingen oder -schreien oder -zwingen wollen. Sie entstehen, weil es einer Mannschaft in einer aussichtslos erscheinenden Situation gelingt, ins Spiel zurück zu kommen oder es gar zu wenden, weil ein Spieler, eine Mannschaft vollkommen über sich hinauswächst, weil wir ZeugInnen einer Geste von großer Fairness werden oder eben weil ein Sieg gelingt, der uns den Glanz eines Pokals einbringt oder zumindest den Glauben daran.

Wenn es soweit ist, haben wir Tränen in den Augen, wir umarmen jeden, der in der Nähe ist und können unser Glück nicht fassen – und bis dahin können wir uns ganz unaufgeregt so verhalten, wie wir es immer tun.

25. Vom schwierigen Umgang mit Gefühlen (auch) beim Schreiben von Geschichten

Vor kurzem ging es durch die Presse: Das Lesen von Romanen steigert die Empathiefähigkeit. George Eliot wusste das schon 1856 und schrieb: „Der größte Gewinn, den wir dem Künstler verdanken – ob Maler, Dichter oder Romanautor -, ist die Ausdehnung unserer Anteilnahme (…) Die Kunst (…) bietet einen Weg unsere Erfahrung zu erweitern und den Kontakt zu unseren Mitmenschen über unsere persönlichen Grenzen hinaus auszudehnen.“ (Dieses Zitat stammt aus einem Essay über den deutschen Realismus „The Natural History of German Life“. Ich habe es gefunden in dem großartigen Buch „Die Kunst des Erzählens“ von James Wood).

Nicht zuletzt die mit Erlebnissen, Ereignissen verbundenen Gefühle, bilden unsere Schreibanlässe und als Leser:innen interessiert uns nicht zuletzt, ob wir von einem Text (emotional) berührt werden. Als wenn das nicht schon genug des ja immer schwer zu fassenden Gefühlslebens wäre, benötigen natürlich auch unsere Figuren Gefühle, sonst bleiben sie unbeseelte Roboter.

Über die Gefühlslagen von Autor:innen möchte ich hier nicht viel spekulieren, nur zwei Erfahrungen erwähnen: eine gelungene Form für ein spezielles Unglück zu finden, kann eine beglückende Erfahrung sein. Und: Eine nicht eingestandene Wut oder ein Ärger, die sich im Text immer wieder Bahn brechen, können diesen vollständig aus der Balance bringen.

Aber hier soll nun vor allem von den Figuren unserer Texte die Rede sein, von ihren Gefühlen und davon, wie wir davon berichten. In einem kombinierten Lese- und Schreibkurs zu Alice Munro waren die Teilnehmerinnen verblüfft, wie stark die Emotionen waren, die der Text in ihnen hervorrief – und wie wenig konkrete Aussagen zu den Gefühlslagen der Figuren sich im Text tatsächlich befanden. Die Geschichte, die wir lasen, hat den Titel „Abschied von Maverley“ und ist in dem Band „Liebes Leben“ (2013) enthalten. Es ist die Geschichte einer großen Liebe: Ein Mann (Ray), aus dem Krieg zurückkehrt, holt seinen Schulabschluss nach und verliebt sich in die Lehrerin Isabel. Isabel stammt aus deutlich besseren Verhältnissen, ist verlobt und alles spricht gegen diese Verbindung – aber sie heiraten. Auf dieses unvorhergesehene Ereignis folgt ein zweites: Isabel erkrankt schwer und kann nicht mehr unterrichten. Ray arbeitet hart, um allein den notwendigen Lebensunterhalt bestreiten zu können und kommt beruflich in Kontakt zu einem jungen Mädchen (Leah). Alice Munro erzählt eine Geschichte von drei Personen und lässt uns im unklaren, ob es je eine „Dreiecksgeschichte“ wird, ob das überhaupt das „Thema“ dieser Geschichte ist. Mal erwarten wir einen solchen Verlauf und dann erhalten wir wieder gegenteilige Signale, die uns glauben machen, es seien eher unsere klischeegefütterten Vorstellungen, die uns einen solchen Verlauf annehmen ließen.

Schließlich befindet sich Isabel in einem komaähnlichen Zustand. Im Text heißt es: „Sie können ruhig nach Hause gehen“, wurde ihm gesagt. Man würde ihn informieren, sobald eine Veränderung eintrat. Das leuchtete ein. Er hatte nicht nur alle ihm zustehende Zeit in den Angehörigenzimmern aufgebraucht, sondern auch mehr als den ihm zustehenden Urlaub … Alles sprach dafür, dorthin zurückzukehren. Stattdessen blieb er in der Stadt.“

Was für eine (emotionale) Kraft steckt in diesem „Stattdessen blieb er in der Stadt.“ Später heißt es: „Eine ganze Zeit hatte er sie einmal am Tag besucht. Dann ging er jeden zweiten Tag zu ihr. Dann zwei Mal in der Woche.“ Wir erfahren nicht genau, was in Rays Innerem passiert, wie sich Liebe und Pflichtgefühl und vielleicht auch Abhängigkeit in ihm zueinander verhalten, sein Handeln bestimmen, aber so ist es eben – wir können anderen Menschen nicht in den Kopf schauen und es ist vielleicht gut, wenn uns literarische Texte gelegentlich daran erinnern.

Es gibt in diesem Text nur zwei szenische Darstellungen und beide geben Begegnungen zwischen Ray und Leah wieder. In der zweiten begegnen sich Ray und Leah zufällig im Krankenhaus – und dann stirbt Isabel und Ray ist von diesem Tod vollkommen erschüttert. „Gar nicht lange, und er fand sich draußen auf der Straße wieder, tat so, als hätte er einen ebenso normalen und guten Grund wie alle anderen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Was er mit sich trug, alles, was er mit sich trug, war ein Mangel, etwas wie ein Mangel Luft, am korrekten Funktionieren seiner Lunge, eine Beschwernis, die wahrscheinlich nie aufhören würde.“

Kann man die existenzielle Dimension eines Verlustes anschaulicher machen?

Wer über literarische Texte, über Figuren redet, redet meist auch über Gefühle. Darüber, ob das Geschilderte nachzuvollziehen ist oder nicht. Ob es uns berührt und wie sehr. Manchmal ist es schwierig, über Gefühle zu reden, weil wir dann eben auch immer über uns, über einen möglicherweise sehr persönlichen Bereich unserer selbst reden, aber wenn wir es vermeiden, blenden wir eine Dimension des Textes aus, die mitentscheidet, wie unser Urteil über einen Text ausfällt.