Versuche über Fußball: Für wen bin ich heute?

Für wen ich bin, erfahre ich beim Betrachten eines Fußballspiels oft erst nach einigen Minuten, es kann auch schon mal eine Halbzeit darüber vergehen. Wer es mir mitteilt, ist meist mein angespannt mitzuckender Arm, manchmal mein Fuß, der einem imaginären Ball den gerade noch fehlenden Drall ins Tor gibt. Von da an weiß ich: Ich bin für Portugal/Brasilien/Kamerun/Deutschland.
Eigentlich würde ich die Entscheidung gerne selbst übernehmen und nicht meinen eigensinnigen Extremitäten überlassen – aber sie haben sich hinter meinem Rücken mit Adrenalin und anderen chemischen Substanzen so fest verbündet, dass mein kleiner Verstand dagegen keine Chance hat.

Ich wäre zum Beispiel sehr gerne öfter für Deutschland. Mir kommt dieses „Ich bin gegen Deutschland“ schon seit mehreren Großturnieren etwas pubertär vor. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich jetzt sogar wahrscheinlich fast immer für Deutschland – aber ich kann es mir nicht aussuchen, es passiert. Auch kürzlich beim Test gegen Kamerun, ich kam mir sehr entschieden für Deutschland vor und dann jubelt mein rechter Arm plötzlich los, als für Kamerun ein Tor fällt.
Eine komplizierte Sache, dieses: Für wen bin ich heute – und wenn ja für wie lange? Entscheidende Einflussfaktoren: die „Schönheit des Spiels“, der „David-gegen-Goliath“-Koeffizient, der Tragik-Aspekt („Sollte es dieser goldenen Generation von NiederländernPortugiesen/Engländern nicht gelingen, auch nur einen einzigen Titel zu erringen?“) und als Joker Kindheitserinnerungen – die schönsten Tage meiner Kindheit verbrachte ich an holländischen Stränden.

Natürlich hängt immer alles auch von Werder ab – Werder ist ja die einzige Konstante innerhalb meines Fußball-Koordinatensystems. Z. B. bei der Europameisterschaft 1996: drei Werderaner im Kader (Reck, Eilts, Bode) und dann auch noch Jens Todt nachnominiert. Nie könnte ich gegen eine Mannschaft sein, in der Marco Bode spielt („Er hätte ein Weltklassespieler werden können, wenn er sich nur ein kleines bißchen für Fußball interessiert hätte“, Frank Rost).
Bis vor kurzem dachte ich, diese Vereinsfixierung sei typisch deutsch, aber dann las ich in einem Interview im Weser-Kurier mit dem ehemaligen Werder-Präsidenten Jürgen L. Born folgende Passage:

„Als Brasilien 1994 Weltmeister wurde, kam die Mannschaft zurück von der WM, und sie ist mit ihrem Flugzeug an vier Orten gelandet – in Salvador, in Rio, in Sao Paulo und ganz zum Schluss in Porto Alegre. Die Spieler sind einzeln an der Flugzeugtür erschienen, für eine Minute oder so – aber eben nicht alle.
Nicht alle?
Nein. Die Spieler von Porto Alegre, die haben sich nicht gezeigt, als das Flugzeug beispielsweise in Salvador runterging oder in Rio. Denn die Anhänger der Vereine aus Salvador und aus Rio, die hätten sie ausgepfiffen. Die Spieler, die gerade Weltmeister geworden waren! Nur weil die nicht aus ihrer Region waren.“

Wenn also am Montag Portugal gegen Deutschland spielt, ist das nur auf den ersten Blick eine werderfreie Angelegenheit, denn immerhin stehen mit Mertesacker, Özil und Hugooooo Almeida gleich drei ehemalige Werderaner auf dem Platz und Podolskis Karriere wäre sicherlich auch erfolgreicher verlaufen, wenn er damals zu uns und nicht zu den Bayern auf die Bank gewechselt wäre …

Und heute Abend? Die Niederlande gegen Spanien? Die Niederländer sind vielleicht die einzigen, die von mir nicht mit sofortigem Sympathie-Entzug bestraft werden, wenn sie nicht schön spielen. Die dürfen das. Die haben so oft und anhaltend und unverdrossen schön gespielt, dass sie unbedingt mal etwas gewinnen müssten, damit sie nicht durchdrehen. Verzweifeln. Sich gegenseitig an den Kragen gehen. Wie die Spanier. Die Spanier haben ja wahrscheinlich auch im allerletzten möglichen Moment mit dem Titelgewinn den Erfolg gehabt, der sie vor einer Kamikaze-Aktion bewahrt hat, wie Mourinho zu engagieren oder wie alle mit Vertikal/Tempo/Umschalt-Getriebe zu spielen.

Weniges in meinem Leben ist so stabil, wie meine Sympathie für die Niederländer und außerdem haben die Spanier jetzt auch mal genug gewonnen. Eine klare Sache also, ich könnte mein knallorangenes Oranje-Shirt bereitlegen, ich könnte mich ein bisschen mit dem holländischen Kader beschäftigen … Allerdings, wenn ich sehr, sehr aufmerksam „in meinen Körper hineinhorche“, dann scheint mir dort eine ziemlich Einigkeit zu herrschen, dass (Bayern)-van Gaal nicht geht. Auf gar keinen Fall. Also werde ich für Tikitaka Spanien sein? Ich werde berichten!

Versuche über Fußball: Torjubel

Ich habe das absolute Gehör. Oder jedenfalls eine Variante davon. Eine leider eher sinnlose Variante: Ich kann jedem TOR-Jubel anhören, ob er „echt“ ist. Oder aufgesetzt. Ich hasse aufgesetzte TOR-Jubel-Schreie. Fast alle (deutschen) Fußballreporter stoßen TOR-Jubel-Schreie aus, die sich nicht aus einer echten Emotion nähren.

Ich stelle mir vor, dass sie das tun, weil sie auf ihren Fußballreportertribünen ständig ihre italienischen, spanischen, englischen usw. Kollegen schreien hören. Das gefällt ihnen und sie wissen auch, dass es ihnen ZuhörerInnen gefallen würde und deswegen möchten sie auch so sein. Das ist verständlich, wir alle lieben es, wenn Menschen in Begeisterung geraten, wenn sie uns an ihren Emotionen teilhaben lassen, aber so geht es leider nicht! Man kann sich nicht vornehmen, schon beim Anpfiff in einen hysterischen Taumel zu geraten – wenn man tatsächlich ein eher sachlicher Typ ist, der im Fall großer Aufregung allenfalls den kleinen Finger der linken Hand abspreizt.

Auch im Stadion hat sich (zumindest in unserer Ostkurven-Ecke) in den letzten Jahren der seltsame Brauch etabliert, dass alle alle im Falle eine Tores umarmen. Als Zeichen einer überbordenden Freude („und dann fielen sich wildfremde Menschen in die Arme …“), die aber eben nicht bei JEDEM Tor gleichermaßen überbordend ist.

Vielleicht haben wir uns einreden lassen, Fußball sei eine einzige große Emotion. 90 Minuten. Ohne Unterbrechung. In jedem Spiel. Aber das stimmt nicht. In Fußball-Stadien entstehen Emotionen, die einmalig sind. Aber sie entstehen nicht, weil wir sie herbeisingen oder -schreien oder -zwingen wollen. Sie entstehen, weil es einer Mannschaft in einer aussichtslos erscheinenden Situation gelingt, ins Spiel zurück zu kommen oder es gar zu wenden, weil ein Spieler, eine Mannschaft vollkommen über sich hinauswächst, weil wir ZeugInnen einer Geste von großer Fairness werden oder eben weil ein Sieg gelingt, der uns den Glanz eines Pokals einbringt oder zumindest den Glauben daran.

Wenn es soweit ist, haben wir Tränen in den Augen, wir umarmen jeden, der in der Nähe ist und können unser Glück nicht fassen – und bis dahin können wir uns ganz unaufgeregt so verhalten, wie wir es immer tun.