Versuche über Fußball: Torjubel

Ich habe das absolute Gehör. Oder jedenfalls eine Variante davon. Eine leider eher sinnlose Variante: Ich kann jedem TOR-Jubel anhören, ob er „echt“ ist. Oder aufgesetzt. Ich hasse aufgesetzte TOR-Jubel-Schreie. Fast alle (deutschen) Fußballreporter stoßen TOR-Jubel-Schreie aus, die sich nicht aus einer echten Emotion nähren.

Ich stelle mir vor, dass sie das tun, weil sie auf ihren Fußballreportertribünen ständig ihre italienischen, spanischen, englischen usw. Kollegen schreien hören. Das gefällt ihnen und sie wissen auch, dass es ihnen ZuhörerInnen gefallen würde und deswegen möchten sie auch so sein. Das ist verständlich, wir alle lieben es, wenn Menschen in Begeisterung geraten, wenn sie uns an ihren Emotionen teilhaben lassen, aber so geht es leider nicht! Man kann sich nicht vornehmen, schon beim Anpfiff in einen hysterischen Taumel zu geraten – wenn man tatsächlich ein eher sachlicher Typ ist, der im Fall großer Aufregung allenfalls den kleinen Finger der linken Hand abspreizt.

Auch im Stadion hat sich (zumindest in unserer Ostkurven-Ecke) in den letzten Jahren der seltsame Brauch etabliert, dass alle alle im Falle eine Tores umarmen. Als Zeichen einer überbordenden Freude („und dann fielen sich wildfremde Menschen in die Arme …“), die aber eben nicht bei JEDEM Tor gleichermaßen überbordend ist.

Vielleicht haben wir uns einreden lassen, Fußball sei eine einzige große Emotion. 90 Minuten. Ohne Unterbrechung. In jedem Spiel. Aber das stimmt nicht. In Fußball-Stadien entstehen Emotionen, die einmalig sind. Aber sie entstehen nicht, weil wir sie herbeisingen oder -schreien oder -zwingen wollen. Sie entstehen, weil es einer Mannschaft in einer aussichtslos erscheinenden Situation gelingt, ins Spiel zurück zu kommen oder es gar zu wenden, weil ein Spieler, eine Mannschaft vollkommen über sich hinauswächst, weil wir ZeugInnen einer Geste von großer Fairness werden oder eben weil ein Sieg gelingt, der uns den Glanz eines Pokals einbringt oder zumindest den Glauben daran.

Wenn es soweit ist, haben wir Tränen in den Augen, wir umarmen jeden, der in der Nähe ist und können unser Glück nicht fassen – und bis dahin können wir uns ganz unaufgeregt so verhalten, wie wir es immer tun.

9 Comments

  1. Tooooooooor! Will meinen: Ein schöner Beitrag über Emotionen und die Art, wie wir sie ausdrücken. Wird ein Gefühlsausdruck ritualisiert – beispielsweise auch dieser Friedenshandgruß, der neuerdings wohl in Gottesdiensten, wie ich bei div. Firmungen, Kommunionen von meinen zahllosen Neffen, Nichten etc. miterlebt habe, zum Ritual gehört – ist er nicht mehr „gefühlsecht“. Geefühlsmäßig hoffe ich jedoch, dass Dich das Fußballfieber noch zu weiteren Beiträgen dieser Art hinreißt 🙂

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    1. Liebe Birgit, dein freundlicher Kommentar macht mir Mut, den gestern gefassten Plan umzusetzen: eine kleine Reihe mit sehr unterschiedlichen Texten „zum Fußball“ (auch) hier zu veröffentlichen. Ich vergesse immer mal wieder, was über die Jahre hier und da entstanden ist und jetzt passt es ja eigentlich ganz gut 🙂

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    1. Insgesamt bin ich gar nicht so skrupulös – aber bei diesem Fußball-Thema war ich schon zwiespältig, weil es ja selbst der fußballinteressierten Person, die ich bin, oft zu viel wird. Daher freuen mich die aufmunternden Reaktionen von dir und den „Vorrednerinnen“ besonders! Und ich habe da tatsächlich noch ein bisschen was auf Lager …
      Herzliche Grüße! J.

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  2. Sehr geübt die letzten Tage. Habe es durchaus ernst genommen: TOOOOOOOOOOAAAAAAAAAAAAAAASSSSSSSSSSSSSSSSSST!!!!!!!!! Zuerst keine Reaktion. Taubheit. Dann aber, irgendwie hatte ich den richtigen Ton gefunden, genügend Überzeugung in der Stimme, bekam ich, was ich wollte: TOOOOOOOOOOOOOOOOOAAAAAAAAAAAAASSSSSSSSSSSST!!!!!!!!
    So können Brot und Spiele beginnen. Denn jetzt kann ich es herbeischreien wie Brot: TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR!!!!!!
    Lektion gelernt?

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    1. Ich hätte, bevor ich Ihre Zeilen las, lieber Herr Hund, umstandslos behauptet, dass mich die Frage nach den Konsequenzen, den Auswirkungen meines Schreibens noch nicht einmal an den Rändern meines Bewusstseins beschäftigt – und nun stelle ich verdutzt fest, dass mir die Schilderung Ihrer Bemühungen doch mehr als nur eine kleine Freude bereitet. Ich danke!

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