Die Wut und überhaupt die Emotionen sind für das Schreiben große, wichtige Themen und deswegen werde ich direkt noch zwei weitere Schreibanregungen vorstellen, die dazu einladen, sich der Wut auf eine vergleichsweise ungefährliche Weise zu nähern. Die erste ist die Aufforderung etwas zu dem Satz zu schreiben, den ich bereits im Titel für diesen Beitrag zitiert habe. Ich verdanke ihn Maike, einer langjährigen Teilnehmerin meiner Werkstätten. Den Satz „Ich bin eher nicht so der wütende Typ“, sagt in einem von Maikes Texten ein Mann, der an einer Bar sitzt. Er sagt es gegen Ende des Textes und damit zu einem Zeitpunkt, wo wir ihn schon besser kennengelernt haben und irgendwie (so habe ich es jedenfalls in Erinnerung) verdichtet sich in dieser gleich doppelt zurückgenommen Selbstcharakterisierung seine ganze persönliche Tragik auf eine sehr komische Weise. Ich kann mich noch gut an die große Begeisterung und Heiterkeit erinnern, die dieser Text auslöste – und an die zahlreichen „Geständnisse“, die sich anschlossen: Waren wir nicht alle „eher nicht so wütende Typen“? Und so wurde aus dem Dialog-Satz eine Schreibanregung, die mittlerweile schon viele Texte inspiriert hat. Texte, die auf komische oder ernste Weise von all den versteckten oder offenen Formen erzählen, die die Wut annehmen kann. Ihr könnt diesen Satz als Einstieg für einen autobiographischen Text verwenden, aber natürlich auch einer fiktiven Figur in den Mund legen.

Das gleiche gilt auch für die zweite Anregung. Für diese stellt Euch bitte einen Weg vor, den ihr sehr häufig geht oder früher gegangen seid. Es wäre gut, wenn Ihr Euch diesen Weg wirklich gut vorstellen könnt. Und nun stellt Euch vor, dass Ihr oder eine erfundene Figur diesen Weg lang geht und zwar mit einer wirklich großen Portion Wut in der Magengegend. Ihr (oder die fiktive Figur) schimpft vor Euch hin und alles was Ihr seht, gibt Eurer Wut neue Nahrung oder verbindet sich jedenfalls mit ihr. (Noch ein Tipp für alle (die so wie ich selbst ja auch) „eher nicht so der wütende Typ“ sind: Löst die Wut nicht auf – oder jedenfalls nicht schon nach ein paar Metern. Haltet sie ein bisschen durch.)

Wie wir die Menschen wahrnehmen, die uns umgeben oder begegnen, das ist sehr abhängig von unseren Stimmungen. Wir sehen ganz anders „in die Welt“ je nachdem, ob wir gerade voller Zuversicht und guter Laune sind oder ob wir gekränkt oder ärgerlich sind und das trifft natürlich auch auf unsere Figuren zu. Vielleicht achtet Ihr beim Schreiben, beim Lesen einmal darauf, wie direkt oder indirekt Ihr von den Stimmungen und Emotionen der Figuren erfahrt. Vielleicht müssen die Leser:innen nicht in jeder Szene eine Vorstellung davon haben, in welcher emotionalen Verfassung sich die Figuren befinden (vielleicht!) – aber Ihr als Autor:innen solltet es wissen …

Ich freue mich auf Eure „Wutausbrüche“, auf Eure Erfahrungen oder Kommentare!