Gefühle begleiten uns beim Schreiben auf unterschiedlichen Ebenen: Der Schreibprozess selbst ist oft mit starken Gefühlen oder Emotionen verbunden. Die sehr enge Verbindung von Schreiben und Scham war das Thema meines letzten Beitrags, aber natürlich ermöglicht das Schreiben auch Momente der Befriedigung, der Freude, der Anerkennung oder des Flows (Mihaly Csiksgentmihalyi).

Allerdings sind es nicht nur unsere eigenen Gefühlen oder Emotionen, mit denen wir schreibend konfrontiert sind, sondern wir haben es – sobald wir erzählen – auch immer mit den Gefühlen der Menschen oder Figuren zu tun, die unsere Geschichten bevölkern. Wir benötigen, wenn wir erzählen, eine Vorstellung davon, was unsere Protagonist:innen umtreibt, was sie berührt, was sie kränkt oder begeistert. Auch wenn das für manche eine schlechte Nachricht ist: Wir kommen, wenn wir lebendige, glaubwürdige Geschichten schreiben wollen, nicht daran vorbei, uns für Emotionen, für innere Zustände oder Motive von Menschen zu interessieren. Das hat nichts mit „Gefühlsduselei“ oder mit Kitsch zu tun (zwei sehr verbreitete und oft geäußerte Befürchtungen in Werkstatt-Gesprächen) und schon gar nichts mit der albernen Klischeevorstellung von „weiblichem Schreiben“.

Während ich über diesen Beitrag nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, wie oft ich in Schreibwerkstätten der Sorge von Teilnehmer:innen begegne, ihre sprachlichen Möglichkeiten könnten unzureichend sein, und dass ich kaum einmal („noch nie“ schreibe ich nur deswegen nicht, weil ich so ein schlechtes Gedächtnis habe) der Sorge begegnet bin, die jeweilige Menschenkenntnis, oder Empathie könne die Qualität von Texten limitieren. Vielleicht liegt das daran, dass viele Menschen insgeheim wissen, was Studien belegen: Bereits das Lesen von Kurzgeschichten erhöht die Empathiefähigkeit. Vielleicht konnte das moderne Individuum überhaupt erst entstehen, als der Roman erfunden wurde, der von ihm erzählt, der uns die Möglichkeit eröffnet, mit den Augen anderer in die Welt zu sehen.

Es gibt also viele gute Gründe sich lesend oder schreibend mit eigenen oder fremden Gefühlen zu beschäftigen und ein Gefühl, für das das besonders gilt, ist die Wut – gerade weil es für die meisten von uns ein „schwieriges“ Gefühl ist. Erfinde eine Figur, die in Wut gerät ist eine Einladung sich die Wut einmal ganz gezielt vorzuknöpfen und mit ihr zu experimentieren: Wie klein, wie unscheinbar kann sie beginnen? Durch welche Gesten, welche Sätze kann sie hindurchschimmern? Was lässt sie wachsen? Lässt sich von ihr erzählen, ohne die Figur, die von ihr erfasst wird, zu denunzieren? Vielleicht sind es ganz andere Fragen, die sich euch in den Weg stellen, denen ihr oder eure Texte nachgehen. Wie immer: Alles ist erlaubt – also auch das Gegenteil!

Ich freue mich auf eure Erfahrungen, Texte und Fragen!