Weniges ist für das Schreiben von Geschichten, von literarischen Texten so notwendig, wie das Staunen, das Wundern oder Verdutztsein. Für unseren „normalen Alltag“ ist jedoch das Gegenteil wichtig, da müssen wir die Komplexität der uns umgebenden Welt reduzieren. Daher sind wir normalerweise bestrebt, Momente der Irritation, der Unsicherheit oder Ratlosigkeit zu minimieren – vor allem dadurch, dass wir in Windeseile für (fast) alles Erklärungen finden. Ob unsere Vorstellungen oder Welterklärungen wirklich „wahr“ sind oder zutreffen, ist dabei gar nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass sie „funktionieren“.

Wenn wir schreiben, wenn wir überhaupt kreativ sein wollen, ist es allerdings wichtig, diesen Modus der Gewissheit, des Alles-immer-schon-ganz-genau-Wissens, der Eindeutigkeit zu verlassen. Manchen fällt das leichter (oder es ist vielleicht auch ihr „natürlicher“ Zustand), aber jede/r kann diesen Wechsel der Wahrnehmung, diesen veränderten Blick üben und damit experimentieren. Und vielleicht hilft dabei auch der Gedanke, dass wir als Kinder gar nicht anders konnten als staunend (glotzend würde Genazino wohl sagen) in die Welt zu schauen.

Über das Schauen, das Sehen hat Wilhelm Genazino, der das Verdutztsein (das eigene oder das seiner Protagonisten) zum poetologischen Programm erhoben hat, den so klugen wie originellen Aufsatz Der gedehnte Blick verfasst. Darin heißt es: „Das Kind bleibt, mitunter minutenlang, irgendwo stehen oder sitzen und schaut und schaut. … Meine Spekulation ist, dass Kinder von Anfang an ein Gefühl dafür zurückbehalten, dass sie nicht recht verstehen, was sie sehen, weil das Gesehene in der Vielfalt seiner Bedeutungen nicht richtig, nicht adäquat oder nicht vollständig verstanden werden kann. … Diese drei Eigenschaften (verdutzt, überrumpelt, sprachlos) sind es, die im gedehnten Blick einen Unterschlupf finden.“

Genazinos Werk besteht zu großen Teilen aus Beobachtungen, die immer ein klein bisschen verschoben, oft ein bisschen „verrückt“ im Wortsinne sind: „Eine Kassiererin zieht ein Preisschild von einer Dose Konserven herunter und klebt es sich auf den Unterarm. Ich warte, dass sie es wieder entfernt, aber sie ist zu sehr mit dem Eintippen von Warenbeträgen beschäftigt. Ich starre auf das Preisschild auf dem Unterarm und spüre das Bedürfnis, die Kassiererin an der Hand zu nehmen, sie aus dem Supermarkt herauszuführen. Aber ich weiß, dass mein Wunsch, unmittelbar und sofort in einer würdigen Welt zu leben, nur die Gestalt meines Wahnsinns ist, der auf seine Gelegenheit wartet.“(Aus: „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“)

Für die Wiederentdeckung des Staunens, des Rätselhaften gibt es natürlich kein Rezept, keine Regel. Jede/r wird für sich einen ganz eigenen Zugang (wieder)finden. Wichtiger als gleich etwas aufzuschreiben, ist es den „gedehnten Blick“ mit in den Alltag zu nehmen. Irritationen, Stolperstellen nicht gleich zu überspringen, sondern für genau diese Momente aufmerksam zu werden.

Ich freue mich auf Eure Eindrücke, Kommentare, Fragen – und natürlich auch auf erste Texte!