Es gibt Schreibanregungen, die ich mittlerweile reizvoll oder sinnvoll oder erhellend finde – und von denen ich gleichzeitig weiß, dass ich „früher“ (als ich hilfreicher Schreibanregungen noch dringend bedurfte) nie, nie, niemals auch nur erwogen hätte, sie aufzugreifen. Ich bin mir sicher: Über den Vorschlag, ein, zwei Seiten Text aus einem Buch mit der Hand abzuschreiben, hätte ich noch nicht einmal nachgedacht. Deswegen habe ich diese Übung auch noch nie „eingesetzt“.

Aber heute also doch und das hat mehrere Gründe: Ich weiß, dass es gerade vielen in Zeiten der Corona-Krise schwer fällt, ins Schreiben zu kommen und ich könnte mir vorstellen, dass das Abschreiben eines Textabschnitts für manche eine Möglichkeit sein könnte, sich dem Schreiben anzunähern. Es geht bei diesem „Abschreiben“ ja gar nicht darum (was ich früher automatisch unterstellt und abgelehnt hätte), den Stil, den Rhythmus, den Ton, den Einstieg, die Übergänge oder was auch immer einer geschätzten Autorin, eines geschätzten Autors einzuüben, um sie dann zu kopieren. Es geht viel mehr darum, Texte auf eine Weise, die tiefer geht als das gewöhnliche Lesen, zu erfassen. Zu verstehen, wie sie „gemacht“ sind. (Das liegt ja keineswegs immer auf der Hand, beim Schreiben nicht und in anderen Künsten auch nicht.)

Das Abschreiben (und ich glaube, dass es wirklich gut ist, es mit der Hand zu machen, aber vielleicht ist das auch unterschiedlich) ist eine Möglichkeit einen Text „von innen“ zu begreifen. Ich lese einen längeren Satz, ich schreibe die ersten Wörter dieses Satzes ab und dann vervollständigt mein Kopf ihn, so wie ICH ihn weiterschreiben würde. Aber wie hat Per Olov Enquist ihn tatsächlich weitergeschrieben oder Herta Müller? Siri Hustvedt oder Jurek Becker? Das Abschreiben zwingt mir ein langsameres Tempo auf, in dem die einzelnen Worte und Sätze anders zur Geltung kommen. Ein bisschen ist es, als könne man sich im fremden Text bewegen und genau umsehen.

Ich kenne keinen Autor, der kunstvoller Rückblenden einsetzt als Joseph O´Neill in Niederland (2010). Es ist unglaublich, wie er schon auf den ersten Seiten zwischen unterschiedlichen Zeitebenen hin und her springt, ohne dass es verwirrend wäre oder künstlich oder überflüssig wirken würde. Wie bei vielleicht allen guten Texten spüre ich als Leserin, dass er genau weiß, was er da tut und dass er es nicht tut, um die Leser:innen mit seinen Fertigkeiten zu beeindrucken, sondern weil die Geschichte, die er erzählen will, genau diese Erzählweise fordert. Er muss sie so erzählen.

Ich brauche, wenn ich einen Text zu schreiben beginne oft sehr, sehr viele Anläufe, bis ich einen Anfang habe, von dem aus ich dann weiterschreiben kann. Und manchmal, wenn ich nach zahllosen Versuchen das Gefühl habe, keinen Schritt weitergekommen zu sein, dann frage ich mich, wie würden wohl Streeruwitz oder Sebald, Lettau oder Munroe diesen Text beginnen. Oder O’Neill. Es geht bei dieser Frage nichts ums Kopieren oder Nachmachen, es geht darum, den eigenen Blickwinkel wieder zu vergrößern. Aus Enge wieder herauszukommen, in die man gelegentlich gerät …

Deswegen gibt es also heute von mir die Anregung, ab und zu einfach mal ein Buch aus dem Regal zu ziehen und daraus ein paar Absätze oder Seiten abzuschreiben. Und warum Per Olov Enquist? Weil der große schwedische Autor vorgestern gestorben ist und ich sein Buch Ein anderes Leben sehr schätze. (In der FAZ ist dieser Nachruf von Matthias Hannemann unter dem schönen Titel Dinge, über die man nur in einem Roman berichten kann erschienen, der auch auf das autobiographische Ein anderes Leben eingeht.) Und als ich gestern über dieses „Abschreiben“-Thema nachdachte, da kam es mir zusätzlich wie eine schöne kleine Referenz auf Enquist vor, die erste Seite dieses Textes abzuschreiben und hier zu verwenden – wie immer gibt es also auch beim „Abschreiben“ ganz unterschiedliche Motive und und Formen.

Ich freue mich auf Eure Erfahrungen, Gedanken, Fragen oder vielleicht auch unmittelbar nach dem Abschreiben selbstverfassten Texte, die irgendetwas des Gelesen aufnehmen?