Sie schaut aus dem Fenster

Sie schaut aus dem Fenster.

Als mir eben dieser Satz durch den Kopf ging, sah ich sofort eine bestimmte Frau vor mir und auch, was sie sieht.

Wen seht ihr? Und was sieht die Frau, die gerade vor eurem Auge  entsteht? Beobachtet sie  etwas? Oder interessiert sie gar nicht, was da draussen stattfindet, möchte sie nur ihren Blick schweifen lassen? Oder wendet sie sich ab? Hat jemand etwas zu ihr gesagt und nun will sie Zeit gewinnen? Was ist draussen? Was drinnen?

Mir scheint, es ist mal wieder eine Zeit, eine Schreibanregung in die Welt zu schicken, in der es sicherlich besser aussähe, wenn mehr Menschen Freude daran fänden, phantasierend ihren Ideen und Einfällen nachzugehen.

Also, auf geht es! Wie immer freue ich mich über eure Texte! Auf eurem Blog oder hier im Kommentarfeld – es müssen keine „richtigen Geschichten“ sein, eine kleine Skizze, Notiz oder auch nur etwas, das ein Anfang werden könnte – all das ist sehr willkommen!

Genazino, die Rätselhaftigkeit der Welt und das Verdutztsein

Ob wir es wollen oder nicht – wir müssen die Komplexität der uns umgebenden Welt radikal reduzieren – anders haben wir keine Chance zu überleben. Eine Möglichkeit besteht darin, dass wir vereinfachende Annahmen über das Leben entwickeln – was im übrigen ein eindeutig kreativer Vorgang ist. Wir tun z. B. so, als wenn wir wüssten, was in den Köpfen uns nahestehender Menschen im großen und ganzen vor sich geht und wir unterstellen oder konstruieren oft eine Sinn- und Regelhaftigkeit des Geschehens – solange es irgendwie gut geht. Und in sehr vielen Fällen geht das sehr lange gut. Es geht oft so lange gut, dass wir vollkommen vergessen, dass unser Leben und die darin auftauchenden Menschen mit ihren Beziehungen und Jobs und Angewohnheiten ja doch eigentlich eher seltsame Geschöpfe sind.

UND DANN KOMMT GENAZINO – und erinnert uns daran. An diese ganze Rätselhaftigkeit der Welt. Und plötzlich können wir keinen Fuß mehr vor die Tür setzen, ohne ganz „verdutzt“ zu sein – was ja nicht zufällig eines der Lieblingswörter von Genazino ist. Wir sehen einen einzelnen Damen-Schuh auf dem Spielplatz oder eine Anzugjacke auf dem Balkon (oder wir lesen von jemandem, der einen Schuh sieht oder eine Jacke) und wundern uns. Wir wundern uns vielleicht so sehr, dass aus dem fröhlichen Verdutztsein sogar ein unbehagliches Verstörtsein werden kann – auch das ist möglich.

Und das wirklich Wunderbare an Wilhelm Genazinos Texten ist, dass oft ein sehr kleines Detail, eine sehr kleine Beobachtung schon ausreicht:

„Eine Kassiererin zieht ein Preisschild von einer Dose Konserven herunter und klebt es sich auf den Unterarm. Ich warte, dass sie es wieder entfernt, aber sie ist zu sehr mit dem Eintippen von Warenbeträgen beschäftigt. Ich starre auf das Preisschild auf dem Unterarm und spüre das Bedürfnis, die Kassiererin an der Hand zu nehmen, sie aus dem Supermarkt herauszuführen. Aber ich weiß, dass mein Wunsch, unmittelbar und sofort in einer würdigen Welt zu leben, nur die Gestalt meines Wahnsinns ist, der auf seine Gelegenheit wartet.“(Aus: „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“)

Zum Ende eine Warnung: Es kann sein, dass wir den verdutzten Blick, wenn wir ihn einmal entdeckt haben, gar nicht mehr loswerden, nicht mehr „abschalten“ können. Das Schreiben wird dadurch vielleicht einfacher, das Leben vermutlich nicht …

Randnotiz: Alice Munro nicht zu kennen …

Alice Munro nicht zu kennen, muss niemandem peinlich sein. So, wie es niemandem peinlich sein muss, irgendwelche anderen Autorinnen oder Autoren nicht zu kennen. Als Literaturkritiker oder Autor sollte man sie hingegen schon kennen – und zwar nicht nur dem Namen nach.

Wenn man allerdings Alice Munro als Literaturkritiker oder Autor nicht kennt, dann darf einem das ruhig ein bisschen peinlich sein – aber man muss es ja nicht verraten. Man könnte versuchen, das Thema zu umgehen, man könnte sich mit unbestimmten Floskeln hindurchlavieren, aber wie kann man nur auf die Idee kommen, diese Unkenntnis hinauszutrompeten, als verriete sie irgendetwas über die prämierte Autorin, über die Qualität ihrer Texte?

Alice Munro ist eine wunderbare Autorin und wer lernen möchte, Geschichten zu schreiben, kann sich kaum eine bessere Lektüre aussuchen. Mit Sorgfalt und Genauigkeit entwickelt und zeichnet Munro Figuren und Entwicklungen und zieht uns in die Welten ihrer Protagonistinnen. Oft sind es Frauen, die viel Energie und Mühe auf den Versuch verwenden, ein gutes, ein glückliches Leben zu führen. Und dann passiert etwas …

Für diejenigen, die versuchen, ihren Blick für Geschichten zu schärfen und sich jetzt in die Munro-Lektüre stürzen: Was genau „passiert“ in den Geschichten? In welcher Schwierigkeit befinden sich die Figuren und wie erfahren wir davon? Welchen Zeitraum umspannen die Texte? Und für diejenigen, die schon etwas länger dabei sind: In welchem Verhältnis stehen „erzählerische“ Passagen und „szenische“ – und warum gelingen diese Texte „trotzdem“ so wunderbar;-)