(20) Notiere eine Beobachtung einmal anders!

1. Notiere eine Beobachtung. Es geht nicht um das Üben detaillierter Beschreibungen, sondern darum, aus der unendlichen Fülle des uns umgebenden Geschehens, etwas willkürlich herauszugreifen. Beschreibe so knapp oder so umfangreich, wie es dir gerade gefällt.

2. Notiere eine zweite, eine fünfte, eine neunte Beobachtung. (Erstelle eine Liste und nummeriere die Beobachtungen!)

3. Beschreibe eine Situation, in der es dir gefiele, etwas in ein Notizbuch zu schreiben. Wo wärest du, was würde sich ereignen, was für eine Figur wärest du?

4. Schreibe einen beliebigen Text, in dem das Wort „Notizbuch“ auf möglichst beiläufige Weise auftaucht.

5. Notiere eine Beobachtung. Notiere sie anders.

Ist das nicht seltsam?! Über die Notwendigkeit des Staunens für das Schreiben

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Weniges ist für das Schreiben von Geschichten, von literarischen Texten so notwendig, wie das Staunen, das Wundern oder Verdutztsein. Ich habe hier früher schon einmal darüber geschrieben, dass Wilhelm Genazino nicht nur das Wort „verdutzt“ gerne verwendet, sondern seine Leser auch an der Verwunderung, der Irritation, die „das Leben“ bei seinen Protagonisten auslöst, in besonderer Weise teilhaben lässt.

Normalerweise ist unser Gehirn bestrebt, solche Momente der Irritation (der Kognitiven Dissonanz) zu minimieren, es ist für unsere Alltagstauglichkeit nicht sinnvoll, wenn wir ständig „stolpern“ oder „hängenbleiben“ und uns wundern, warum die Welt so ist, wie sie ist. Wenn wir aber schreiben wollen, ist es wichtig, auf  diesen anderen Modus der Wahrnehmung umzuschalten. Manchen fällt das leichter (oder es ist eben ihr „normaler“ Zustand), aber jede/r kann es üben und damit experimentieren.

Kürzlich hörte ich in einer Werkstatt den wunderbaren Text einer Teilnehmerin, die sich in der Straßenbahn sitzend gewundert hatte, dass die eintretenden Kontrolleure eher wie „Kriminelle“ aussahen. Damit fängt es an. Mit der Beobachtung, aber mehr noch damit, sie überhaupt zu registrieren. Denn in der konkreten Situation ist es ja vermutlich zunächst nicht mehr als ein minimaler Gedankenimpuls: Die sehen ja komisch aus! Dem muss man dann also nachgehen. Inwiefern komisch? Was genau ist seltsam daran?

Und dann hat man vielleicht eine Beobachtung, aber noch keine Geschichte, denn die Geschichte ist ja nicht: Eine Frau sitzt in der Straßenbahn und sieht Kontrolleure, die wie Rabauken aussehen. Die spätere Geschichte erzählte von einer älteren Frau, die in der Straßenbahn sitzt und auf solche Kontrolleure stößt. Nicht glaubt, dass es „echte“ sind, sondern Kriminelle. Was auch erklärt, warum ihre Handtasche (natürlich mit mit dem Fahrschein) verschwunden ist, offenbar von ihnen geklaut. Zum Glück kommt die Polizei, die sie dann aber „abführt“. Das alles war sehr komisch und hatte zugleich einen schönen Hintersinn.

Darum geht es also auch: Mit dem gewonnen „Was wäre, wenn …“-Material spielen, es größer machen. Übertreiben. Oder auch kleiner machen. Es an einen anderen Ort versetzen.

„Ist das nicht seltsam?!“ ist also eine grundsätzliche Anregung zum Staunen, Wundern, Verdutztsein ebenso wie eine konkrete Schreib-Anregung: Wer könnte sich wundern und worüber? An wen könnte der kurze Satz gerichtet sein? Was erstaunt euch, wenn ihr für einen kurzen Moment unterbrecht, was ihr gerade tut?

Wie immer freue ich mich über eure Reaktionen oder Texte! Auf eurem Blog oder hier im Kommentarfeld – es müssen keine “richtigen Geschichten” sein, eine kleine Skizze, Notiz oder auch nur etwas, das ein Anfang werden könnte – all das ist sehr willkommen!

Genazino, die Rätselhaftigkeit der Welt und das Verdutztsein

Ob wir es wollen oder nicht – wir müssen die Komplexität der uns umgebenden Welt radikal reduzieren – anders haben wir keine Chance zu überleben. Eine Möglichkeit besteht darin, dass wir vereinfachende Annahmen über das Leben entwickeln – was im übrigen ein eindeutig kreativer Vorgang ist. Wir tun z. B. so, als wenn wir wüssten, was in den Köpfen uns nahestehender Menschen im großen und ganzen vor sich geht und wir unterstellen oder konstruieren oft eine Sinn- und Regelhaftigkeit des Geschehens – solange es irgendwie gut geht. Und in sehr vielen Fällen geht das sehr lange gut. Es geht oft so lange gut, dass wir vollkommen vergessen, dass unser Leben und die darin auftauchenden Menschen mit ihren Beziehungen und Jobs und Angewohnheiten ja doch eigentlich eher seltsame Geschöpfe sind.

UND DANN KOMMT GENAZINO – und erinnert uns daran. An diese ganze Rätselhaftigkeit der Welt. Und plötzlich können wir keinen Fuß mehr vor die Tür setzen, ohne ganz „verdutzt“ zu sein – was ja nicht zufällig eines der Lieblingswörter von Genazino ist. Wir sehen einen einzelnen Damen-Schuh auf dem Spielplatz oder eine Anzugjacke auf dem Balkon (oder wir lesen von jemandem, der einen Schuh sieht oder eine Jacke) und wundern uns. Wir wundern uns vielleicht so sehr, dass aus dem fröhlichen Verdutztsein sogar ein unbehagliches Verstörtsein werden kann – auch das ist möglich.

Und das wirklich Wunderbare an Wilhelm Genazinos Texten ist, dass oft ein sehr kleines Detail, eine sehr kleine Beobachtung schon ausreicht:

„Eine Kassiererin zieht ein Preisschild von einer Dose Konserven herunter und klebt es sich auf den Unterarm. Ich warte, dass sie es wieder entfernt, aber sie ist zu sehr mit dem Eintippen von Warenbeträgen beschäftigt. Ich starre auf das Preisschild auf dem Unterarm und spüre das Bedürfnis, die Kassiererin an der Hand zu nehmen, sie aus dem Supermarkt herauszuführen. Aber ich weiß, dass mein Wunsch, unmittelbar und sofort in einer würdigen Welt zu leben, nur die Gestalt meines Wahnsinns ist, der auf seine Gelegenheit wartet.“(Aus: „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“)

Zum Ende eine Warnung: Es kann sein, dass wir den verdutzten Blick, wenn wir ihn einmal entdeckt haben, gar nicht mehr loswerden, nicht mehr „abschalten“ können. Das Schreiben wird dadurch vielleicht einfacher, das Leben vermutlich nicht …

Notiere eine Beobachtung einmal anders!

1. Notiere eine Beobachtung. Es geht dabei einmal nicht um das Üben detaillierter Beschreibungen, sondern darum, aus der unendlichen Fülle des uns umgebenden Geschehens, etwas willkürlich herauszugreifen. Beschreibe so knapp oder so umfangreich, wie es dir gerade in den Sinn kommt.

2. Notiere eine zweite, eine fünfte, eine neunte Beobachtung. (Nummeriere die Beobachtungen!)

3. Beschreibe eine Situation, in der es dir gefiele, etwas in ein Notizbuch zu schreiben. Wo wärest du, was würde sich ereignen, was für eine Figur wärest du?

4. Schreibe einen beliebigen Text, in dem das Wort „Notizbuch“ auf möglichst beiläufige Weise auftaucht.

5. Notiere eine Beobachtung.