„Vorsicht Literatur!“ Oder: Erneuter Versuch über die begrenzte Geltung von Regeln

Unsere Art zu schreiben, scheint uns, wenn wir damit anfangen Geschichten (auf) zu schreiben so „da“ zu sein, wie auch unsere Weise zu sprechen oder zu gehen oder einen Stift in die Hand zu nehmen. Wir machen dies alles auf die einzige uns zur Verfügung stehende Weise und halten allenfalls kleinere „Eingriffe“ für denkbar.

Und dann, eines Tages, begreifen wir, dass wir alles auch immer ganz anders ausdrücken, schreiben, arrangieren könnten – und geraten in eine Unsicherheit, die sich durchaus blockierend auf unser Schreiben auswirken kann.

Obwohl die Betreffenden diesen Zustand oft als unangenehm erleben, freut sich die Werkstattleiterin meines Typs sehr darüber, denn unabhängig davon, ob sich jemand auf die Suche nach einem literarischen Ton oder nach einem Verlag für einen klassischen Liebesroman begibt – ohne dass uns das Schreiben „zum Problem“ wird, ohne dass wir eine Vorstellung davon entwickeln, dass alles am Text veränderbar ist, werden wir weder das eine noch das erreichen können.

Üblicherweise fällt dem, derart vom Stein der Erkenntnis Getroffenen, nicht nur auf, dass sein Text auch anders aussehen könnte, sondern vor allem auch, dass er besser sein könnte. Auf einmal beginnt er oder sie über Wiederholungen zu stolpern und merzt in seinem Text sämtliche „sagte er/sie“ aus. Stattdessen wird geäussert, gehüstelt, gekeucht und geflüstert. Und was macht daraufhin die Werkstattleiterin? Lobt sie, freut sie sich, feuert sie zu weiteren Experimenten an?

Die Werkstattleiterin schaut betreten in die Runde und sagt: Also. Also leider ist auch die Sache mit dem „sagte er“ eine komplizierte, sagt sie, denn: sosehr in Genre-Literatur gewispert, gestottert und gegrinst wird – so sehr sind genau diese Variationen in „literarischen Texten“ verpönt. („Schlechte Romanschreiber, sagt man, fühlen sich angehalten, ihre Dialogangaben dadurch zu variieren, dass sie „sagt er“, durch Ausdrücke wie „murmelte er“, „stammelte er“, „schluchzte er“ (…) ersetzen und damit die verschiedenen Intonationen der Rede markieren.“ Gilles Deleuze)

Und wenn die Werkstattleiterin gut vorbereitet ist, dann zieht sie an dieser Stelle ihre Lieblingsgeschichte von Raymond Carver „Sie sind nicht dein Ehemann“ aus der Tasche und liest eine kurze Passage daraus vor:

„Okay, vergiss es“, sagte er.
„Nein, du hast ja recht“, sagte sie. „Ich werde irgend etwas tun.“
„Wie wär’s mit Gymnastik?“, fragte er.
„Bei der Arbeit hab ich mehr als genug Gymnastik“, sagte sie.
„Hör einfach mit dem Essen auf“, sagte Earl. „Ein paar Tage jedenfalls.“
„Also gut“, sagte sie. „Ich will’s versuchen. Ein paar Tage lang probiere ich es. Du hast mich überzeugt.“
„Ich bin ein Tüftler“, sagte Earl.

Und das, fragen die TeilnehmerInnen, das soll einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren der Gegenwart geschrieben haben? Tja, sagt die Werkstattleiterin. Und das findest du gut? Diese ganzen Wiederholungen von „fragte“ und „sagte“? Also, sagt die Werkstattleiterin, obwohl bekannt ist, dass Carver einen extrem kürzungswilligen Lektor hatte (aber das ist eine andere Geschichte), scheinen in dieser Passage vielleicht zwei „sagte“ zu viel zu sein, aber ganz sicher gibt es keine Regeln, die immer gelten …

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