Wir müssen lesen, um schreiben zu lernen – aber wie?

„ich habe ein Buch gelesen, sage ich, aber ich habe nichts behalten davon …“, beginnt Friederike Mayröcker ihren Text „Stilleben“ (1991) und sie schreibt weiter: „… ich habe in einem Buch gelesen, aber ich habe nichts behalten können, weil ich ununterbrochen auf etwas achthaben wollte, nämlich lauschen wollte, auf ungewöhnliche, schöne aufreizende Stellen innerhalb des Textes, auf Wendungen, einzelne Wörter, die Zündkraft besitzen, die mich entzünden, etwas in mir entzücken.“

Erst als kürzlich die Teilnehmerin einer Roman-Werkstatt nachfragte, worauf genau sie denn eigentlich achten solle beim Lesen, fiel mir wieder ein, wie oft ich mich das selbst gefragt habe. Und wie oft mir die aufmerksame Lektüre misslungen ist, selbst wenn ich sie mir sehr ernsthaft vorgenommen hatte. Endlich herausfinden wollte, warum mir ein Text gefällt oder nicht gefällt. Wie die unterschiedlichen zeitlichen Ebenen miteinander verbunden sind, oder warum mir manche Dialoge so unbeholfen vorkommen.

Dann las ich und „tauchte dabei ab“ und hatte die ganzen Fragen vergessen und wenn sie mir wieder einfielen, nahm ich mir vor, beim Weiterlesen unbedingt darauf zu achten, was mir erneut misslang und mich manchmal zu wüsten Beschimpfungen meiner selbst veranlasste. Aber mit der Zeit änderte sich mein Lesen und ich „stolperte“ über die Fragen, die mich im Hinblick auf meine eigenen Texte beschäftigten. Oder ich zog eben auch mal ein Buch aus dem Regal und schaute mir gezielt die Dialoge an oder den Anfang, suchte nach Rückblenden.

Und genau so erlebe ich es oft bei Teilnehmer:innen von Werkstätten, wenn sie eine Zeitlang schreiben. Auch sie „stolpern“ beim Lesen dann auf einmal über Perspektivfehler, über kaum getarnte „Informationen an den Leser“, über Klischees und vieles andere. Und manchmal beklagen sie sich, halb im Scherz, dass sie gar nicht mehr „normal“ lesen können.

Wie so vieles andere, kommt das „genaue“ Lesen also fast von selbst, wenn wir nur geduldig bleiben. Und was es dann alles zu entdecken geben kann, das hat Antje Rávic Strubel wunderbar in ihrem Beitrag „Sätze bilden“ über Joan Didions „Demokratie“ beschrieben, der in dem Sammelband „Erst lesen. Dann schreiben: 22 Autoren und ihre Lehrmeister“ (Hg. Stephan Porombka und Olaf Kutzmutz) abgedruckt ist:

„Ich habe alles von Joan Didion gelernt. Ich habe mir Feuer bei Brigitte Reimann und Ernest Hemingway abgeschaut, das Schwülstige bei James Baldwin, Pathos bei Djuna Barnes und Risiko bei Gertrude Stein, ich habe mir das Absurde bei Samuel Beckett, das Phantastische bei Wladimir Nabokov, das Romantische bei Paul Auster, Raymond Chandler und Ingeborg Bachmann abgeschaut.
Ich habe mir überhaupt alles abgeschaut. Aber das Abschauen hat keinen Sinn, wenn man nicht in der Lage ist, es in die eigene Sprache zu übersetzen. Joan Didion ist dafür die beste Mentorin.“

Wen diese Belesenheit nun einschüchtert: Ich halte noch immer sehr viel davon, „nur“ das Gespür dafür zu schärfen, warum genau mir ein Text gefällt und ob es einzelne Sätze, Abschnitte, Figuren, Episoden gibt, die das in besonderer Weise zum Ausdruck bringen.

Ich freue mich über Kommentare!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s