„Der Sinn, ein Notizbuch zu besitzen …

… bestand nie darin, exakt festzuhalten, was ich tatsächlich getan oder gedacht habe … denn ich habe nicht nur schon immer Schwierigkeiten damit, zwischen dem, was passiert ist, und dem, was einfach hätte passiert sein können, zu unterscheiden, sondern ich bin noch immer nicht davon überzeugt, dass diese Unterscheidung, jedenfalls für meine Zwecke, eine Rolle spielt.“

Joan Didon: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben

Und ihr? Was denkt ihr dazu? Ist es für das Schreiben unerheblich? Immer oder machmal? Und was ist mit den anderen, die denken könnten, dass es so oder doch ganz anders gewesen wäre? Spielt das eine Rolle? Heute weniger als früher oder ist es umgekehrt?

„Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war“

Diesen Satz stellt Eugen Ruge seinem Roman „Cabo de Gata“ (2013) voran und findet damit eine schöne Formulierung für eine Paradoxie, die das Schreiben vieler Schriftsteller:innen durchzieht. Joan Didion schreibt in ihrem Essay „Vom Sinn, ein Notizbuch zu besitzen“ (in: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben, 2008): „… denn ich habe nicht nur immer schon Schwierigkeiten damit, zwischen dem, was passiert ist, und dem, was einfach hätte passiert sein können, zu unterscheiden, sondern ich bin noch immer nicht davon überzeugt, dass diese Unterscheidung, jedenfalls für meine Zwecke, eine Rolle spielt.“ Und Hans-Ulrich Treichel schließlich beschreibt die Berührung von erfundenem und authentischem Leben für den Schriftsteller als „eine doppelte Bewegung, die aber als eine einzige gedacht werden muß: Er geht auf sich zu, und er entfernt sich von sich. Er geht auf sich zu, indem er sich von sich entfernt, und er entfernt sich von sich, indem er möglichst nahe an sich herantritt.“ (Vom Schreiben und Sprechen über das Schreiben, in: Der Felsen, an dem ich hänge, 2005)

Manche Autor:innen schreiben immer relativ eng entlang ihres eigenen Lebens, andere nie und dann gibt es solche, bei denen es variiert, sich vielleicht von Text zu Text neu ergibt. Eindeutigkeit und Klarheit sind bei diesem Thema schwerlich zu gewinnen und wenn ich mich hier trotzdem damit beschäftige, dann, weil es mir eine zentrale Frage für das Gelingen unserer Texte zu schient: Finden (erfinden) wir für die Fragen, die uns wirklich umtreiben, die passenden Geschichten?

Die wenigsten Autor:innen finden vermutlich auf Anhieb und für alle Zeiten die richtige Mischung, die richtige Entfernung des Textes zum eigenen Leben. Auch das ist ein Prozess, ein Ringen, manchmal auch eine Sichabfinden mit den Aspekten, die sich unserer willentlichen Entscheidung entziehen. Und natürlich berührt diese Frage auch immer Punkte, über die wir reflektierend nur ansatzweise verfügen können, weil die tieferen Schichten unseres Selbst mit im Spiel sind.

Ich habe mich z. B. sehr lange darüber gewundert und oft auch geärgert, dass so viele männliche Protagonisten meine Texte bevölkert haben. Zigmal habe ich mich an entsprechenden Geschlechts-umwandlungen versucht – es funktionierte nicht. Nur weil ich noch ein paar andere Probleme mit dem Schreiben und dem Leben hatte, konnte ich diese Frage immer wieder erfolgreich in den Hintergrund verbannen. Nach einigen Jahren tauchten, von mir freudig begrüßt, mehr und mehr Frauenfiguren in meinen Texten auf und heute bin ich mir sicher, dass diese ganze Männer ihre Existenz vor allem einem überaus wichtigen Auftrag verdankten, der darin bestand deutlich zumachen, dass es da nicht um mich ging, gehen konnte.

Für mich gehört zu den reizvollsten Aspekten des Schreibens die Möglichkeit, ein spielerisches Verhältnis zu den Ereignissen unseres Lebens zu entwickeln. Wir können versuchen, für das, was uns widerfahren ist, eine alternative Version (oder besser noch, gleich mehrere) zu erfinden.

Wer das ausprobieren möchte, könnte einmal eine/mehrere Szene aus dem eigenen Leben aufschreiben oder sich zumindest vorstellen. Es ist vielleicht einfacher mit Situationen, mit Szenen, die bedeutend waren. In denen es „um etwas ging“. Ohne die wir heute andere wären. Und dann könnte uns der Gedanke eine Zeitlang begleiten, wie wir von dieser Angst oder diesem Verliebtsein, dieser Kränkung oder Enttäuschung oder Erleichterung (es geht  ja fast immer um die großen Gefühle), wie wir davon anders erzählen könnten. Wie weit könnte die Figur von uns entfernt sein? Könnte sie viel älter/jünger sein? Anderen Geschlechts? Andere Neigungen, Charakterzüge besitzen? Und vielleicht finden wir sogar einen „Regler“, mit dessen Hilfe wir alles noch „größer“, noch dramatischer oder auch „kleiner“, beiläufiger machen können. Sobald wir diesen Regler entdeckt haben, kann nicht mehr so irrsinnig viel schief gehen beim Schreiben unserer Geschichten …