Der Blog als Arbeitsjournal: zum Beispiel das Herta-Müller-Zitat …

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Seit vielen Jahren beschäftigen mich eine Reihe unterschiedlicher Fragen, die ich für mich unter dem dem Stichwort „das Autobiografische“ zusammenfasse. Von den Notizen, eigenen und fremden Texten, den Literaturangaben und Gedanken, die mit diesem Thema verbunden sind und sich keineswegs an einem virtuellen oder realen Ort befinden, sondern an zahlreichen, denke ich immer mal: Ich sollte da was draus machen. Aber das gestaltet sich in vielerlei Hinsicht schwierig – nicht zuletzt aus „autobiografischen Gründen“ …

Mein Nachdenken über dieses Thema hat durch die Veröffentlichung der „Wiederholten Verdächtigungen“ in diesem Jahr nochmal an Fahrt aufgenommen und ich bin in diesem Zusammenhang auf eine Reihe an Veröffentlichungen gestoßen, die zur Klarheit hier und da beitragen. Also unternehme ich gerade den 573. Versuch essayistisch über die Frage zu schreiben: „Ist das autobiografisch?“

Vor wenigen Tagen suchte ich in diesem Zusammenhang nach einem Zitat von Herta Müller, fand es in dem Band „Der König verneigt sich und tötet“. Bei der Suche stieß ich wiederum auf ein anderes, das ich ebenfalls verwenden wollte und ich beschloss, es hier auf dem Blog zu posten. Dieses Zitat stammt aus einer Poetikvorlesung Herta Müllers, die den Titel trägt „Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir lächerlich“, also gab ich auch diesen Titel an – der zu (verständlichen) Nachfragen und Irritationen führte und zu dem Hinweis der Scherbensammlerin (deren Blog ich sehr schätze und bei der Gelegenheit gerne einmal weiterempfehlen möchte), dass das Zitat der erste Satz aus Herta Müllers „Herztier“ ist.

Was die Irritation betraf, schrieb ich ein, zwei Sätze zum Inhalt der Poetikvorlesung – aus der Erinnerung und kündigte an, am nächsten Tag  zu überprüfen, ob diese überhaupt zutraf. Aus Zeitmangel las ich dann nur quer, hatte aber den Eindruck, dass ich mit meiner groben Einordnung richtig lag – damit war die Sache eigentlich erledigt. Eigentlich, weil der Anflug eines schlechten Gewissens blieb. Und dann entdeckte ich doch tatsächlich das Herta-Müller-Zitat einen Tag später in einem Aufsatz (ich lese nicht ständig Aufsätze, in denen Herta Müller zitiert wird – so dass es sich um einen wirklich hübschen Zufall handelte), und interessierte mich vor allem wegen meines schlechten Gewissens dafür, wie der „irritierende Satz“ hier erklärt wurde:

„Wenn wir schweigen, werden werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir lächerlich.“ So beginnt und endet Herta Müllers Roman „Herztier“, der das Leben und den Tod von jugendlichen Opfern der Diktatur im Rumänien Ceausescus beschreibt. Der Satz thematisiert sowohl die Problematik als auch die Aporie des Erzählens aus der Opferperspektive, ein Schreiben, das den unermesslichen Schmerz bekunden muss und dabei auch das passive Opfer zum aktiven Subjekt machen soll, das eine eigene Sprache spricht und Subjektkonstituierung mit und gegen alle Last der Sprache beschreibt.“

Dieses Zitat entnehme ich dem Aufsatz „Erinnerungsbilder im narrativen Erinnerungsdiskurs bei Jean Amery und Jorge Semprun“ von Marisa Siguan Boehmer aus dem Sammelband „Narrative Bewältigung von Trauma und Verlust“, Hg: Scheidt, Carl Eduard et al. Stuttgart 2015 (enthält als Hinweis für alle, die das Thema interessiert, eine ganze Reihe sehr interessanter Artikel).

Dieses Zitat über das Herta-Müller-Zitat, das ich nur durch die Nachfragen hier auf dem Blog überhaupt wahrgenommen habe, hat mir an einem Punkt beim Schreiben des oben erwähnten Essays weitergeholfen – so dass ich nicht anders kann, als diese ganze, zugegeben etwas umständliche Geschichte zu erzählen als Beispiel dafür, wie ich mir vorstelle, dass das idealerweise funktionieren könnte – der Blog als Arbeitsjournal …

Und versprochen: der nächste Beitrag dieser Kategorie wird dann auch wirklich „small“ …

„Von außen gesehen, ähnelt das Schreiben vielleicht dem Reden. …“

„Von außen gesehen, ähnelt das Schreiben vielleicht dem Reden. Aber von innen ist es eine Sache des Alleinseins. Geschriebene Sätze verhalten sich zu den gelebten Tatsachen eher so, wie sich das Schweigen gegenüber dem Reden verhält. Wenn ich Gelebtes in die Sätze stelle, fängt ein gespenstischer Umzug an. Die Innereien der Tatsachen werden in Wörter verpackt, sie lernen laufen und ziehen an einen beim Umzug noch nicht bekannten Ort.“

Herta Müller in der Poetikvorlesung: „Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir lächerlich“ (hier aus: „Der König verneigt sich und tötet“, Hanser 2003)