„Von außen gesehen, ähnelt das Schreiben vielleicht dem Reden. …“

„Von außen gesehen, ähnelt das Schreiben vielleicht dem Reden. Aber von innen ist es eine Sache des Alleinseins. Geschriebene Sätze verhalten sich zu den gelebten Tatsachen eher so, wie sich das Schweigen gegenüber dem Reden verhält. Wenn ich Gelebtes in die Sätze stelle, fängt ein gespenstischer Umzug an. Die Innereien der Tatsachen werden in Wörter verpackt, sie lernen laufen und ziehen an einen beim Umzug noch nicht bekannten Ort.“

Herta Müller in der Poetikvorlesung: „Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir lächerlich“ (hier aus: „Der König verneigt sich und tötet“, Hanser 2003)

„Angefangen wird mittendrin“

… hat der Autor Ulrich Peltzer seine Poetikvorlesungen betitelt – und lenkt unsere Aufmerksamkeit damit auf eine wunderbare Eigenschaft des Schreibens: Wir müssen nicht mit dem ersten Satz beginnen. Wir müssen auch nicht das Ende kennen. Wir müssen nicht genau um 15.30 einen vernünftigen Satz schreiben und wir können schreibend jeden Elfmeter so lange wiederholen, bis er drin ist. Anders gesagt: Wir sind sehr frei, wenn wir schreiben oder anderen kreativen Betätigungen nachgehen – aber wir vergessen das manchmal.

Wir orientieren uns dann (vernünftigerweise) an dem, was in unserem sonstigen Alltag zählt und wichtig ist: Dass wir Anfang und Ende finden, dass wir etwas „abliefern“ können, dass wir die Dinge richtig machen … Vielleicht muss das im Alltag so sein, vielleicht übertreiben wir auch manchmal – das spielt hier keine Rolle. Das einzige, auf das es hier ankommt, ist: Der Wunsch, „es richtig, es gut machen zu wollen“ ist fast immer ein Feind der Phantasie, der Kreativität.

Wir brauchen, insbesondere am Anfang, den Mut und die Lust am Ausprobieren. Vielleicht gibt es eine Szene, die wir klar vor Augen haben oder wir wissen, dass es zu einem späteren Zeitpunkt einen Dialog geben wird, in dem Albert sagt: „Ich hätte das nicht für möglich gehalten!“ Sammeln Sie alles, was sich in der Nähe des Textes aufhält und kümmern Sie sich nicht um die Reihenfolge. Machen Sie (vorläufige) Skizzen, schreiben Sie drauflos und genießen Sie den Fahrtwind, der Ihnen dabei ins Gewicht weht.

Was wir brauchen, um gute Geschichten zu schreiben, liegt meistens in greifbarer Nähe – aber es liegt nicht immer obenauf. Nur wenn wir unseren Kopf in Bewegung bringen, verändert sich unsere Perspektive und wir stoßen auch zu den Ideen vor, die unter dem Geröll unserer ersten Einfälle liegen.

Fangen sie mit irgendetwas an! Beginnen Sie in der Mitte oder verzichten Sie auf einen Spannungsbogen. Versuchen Sie etwas zu finden, dass Ihnen Spaß macht – und irgendwie verkehrt vorkommt. Dann sind Sie auf keinem schlechten Weg!