„Von außen gesehen, ähnelt das Schreiben vielleicht dem Reden. …“

„Von außen gesehen, ähnelt das Schreiben vielleicht dem Reden. Aber von innen ist es eine Sache des Alleinseins. Geschriebene Sätze verhalten sich zu den gelebten Tatsachen eher so, wie sich das Schweigen gegenüber dem Reden verhält. Wenn ich Gelebtes in die Sätze stelle, fängt ein gespenstischer Umzug an. Die Innereien der Tatsachen werden in Wörter verpackt, sie lernen laufen und ziehen an einen beim Umzug noch nicht bekannten Ort.“

Herta Müller in der Poetikvorlesung: „Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir lächerlich“ (hier aus: „Der König verneigt sich und tötet“, Hanser 2003)

15 Comments

  1. Sehr klug und zugleich äußerst knapp wird ein Phänomen beschrieben, dass allen, die schreibend zu erzählen versuchen, vertraut sein dürfte und das doch erklärungsbedürftig ist. Wie oft versuchen Menschen nicht, ein kleines Erlebnis aufzuschreiben – und sind enttäuscht, wenn der Zauber des Augenblicks oder die Situationskomit nicht eingefangen werden.

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  2. Das gefällt mir sehr, liebe Jutta, und es ist wirklich wahr. Schreiben, ja, das heisst Alleinesein mit sich und der Geschichte, was für die Mitbewohner auch eine Herausforderung sein kann. Mein Mann kann ein Lied singen.
    Interessanterweise erlebe ich dies aber auch in den letzten Jahren, wenn ich an meinen Bildern arbeite, da brauche ich den ganzen Raum nur für mich. Gut habe ich ein Zimmer für mich!!!
    liebe Grüsse
    Ulli

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    1. Liebe Ulli, das freut mich, dass es einen Punkt in dir berührt. Für mich ist das eine (vielleicht die) großartigste Seite am Schreiben: dass ich da alleine bin. Dann reicht es aber auch 😉 Ach, und dein Hinweis mit dem Zimmer ist schön, das freut mich auch! Sehr herzlich!

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  3. Wenn wir schweigen werden wir unangenehm…..
    Warum? Ist Schweigen eine Bedrohung. Sind im Schweigen alle Vorstellungen von realen Möglichkeiten, denkbar? Bin ich ein Spiegel, wenn ich schweige für die, die nicht sehen wollen. Ist das, was ich nicht sage, so mächtige, dass es lächerlich wirkt und wird.

    Von innen ist es eine Sache des Alleinseins..

    Nun kann man lachen, oder nicht. Dieses Gefühl, mit dem geschriebenen Wort allein zu sein, das begleitet mich schon lange. Es ist keine Einsamkeit. Ich weiß noch nicht genau was es ist. Aber ich bin zwar mit dem Wort im Austausch, so als wäre es mein Gesprächspartner, aber ich bin mit den Gedanken und Antworten allein. Naja, klingt ein bisschen seltsam.

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    1. Liebe Monika, vielen Dank für deine Gedanken, die mir kein bisschen seltsam erscheinen. Und was den Titel betrifft: Herta Müller spricht in dieser Vorlesung von den alles verdrehenden, irre machenden Folgen, die die Diktatur und die Verhöre der Geheimdienste haben. Es ist keine Aussage über „normales“ Reden oder Schweigen – was immer „normal“ da bedeuten könnte … Herzliche Grüße!

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  4. Ich habe dieses Zitat in Herta Müllers Roman „Herztier“ zufällig gerade heute gelesen. Gleich der erste Satz im ersten Kapitel geht so los: „Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir lächerlich.“ Kurze Zeilen später heißt es: „Mit den Wörtern im Mund zertreten wir so viel wie mit den Füßen im Gras. Aber auch mit dem Schweigen.“ Mich habe diese Aussagen sehr irritiert. Wirklich ein Zufall, ich habe heute morgen das Buch aufgeschlagen, weil doch Herta Müller gleich in Hamburg liest und ich nicht dabei sein kann. Und just heute tauchen sie in deinem Blog auf, liebe Jutta! Aber vielleicht sind ihre Aussagen einfach nur poetische Anklänge an irgendetwas anderes und wir können ihnen mit Logik nicht beikommen. Aber es ist schön, von diesen Gedanken aus über das Ausdrücken von wirklichem Leben und innerem Erleben nachzusinnen.

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    1. Also, ich liebe solche Zufälle! Und wusste meinerseits gar nicht, dass dieser Satz aus „Herztier“ ist. Habe das eben Monika gegenüber erwähnt: in der Vorlesung geht es darum, wie unter den Bedingungen der Diktatur, des Bespitzeltwerdens „normale Kommunikation“ unmöglich wird – jedenfalls habe ich das so in Erinnerung, morgen schau ich aber lieber nochmal nach … Mit – angesichts dieses schönen Zufalls – besonders herzlichen Grüßen aus Bremen!

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    1. Das freut mich sehr, liebe Marlis! Ich fühle mich oft auch sehr bereichert, sogar beschenkt von den Anregungen und Gedanken in den Kommentaren – wobei du mir mit deinem Gedicht heute schon eine ganz besondere Freude gemacht hast! Sehr herzliche Grüße!

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