(44) Tagebuchnotizen: Wann fing „Corona“ eigentlich an?

Der Fall der Berliner Mauer oder der Einsturz der Twin Tower – manche historische Zeitenwende verdichtet sich in einem sehr konkreten Moment und viele Menschen verbinden genaue Erinnerungen damit. Andere Veränderungen oder Prozesse vollziehen sich schleichend, eher unsichtbar und es gibt nicht den „einen Moment“, an dem sich „alles ändert“.

In ihrem Beitrag Documenting All the Small Things That Are Easily Lost für die New York Times fragt Lynda Barry: Wann ging die Zeit, die jetzt nicht mehr ist, vorbei? Was genau passierte da? Und sie fordert dazu auf, sich an ganz konkrete Szenen zu erinnern, in denen sich dieser Übergang vollzog. Was sind die letzten Situationen, die wir erinnern, in denen es noch kein Corona gab? Wie haben wir davon erfahren? Wann hat es begonnen unser Leben zu verändern. Wie?

Ich erinnere mich, dass ich im Radio von italienischen Städten hörte, die abgesperrt worden waren – und dass ich beim Hören dieser Meldung noch vollkommen überzeugt war, dass das, was dort passierte, nichts mit mir und meinem Leben zu tun haben würde. Ich erinnere mich an Lastwagen, die Leichen abtransportierten und Bilder von Menschen, die unbegleitet starben. Ich erinnere mich …

Woran erinnert ihr Euch? Wann hat diese Zeit begonnen, die (ganz unabhängig davon, wie lange sie noch dauert) einen tiefen Einschnitt im Leben von uns allen markiert?

Aber Lynda Barry, deren Buch „How to make Comics“ ich nicht genug rühmen kann (ich finde, dass es viele Anregungen und Inspirationen bereithält auch für Menschen, die kein bisschen an Comics interessiert sind, sondern „nur“ an Schreiben und Literatur), Lynda Barry stellt die Frage nach der „Serie von Momenten“ nicht allein in Bezug auf Corona, sondern überhaupt im Hinblick auf Prozesse, auf Entwicklungen und ermutigt uns, sie aufzuschreiben, all die kleinen Begebenheiten, die vielleicht erst im Nachhinein für uns Bedeutung erlangen. Vielleicht weil es die letzten Momente waren, die wir mit einer Person erlebt haben, bevor sie starb.

Lynda Barry empfiehlt, vor dem eigentlichen Schreiben in einem ersten Schritt langsam eine kleine Spirale zu zeichnen (etwa 2 Minuten lang) und sich währenddessen einzelne, konkrete Szenen in Erinnerung zu rufen. In einem zweiten Schritt wird (erneut etwa 2 Minuten lang) eine Liste dieser Szenen angelegt – immer auf der Suche nach solchen Situationen, die sich wie ein aussagefähiger „Schnappschuss“ zeichnen (oder erzählen) lassen.

Wie bei allen Schreibanregungen ist es auch bei dieser möglich und sinnvoll, sie für sich selbst anzupassen. Die Themen oder Prozesse zu finden, die ein geeigneter Stoff zu sein scheinen oder herauszufinden, ob das Zeichnen einer Spirale ein Mittel sein kann, um Erinnerungen heraufzubeschwören. Mir hat es gut getan zu überlegen, wann und wie „Corona“ begonnen hat – vielleicht auch, weil das Vorübergehende, das Begrenzte daran mir dadurch wieder deutlicher geworden ist. Irgendwann wird „Corona“ auch wieder vorbei sein. Woran werden wir das erkennen? 

Aber jetzt ist erst mal auf jeden Fall der Sommer und damit auch die Sommerpause auf diesem Blog vorbei und es geht weiter mit dieser ein bisschen improvisierten offenen Digitalen Schreibwerkstatt. Falls Ihr Fragen oder thematische Wünsche für den Herbst habt, schreibt sie gerne in die Kommentare – ich freue mich, von Euch zu lesen und werde sie gerne aufgreifen (auch wenn es manchmal ein bisschen dauert).

16 Kommentare

  1. Anfang März las und hörte ich immer öfter über Corona in den Medien ohne mich davon direkt betroffen zu fühlen. Ich registrierte die Nachrichten. Am 13. März fuhr ich in mein Chorwochenende, ohne weiter über Corona und die Kosequenzen nachzudenken. Mein ältester Sohn rief mich über das Snmartphone an. „Willst du dich wirklich dieser Gefahr aussetzen und am Chorwochenende teilnehmen?“ Ja ich wollte, wenn vorab auch einige Vorsichtsmaßnahmen verabredet wurden: keine Umarmungen, kein Händeschütteln, Abstand! Es wurde ein schönes Wochenende. Allerdings hatten einige ihre Teilnahme wegen der drohenden Pandemie abgesagt. Am 16.3 ging ich wie gewohnt meiner Arbeit nach – ich arbeite als Diplom-Sozialarbeiterin im ambulanten Jugendhilfebereich. Das heißt, ich suche Familien vorort zuhause auf. Mittags kam der Anruf meines Vorgesetzten. Er teilte mir mit, dass ich vorläufig keine Hausbesuche machen darf, weil ich auf Grund meines Alters zur Hochrisikogruppe gehöre. Da war auch für mich die Pandemie da. In den nächsten zwei Monaten arbeitete ich nur über das Telefon und über den Computer von zuhause aus.

    1. Vielen Dank für diese kleine Skizze! Sie enthält ja (auch wenn du sie hier nur andeutest) genau solche Szenen, die Linda Barry im Sinn hat: der Anruf deines Sohnes, der deines Chefs. Solltest du irgendwann Zeit und Lust haben, könntest du das auch noch etwas ausführlicher, etwas „szenischer“ beschreiben (Was war das für ein Moment, in dem dein Sohn anrief? Was hast du gemacht, gedacht?). Ich erwähne das nur, weil es gerade dieser Blick auf das Szenische ist, den wir Schreibenden uns von den Comic-Macher:innen ein bisschen abgucken können …

  2. Momente

    Der erste, glaube ich, am Morgen des 27.2. in einem Hotel in Antofagasta, Chile. Nachdem ich bis dahin mehr oder weniger erfolgreich versucht hatte, das Thema Corona von mir fernzuhalten, plötzlich im Fernseher rechts oben über dem Frühstückstisch (aus den Augenwinkeln) der Absturz der Aktienkurse.

    Der zweite, wieder ein Fernseher, in einer Raststätte für Trucker inmitten der Atacama Wüste, und ich kann ja nicht nicht hingucken, Bilder von Menschen in Schutzanzügen, Anfang März ist es schon. Und erstmals ein Corona-Fall in Chile.

    Und dann, 12.3., als ich zurückfliege, nach Deutschland zu meinem Vater, weil der sehr krank ist, als ich deshalb in Paris nicht nach Zürich umsteige, stattdessen in einem Zug nach Düsseldorf sitze, mit sehr vielen Menschen, ohne Maske da noch, und dann zwei Nachrichten erhalte, auf meinem Handy: die erste mit einem Link zu einem höchst alamierenden Artikel eines Schriftstellers und Ingenieur aus Silicon Valley: Coronavirus. Why you must act now. Und die andere mit dem Merkel-Zitat, irgendwann würden sich 2/3 der Deutschen angesteckt haben. Und hinter mir jemand, der hustet und niest.

    Und am meisten vielleicht, als ich eine Woche später am Frankfurter Flughafen auf meinen Freund warte, der aus Chile zu mir will und zu meinem Vater, als ich dort am Arrival Gate stehe, immer möglichst weit von den anderen Menschen entfernt. Und noch darüber nachdenke, ob es dumm war, mit dem Aufzug zu fahren und Knöpfe zu drücken. Und wie mich dann die Bundespolizei anruft. Und wegen der Krankheit meines Vaters befragt. Ob es einen triftigen Grund gibt, meinen Freund, der Schweizer ist, einreisen zu lassen, es ist der 20.3. jetzt, und nach Rücksprache mit dem Ministerium aber entscheiden sie schliesslich, ihn nicht reinzulassen, ihn in die Schweiz zu schicken. Und ich fahre mit dem Aufzug in die Tiefgarage, benutze ein Taschentuch, um die Knöpfe zu drücken. Und dann sitze ich im Auto, das einzige Auto weit und breit, und muss losfahren, weil ich doch das Ausfahrticket schon bezahlt habe, muss wieder wegfahren von dem Flughafen, in dem mein Freund im Transitbereich wartet, dass sie ihn ausfliegen. Und das war, glaub ich, der zentrale Moment. Vielleicht aber auch nur der, den ich am besten erzählen kann.

    1. Liebe Ulrike, vielen Dank für diese Momente und vielen Dank auch für die Frage, die du am Ende aufwirfst! Seit ich diesen Beitrag geschrieben habe, fallen mir ständig (fast ein bisschen gegen meinen Willen) neue Momente ein, die für mich mit dieser „Corona-Zeit“ verbunden sind. Und seit ich deine abschließende Frage gelesen habe, frage ich mich das auch: Welche dieser Szenen habe ich schon im Erleben irgendwie einschneidend erfunden, welche lassen sich einfach „nur“ besser erzählen (und warum genau) und in welchen verdichtet sich etwas, das mir heute rückblickend (oder in einem bestimmten Kontext) aussagekräftig erscheint … Deine Flughafen-Szene empfinde ich übrigens als sehr verdichtet!

  3. Was ich noch nachreichen wollte: Dass mich selten ein Schreibimpuls so unmittelbar „erwischt“ hat. Und das „Ich erinnere mich“ klingt dabei ja auch an. Aber es ist ein anderer Zugang, der es mir viel leichter gemacht hat, das Erinnerte zum „Text“ zu machen. Dadurch, dass es so situativ ist, glaube ich. Aber überhaupt verdanke ich ja dir, deinen Texten und deinem Blog, dass ich nicht nur anders und intensiver übers Autobiographische nachdenke, sondern dass es mir auch anders (in grösserem Ausmasse) zur Verfügung steht.

    1. Lustigerweise hat er mich selbst auch erwischt und ich muss ihm wohl selbst noch mal ein bisschen Zeit widmen … Und zu allem anderen: Großer Dank für diese Rückmeldung, die mich nicht nur enorm freut, sondern fast ein bisschen verlegen macht …

  4. Für mich begann Corona Covid-19 Ende Januar auf Rügen, liebe Jutta, mit der Tagesschau, die einen Beitrag aus Wuhan sendete. Menschen wurden zusammengetrieben und von den Bahnhöfen weggeschickt. Ich dachte an Endzeitfilme und meinte, die Chinesen seien doch wohl verrückt.
    Dieses Gefühl, dass die ganze Geschichte unwirklich schien, bleibt in meinem Kopf.
    Das uns der Virus nur wenige Wochen später auch erreichen würde, wusste ich in diesem Moment noch nicht.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne, vielen Dank für diesen Hinweis, wie Corona Covid-19 für dich begann! Er enthält gleich zwei Aspekte, die mich auch beschäftigen: Einerseits die Frage, wann wurde es etwas, das nicht bloß eine Meldung war, die weit entfernte andere betraf und andererseits: Welchen zeitlichen Horizont hatte es jeweils? Ich war zum Beispiel zunächst überzeugt, dass das eine Sache von wenigen Wochen, vielleicht zwei, drei Monaten wäre … Liebe Grüße auch von mir und ein schönes Wochenende!

      1. Liebe Jutta,
        nein, die Überzeugung, dass es ein kurzer Spuk ist, habe ich nicht mit dir geteilt. Die Entwicklung eines Impfstoffes dauert lange und ich finde es schon sportlich, dass gehofft wird, dass es nächstes Jahr einen verläßlichen Impfstoff geben wird. Und wird der ausreichend getestet sein?
        Ich wünsche dir einen schönen Tag,
        Susanne

        1. Liebe Susanne, das war ein Missverständnis! Ich meinte nicht, dass du meine absolute Fehleinschätzung geteilt hast, sondern nur, dass auch in deiner Notiz diese zeitliche Dimension als Thema auftaucht … Viele liebe Grüße! Jutta

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