Müssen wir die Geschichten, die wir erfinden nur „freilegen“?

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Vielen Menschen ist zunächst nicht klar, wie ungeheuer komplex das Schreiben von Geschichten ist und mit welchen, sehr unterschiedlichen, Herausforderungen wir es dabei zu tun haben. Bilder können helfen, die unterschiedlichen Phasen des Schreibprozesses zu veranschaulichen. Ein solches Bild ist die Sackgasse, über die ich kürzlich schrieb. In einem anderen Bild sind Geschichten etwas, das wir „freilegen“ müssen. „Nur“ freilegen müssen. „Eigentlich“ sind sie schon da, existieren bereits irgendwo (vielleicht in den hinteren Ecken unseres Gehirns oder den tieferen Schichten unseres Unbewussten) und unsere Aufgabe besteht darin, „nur“ in die richtige Richtung zu graben, um die Geschichte, einer Goldmine ähnlich, freizulegen.

Manchmal kommt mir die Entwicklung von Texten – gerade rückblickend – genau so vor: Es gab eine Idee, die sich in unterschiedliche Richtungen hätte entwickeln können, die vollkommen unterschiedliche Verläufe hätte annehmen können und von denen ich einige ausprobieren musste, um zu erkennen, welche Geschichte ich denn „eigentlich“ erzählen möchte.

Und dann erlebe ich aber auch bei mir und anderen, dass dieses Bild dazu verführt, Goldminen auch an Stellen zu vermuten, auf die der Wind nur ein bisschen Goldstaub getragen hat; an Ideen für Geschichten festzuhalten, die sich einfach nicht in Bewegung bringen lassen …

Wie sind Eure Erfahrungen? Welche Bilder habt Ihr im Kopf, wenn Ihr an das Entwickeln von Geschichten denkt? Welche Vorstellungen helfen Euch weiter?

49 Comments

  1. Ein sehr komplexes und immer auch ein verdammt individuelles Thema / ich habe null Plan wie es andere machen / und oft selbst keinen genauen / hilfreich ist mir:
    In Etappen zu denken.
    Haltepunkte zu setzen.
    Recherche.
    Brainstorming Fragmente zu listen.
    Und zu schreiben.
    Zu verwerfen.
    Einfügen.
    Lesen.
    Und dabei bleiben und wenn möglich formen solange der Faden spinnbar ist.
    Ewiges absetzen und neu beginnen ist für mich keine Option.
    Ich brauche einen Schwung ähnlich dem malen.
    Oder ich verwerfen komplett und beginne an einer anderen Stelle.
    Und manchmal gelingt es.
    Und manchmal raubt mir ein vorher gedachter Plan alle Bewegung.
    Schreiben ist für mich ähnlich dem malen und dem kochen.
    Ein gedachtes Rezept als entfernte Ahnung.
    Alles andere und vor allem zwang und Engstirnigkeit lähmt mich und führt nur zur Unzufriedenheit in mir selbst.
    Jeden Tag zur gleichen Stunde zu beginnen und die Sanduhr zu stellen und die Griffel zu zwingen käme mir nie in den Sinn.

    So meine spontane Antwort.

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    1. Vielen Dank für diesen Werkstattbericht, der von Schwung ja nicht nur berichtet … Mir geht es bei kürzeren Texten oft ähnlich, aber ich schreibe auch oft (und überaus dankbar) wenn sich gerade eine freie Zeit auftut und „puzzle“ an einer Textstelle weiter oder schmiede Pläne, wie alles auch ganz anders sein könnte – oder wie überhaupt … Was mich sehr interessieren würden: Kannst du noch etwas sagen zu den ersten beiden Zeilen? Was sich für dich verbindet mit Etappen, mit Haltepunkten? Beste Grüße!

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      1. In Etappen denken ist für mich / in kleinen Gedanken um die bestehende Figur / nicht alles Vordenker und mich leiten lassen von der Situation / ich denke ich kann es schwer vermitteln.

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        1. Da fällt mir ein anderes Bild ein, das ich oft verwende: die Expedition in unwegsames Gelände. Auch da bleibt uns nichts anderes übrig, als uns den aktuellen Herausforderungen (der aktuellen Etappe) zu stellen …

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  2. Besonders den vorletzten Absatz kann ich unterschreiben. Das kenne ich gut, ich beziehe das aber darauf (muss ja jetzt wieder „beziehen“ statt „bezog“ sagen, weil etwas „kommt“…), dass ich eben nicht in Sätzen denke. Ich sehe Szenen. Wie in Filmen. Anders geht das nicht bei mir (nur ganz, ganz selten und dann nicht gewollt). So eine einzelne Szene kann natürlich genial sein, aber ich habe immer wieder und immer nochmal die Erfahrung gemacht, dass ich mich mit der als Ausgangspunkt an etwas klammerte und dann war die einzige Bewegung in dem Ding: Gegen die Wand. Das hat mir schon gute Charaktere zersemmelt.

    Letztes Jahr geschah etwas, das ich mir für weitere Schreibprojekte eine Lehre sein lassen will: Das einzige, dass ich bewusst und willentlich fiktional geschrieben habe in dem Jahr bis November/Dezember war ein kurzes Stück, dass ich als Teil einer Konzeptinstallation benötigt habe. Und dieses Wissen hatte ich im Kopf, also das wird nicht „Literatur“ sondern das ist Teil von dieser Installation. Und da tauchten plötzlich zwei Charaktere auf mit deren Geschichte ich jahrelang gekämpft hatte, „Sackgassen“ ohne Ende, und hatten eine ganz andere Geschichte und die machte sich selber und nicht in klassischer Textform.

    Seitdem weiß ich für mich: Laufenlassen und nehmen was kommt. Das bedeutet allerdings auch, dass ich mir vorher nicht sagen darf, dass ich dieses oder jenes Format machen will. Wenn ich etwas will geht gar nichts, ich muss passieren lassen. (Heißt natürlich auch, ich kann nichts planen, ist aber okay. Ich sagte ja irgendwann, dass ich teils mit Bausteinen von A.R.T.S. Anonymous oder Julia Camerons „Der Weg des Künstlers“ arbeite und da geht es viel um den Fluss und wie man ihn zulassen und akzeptieren lernt, das ist eine Methode, die für mich funktioniert.)

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    1. „Laufenlassen und nehmen, was kommt!“ Das ist ein schönes Motto, das sich für mich auch schon sehr bewahrheitet hat. Und auch das kenne ich: Dass das Wollen dem Gelingen sehr im Weg stehen kann, wie ja vieles beim Schreiben paradox ist …

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  3. Das ist jetzt der zweite Versuch eines Kommentars und ich glaube, dass ich einfach eine Frage hinterlassen möchte: Kann es sein, dass Geschichten eher dann in einer Sackgasse landen, wenn sie zu nah an der Autorin/dem Autor dran sind? Also, wenn sie zu sehr mit der eigenen Biografie verbunden werden, sich die schreibende Person zu sehr mit dem Protagonisten identifiziert?
    Und was bedeutet das dann für die Goldminen? Vielleicht, dass diese Goldminen, bevor sie aufgeschrieben werden, zunächst verändert werden sollten? Also das käme dann auf den Entwicklungsstand des Schreibenden an- wenn diese/dieser an einem Punkt persönlich vor einer Mauer steht, landet durch die starke Identifikation dann auch die Geschichte in einer Sackgasse?
    Keine Antworten- nur Fragen …

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    1. Ich freue mich sehr über hinterlassene Fragen und ich freue mich noch mehr, wenn auch andere sich bei der Suche nach einer Antwort beteiligen und vielleicht ihre Erfahrungen beisteuern. Ich glaube auch, dass es wichtig ist (und kaum je auf Anhieb gelingt) die richtige Entfernung zum eigenen Erleben zu finden. Manchmal ist das Schreiben „zu nah“ dran, aber noch viel öfter erlebe ich in den Werkstätten, die ich anleite, dass es zu weit weg ist … Für mich übersetze ich diese Pole in die Frage von „Freiheit“ und „Notwendigkeit“. Sollte dich das interessieren, könntest du hier auf dem Blog mal „Notwendigkeit“ in die Suche eingeben …

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        1. Auch diese Frage gehört für mich zu den komplizierteren – zumal es ja ganz unterschiedliche Weisen gibt, in denen das Schreiben „nah“ am Leben ist … Aber was immer gilt, gilt auch hier: Schreiben ist ein Prozess und eine wunderbare Möglichkeit auch damit zu experimentieren …

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    2. Das mit der Schreiber-Protagonisten-Identifizierung hat was für sich. Die vier älteren Musiker in meinem Drehbuch waren mir so lieb, (meine kleinen Rentnerkinder), dass ich ihnen nichts zustossen lassen wollte, weder innerlich noch äusserlich… Aber in meinem eigenen Leben war es zu dieser Zeit genau umgekehrt… Es ist ein weites Feld, Luise 🙂
      (schade, dass mir der letzte Satz erst jetzt einfällt, hätte ein guter Aufhänger für die Dame mit Hut sein können…)

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      1. Auch darüber habe ich hier ja schon geschrieben, dass beim Schreiben (leider/zum Glück) alles mit allem zusammenhängt und wir also selten den Einfluss eines einzigen Aspekts isolieren können … Aber ja, manchmal mögen wir unseren Figuren nicht zumuten, wonach „die Geschichte“ eigentlich verlangt – das kenne ich auch 🙂

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        1. Also, ich habe wirklich schon eine Menge Sackgassen kennengelernt und ich bin mittlerweile sehr überzeugt, dass der Text fast immer in der Nähe des Problems auch die Lösung desselben enthält … Ach ja, und am allerwichtigsten: nicht die Nerven verlieren 😉

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  4. Mir gehts, was das Szenische anbetrifft, ähnlich wie dergl.. Es ist für mich unbedingt nötig, das, worüber ich schreibe, als Szene vor mir zu sehen. Mir scheint, dass ich mich beim Schreiben von Geschichten selten von der Sprache und auch nicht von Ideen oder Mitteilungsabsichten, sondern fast immer von Bildern führen lasse. Die Details dazu kommen dann aus irgendwelchen Erinnerungs-Schubfächern, sind plötzlich da. Ich sehe etwas vor mir, das ich beschreibe. Gelegentlich sind es auch Bilder von Künstlern, die in meiner Erinnerung auftauchen, so wie in meiner heutigen Geschichte das Bild von Egon Schiele..
    http://gerdakazakou.com/2016/02/09/geschichtengenerator-in-aktion-luise-aeltere-dame-mit-hut-fortsetzung/
    Das so beschriebene „Personal“ hat dann die Tendenz, sich zu verselbständigen, lebendig zu werden, sein eigenes Schicksal zu entwickeln. Ich laufe mit meinen Sätzen hinterher

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    1. Ich laufe meinen Sätzen hinterher … Das trifft (zumindest einen Teil meines Schreibens) sehr und bringt schön zum Ausdruck, dass wir manchmal auch von den Ideen und Einfällen Getriebene sein können, die kaum hinterherkommen – jedenfalls fühle ich mich öfter mal so … Aber bei mir stehen die Sätze manchmal auch ganz am Anfang, sind das erste was ich habe von einem Text …

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  5. Es macht aber doch sicher einen großen Unterschied aus, ob man schreibt, weil man etwas mitteilen möchte, weil es ein Bedürfnis darstellt, da steht dann der Inhalt im Vordergrund, oder ob man zur Unterhaltung anderer schreibt. Dann ist es wohl wichtig, die Handlung zuerst zu erfinden und die Personen zu skizzieren sonst bleibt man im Nirgendwo hängen, weil ja der Antrieb des Mitteilenwollens fehlt.

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    1. Du wirst lachen, da fällt mir spontan eine Art Mittelweg ein, vielleicht nicht für jeden geeignet: zur eigenen Unterhaltung schreiben. Also dieses vielzitierte (ich weiß nicht, von wem es stammt) „die Bücher schreiben, die man selbst gern lesen würde“. Ja, das KANN dann auch „Unterhaltung“ sein, hat aber dann vermutlich ein Niveau, auf dass du/man selbst nicht hinabschauen müsste/st (immer vorausgesetzt, dass man das bei „Unterhaltung“ tut).

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      1. An Unterhaltungsliteratur an sich finde ich gar nichts Schlechtes. Ich finde nur, dass es im deutschsprachigen Raum wenig gute Unterhaltungsliteratur gibt. Da klafft eine breite Lücke zwischen Gebrauchskitsch und „hoher“ Literaur. Im angelsächsischen Raum ist das ganz anders, da gibt es viele gut zu lesende aber inhaltlich durchaus anspruchsvolle Autoren.

        Das Schreiben zur eigenen Unterhaltung ist eine interessante Idee. Das erinnert mich an die Bronte-Geschwister. Die sollen sich eine eigene Welt mit Puppen und dazugehörigen Geschichten geschaffen haben, ganz lange Familiensagas erfunden haben ….. Das hätte mir als Kind sicher auch Spaß gemacht, vielleicht immer noch, aber da muss man natürlich viiiiiiel Zeit investieren …

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          1. Schöner Hinweis, vielen Dank! Auch „Alice im Wunderland“ ist z. B. so entstanden und wie gesagt, zumindest wer mit dem Schreiben anfängt, wird in irgendeiner Weise meist beides irgendwie im Sinn haben … Und ja, das ist ein wirklich guter Rat: Die Bücher schreiben, die man selbst gerne lesen würde!

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  6. Liebe Jutta,
    ich denke auch, auch wenn ich nicht die große Erfahrung habe mit dem Verfassen von literarischen Texten – aber immerhin mit anderen kreativen Formen (als die auch auch eine Unterrochtsstundenplanung sehe 🙂 -, dass es nicht reicht, nur eine Geschichte freizulegen, die irgendwo in uns schon schlummert. Es gibt zwar den launigen Spruch, Michelanagelo hätte auch von seinem Stein „nur“ all das weggehauen, was nicht zu David gehört. Aber so funktioniert es wohl eher nicht. Es ist doch eher der lange Suchprozess, die Arbeit an den Details, auch mal das schmerzhafte Verlassen des gerade erst als Holzweg erkannten Umwegs. Aber auch das macht doch den ganz besonderen Reiz an diesen Arbeitsprozessen aus: Sie immer besser, immer stimmiger zu machen.
    Viele grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia, wie schön, dass du dich an unserem Austausch beteiligst und ich stimme dir ganz ernst gemeint zu: Na klar ist Unterrichtsstunden-gestaltung auch ein kreativer Prozess! Aber das ähnelt vielleicht eher der Arbeit an einem Text, bei dem schon die Struktur feststeht. Und manchmal ist das bei einer Geschichte auch von vornherein klar, aber manchmal eben auch nicht. Ich habe ja dafür mal die Beschreibung gewählt: Die Geschichten (er)finden, die darauf warten von uns erzählt zu werden. Ich glaube, das trifft es manchmal ganz gut …

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      1. Also, nun steige ich doch einmal ein bisschen tiefer in die Studenplanung ein :-). Auch da steht die Struktur keineswegs von Beginn an fest. Wenn es gut läuft, dann hat man allerdings ein par Ziele, die mit einer Unterrichstreihe errreicht werden sollen, vielleicht vergleichbar mit dem Kern einer Geschichte, mit dem Plot (da bin ich mir jetzt aber nicht so sicher). Und dann schaut man den Inhalt an (Was?) und gleichzeitig auch die Methode (Wie?). Das geht immer ganz eng zusammen. Und wenn man Referendare beobachtet ist das auch der von Gerda skizzierte Prozess 2mit ungewissem Ausgang“. Aber: Wenn man ein ganz alter Hase ist, und da auch ganz viel Erfahrung ist, dann gehen diese Überlegungen ziemlich automatisch und auch einigermaßen schnell. So funktioniert das Schreiben sicherlich nicht – zumal sich eine Stunde ja auch aus dem Mittun der Schüler entwickelt (das ist überhaupt das allerspannendste daran) und die Leser haben ja eben garede keinen Einfluss auf dem Schreibprozess. Bevor ich jetzt noch weiter erzähle, gehe ich in mein kleines Marketing-Improvisationstheater und erfreue meine Studierenden… und habe sehr viel Hochachtung vor den Schriftstellern, die – fast – ihren ganzen Arbeitsprozess mit sich am Schreibtisch ausmachen.
        Viele Grüße, Claudia

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        1. Liebe Claudia, jetzt ermesse ich erst, wie aussagekräftig dein Vergleich ist! Vor allem, was die Frage betrifft: Was müssen Referendare (Schreibnovizen) lernen? Auch Referendare wissen ja in aller Regel, wie es „eigentlich“, wie es theoretisch gehen sollte oder könnte. Aber ihnen fehlt die Praxis, um die ganz unterschiedlichen, komplexen Wahrnehungs- und Handlungsaufgaben gleichzeitig zu organisieren, um unter Druck die richtigen Entscheidungen zu fällen usw. Genauso ist es beim Schreiben!!! Also ist Praxis (und zwar viel Praxis) vollkommen unverzichtbar 😉

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    2. Dem stimme ich voll zu, Claudia. Das ist auch der Grund, warum wir keine größeren Geschichten oder Romane aus dem EffEff schreiben können. Uns fehlt oft die Geduld, die Gründlichkeit des Nachdenkens und der Recherche, die Konsequenz, um einen Einfall wirklich durchzuarbeiten. Eine kleine Skizze ist leicht anzufertigen, sie kann witzig und unterhaltsam sein, aber die Durchführung ist eine schwere Schufterei mit ungewissem Ausgang. (Ich kenne das vor allem aus der Malerei, ein wenig auch vom Schreiben)

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      1. Und wir haben natürlich auch irgendwie diesen Genie-Kult im Kopf, also die Vorstellung, dass die brillianten Ideen nur so aus der Feder fließen. Das mag ja in der einen oder anderen Situation und bei dem einen oder anderen Künstler tatsächlich vorkommen, wahrscheinlich aber sind doch die meisten hochdekorierten Schriftsteller mehr mit der von Dir so schön beschriebenen „schweren Schufterei mit ungewissem Ausgang“ beschäftigt.

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        1. Hier möchte ich auch noch ein Wort für die Lyrik einlegen. Ich denke auch, dass Schreiben ein großer Teil aus Handwerksarbeit besteht: Beispielsweise im Sinne von „an Sätzen feilen“. Und bei der Lyrik, bei der jedes Wort zählt, am richtigen Platz sitzen muss, etc., gilt dies vielleicht noch mehr? Und wir Leserinnen lesen so ein Gedicht – manchmal rutscht es auch so durch – und sehen den Schaffensprozess, der dahinter steckt oftmals nicht (was aber wiederum auch die Kunst ausmacht: Dass sie uns mit ihrer Schönheit oder ihrem Sinn überwältigt, ohne dass wir an das Handwerkliche denken).

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          1. ich meine, das gilt für alles, für Menschengemachtes, aber noch mehr für die Natur: wir sehen ein Gänseblümchen und gehen weiter. Und ist doch ein Wunderwerk, das man gar nicht aufhören kann mit dem Staunen, wenn man sich bewusst macht, was da vor einem steht.

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      2. Ich will nicht leugnen, dass die Arbeit am längeren Text eben das oft ist: Arbeit. Und ich erlebe manchmal, dass Menschen überrascht sind, dass das Schreiben eines Krimis nicht so spannend ist wie das Lesen, aber gleichwohl: Ich selbst empfinde auch die „Arbeit“ am Roman selten als Schufterei. Da habe ich vielleicht einfach mal Glück gehabt 😉

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  7. Ich erlebe immer wieder in meinen Schreibwerkstätten, dass in dem ersten Satz eines Textentwurfs, in den ersten Zeilen, eigentlich schon alles da ist, was der Kern der Geschichte ist – der nur noch „freigelegt“ werden muss. Insofern mag ich dieses Bild sehr gerne. Ein Bild, das ich außerdem mag: „den Figuren zuhören“. Oft habe ich das Gefühl, ich muss nur besonders gut in mich hineinlauschen, meinen Figuren besonders nahe sein… und dann ergibt sich der Rest von selbst, weil sie mir ihre Geschichte erzählen. 🙂

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  8. Mir gefällt Freilegen auch sehr gut. Nicht sicher ob es wirklich den Kern der Sache trifft, weil es scheint harte Arbeit auszuschliessen, aber es ist das Gegenteil von Forcieren und in-die-Knie-zwingen (oder wohin auch immer) und verspricht Leichtigkeit. Als ob alles eigentlich schon da ist und wir es nur noch Archäologengleich ausgraben und aneinander fügen brauchen…

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    1. Ich bin ja überzeugt, dass ein großer Teil der Missverständnisse, die entstehen, wenn wir übers Schreiben reden, daher rührt, dass wir uns darunter etwas halbwegs homogenes vorstellen … Dabei ist es so unterschiedlich wie „Sport machen“: Laufen, boxen, Golf spielen, schwimmen, Schach spielen usw ….

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        1. Ja! Und ich glaube, dass wir – wenn wir nicht gerade darüber nachdenken – die Ähnlichkeiten überschätzen und die Unterschiede übersehen zwischen den ganz unterschiedlichen Arten von Geschichten und Schreibweisen und Herausforderungen, mit denen wir dabei konfontriert sind … Manches ähnelt sich, aber sehr vieles eben auch nicht …

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  9. Ich mag es sehr darüber zu lesen, wie andere schreiben und wie es bei ihnen funktioniert oder manchmal auch nicht. Und wahrscheinlich stimmt auch hier Erich Kästner’s Satz: Es gibt nichts Gutes ausser man tut es. 🙂
    wünsche dir eine schreibfreudige Woche und freu mich auf Freitag!
    Dagmar

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  10. Die Idee, dass wir Geschichten nur „freilegen“ müssen, gefällt mir. In gewisser Weise sind sie–die Gedanken, die Geschichten“kerne“–schon da, wir müssen sie nur zu fassen bekommen, sie in die passenden Worte kleiden.

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  11. [zitat]Müssen wir die Geschichten, die wir erfinden nur “freilegen”?[/zitat]

    Zuerst wollte ich schreiben: Ich erfinde keine Geschichten. Ich erlebe sie alle!
    In der Realität und Ihrer Erinnerung, in der Phantasie und sogar im Traum. Aber nachdem ich die vielen schönen Kommentare über das Freilegen, das „zu fassen bekommen“, das „den Figuren zuhören“ und die harte Handwerksarbeit gelesen habe, ist mir klar geworden, das die Quelle, die Fundstelle, die Ausgrabung nicht das Wesentliche ist, sondern das Restaurieren, das Zusammenfügen, das Polieren und dann erst kommt das gute Stück in die „Vitrine“.

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  12. Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr wir uns unterscheiden – auch darin, wie wir zu unseren Geschichten kommen und welche Herausforderungen sich uns dabei stellen. Und können es vorher nie wissen, jeder Text birgt neue Risiken und Möglichkeiten, mal ist die Fundstelle unwegsames Gelände und mal liegt alles ausgebreitet vor uns … Wir sollten erst gar nicht beginnen, Regeln aufstellen zu wollen scheint mir …

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