Wundersame Vermehrung prächtiger erster Sätze: Der Tisch ist gedeckt!

FullSizeRender 9Es wird auch unter den regelmäßigen Leser:innen dieses Blogs Menschen geben, die nicht wissen, wie wichtig, ja wie beruhigend es manchmal sein kann,  über mindestens einen halbwegs vernünftigen Satz zu verfügen. Es würde jetzt zu weit führen, genauer zu erklären, warum die Begrenzung z. B. auf einen Satz es so viel leichter macht, mit dem Schreiben zu beginnen (hier habe ich früher schon einmal darüber geschrieben) – jedenfalls ist es so, dass es sehr viele Menschen gibt, die gerne zu (vorgegebenen) ersten Sätzen schreiben.

Eine dieser Personen, die gelegentlich meine Werkstätten besucht, war nun vor längerer Zeit in eine Versorgungsnotlage gekommen und hatte sich auf eine ungemein patente Weise zu helfen gewusst: indem sie Menschen, die sich gerade in ihrer Umgebung befanden, um einen Satz bat. Nicht nur ich war verblüfft, was für wunderbare Texte aus den Sätzen entstanden waren (die Sätze waren wirklich sehr gewöhnlich und besaßen keine der Eigenschaften, die „gute erste Sätze“ auszeichnen).

Seit ich davon erfahren hatte, hegte ich den Plan, das in einer Werkstatt auszuprobieren – und am vergangenen Sonntag war es so weit: In der „Sonntagswerkstatt“ forderte ich die Teilnehmer:innen auf, einen oder mehrere Sätze zu notieren und es geschah ein kleines Wunder: innerhalb der vorgegebenen fünf Minuten entstanden so viele tolle erste Sätze, dass ich zunächst nicht mit dem Zerreißen der Zettel nachkam und danach fast von meiner eisernen Regel, nicht selbst mitzuschreiben, abgewichen wäre – so sehr zog es mich ins Schreiben hinein.

Und nun scheinen mir die bevorstehenden Weihnachtstage ein guter Zeitpunkt zu sein, um dieses Geschenk weiterzureichen. Vielleicht gibt es den einen oder die andere, die Lust hat, die freie Zeit zum Schreiben zu nutzen und der gerade noch eine rechte Idee fehlt, vielleicht hat auch jemand Lust, das Verfahren für sich selbst einmal auszuprobieren und andere um Sätze zu bitten und vielleicht ist es überhaupt eine gute Idee, Sätze einmal „drauflos“ zu schreiben, ohne großes Nachdenken darüber, ob sie geeignet sind. Wichtig ist es dabei, jeden Satz auf einen neuen Zettel zu schreiben.

Ach ja: Erste Sätze können auch letzte Sätze sein, sie können mittendrin stehen oder sie können auch am Ende ganz rausgestrichen werden – es geht ja nur darum, dass sie die große Unendlichkeit an Möglichkeiten auf eine etwas kleinere Unendlichkeit reduzieren …

Ich bedanke mich sehr herzlich für die anregende Werkstatt und die prächtigen Sätze bei Bettina, Irene, Jochen, Sabine, Sylvia und Tonja und würde mich sehr freuen, wenn jemand Lust hat, sich an diesem reich gedeckten Tisch zu bedienen! (Und wenn, berichtet darüber, bzw. schreibt die entstandenen Texte hier ins Kommentarfeld oder auf eure Blogs!)

Lasst es euch gut gehen – ob weihnachtlich gestimmt oder gerade auch nicht!

19 Comments

  1. Liebe Jutta,
    nicht sehr originell, aber mein erster Satz wäre unbedingt: „Ein Ende ist nicht abzusehen“. Kann auch als letzter Satz verwendet werden, wär dann zwar vielleicht nicht falsch, aber wirklich sehr unoriginell.
    Ganz liebe Grüße und ein paar ruhige Tage (obwohl ich grad den Eindruck habe, daß Ruhe mit Deinem derzeitigen Kreativitätsdrang nicht ganz so kompatibel sein könnte).

    P. S.: habe Dein Essay längst gelesen und bin sehr beeindruckt. Einen Punkt hatte ich, in dem ich Dir widersprechen würde – aber ich weiß ihn nicht mehr. Das Gedächtnis als Sieb nahm bei mir seinen Anfang…
    Im Ernst, ich lese das Essay noch einmal, diesmal mit Bleistift UND Sabbelheft.

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    1. Lieber Kai, ich freue mich sehr, dass ich mir eine Vorstellung davon machen kann, wie schön trubelig es bei dir zugehen wird und bin sehr interessiert an deinen Anmerkungen – allerdings hat das Zeit (er liegt ja jetzt erstmal bei einem Wettbewerb und ist von einer Veröffentlichung noch ein ganzes Stück entfernt …). Übrigens ist es mir mit Shumona Sinha auch so ergangen: ich habe ohne Stift gelesen, deswegen kommt sie gleich mit in den Zug – auch dadurch denke ich gerade öfter an dich 😉 Herzliche Grüße!

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  2. Liebe Jutta,
    ich verknüpfe gerne Projekte und so sende ich dir diesen, meinen ersten spontanen Satz:
    „Alles auf dieser Welt wurde schon gezeichnet, so ist die Folgerung, Null zu zeichnen, klug.“
    Wäre dieser Satz der erste Satz einer meiner Hausarbeiten, so würde ich ihn bei jedem Termin, an dem ich an meiner Hausarbeit arbeitete, ändern, bis er so perfekt ist, wie ich ihn mir wünsche.
    LG Susanne

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    1. Liebe Susanne, vielen Dank, dass du uns diesen interessnten Gedanken hier präsentierst. Seit ich ihn gestern Abend gelesen habe, geht es mir in Varianten durch den Sinn. „Wenn alles schon gezeichnet wurde, könnte die Null eine Lösung sein.“ Das trifft es nicht ganz, aber die „Lösung“ gefällt mir, weil die Logik des Satzes ein bisschen wie eine Gleichung ist … Wünsche dir schöne Tage!

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  3. Liebe Jutta,
    das ist wieder einmal eine tolle Idee, erste Sätze zu sammeln als Anstiftung zum Schreiben. Manchmal – beim Hundespaziergang 🙂 – sausen mir ja auch solche ersten Sätze durch den Kopf. Und ich schreibe sie nie auf! Müsste ich ganz dringend doch mal tun. Aber im normalen Alltag bleibt mir so wenig Zeit für solche kreativen Ausflüge. Und damit hader ich im Moment sehr. Wenn ich mir vom Weihnachtsmann doch einfach nicht nur mehr Zeit, sondern vor allem auch mehr Muße für solche Dinge wünschen könnte! Aber ich könnte ja wenigstens mal mit den ersten Sätzen beginnen und die auch wirklich notieren. Das ist doch mal ein Vorsatz für das nächste Jahr! Sozusagen eine wunderbare Vermehrung der guten Vorsätze.
    Viele liebe weihnachtliche – oder wahlweise auch frühlingshafte – Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia, ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut! Und kann jetzt nur sehr kurz antworten: Ja! Unbedingt aufschreiben! Möglichst sofort, also unterwegs – es ist unglaublich, wie schnell sie wieder aus dem Kopf wehen. Und wenn du ein bisschen Glück hast, passiert fast ohne dein Zutun etwas. Entsteht etwas … Das ist für mich das Großartigste an unserem Gehirn, dass es bereit ist, relativ selbstständig Dinge auszubrüten, wenn wir ihm nur ein bisschen Stoff anbieten – und schon hat man den Keim einer Geschichte, „die darauf wartet, von uns erzählt zu werden“ 😉 Sehr herzliche Grüße und frohe Weihnachtstage!

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  4. Eine tolle Idee, Jutta, so hat der horror vacui im Angesicht des weißen Papiers keine Chance. So ähnlich funktioniert, glaube ich, auch Improvisationstheater bzw. das kreative Gesellschaftsspiel, bei dem einer anfängt, eine Geschichte zu erzählen, die der nächste dann weiterführt… Sicher auch unter dem Tannenbaum sehr geeignet, um die Festmahl-müden grauen Zellen wiederzubeleben. Herzliche Grüße!

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    1. Liebe Maren, das freut mich sehr, dass es dich anspricht! Und ja stimmt, Improvisationstheater ist auch eine tolle Möglichkeit, lockerer zu werden und zuversichtlich, dass einem schon immer etwas einfallen wird – oder einem der anderen … Das ist so eine seltsame Paradoxie: Wenn man die Angst und den Druck loswird und wirklich offen wird für das, was sich in einem selbst oder der Umgebung „anbietet“, kann einem überhaupt nichts passieren … Ich grüße dich sehr herzlich und wünsche dir schöne Tage!

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    1. Oh ja! Nein! Wunderbar! In der Werkstatt, von der ich hier erzählt habe, entstanden gleich zwei Texte, die mit den beiden Worten „ausgeschlossen“ und „möglich“ spielten … Ich danke dir für die Anregung und grüße sehr herzlich – lass es dir gutgehen!

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  5. Ha! Lauter Weihnachtsgeschenke an die Phantasie! Danke, Jutta! 🙂
    Ein erster Satz, den ich verschenken würde: „Verdammt“, sagte die ältere Dame und lehnte sich aus dem Fenster.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  6. Liebe Christiane, großartig! Ein weiterer Satz – was vielleicht (gerne!) zur Nachahmung einlädt! Schöne Vorstellung, wenn hier eine Börse erster Sätze oder gelungener Schreibanregungen entstünde 😉 Nochmals sehr herzliche Grüße!

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  7. Ich habe ein Heft mit einem sogenannten „Faden-Poem“: Alle Sätze, die potentiell erste Sätze werden könnten, ich aber gerade nicht brauche kommen da ungefiltert und aneinander gereiht hinein.

    Mal schauen – Augen zu und drauf gezeigt – was habe ich denn für dich? Das hier: Die seit fünfzehn Jahren immer gleiche Litfaßsäule.

    Frohe Feiertage dir!

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