(3) Meine Geschichte(n) schreibe ich selbst

Bei meinem noch immer ein wenig erstaunten Nachdenken darüber, warum mir der schlichte Satz „Meine Geschichte(n) schreibe ich selbst“ zu so etwas wie einem heimlichen Motto geworden ist, war ich überrascht, wieviele Sätze oder Redewendungen sich aus diesen fünf Worten kombinieren lassen, die jeweils für etwas anderes stehen. Ich möchte meinen Gedanken und Assoziationen zu einigen dieser Bedeutungen hier nachgehen und mit dem kürzesten beginnen.

„Ich schreibe.“

Ich schreibe. Ja, natürlich schreibe ich. Ich bin Schriftstellerin. Dass ich schreibe, wird niemanden überraschen, zumal ich nicht unter Schreibblockaden oder -hemmungen „leide“, wie man so sagt. Aber es war ein langer Weg. Denn die meiste Zeit meines Lebens war ich davon überzeugt, dass mir das Talent für das Schreiben fehlt. Hier habe ich darüber geschrieben. „Ich schreibe“ bedeutet auf diesem Hintergrund für mich also auch: Ich habe in eine Schreibpraxis gefunden, ich habe über das Schreiben nachgedacht und kritische Anmerkungen verarbeitet, bis ich dieses enervierende und unproduktive Kreisen um die „Talentfrage“ überwunden habe. Ich schreibe. That’s it.

Aber es schwingt noch etwas anderes mit. Vier- oder fünfmal wurde ich von Frauen (im Rahmen von Schreibwerkstätten) gefragt: „Darf ich das schreiben?“ Und ich war zunächst ratlos. Habe an juristische Verwicklungen und Hintergründe gedacht, die oft kompliziert sind. Habe nachgefragt und dabei dann erfahren, dass an eine Veröffentlichung gar nicht gedacht ist, dass es nur um das Aufschreiben selbst geht. „Natürlich“, habe ich dann geantwortet. „Natürlich darfst du das schreiben, warum denn nicht? Wer sollte es dir verbieten? Welche Instanz?“

Es sind immer Frauen gewesen, denen Schlimmes widerfahren war, die das fragten. Manche haben später tatsächlich Teile ihrer Geschichten aufgeschrieben, manche haben es bei Andeutungen belassen. Auch das liegt für mich in dem kleinen „Ich schreibe“: die Aneignung von Geschichten gegen innere oder äußere Widerstände. Sich das Recht herauszunehmen, den eigenen (Stand)Punkt in der Geschichte für wesentlich zu halten. Und da kann es vollkommen unerheblich sein, ob die Geschichten erfunden oder real sind. Das wusste ich noch nicht immer.

3 Comments

  1. Liebe Jutta,

    die vielen Stimmen, die von außen auf uns herunterprasseln wie kalter Regen und für die wir immer ein Ohr haben, sind eine Sache. Die andere Komponente ist der Orkan innerer Stimmen, von denen wir oft gar nicht wissen, wo sie ihren Ursprung haben. Da kann es schon mühsam sein, die eigene herauszuhören. Wie schön, dann von dir zu lesen, dass wir das Recht in Anspruch nehmen sollen, können, wollen, den eigenen Standpunkt in der Geschichte für wesentlich zu halten. Das hat mit Suche zu tun aber auch mit Mut. Ich beschäftige mich noch (oder vielleicht mein Leben lang) mit beidem. Wie ist es bei dir und allen anderen, die mitlesen? Gibt es Abkürzungen?

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    1. Liebe Sylvia, mein zweites Lieblingsmotto ist ja: „Die Geschichte (er)finden, die darauf warten, von uns erzählt zu werden“. Und darin steckt für mich vor allem die Suche, die du erwähnst. Bei mir hat sie sehr lange gedauert (da passt dann wiederum der Franzen-Spruch, dass es manchmal notwendig ist, erst zu dem Menschen zu werden, der das Buch schreiben kann, das man schreiben muss …) Ich kenne keine Abkürzungen. Manchmal kommt es mir, wenn ich meine eigenen Schreibprozesse und diejenigen von anderen betrachte, so vor, als wenn es gut (notwendig?) wäre, sich zumindest ein wenig in die jeweils andere Richtung zu bewegen (wenn man sehr nah am eigenen Erleben schreibt, mit Erfindungen zu spielen und wenn man umgekehrt sehr weit weg vom eigenen Erleben schreibt, sich darauf hin zu bewegen …) Aber das lässt sich alles nur sehr bedingt planen …

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