Irrtümer über das Schreiben: Es kommt auf das Talent an

Ich glaube nicht an „Talent“. Aber ich habe es lange getan und deswegen erst gar nicht mit dem Schreiben angefangen – weil ich eben kein Talent dazu hatte. Oder jedenfalls weniger als viele andere, die ich kannte. Deswegen habe ich nicht geschrieben. Weil ich – das muss ich zugeben – nur Tätigkeiten nachgehen wollte, bei denen zumindest die Chance bestand, dass ich sie einmal gut, möglichst sogar sehr gut, ausüben könnte (auch das hat sich mit den Jahren, eher Jahrzehnten geändert – aber das ist eine andere Geschichte).

Und tatsächlich war, was ich dann schrieb, als ich anfing zu schreiben, nicht „gut“. Was passierte, war sehr vorhersehbar. Gelegentlich fand ich in einen Ton, den ich dann aber auch wieder verlor – ohne es zu bemerken. Es gab Szenarien, Handlunsgverläufe, die mir klar und glaubwürdig schienen, aber anderen eher nicht. Die Dialoge waren zu lang und die Enden bestanden aus Pointen oder die Handlung versandete einfach, weil mir nicht einfiel, wie es weitergehen könnte. Nun gut, vielleicht habe ich ein wenig übertrieben, aber im großen und ganzen beschreibt das die Situation meines jahrelangen „Anfangens“ ganz gut.

Wenn ich also diese Texte mit aktuellen Texten von mir vergleiche, dann gibt es zwei Möglichkeiten: vor zwanzig Jahren hatte ich kein/wenig Talent und heute habe ich davon sehr viel mehr, oder: Es kommt auf Talent nicht entscheidend an. Nun ist die Vorstellung, ist der Glaube an „das Talent“ aber so verbreitet, hat sich so tief in unsere Köpfe gesenkt, dass ich diesen Beitrag nicht schreiben würde, wenn ich nicht einen wunderbaren „Kronzeugen“ aufzubieten hätte: Matthew Syed. Matthew Syed ist nicht nur Autor des Buches „Was heisst schon Talent? Mozart, Beckham, Federer und das Geheimnis von Spitzenleistungen“ (Riemann 2010), sondern er ist auch die ehemaliger Nr.1 im englischen Tischtennis. Vermutlich hätte er sich nicht so intensiv mit dem „Mythos Talent“ beschäftigt, wenn er nicht in seinem eigenen Umfeld über eine höchst erstaunliche Begebenheit gestolpert wäre: Während seiner aktiven Zeit gab es eine ganze Reihe englischer Spitzenspieler:innen, die aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft stammten. Eine lokale Genmutation? Natürlich nicht. Es gab eine ganz simple Erklärung: Ein tischtennisverrückter Lehrer und eine Halle, in der der die Jugendlichen Tag und Nacht Zugang hatten.

Denn das ist die „Kehrseite“ der guten Nachricht, dass es auf Talent kaum ankommt – es kommt auf Praxis, auf Üben und auf „gezieltes Feedback“ an. Mozart, Federer und Schweinsteiger haben früher begonnen als viele andere, sie haben weit mehr „Übungsstunden“ schon in sehr frühen Jahren erledigt und sie hatten vermutlich gute (anregende, hilfreiche) Rückmeldungen. Wer sich für das Thema interessiert, sollte das Buch lesen, es ist eindrucksvoll, wie viel empirisches Material zu diesem Thema existiert. Ich werde nur eine einzige Untersuchung hier herausgreifen: 1991 untersuchte der schwedische Psychologe Anders Ericsson die Entwicklung der Violinist:innen der Berliner Hochschule für Künste. Er bildete drei Gruppen: Solisten, gute Orchester-Musiker und zukünftige Musik-Schullehrer. Was unterschied sie? Bemerkenswert waren vor allem die Übereinstimmungen: Begonnen mit etwa acht Jahren, hatten die meisten mit etwa 15 Jahren den Entschluss gefasst, Musiker:innen zu werden. Sie hatten durchschnittlich 4,1 Musiklehrer:innen und die Anzahl der Instrumente lag bei 1,8. Aber es gab einen gravierenden Unterschied: „Die besten Geigenspieler hatten im Alter von 20 Jahren durchschnittlich 10000 Übungsstunden hinter sich, über 2000 mehr als die guten Spieler aus der zweiten Gruppe und über 6000 mehr als die der dritten Gruppe“.

Das ist schon eindrucksvoll, aber jedem, der sich einmal ein bisschen mit Statistik beschäftigt hat, wird noch viel mehr imponieren: Es gab keine Ausnahmen! Niemand hatte die Spitzengruppe ohne intensive Übung erreicht und niemand hatte „hart gearbeitet, ohne herausragende Leistungen zu erzielen. Gezieltes Üben war der einzige Faktor, der die Besten vom Rest unterschied.“

Aber was bedeutet das für das Schreiben? Was können wir lernen und wie? Dazu bald mehr 😉

11 Comments

  1. Wichtige Hinweise gibst du hier und doch komme ich mit der goldenen Ausnahme, wenn der Mann sicherlich auch viel trainiert, d,h. geübt hat, so ist er doch nicht so geschult worden, wie viele seiner Kollegen, die in Sportinternaten gezielte Förderung erhalten haben. Ich sprechen von André Hahn aus Otterndorf/Niederelbe, der mit 24 Jahren in die Bundesliga kam und für die Nationalelf nominiert wurde. http://www.radiobremen.de/sport/fussball/andrehahn100.html Was ich sagen will – es gibt sie, die Ausnahmen, die die Regel bestätigen 😉

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    1. Super! Ich danke dir – müsste ich nicht ganz dringend in den Garten (;-)), würde ich mich hier noch gerne ausführlich über die spezielle Situation im Jugend-Fußball äussern, die ja auch von den (z.T. vorrübergehend) sehr unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen geprägt ist – so dass ein aufstrebender Jugendtrainer rational handelt, wenn er die kurzfristig, aber nicht langfristig stärksten Spieler aufstellt … Beste Grüße!

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    1. Liebe Marlis, was für eine schöne Begrüssung nach dem Urlaub! Ich glaube tatsächlich, dass wir in kaum einem Bereich auch nur annähernd die Möglichkeiten ausschöpfen, die wir besitzen – wenn wir in eine (über wiegend) mühelose Praxis finden, wenn wir uns dafür interessieren, wie andere es machen, wenn wir offen sind für Anregungen und Kritik …

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  2. Früher habe ich gedacht, man kann alles erreichen wenn man nur will. Und so habe ich mich von der Hauptschule auf das Gymnasium hochgearbeitet. Ich glaube im Leben kommt es darauf an, seine Potentiale zu entdecken und das was einem in die Wiege gelegt wurde auch wirklich zu wollen. Es kann ja sein, daß ich sehr sozial eingestellt bin, aber nicht Sozialpädagogik studieren will, wegen den schlechten Verdienstaussichten. Wenn es um das Bücher schreiben geht, glaube ich auch, Schreiben, Schreiben, Schreiben und Tanzen als ob niemand zusieht.

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    1. Ich habe mich sehr über diesen Kommentar gefreut – und mich, nicht zum ersten Mal, gefragt, ob man das vielleicht selbst erlebt haben muss, um es glauben zu können: wieviel unserer Möglichkeiten ungenutzt bleiben, weil wir nicht für möglich halten, dass wir sie entwicklen können. Mit Ausdauer und Mut und Lernbereitschaft. Das bedeutet nicht, dass alle alles gleich gut können. Aber wir alle können fast alles viel besser lernen, als wir denken 😉

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  3. Sagte das nicht eigentlich auch schon Nietzsche? Das habe ich heute noch zufällig bei einer Seminarvorbereitung gelesen. „Alle Großen waren große Arbeiter, unermüdlich nicht nur im Erfinden, sondern auch im Verwerfen, Sichten, Umgestalten, Ordnen“. Er spricht außerdem vom „Aberglaube vom Genie“.

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    1. Vielen Dank für das schöne Zitat! Den meisten Menschen leuchtet das ja auch „irgendwie“ ein, aber seltsamerweise rechnen auch diejenigen, die in der Musik, dem Sport oder auch der Malerei die Notwendigkeit jahrelangen „Tuns“ selbstverständlich einsehen, bei ihren „Schreibprojekten“ oft mit erheblich schnelleren „Erfolgen“ und führen, wenn diese sich nicht einstellen wollen, das auf ihr „fehlendes Talent“ zurück …

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