Entspannen Sie sich: Sie müssen Genazino nicht mögen!

Ich habe das selbst lange geglaubt: dass sich die Qualität wirklich guter Texte jedem mitteilt, der guten Willens ist und über eine gewisse Lesepraxis verfügt. Nun könnte man sich schon kilometerlang darüber streiten, was „wirklich gute Texte“ sind oder welche Rolle der „gute Wille“ spielen soll und natürlich auch darüber, wieviel Lesepraxis wir eine „gewisse“ nennen wollen.

Aber das ist nicht das, was mich gerade interessiert. Was mich interessiert, ist die Frage, ob es Texte gibt, an deren Qualität alle subjektiven Lektüreeindrücke so abprallen, dass ich mich als Leserin ins Unrecht setze, wenn ich die Möglichkeit einer genußvollen Lektüre für mich bestreite. Wenn ich sage: Genazino? Javier Marias? Sebald? Kann ich nichts mit anfangen! Ist nicht „meins“ …

Wie offenbar viele andere habe ich früher gedacht, dass es mein Defizit als Leserin ist, wenn ich der Lektüre von XY kaum etwas abgewinnen könne und habe als Autorin gehofft, irgendwann eine Qualität zu erreichen, die geschmäcklerische Ablehnung verhindert. Zumindest müsse es doch möglich sein, klar zu unterscheiden, dachte ich, zwischen den Unwägbarkeiten des Geschmacksurteils und den handfesten Kriterien für einen „guten“, einen „gelungenen Text“. Und manchmal ist das ja auch möglich. So wie wir manchmal erkennen können, dass ein Gericht „gut gemacht“, aber eben nicht „unserem Geschmack“ entspricht, können wir bei manchen Texten der Komposition, der Figurengestaltung, dem Ton oder dem Plot etwas abgewinnen und verstehen auch, dass andere den Text schätzten – nur zwischen uns und dem Text will die Chemie eben nicht so richtig stimmen …

Anders ist das bei den Autoren, von denen man sagt, dass sie „polarisieren“. Genazino ist so einer. Es gibt Menschen, die die Genazino-Begeisterung anderer regelmäßig wahnsinnig macht. Die abwechselnd an sich, an ihrem (Lese)-Verstand und an dem der anderen zweifeln. Gerade ist es wieder so weit. Die Genazino-LiebhaberInnen freuen sich über alle Maßen angesichts des neuen Werkes „Bei Regen im Saal“ (eine wunderbare Besprechung findet sich bei saetzeundschaetze) und die anderen legen sich, je nach Neigung und Temperament, Erklärungen für diese „Geschmacksverirrung“ zu. Selten geht es gut, wenn Freund und Feind in dieser Frage direkt aufeinandertreffen und nur weil ich mir einbilde, zur Entspannung beitragen zu können, werfe ich mich ins Schlachtengetümmel und behaupte als bekennende Genazino-Anhängerin: Man muss Genazino nicht mögen! Und Sebald und Streeruwitz und Javier Marias auch nicht! Und kann doch ein „guter Leser“, eine „gute Leserin“ sein.

In einem komplizierten Wechselspiel aus all dem, was wir erlebt und was wir gelesen haben, werden manche Texte lebendig, berühren uns oder bleiben uns fremd. Ich glaube es gibt Menschen, die irgendwann in ihrem Leben oder auch immer mal wieder die Welt, in der wir leben auf eine sehr spezielle Weise seltsam finden. Sich darin unbehaust fühlen. Und denen dieses schwer zu beschreibende Gefühl in den Texten von Genazino begegnet. Oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Diese Menschen sind nicht klüger oder belesener und sie sind noch nicht einmal verrückter als andere – sie haben nur das Glück, dass es für ihre spezielle Weise des in der Welt Seins, einen passenden Autor gibt …

Mittlerweile kommen mir meine früheren Überzeugungen wie ein „Kinderglaube“ vor. Und es scheint mir viel angemessener mir die Lektüre als ein Wechselspiel vorzustellen, bei dem es auf Resonanzen ankommt oder Räume, die sich öffnen. Vielleicht überschätzen wir, wenn wir über Literatur reden, die Bedeutung kognitiver Komepetenzen und intellektueller Bildung und unterschätzen die Bedeutung von Erfahrungen und Emotionen. Und deswegen geht das rechthaberische Reden über Qualität manchmal an der Sache vorbei – und manchmal auch nicht. Denn leider ist die ganze Angelegenheit kompliziert und natürlich ist es richtig und wichtig über die Form von Texten zu reden, über ihre Glaubwürdigkeit und Komplexität. Aber wir sollten im Kopf behalten, dass sie manchmal schwer voneinander zu trennen sind: die Fragen nach der „objektiven Qualität“ und dem „subjektiven Geschmack“.

14 Comments

  1. Es kann und muss nicht allen das Gleiche gefallen. Sebald liebe ich sehr, Genazino hab ich nie gelesen, von Marias gefielen mir nur die Erzählungen, die Romane aber nicht. Was sagt das über mich aus? Eigentlich egal. Was sagt das über die Autoren aus? Eigentlich nichts. Was den einen begeistert, kann den anderen langweilen – aus welchen Gründen auch immer. Selbst wenn der Stil, die Form etc. „stimmen“. Aber wir sind nun einmal unterschiedlich geprägt, besitzen unterschiedliche Erfahrungen … und diese Prägung erleichtert den Zugang zu manchem, zu manchem aber erschwert sie ihn. Natürlich finde ich es schade, wenn eine gute Freundin mit einem Buch, das ich großartig fand, so gar nichts anfangen kann. Aber deswegen bleiben wir trotzdem befreundet. Man soll ja nicht mit dem Geschmack argumentieren, aber ich finde, Geschmack wird stark unterbewertet ; )
    Liebe Grüße
    Petra

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      1. Lieber Mick, die „Tagesform“ war doch tatsächlich zunächst um Beitrag drin – aber dann habe ich sie wieder rausgenommen, weil ich es schon kompliziert genug fand 😉 Besten Dank, dass du sie wieder zurück gebracht hast …

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    1. Ich bin sogar der Meinung, es darf -unbedingt- nicht allen das Gleiche gefallen. Wäre es so, zu Ende gedacht, ich würde mich den Morloks in die Arme werfen. Es wäre ein so ödes Paradies.

      Liebe Grüße
      Ihr Herr Hund

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  2. Jetzt bin ich sehr, sehr tiefenentspannt dank deines Beitrages, liebe Jutta. Weil ich jetzt einfach sagen darf: Ich mag Genazino, und das ist gut so. Und andere müssen ihn nicht mögen, auch das ist gut so.
    Wobei, um nun doch noch ein Beunruhigungselement einzubringen: Ich gebe Petra und Mick recht – Tagesform, Geschmack, eigene Erfahrungen sind sicher mit ausschlaggebend. Bei Genazino jedoch scheiden sich die Geister oftmals nicht am Stil oder Sprachgebrauch. Sondern an seinen Typen. Und das liesse küchenpsychologisch schon tief blicken, wenn man denn wollte. Und, damit man küchenpsychologisch in mich hineindeuteln kann: Es geistert da regelmäßig die Meldung durch die Presse, dass zwei Russen sich wegen Poesie mit Messern bekämpft haben. Wie gut, dass ich nicht trinke, und schon gar nicht Wodka.
    ACHTUNG: Die letzten beiden Sätze waren dezent (selbst-)ironisch.

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    1. Liebe Birgit, als große Freundin der Küchenpsychologie lasse ich natürlich alle Entspannung sofort von mir abfallen: Was mich wirklich interessiert (und was eben auch zu diesem Beitrag geführt hat) ist das „Kränkungspotential“, das offenbar mit der Aussage „Ich mag G. – und du nicht!“ bisweilen verbunden ist. Ich habe das erst kürzlich wieder erlebt – und frage mich gerade, ob wir vielleicht weiter kämen, wenn wir die Küchenpsychologie für einen Moment ruhen ließen und uns Herrn Bordieu zuwendeten: die Genazino-Lektüre erschiene dann als ein möglicher Distinktionsgewinn?! (Wäre auch ein schöner Titel gewesen 😉

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      1. Distinktionsgewinn? Na, na….so weit würde ich nicht gehen :-). Eher ein Differenzierungsmittel, küchenpsychologisch gesehen. Genazino spricht den Verweigerer in uns an – manche mögen das, andere verweigern den Verweigerer…

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        1. Großartig! Dieser Gedanke gefällt mir sehr: der Verweigerer in uns, der Vermeider, der Zauderer. Und gerade kommt es mir so vor, als wenn sich die herkömmlichen Sinngeber ebenfalls stets auflösten: Arbeit und Beziehung. Also: ein großer Dank an dich und an die Küchenpsychologie!

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  3. Wer oder was Genazino wusste ich bis vor 5 Wochen nicht. Bei der Onleihe der Stadtbibliothek ist mir „Die Liebesblödigkeit“ durch Zufall auf dem Smartfon gelandet und ich habe es mit großem Vergnügen gelesen. Ob ein Text gut oder schlecht ist ist m.E. auch bestimmt von der eigenen Befindlichkeit, der durch die Gegend taumelde Held ist mir so nicht ganz unbekannt, die Identifikation ist da. In der Musik ist ein Song gut, wenn er Emotionen auslöst, da muss der Sänger nicht unbedingt singen können. 😉

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