(33) Alle (digitalen) Schreibwerkstätten unterscheiden sich …

Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr Schreibwerkstätten ein „Eigenleben“ entwicklen, je nachdem an welchen Orten sie stattfinden oder in welcher Frequenz und natürlich vor allem: in welcher Zusammensetzung. Und das gilt auch für die unterschiedlichen „digitalen“ Formate, mit denen ich gerade experimentiere – denn diese Virtuelle Schreibwerkstatt ist nicht die einzige, die ich notgedrungen im virtuellen Raum anbiete, aber es ist die einzige, die vollkommen offen ist. Jede:r kann „vorbei kommen“ und sich ein bisschen umsehen und mitmachen – so wie in der Offenen Schreibzeit, die ich für das Bremer Literaturkontor seit diesem Jahr einmal im Monat anbieten wollte (und in den beiden Vor-Corona-Monaten Januar und Februar 2020 angeboten habe).

Dass diese Virtuelle Schreibwerkstatt hier auf dem Blog sich sehr von anderen Angeboten unterscheidet, dass es keinen intensiven Austausch über entstandene Texte gibt, bzw. geben kann, dass die Zusammensetzung sich permanent verändert, das liegt also viel weniger am Online-Charakter als an der großen Offenheit dieses Formats. Deswegen habe ich den Teilnehmer:innen meiner regelmäßigen Schreibwerkstätten auch ein weniger offenes Format angeboten, als sich abzeichnete, dass zumindest im 1. Halbjahr keine Rückkehr zu Präsenzveranstaltungen möglich sein würde. Ich habe kein Programm gefunden, das haargenau für unsere Bedürfnisse passen würde (relativ einfach in der Verwendung, Möglichkeit mit der ganzen Gruppe auf die jeweiligen Texte zurückzugreifen und sie jeweils zu kommentieren, möglichst kostenlos), aber nachdem ich einige Tools ausprobiert hatte, habe ich mich für paper.dropbox entschieden, das sich für unsere Zwecke als eine recht gute Wahl erwiesen hat. Ich habe dort für die jeweiligen Gruppen Ordner angelegt. Diese Ordner enthalten einzelne Dateien (z. B. mit dem Namen der jeweiligen Teilnehmer:innen oder auch eine, die wir für eine Art „Chat“ umfunktioniert haben) und können, nachdem ich die Teilnehmer:innen per Mail zu diesem Ordner „eingeladen“ hatte, von diesen mit Text gefüllt werden. Dabei kann man sowohl direkt in die Datei reinschreiben oder auch aus einer bestehenden Datei oder Zwischenablage Text in die Datei kopieren (das ist in der Regel der bessere Weg, weil sonst alle, zumindest theoretisch beim Entstehen/Tippen des Textes zuschauen können.

Und wie geht es jetzt weiter, jetzt wo die halbwegs „normalen“ Formate wieder möglich werden, wo man sich wieder sehen und ganz real begegnen kann? Soll jetzt wieder alles wie „früher“ werden? Aber nein!, sagen H. und C. und M. (die nicht vom allerersten Moment an begeistert von den neuen Möglichkeiten waren) – wir wollen „unsere Dropbox“ behalten mit all den Möglichkeiten, die sie bietet. Denn jetzt, wo die frisch entstandenen Texte nicht mehr „nur“ vorgelesen werden, sondern sich an einem Ort befinden, an dem sie später nochmal verbessert oder nachgelesen oder kommentiert werden können, da ist die Frage, die sich aufdrängt: Wie kombinieren wir den Austausch in den unterschiedlichen Räumen so, dass es für jede einzelne Gruppe gut passt? Ich bin selbst neugierig, wie das gehen kann und ob es zum Beispiel möglich sein wird, dass einige die Dropbox nutzen und andere nicht (ich glaube, dass das gut gehen wird, aber letztlich muss man diese Dinge ausprobieren).

Als Beispiel dafür, wie anregend das Stöbern in den „Dateien der anderen“ sein kann, habe ich die Tabelle ausgewählt, die Maike zu der Schreibanregung (24) Stadt-Land-Tod oder Name-Beruf-Versteck angefertigt hat. Schaut Euch gerne darin um, denn Maike hat die Erlaubnis zur „allgemeinen Ideen-Plünderung“ erteilt: Wer also die Idee für eine Figur hat, die sich auf einem Enrique-Iglesias-Konzert versteckt (oder auf dem flachen Land) oder die unbedingt eine Axt (oder ein Hirschgeweih) loswerden muss, der lege ohne Zaudern los. Oder lege eine neue, eigene Liste an. Mit diesen oder ganz anderen Kategorien. Alles ist erlaubt!

Ich freue mich auf Texte, Listen, Ideen – und ich freue mich auch, dass die Sommerakademie der vhs Diepholz in der idyllischen Freudenburg auch in diesem Sommer stattfinden wird (hier gehts zum Flyer mit dem kompletten Programm und hier gehts zur Anmeldeseite, denn in meinem 2. Kurs vom 17.08. – 21.08. sind noch Restplätze frei. (Anmeldung bitte nur über die vhs Diepholz, Fragen auch gerne an mich: juttreichelt@aol.com)

Lesung mit „Zwischenschritt“

11070498_945390778829263_3278982730828340953_nDie normale sog. „Wasserglas-Lesung“ besteht aus zwei Teilen: der Lesung und der anschließenden Möglichkeit, der Autorin, dem Autor Fragen zu stellen. Dabei wird der zweite Teil oft, was die Vorbereitung betrifft, ein wenig stiefmütterlich behandelt. Und obwohl ich von vielen Lesungs-Besucher*innen weiß, dass sie vor allem die Möglichkeit interessiert, die Autorin, den Autor im Gespräch zu erleben, kommt dieses oft nur holprig in Gang. Manchmal bereiten sich die Veranstalter vor, in dem sie sich ein paar Fragen überlegen, die die Sache aber nicht immer besser macht.

Ich habe in der Vergangenheit schon gerne und mit guten Rückmeldungen mit dem normalen Lesungs-Format experimentiert (vor allem mit „4 Texte, 3 Fragen„, das ich immer noch sehr gerne anbiete) und hatte auch hier auf dem Blog unter dem Titel „Lasst uns mal offen reden – über Lesungen“ zum Austausch angeregt.

Bei der Einladung, in der vergangenen Woche in der Stadtbibliothek Syke aus meinem Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ zu lesen,  habe ich nun einen „Zwischenschritt“ eingeführt: nach der Lesung, die nur (auch das ein Wunsch vieler Leser*innen) 40 Minuten dauerte, habe ich berichtet, welche Fragen ich am häufigsten zum Buch gestellt bekomme („Ist das autobiografisch?“;“Warum  hat das Schreiben sechs Jahre gedauert?“) und versichert, dass mich keine davon schrecken kann. Dann habe ich erklärt, warum die scheinbar so einfach zu beantwortende Fragen nach den „autobiografischen Hintergründen“ tatsächlich auf einen erstaunlich komplexen Gegenstand zielt – und nach wenigen Minuten war die Atmosphäre deutlich aufgelockert. Die verbleibenden 40 Minuten vergingen rasch und mit einem wirklich sehr angenehmen und interessanten Austausch zu diversen Fragen des Romans und des Schreibens insgesamt. Ich kann diesen „Zwischenschritt“ also sehr empfehlen und werde ihn bei Lesungen, die die Möglichkeit des Austauschs vorsehen, beibehalten.

Erfinde eine Figur! (2)

Wenn ich mich für eine Schreib-Aufforderung entscheiden müsste, wäre es „Erfinde eine Figur!“ „Erfinde eine Figur!“ ist sowohl ein wunderbarer Einstieg für Menschen, die schon länger keine Geschichten oder literarischen Texte mehr geschrieben haben (oder noch nie!), wie auch für solche, die zwar über Schreibpraxis verfügen, denen es aber gerade kurzfristig an Ideen mangelt.

Manchmal ist sofort eine Figur „da“, sobald wir darüber nachdenken, aber wir können sie auch ganz langsam und vorsichtig umkreisen: Ist es eher ein Mann oder eine Frau? Jünger oder älter? Wo könnte sie wohnen? Allein oder in einer Beziehung? Ist sie zufrieden damit, wie sie lebt? Und wenn ja, wo könnte dann der Keim einer Unzufriedenheit lauern, den wir ihr zwar gerne ersparen würden, auf den wir aber zum Geschichtenerzählen kaum verzichten können. Oder wird ihre Zufriedenheit, gar ihr Glück von außen bedroht? Wenn diese Fragen  zu „groß“ werden und die Freude am Schreiben, am „Rumspielen“ zu nehmen drohen, hilft es vermutlich wieder auf die ganz konkrete Ebene zu wechseln: Wen gibt es in der Nähe dieser Figur? Und was für Gegenstände (vielleicht könnte ein besonderer darunter sein?) Gibt es Geheimnisse, Peinlichkeiten, Besorgnisse? Wie sehen die Schuhe aus oder putzt sie gerne? Aber warum mag sie den Keller nicht betreten?

Ich bin überzeugt, dass wer eine Zeitlang Figuren sammelt (und möglichst in der selben Datei oder im selben Notizbuch wohnen lässt), nahezu unweigerlich auch auf Geschichten „stößt“. Nicht als etwas Vollständiges mit Spannungsbogen und funktionierendem Anfang und Ende, aber vielleicht in Form von „Szenen“, mit denen man experimentieren – und vor allem anfangen könnte.

Weil ich neuerdings auch bei Twitter zu finden bin und mich die Frage reizt: Was ist möglich, was entsteht an Ideen in diesem 140 Zeichen-Format, habe ich auch ein paar #Figuren in die Welt gesetzt. Wer Lust hat, kann sich auch sehr gerne davon inspirieren lassen:

„Sie traut sich nicht, ihre Geschichten zu erzählen. Nicht einmal sich selbst.“

„Eine fixe Idee von ihr: Abhauen!“

„Die schlechte Luft hatte beide nach draußen getrieben. Da standen sie dann umgeben von Rauchern – so kamen sie ins Gespräch.“

Wer Lust hat mitzumachen, schreibt auf, welche Figuren oder Geschichten oder Ideen für Geschichten ihm oder ihr in den Sinn kommt: in das Kommentarfenster oder auf den eigenen Blog, ins Tagebuch oder mir per E-Mail (und ich stelle es hier ein). Ich freue mich auf Eure Ideen, Fragen und Anmerkungen!