Nach vielen Jahren der Suche, des Um- und Neuschreibens, nach unzähligen verworfenen Versionen ist es nun soweit: Ende August 2024 erscheint der Text, den ich insgeheim meinen „großen“ nenne und an dem ich fast zehn Jahre gearbeitet habe unter dem Titel Mein Leben war nicht, wie es war. Ein autobiografischer Essay über das Erzählen, Traumata und die Überwindung der Sprachlosigkeit im Stuttgarter Kröner Verlag.
Als ich überlegt habe, wie ich das Buch hier auf dem Blog ankündigen kann, wo ja einige von Euch meine unverdrossene Arbeit am Text mit Interesse und Zuspruch über Jahre verfolgt haben, kam mir Idee, von der Entstehung des Textes zu erzählen, indem ich von den (Arbeits)Titeln erzähle, die ich über die Jahre verworfen habe.
Von der Lebensgeschichtslosigkeit, diesem Begriff, der mehrere Jahre für mich eine geradezu alternativlose Titelidee war, habe ich schon vor längerer Zeit Abschied genommen: Einerseits, weil der leicht ironische Anklang, den ich selbst mit diesem Begriff verband und der mich immer auch an eine Figur von Genazino denken ließ, bei (vielen) anderen nicht so recht ankam und vor allem, weil mich meine Exkursion durch das unübersichtliche Gelände der Sprachlosigkeit zu einer überraschenden Erkenntnis brachte: (M)eine Lebensgeschichte würde ich mir zwar auch mit diesem Text nicht erschreiben können, aber ich würde Auskunft über mich geben können! Auskunft geben und damit die Sprachlosigkeit überwinden, in der ich so lange festgesteckt hatte.
Je länger ich dann an diesem Text schrieb, desto klarer wurde mir, was für fragwürdige Gebilde Lebensgeschichten eigentlich immer sind, nicht zuletzt weil wir mit ihnen unser Leben so zu erzählen versuchen, wie es der Bauplan einer „richtigen“ Geschichte vorsieht: mit kausalen Verbindungen, mit klaren Wendepunkten, mit Schlüsselszenen – auch wenn sich die Veränderungen unseres realen Lebens oft langsam und unsichtbar aus einer unübersichtlichen Fülle unscheinbarer Ereignisse ergeben. Damit stimmte auch der Nachfolgekandidat Meine Geschichte schreibe ich selbst nicht mehr richtig, auch wenn ich noch immer die selbstbewusste, selbstbestimmte Haltung sehr mag, die daraus spricht und die ich für unverändert wichtig halte: Ich entscheide, wie ich auf mich und mein Leben blicke, ob und wofür ich mich schäme, worauf ich stolz bin und was ich für relevant halte.
Wer das kluge, berührende Buch Ein allzu kurzes Leben von Ronald Reng über Robert Enke liest, weiß nach der Lektüre nicht nur viel über Depressionen, sondern auch über den Profi-Fußball, über die spezielle Rolle, die Torhüter darin spielen und manches mehr. Der Text ist das Portrait eines ganz konkreten Menschen – und erlaubt doch Einsichten und Erkenntnisse, die weit über diese eine Person hinausgehen.
Ich hätte niemals so viel Zeit und Energie in diesen Text investiert, wenn mir nicht sehr früh klargeworden wäre, dass es auch bei meinem Text „nicht nur um mich geht“, sondern dass ich das autobiografische Material meines eigenen Lebens verwende, weil und insofern sich in meiner konkreten Geschichte das Allgemeine von Geschichten „wie meiner“ spiegeln. „Geschichten wie meine“ sind für mich dabei all die Geschichten, in denen etwas nicht zu stimmen scheint, in denen etwas que(e)r zu unseren Vorstellungen von Normalität, von Glaubwürdigkeit oder Richtigkeit verläuft. Es sind Geschichten, in denen sich die handelnden Personen nicht so verhalten, wie wir uns vorstellen, dass sich Personen verhalten, wenn ihnen dies oder das widerfährt. „Dies oder das“ ist in meinem Fall, dass ich in einer gestört/verstörten Familie aufgewachsen bin, ohne das über Jahrzehnte wirklich zu realisieren. Ich war als sehr kleines Kind sexualisierter Gewalt durch meinen Vater ausgesetzt und habe das lange nicht glauben wollen oder können und als ich es glaubte, habe ich geleugnet, dass es gravierende Folgen für mich hatte: Ich war doch ganz normal! Und selbst, wenn ich mich dann doch ein bisschen (oder in manchen Momenten auch sehr) verrückt fand, wollte ich doch eines ganz sicher nicht sein: ein Opfer! Und deswegen wollte ich auch auf keinen Fall eine „Opfergeschichte“ schreiben.
Mit Blick auf das Buch über Robert Enke, kann man sagen: Es ist die individuelle Geschichte, die darüber entscheidet, welche gesellschaftlichen Bedingungen wir „miterzählen“ müssen, damit sie überhaupt verständlich wird. Genau das ist schließlich der rote Faden meines Textes geworden: Was müssten Menschen wissen, um verstehen zu können, wie ich die Person wurde, die ich heute bin.
Deswegen enthält das Buch Passagen, in denen es um Traumata oder das schlechte Image von Opfern geht – oder auch darum, welche (oft unsichtbaren) Anforderungen an die Konstruktion von Lebensgeschichten normalerweise gestellt werden.
Es liegt also nicht immer nur an uns selbst, wenn das Erzählen unmöglich wird. Es liegt nicht immer nur an der Scham, an fehlenden Worten oder Erinnerungen, wenn wir unseren Erfahrungen keinen Ausdruck geben können – es liegt manchmal auch an den anderen, an unserem Gegenüber, das unsere Geschichten nicht glaubt oder für möglich hält. Möglich. Unmöglich. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es mir mit diesem Text vor allem darum geht: Mich mit meiner (mir selbst so lange unverständlichen Vergangenheit) wieder in den Kosmos möglicher Geschichten hinein zu erzählen. Deswegen war ich sehr glücklich, als mir der Titel UNMÖGLICHES ERZÄHLEN in den Sinn kam. Denn um beides geht es: um die Unmöglichkeit des Erzählens und das Erzählen des Unmöglichen.
Und dann, als der Titel eigentlich schon feststand, da kam die Frage vom Verlag, ob Mein Leben war nicht, wie es war, dieser Satz der im Text ein zentrale Rolle spielt, nicht ein noch besserer Titel wäre und ich dachte: Warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen?
Wer sich für Lebensgeschichten interessiert, muss sich auch immer für „das Leben“ interessieren. Über beides kann man einiges in diesem Text erfahren und so wie einzelne Leser:innen sich womöglich mehr für die mit meinem Leben verbundenen Themen rund um Trauma, Psychotherapie, sexualisierte Gewalt und Empowerment interessieren, wird es andere geben, die eher an dem Strang rund um das Erzählen interessiert sein werden. Was für einzelne Personen gilt, gilt natürlich auch für Lesungen: Bei einer Lesung im Buchladen werde ich einen etwas anderen Schwerpunkt setzen und andere Passagen lesen, als wenn ich beispielsweise von einer Beratungsstelle im Kontext von Missbrauch, sexualisierter Gewalt oder Traumata eingeladen werde.
Eine Frage zum Buch, die ich gar nicht so einfach beantworten kann, ist die nach dem Genre. Die meisten Bücher lassen sich ja relativlos problemlos den Kategorien „Literatur“ oder „Sachbuch“ zuordnen. Das ist bei diesem Text nicht der Fall. Mich hat die Genre-Frage während der Entstehung nie so recht umgetrieben, allerdings hatte ich auch ein bisschen vorschnell vermutet, dass sich mittlerweile rumgesprochen hat, was der Hanser-Verleger Jo Lendle in einem Facebook-Post so beschreibt: „Wir beschäftigen eigene Lektorate für Sachbuch und Literatur (mit jeweils eigenen Sprech- und Dresscodes). Wir produzieren eigene, sauber getrennte Vorschauen. Größere Buchhandlungen präsentieren die Bücher auf jeweils eigenen Stockwerken. Es gibt getrennte Rezensionsbeilagen und eigene Preisjurys. Ich verrate Ihnen nach dieser langen, durchsichtigen Herleitung allmählich kein Geheimnis mehr, wenn ich sage: Es gibt das alles nicht. Ceci n’est pas un roman. There is no such thing as non fiction. Das ist alles nur in deinem Kopf. Oder zumindest gibt es den Unterschied nicht, die Demarkationslinie. Und die Nichtexistenz dieser Grenze nimmt an Intensität zu. (…) Und so bilden sich allmählich zwischen fiction and non-fiction neue Formen, eine Art drittes Geschlecht der Literatur. Als hors-sexe steht es nicht einfach neutral irgendwo im Raum zwischen den anderen, sondern als ein Eigenes. Was wir für Menschen gerade mühsam und ziemlich grimmig durchbuchstabieren, das Nonbinäre, die Identitäten und Nichtidentitäten, gelingt der Literatur ganz von selbst. Das sind Texte, die ein Thema umkreisen, aber starke erzählerische Elemente aufweisen. Sie argumentieren nicht von der Kanzel, sondern sind persönlich und subjektiv. Für die Autofiktion fehlt die Fiktion, für den Essay sind sie womöglich zu verletzlich. Sie werfen das eigene Ich mit ins Spiel, das zum Lackmusteststreifen eines Gedankens wird. Diese Texte treffen keine festen Aussagen, sondern erlauben eigene Erkenntnisbildung.“
Ich habe dieses Zitat hier eingefügt, weil es so wunderbar beschreibt, was viele dieser Texte verbindet, die in mancherlei Hinsicht gleichzeitig so unterschiedlich sind. Aber trifft das auch auf meinen Text zu? Ich bin froh, dass ich die Antwort nicht selbst geben muss, sondern die Lektüreeindrücke dreier Frauen zitieren darf, die den Text bereits gelesen haben und die durch ihre unterschiedlichen Professionen auch für die unterschiedlichen Fäden stehen, aus denen dieser Text gewebt ist.
Antje Rávik Strubel: «Ein kluger und anschaulich geschriebener Text, ergreifend in seiner Offenheit und Klarheit. Eine Selbstanalyse (…) und zugleich auch eine Analyse gesellschaftlicher Mechanismen und Gewohnheiten.»
Agota Lavoyer: «Mich hat der Text ab der ersten Seite gepackt und nicht mehr losgelassen. Ich bin tief beeindruckt und berührt. Noch nie habe ich einen so schönen Text über ein Leben, über Traumata, über Aufarbeitung und über das Verdrängen und Schweigen, wie auch über das Sprechen gelesen.»
Sabine_ Hark: „Eindringlich, klug, zart, ironisch und mit einem gleichermaßen schonungslosen wie zugewandten Blick auf sich selbst schreibt Jutta Reichelt die Geschichte von einer, die glaubt, keine Geschichte zu haben. Seite für Seite verschiebt sie so das Gewicht vom „erzählt werden“ zu „meine Geschichte schreibe ich selbst“. Ein mutiger Text – weil er darum weiß, dass wir uns erzählen müssen und genau darin die Gefahr liegt: uns selbst zu begegnen.“
Das Buch erscheint Ende August 2024 im Kröner Verlag (Stuttgart), hier findet Ihr die Verlagsankündigung.
Wer schon jetzt an einer Leseprobe interessiert ist:
Das Kapitel „Wem gehört diese Geschichte?“ ist in leicht veränderter Form bereits 2023 bei 54books erschienen: https://54books.de/wem-gehoert-diese-geschichte/
Der Beitrag Über Opfergeschichten auf diesem Blog ist ein ebenfalls leicht überarbeitetes Kapitel. Beide Textauszüge sind aus dem letzten Drittel des Buches, in dem es um allgemeinere Fragen geht, während es zuvor in den meisten Kapiteln deutlich „autobiografischer“ zugeht …
Ich freue mich über Lesungsanfragen direkt an mich oder an Sabine Fecke (sabine.fecke@lese-agentur.de), die für Kröner die Lesungen organisiert. Rezenzionsexemplare können sehr gerne bei Annette Rieger (a.rieger@kroener-verlag.de) bestellt werden.
Und ich freue mich natürlich auch hier über Fragen oder Anmerkungen!
Vielen Dank für die vielfältig interessante Biographie deiner Biographie!
Ich danke für die freundliche Reaktion!
Wie wunderbar, liebe Jutta! Ich habe mir das Erscheinungsdatum vorgemerkt…
Ach wie schön, liebe Maren – das freut mich SEHR!
Glückwunsch zum Buch! Die Liste der Bücher, die ich kaufe, ohne sie zuvor in der Hand gehabt zu haben, ist kurz. Du bist drauf. Ich bin sehr gespannt und freue mich. 😁
Nachmittagskaffeegrüße 🌤️🌳🎶☕🍪
Liebe Christiane, das ist so ein schönes Kompliment – ich danke dir sehr!
und da tauchst du nun wieder auf, aus dem Strom der Menschen und Texte, die mir durchs Bloggen begegneten und berührten. Und bringst gleich einen Schatz mit. Das fast unmöglich Scheinende, der eigenen Geschichte durch Erzählen Sinn zu geben, ohne sie zu entstellen und im weitesten Sinne zu lügen – du hast es dir vorgenommen und hast durchgehalten. Ein überaus spannendes Projekt. Ich werde mir das Buch besorgen müssen.
Liebe Gerda, ich freue mich sehr über deinen Kommentar! In den ersten Jahren, in denen ich an diesem Text schrieb, war es für mich vollkommen ungewiss, ob ich das Projekt zu einem guten, wirklich befriedigenden Ende bringen würde/könnte – und jetzt, da es so gekommen ist, empfinde ich es tatsächlich so, als hätte ich einen Schatz geborgen … Ich bin gespannt, wie du den Text lesen wirst! Herzliche Grüße!
ich bin auch gespannt! Und wünsche dir viele viele aufgeschlossene Leserinnen und Leser!
Vielen Dank, liebe Gerda!!!
Klingt sehr interessant und werde ich gerne lesen.
Toll, das freut mich sehr!
Endlich!! Dein wichtiger, dein grossartiger Text im Buchhandel, für alle zu lesen. Ich wünsche dem Buch, dass es eine weite und schöne Reise macht, grosse Resonanz findet, ganz viele und unterschiedliche Menschen erreicht. Für dich, für dein Buch, aber vor allem für uns alle, die dieser Text angeht, die durch diesen Text inspiriert und verändert werden können – wie auch, das glaube ich, die ich schon einige Teile davon kenne, gelesen habe, unsere Gesellschaft dadurch auf eine wichtige Weise verändert werden kann.
Ich bin aber gar nicht Anonymous… bloss irgendwie nicht angemeldet. Ulrike bin ich. Ulrike Ulrich.
Liebe Ulrike, ich hatte dich ein bisschen im Verdacht, als ich gerade diesen grandiosen Kommentar gelesen habe, noch ohne Hinweis auf deine Autorschaft. Und jetzt freue ich mich natürlich noch mehr, weil du ja tatsächlich schon viel gelesen hast – in ganz unterschiedlichen Versionen. Allerdings sollten wir nochmal darauf hinweisen, dass es noch bis Ende August dauert, bis er dann wirklich im Buchhandel zu erwerben ist … 😉 Und ja, das ist ja etwas, wovon ich auch im Buch erzähle: Wieviel Glück ich gehabt habe im Leben, wieviel Unterstützung ich gefunden habe – durch reale Menschen und durch Lektüren – und wie gut mir der Gedanke gefällt, dass dieser Text jetzt vielleicht auch andere ermutigen kann, so wie mich oft die Geschichten anderer ermutigt haben …
wie schön, glückwunsch! und vorgemerkt.
Ach toll, vielen Dank!