(29) Meine Mutter las alles, außer Bücher

Er steht ziemlich weit oben auf meiner imaginären Liste großartiger erster Sätze, dieser Satz von Tobias Wolff, mit dem die Geschichte Der Lügner beginnt: „Meine Mutter las alles, außer Bücher.“
Wie eigentlich alle richtig guten ersten Sätze zieht auch dieser eine/n direkt und mit Macht in den Text hinein – in den vorhandenen, den bereits geschriebenen von Thomas Wolff (wenn der gerade vor einem liegt) oder in einen noch zu schreibenden, wenn einem gerade Stift oder Tastatur und ein bisschen Zeit zur Verfügung stehen.
Dieser noch zu schreibende Text kann eine wilde Erfindung sein oder autobiographisch oder wie die meisten Texte irgendetwas dazwischen und dafür spielt es keine Rolle, ob die je eigene Mutter bevorzugt Bücher oder Reklamezettel, Gebetbücher oder Bedienungsanleitungen gelesen hat. Was „zu Hause“ gelesen wurde, mit welchen Büchern oder Vorstellungen von „guter Literatur“ wir aufgewachsen sind, prägt unsere inneren Landschaften und für Menschen, die schreiben (wollen) könnte eine Exkursion durch diese versunkenen Bibliotheken eine reizvolle (vielleicht auch wichtige) Erkundung sein.
Als ich den Satz von Tobias Wolff nun nach vielen Jahren nochmals nachschlug, konnte ich mich erneut nicht seinem Sog entziehen und las die Erzählung ein weiteres Mal. Es ist einer von vielen Texten, deren große Qualität sich mir erst mit Verzögerung erschlossen hat (mit Carver ging es mir ebenso). Und wahrscheinlich wäre mir auch bei dieser erneuten Lektüre nicht aufgefallen, dass der Ich-Erzähler dieses Textes (ein Jugendlicher, der ständig Lügengeschichten über sich und seine Familie erfindet) von seinen eigenen seltsamen Angewohnheiten und denen seiner Eltern in genau diesem leicht distanzierten, staunenden Ton berichtet, den ich im letzten Beitrag „Auf sich selbst wie auf eine Figur schauen“ als eine Erzählmöglichkeit auch für autobiographische Texte erwähnt hatte. Da ging es vor allem um den Blick auf sich sich selbst, aber auch von den Eltern, diesen „Portalfiguren“ (Peter Weiss „Abschied von den Eltern“) des eigenen Lebens, deren Verhalten für Kinder ja immer zunächst rätselhaft ist, lässt sich vielleicht einmal aus einer solchen Perspektive erzählen und es spricht nichts dagegen, sie einmal als wirklich seltsame Figuren und ihr Verhalten als eine äußerst rätselhafte Angelegenheit zu beschreiben.

Ich freue mich auf Fragen, Hinweise, Anfänge – oder was auch immer Ihr teilen mögt!

(28) Auf sich selbst wie auf eine Figur schauen

Wir könnten immer auch anders über uns schreiben. Andere Ereignisse auswählen oder eine andere Perspektive einnehmen. Was und wie wir über uns schreiben, ist immer nur eine Variante aus einer Vielzahl von Möglichkeiten. Aber obwohl wir das wissen, obwohl es keinen Zweifel daran geben kann, fällt es uns in der Regel sehr schwer oder ist es uns sogar unmöglich, unsere Lebensgeschichte anders zu erzählen, als genau so, wie sie uns gerade im Moment (einzig richtig) vorkommt. Es fällt uns schwer, das abstrakte Wissen von den alternativen Erzähl-Möglichkeiten in die Tat umzusetzen.

Was uns auch oft schwer fällt: Uns selbst als als tatkräftige Protagonist:innen der eigenen Geschichte in Szene zu setzen. Auch wenn es ein Gebot der Logik scheint, dass niemand anderes als wir allein die Hauptpersonen unserer Lebensgeschichte sein können, kollidiert diese banal anmutende Tatsache mit der tief in uns verankerten Forderung nach „Bescheidenheit“. Wir wollen uns nicht zu wichtig nehmen oder gar in den Vordergrund drängen – aber genau das müssen wir tun, wenn wir von uns und unserem Leben erzählen wollen.

Wie wäre es, wenn Ihr Euer Leben mal als eine „Heldenreise“ erzählt, habe ich vor längerem die Teilnehmer:innen einer Werkstatt zum Autobiographischen Schreiben gefragt. Sie sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Ausgeschlossen! Nur so, als einmaliger Versuch, als Lockerungsübung, versuchte ich sie – ganz entgegen meiner Gewohnheit – zu überreden. Am Ende war es nur einer, der wirklich (und zur Begeisterung aller) eine Geschichte vortrug, in der er als „Held“ auftrat. Ein wunderbarer Text, komisch und klug zugleich. Als ich den Autor des Textes Monate später bat, seine „Heldengeschichte“ in einer anderen Werkstatt vorzulesen, war der Text „verschwunden“, ließ sich trotz ernsthafter Bemühungen nicht mehr finden, wiederherstellen. Versehentlich hatte der Autor ihn gelöscht, als wäre ihm sein scheinbar „frecher Mut“ dann doch nicht mehr ganz geheuer, trotz der Freude, die er, die wir alle an diesem Text hatten.

Ich bin mittlerweile überzeugt, dass eine wesentliche Herausforderung des autobiographischen Schreibens in der Schwierigkeit besteht, mit dem ungeheur umfangreichen „Material“ des eigenen Lebens zu „spielen“. Fast jedes Leben lässt sich als eine Geschichte des Scheiterns, des Misslingens, der Versäumnisse oder des Verlustes erzählen. Und nahezu jedes Leben lässt sich als eine Geschichte des Gelingens, des kleinen oder größeren Triumphes, des am Ende „irgendwie“ erfolgreichen Kampfes gegen Widrigkeiten erzählen. Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir uns einmal vorübergehend als „Figur“ betrachten. Eine Figur, deren Treiben wir mit einem neugierigen Interesse aus weiter Ferne (vielleicht von einem anderen Planeten) verfolgen können. Was macht sie da?, könnten wir uns fragen. Und statt dieser Frage den üblichen kritisch-vorwurfsvollen Unterton zu geben, könnten wir zur Abwechslung auch mal mit einem freundlich belustigten Blick auf uns und unser Leben schauen.

Auf das eigene Leben aus einer anderen, ungewohnten Perspektive schauen, das könnte in diesen Tagen zum Bespiel auch bedeuten, einen rückblickenden Text über das zu schreiben, was uns heute widerfährt. Wie werden sie gewesen sein, diese ersten Corona-Monate? Damals, als wir dachten …

Ich freue mich auf Fragen, Hinweise, Anregungen und ich will es nicht leugnen: am allermeisten würde ich mich über ein paar echte „Heldengeschichten“ freuen!