Ich?

„Irgendwann im Jahre 1930 saß ich mit einigen Menschen zusammen und diskutierte über literarische Formen und dabei dachte ich schon fast an diesen Roman. Mir rutschte die Bemerkung heraus – und es war meine absolute Überzeugung –, dass ich in meinem ganzen Leben kein Buch in Ich-Form und kein Buch über Kindheit schreiben würde. Ein Flüchtling kreuzt seine Spur ist in Ich-Form geschrieben, und größtenteils geht es um Kindheit und Jugend. Drei Monate nachdem ich kategorisch erklärt hatte, dass es niemals so weit kommen würde, lag die erste Fassung vor.“
So beginnt das Vorwort von Aksel Sandemose, das der sehr schönen Ausgabe von Ein Flüchtling kreuzt seine Spur im Guggolz Verlag (2019) vorangestellt ist. Das Original dieses ungewöhnlichen Textes erschien erstmals 1933 und dann in einer überarbeiteten Version 1955 in Dänemark, die deutsche Übersetzung stammt von Gabriele Haefs. Weitere Informationen finden sich auf der Verlagsseite.

Als ich vor gut fünf Jahren den Impuls verspürte, einen (größeren) autobiographischen Text zu schreiben, widersprach das meinen Vorstellungen von mir, von den Texten, die ich schreiben wollte auf eines ganz ähnliche Weise. Noch wenige Monate zuvor war ich mir vollkommen sicher gewesen, dass ich niemals über mich, über mein Leben schreiben würde. Das hatte mehrere Gründe, aber der wichtigste war sicherlich, dass ich weit und breit in meinem Leben, in meiner Vergangenheit nichts sah, das irgendwie besonders gewesen wäre (über die Frage, inwiefern autobiografische Texte besonders sein müssen oder nicht, habe ich kürzlich in dem Beitrag Was könnte das Besondere an meiner Geschichte sein? geschrieben). Und als ich dann doch über eine unverstandene Besonderheit (meine „Lebensgeschichtslosigkeit“) stolperte, da blieb dennoch zunächst ein vages Unbehagen. Kreisten Autor:innen autobiografischer Texte nicht mit einer gewissen Unausweichlichkeit um sich selbst? War ich nun auch eine, die sich zu wichtig nahm? Steckte nicht in jedem autobiographischen Projekt eine große Portion Selbstüberschätzung oder narzisstische Selbstbespiegelung?

Ich halte das mittlerweile für einen gravierenden und weit verbreiteten Irrtum und zwar in gleich zweierlei Hinsicht. Einerseits macht es gerade die guten autobiographischen Texte aus, dass sich in dem Besonderen des selbst Erlebten etwas Allgemeines spiegelt. Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion, Wie wir begehren von Carolin Emcke, Rückkehr nach Reims und Gesellschaft als Urteil von Didier Eribon, Die zitternde Frau von Siri Hustvedt, Nüchtern von Daniel Schreiber, Die Argonauten oder Die roten Stellen von Maggie Nelson – in all diesen Texten geht es immer um ein Thema, das die Autorin, den Autor nicht loslässt, um das Gefühl, dass etwas, das man selbst erlebt hat, eine Seite aufweist, die bislang übersehen oder nicht hinreichend verstanden wurde.

Es gibt zweifellos Autor:innen, die auf eine Weise um sich selbst kreisen, die ich als unangenehm empfinde und die ihrer Wut, ihrem Zorn, vor allem ihrem Ressentiment ungefiltert Ausdruck verleihen – auf die Welt, auf die Frauen, worauf auch immer. Aber diese Autor:innen schreiben keineswegs vorwiegend autobiographische Text, sondern sie toben sich genauso in fiktiven oder journalistischen Gefilden aus. Ebenso wie es fiktive Text gibt, in denen Autor:innen „sich entblößen“, gibt es autobiographische Text von großer Diskretion.

„Die Autoren, die mir am meisten bedeutet haben“, schreibt Didier Eribon in Gesellschaft als Urteil, „waren meist auch diejenigen, die mir deshalb etwas geben konnten, weil sich ihr Schreiben auf einer Sorge um andere gründete.“ Und wenige Zeilen später: „Bei der Beurteilung des Werks eines Autors oder einer Autorin darf man, unabhängig von den Kritikpunkten, die man für notwendig erachtet, niemals die Frage aus den Augen verlieren, was sie im Moment des Schreibens erreichen wollten. Was wollten sie den Menschen, die an die sie sich richteten, sagen? (…) Welche Strategien verfolgten sie? Wem oder was wollten sie sich mit ihren Diskursen entgegenstellen? Die Umkehrung dieser Gedanken ist nicht weniger wahr: Die Autoren, die wir nicht mögen, sind solche, die nichts für uns tun und uns nicht behilflich sein wollen, wie uns demobilisieren, paralysieren und ersticken (oder dies zumindest versuchen).“

Anne Bogarts klugen Essays über Kunst und Theater (Die Arbeit an sich selbst) verdanke ich den Hinweis auf Lewis Hyde, der in seinem Buch Die Gabe: Wie Kreativität die Welt bereichert die These verritt, dass Menschen entweder aus einem Überlebensinstinkt oder einem Schenkimpuls heraus handeln. Anne Bogart schreibt „Wie der Überlebensinstinkt, so erfordert auch der Schenkimpuls Tatkraft und Entschlossenheit, das Ergebnis ist aber ein anderes, weil die Intention hinter der Handlung nichts mit Sicherheit zu tun hat. Die Handlung entspringt dem Impuls, jemandem etwas zu schenken, und dem Drang, anderen eine Reise außerhalb ihres täglichen Erfahrungshorizonts zu ermöglichen. Dieser Instinkt erfodert Großzügigkeit, Interesse am anderen und Einfühlungsvermögen.“

Ähnlich wie die innere Notwendigkeit eines autobiographischen Textes seine literarische Qualität weder automatisch unterhöhlt noch verbürgt, sagt die Tatsache, ob ein Text fiktiv oder autobiographisch ist, nichts über die innere Haltung seiner Autorin, seines Autors aus und über die Frage, aus welchem Erzählimpuls er entspringt.

Ich freue mich auf Eure Eindrücke, Gedanken, Fragen!