(27) Wie beginne ich eine Autobiografie zu schreiben? Was könnte das Besondere an meiner Geschichte sein?

Vor wenigen Tagen erreichte mich die Frage hier im Blog, wie man eine Biografie zu schreiben beginnen könne und ich greife sie sehr gerne auf (und beschränke mich auf Autobiografien). Einerseits, weil ich tatsächlich ein paar Tipps dazu geben kann und andererseits, weil ich sowieso mal wieder dazu einladen wollte, Fragen zu stellen. Zu den ganz konkreten Schreibfragen oder -problemen, die Euch umtreiben. Vielleicht habe ich nicht für alles eine hilfreiche Antwort, aber allein der Austausch über eine Frage hilft oft schon weiter oder trägt zur Klärung bei.

Klärung ist ein gutes Stichwort fürs Beginnen, denn ein Großteil der Arbeit an längeren Texten (welcher Art auch immer) besteht in Klärungsprozessen. Auch wenn von außen oder auf den ersten Blick die Textsorte „Autobiografie“ einheitlich wirken mag, verbergen sich dahinter doch außerordentlich unterschiedliche Texte. Wenn mir also in einer ganz realen Werkstatt diese Frage gestellt wird (was relativ oft vorkommt), dann versuche ich erstmal mit der betreffenden Person genauer herauszufinden, was für eine Art von autobiografischem Text sie im Sinn hat.

Texte sind immer dialogisch und deswegen ist eine wichtige Frage: An wen wird sich der Text richten? An die eigenen Kinder und/oder Enkelkinder? Deren Fragen sind für viele ein Auslöser, um sich mit der eigenen Lebensgeschichte zu beschäftigen. Deswegen ist die bange Frage, ob an uns, an unserem Leben etwas „besonders“ war, in vielen Fällen gar nicht entscheidend: Wir dürfen unser Leben und das, was uns widerfahren ist, schon deswegen wichtig und erzählenswert finden, weil es ja das einzige Leben ist, das wir haben. Und auch für Zugehörige oder Nachkommen kann eine scheinbar „sehr normale“ Lebensgeschichte spannend und überaus informativ sein – eben weil es Menschen sind, die unser Interesse, unsere Anteilnahme nicht erst im Laufe der Lektüre gewinnen müssen, sondern sie bereits besitzen, noch bevor wir eine Zeile gelesen haben.

Die Frage nach dem „Besonderen“ stellt sich also erst, wenn wir eine Leserschaft ins Auge nehmen, die nicht auf Grund persönlicher Verbundenheit unseren Text lesen wird, sondern weil es etwas an unserer Lebensgeschichte gibt, das von „besonderem“ Interesse ist. Dieses „Besondere“ muss dabei nicht unbedingt in den Ereignissen des Lebens selbst liegen, es kann auch in der Erzählweise begründet sein und es kann dann paradoxerweise sogar das alltägliche Leben sein, das besonders erscheint – gerade weil es eben oft unerwähnt, unerzählt bleibt.

Die Frage nach einer sinnvollen Vorgehensweise unterscheidet sich also je nachdem, mit welcher Ausgangssituation wir es zu tun haben:

  1. Jemand möchte für einen kleinen Kreis von Leser:innen (oder vielleicht auch „nur“ für sich selbst) das eigene Leben mit seinen entscheidenden Ereignissen und Wendepunkten aufschreiben – daran muss dann überhaupt nichts besonders sein. Weil es in diesem Fall zwar nicht nur, aber auch um Informationen geht, könnte ein guter erster Schritt darin bestehen, sich erstmal mit dem „Material“ des eigenen Lebens zu beschäftigen und zum Beispiel auf einem großen Bogen Papier entlang eines Zeitstrahls alles stichwortartig zu notieren, das einer/m einfällt: Orte, Namen von Menschen, die wichtig waren, Ereignisse, Anekdoten, die in den Sinn kommen. Fotos, Briefe, Dokumente, Tagebücher nutzen. Oft führt eine Erinnerung zur nächsten und es kann hilfreich sein und weitere Erinnerungen heraufbeschwören, diese direkt und so plastisch wie möglich zu notieren. (Siehe: Ich erinnere mich …) Das wäre also der große erste Schritt: Material zu sammeln und zu sichten und es vielleicht auch schon mal probeweise mit Überschriften zu versehen, um ein Gefühl für das zu bekommen, das wichtig war, das unbedingt erzählt werden sollte.
  2. Jemand hat etwas Besonderes erlebt und möchte davon (möglichst vielen) anderen erzählen. Dann wäre ein wichtiger erster Schritt zu überlegen: Ist es wirklich besonders? (Ich erlebe öfter, dass Teilnehmer:innen von anderen ermutigt worden sind, ihre Geschichte („unbedingt“!) einmal aufzuschreiben und zu veröffentlichen und ich glaube, dass darin meist eine ehrliche Anerkennung für eine Lebensleistung zum Ausdruck kommt – aber diese Aufforderungen wecken oft Erwartungen, die von der Seite eines von Manuskripten vollkommen überschwemmten Buchmarktes eher unrealistisch sind). Aber natürlich gibt es Menschen, denen „besonderes“ widerfahren ist und die darüber schreiben wollen und dann ist es sicherlich ein guter erster Schritt sich mit diesem „Besonderen“ intensiver zu beschäftigen, es einzukreisen und sich zu fragen, was genau an dem Erlebten für andere interessant sein könnte. In diesem Fall ist ja nur ein Ausschnitt der Lebensgeschichte von Interesse und es ist wichtig, diesen möglichst genau zu bestimmen. Auch hier kann ein großer Bogen Papier helfen, auf dem die unterschiedlichen Aspekte und Themen, die mit dem „Besonderen“ verbunden sind, sowie die autobiographischen Episoden, in denen sich dafür Entscheidendes verdichtet, stichwortartig notiert und gesammelt werden.
  3. Die dritte Ausgangssituation (das Besondere der Geschichte liegt nicht in den geschilderten Ereignissen, sondern in der Erzählweise) ist diejenige, die am eindeutigsten aufs Literarische zielt, also auf Verdichtung, auf Gestaltung. Es geht mehr um das „Wie“ des Erzählens, als um das „Was“. Zwei Vorschläge haben sich in meiner Praxis bewährt: Das Aufschreiben von fünf oder sieben sehr konkreten „Szenen“ des eigenen Lebens, (zunächst) ohne sie miteinander zu verbinden. Und zum andern die Überlegung, ob sich die Besonderheit einer Person in einer Besonderheit des Textes spiegeln kann, ob also zum Bespiel jemand, der das Reisen liebt, sein Leben entlang seiner Reisen oder entsprechend entlang wichtiger Menschen oder seiner „Behausungen“ erzählen könnte.

So könnte also die Arbeit an einem autobiografischen Text beginnen – und ganz ähnlich auch die an einem fiktiven Text, der ja ebenfalls irgendwann die Frage aushalten muss: Was könnte das Besondere sein?

Ich freue mich auf Hinweise, Erfahrungen und vor allem – auf weitere Fragen!

19 Kommentare

  1. Liebe Jutta, gerade Punkt 3 finde ich sehr interessant – danke dir dafür. Zur Zeit kommt deine Schreibwerkstatt leider bei mir zu kurz – dafür arbeite ich an anderen Dingen😊 liebe Grüße Sabine

  2. Hallo Jutta und alle Mitleser*innen, ich habe eine kleine Geschichte zum Thema „Bring deine Person in Schwierigkeiten“ , aber, weil sie auf einer „wahren“ Begebenheit beruht ist sie auch „autobiografisch“. Ich hoffe, ihr kommt über den folgenden Link dorthin: https://joskaris.wordpress.com/
    Ich habe den Blog gestern extra eingerichtet, damit ich euch hier meine Geschichte zeigen kann. Über ehrliche(auch kritische!) Rückmeldungen freue ich mich. Liebe Grüße Karin

    1. Liebe Karin, das gefällt mir alles wirklich sehr: dass du kurzerhand einen Blog eingerichtet hast, um deine Geschichte vorstellen zu können – und auch die Geschichte selbst! Ich finde sie schön und atmosphärisch dicht erzählt. Da du um ausdrücklich um kritische Rückmeldungen gebeten hast: Noch nicht ganz geglückt empfinde ich das Ineinander der unterschiedlichen Zeitebenen. Grundsätzlich finde ich diese Sprünge sehr gut, aber es geht nicht immer ganz „auf“. Z. B. bin ich gestolpert bei dem Satz:“ Ich öffnete die Tür. „Komm, Max, du kannst raus.“ Jetzt kam Leben in den alten Hundeknaben.“ Die Gegenwart der Erzählung ist ja die Suche/Sorge um den Hund, das „jetzt“ ist also an dieser Stelle zumindest irritierend. Aber das ist auch wirklich ein bisschen kompliziert, weil es ein so kurzer Text ist und es gleich zwei Vergangenheiten gibt und die Gegenwart wiederum „weiterläuft“ … Und weil du die „Schwierigkeiten der Figur“ angesprochen hast: Wenn du Zeit und Lust hast, könntest du als Gedankenspiel einmal überlegen, wie sich die Schwierigkeiten noch steigern lassen? Vielleicht macht sie sich auf die Suche und dabei …? Aber wie gesagt, das ist nichts, was der Text „braucht“, sondern einfach nur ein Tipp fürs Weiterschreiben. Beste Grüße und herzlich Willkommen bei der Virt. Schreibwerkstatt 😉

      1. Liebe Jutta, dein genauer Blick ist ein Geschenk, danke dafür! Ich habe deine Anregung aufgenommen und lasse ihr, da mein Broterwerb im Moment viel Zeit in Anspruch nimmt, Zeit, sich zu entwickeln.

    1. Ja, das ist etwas, das mich schon lange beschäftigt. Und vielleicht hätte ich diese Behauptung nicht so lapidar „rausgehauen“, wenn ich sie nicht kürzlich auch bei Siri Hustvedt so gelesen hätte, deren Ansichten über das Schreiben ich fast noch mehr traue als meinen eigenen. Aber auch vorher war ich schon sehr überzeugt, dass in das Schreiben die Vorstellung eines nachfolgenden Lesens quasi „eingebaut“ ist. Sie kann ganz vage sein und muss sich keineswegs auf eine konkrete Person oder eine konkreten „Leseakt“ beziehen und die zukünftige Leser:in kann ich auch selbst sein, dann fände z. B. der Dialog zwischen mir und der Person, die ich später einmal sein werde statt …

        1. In „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ gibt es den Essay „Das schreibende Selbst und der Patient in der Psychiatrie“. „Damals“ ist ein autobiographische Roman über ihre ersten Jahre in New York und wie sie Schriftstellerin wurde und sehr interessant in der Hinsicht und gut zu lesen ist das Gespräch zwischen Siri Hustvedt und Elsisabeth Bronzen, das bei Kampa unter dem Titel „Wenn Gefühle auf Worte treffen“ erschienen ist.

  3. Danke, Jutta, für die Fragen. Gar nicht so einfach zu beantworten, finde ich. Einzelne Episoden genau beschreiben und dann sehen, wohin es führt oder auch nicht, ist wahrscheinlich für mich am machbarsten. Wenn ich mir ein großes Ganzes vornehme, gerate ich leicht in einen selbst produzierten Leistungsdruck, der meine Schreiblust erstickt

    1. Ich glaube mittlerweile, dass man dem eigenen Leben (ganz unabhängig von der Frage der Schreibmotivation) eher gerecht wird, wenn man sich den entstehenden Text eher als ein Mosaik oder eine Collage vorstellt und nicht unbedingt als einen „großen Roman“.

Ich freue mich über Kommentare!

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