(23) Angefangen wird mittendrin

Angefangen wird mittendrin lautet der Titel, den der Autor Ulrich Peltzer seinen Poetikvorlesungen gegeben hat. Auch in meinen Schreibwerkstätten wird der Hinweis, dass wir beim Schreiben nicht unbedingt mit mit dem beginnen müssen, was eines Tages der Anfang des Textes sein soll, oft überrascht aufgenommen. Und manchmal wird aus der Überraschung auch Erleichterung – oder überhaupt ein Einstieg, ein Zugang zu einem Text, der sich schon seit längerem „anbahnt“.

Wir müssen nicht mit dem ersten Satz (der ersten Szene, dem ersten Kapitel) beginnen: Vielleicht gibt es eine Nebenfigur, von der wir etwas wissen oder eine spätere Szene, die wir klar vor Augen sehen. Vielleicht gibt es einen Dialog, den wir „hören“ oder ein scheinbar absurdes Detail, das uns nicht mehr aus dem Kopf geht. Nichts spricht dagegen, mit dem einen losen Faden zu beginnen, den wir gerade festhalten können – und daran zu ziehen. Und dann zu schauen, was wir da zu Tage fördern.

Vor vielen Jahren nahm eine Frau längere Zeit an meiner Romanwerkstatt teil, die mittlerweile zwei Bände einer wirklich richtig guten Fantasy-Geschichte veröffentlicht hat. Sie hatte die gesamte Geschichte (oder jedenfalls große Teile davon) bereits im Kopf, aber sie fand keinen Anfang. Keinen, mit dem sie auch nur halbwegs zufrieden gewesen wäre. Das ging viele Monate so und irgendwann war sie wirklich verzweifelt und sie war kurz davor, das Schreiben dranzugeben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihr außer dem Tipp, „mittendrin“ zu beginnen, etwas mitgeben konnte – aber ich halte für möglich, dass sie ohne diesen Tipp noch immer keinen Anfang gefunden hätte.

Es gibt Texte, die halbwegs so geschrieben wurden, wie sie später veröffentlicht werden, die nach dem Schreiben „nur“ nochmal überarbeitet und lektoriert werden, aber sehr viele Texte entstehen viel „chaotischer“: komplette Szenen fliegen raus oder werden neu geschrieben, Handlungsstränge kreuzen sich an anderen Stellen, Figuren ändern ihren Charakter oder die Entwicklung, die sie nehmen. Die Herausforderung beim Schreiben längerer Texte besteht vor allem darin: dass alles (Figuren, Handlung, Erzählausschnitt, Perspektive, der Anfang und das Ende, der „Ton“) mit allem anderen zusammenhängt. Sobald ich an nur einer dieser Schrauben drehe, verändert sich der Charakter des gesamten Textes. Ein anderer Anfang erfordert eine anderes Ende, ein veränderter Ton lässt den Charakter einer Figur in einem anderen Licht erscheinen, ein späterer Einstieg führt zu Problemen der Plausibilität usw.

Wie eine erfahrene Köchin, die irgendwann mühelos den Überblick über das Geschehen in unterschiedlichen Töpfen gleichzeitig verfolgen kann, lassen sich mit zunehmender Schreib-Erfahrung auch mehrere der genannten Aspekte gleichzeitig und oft intuitiv erfassen, aber gerade wenn diese Erfahrung noch fehlt, kann es hilfreich sein, das komplexe Geschehen in seine einzelnen Bestandteile zu zerlegen. Sich zunächst auf das zu konzentrieren, was „da“ ist, kann ein guter Anfang sein – und wenn es das Ende ist.

Ich freue mich auf Eure Anfänge oder Enden oder Eure Erfahrungen oder Fragen!

13 Kommentare

  1. Liebe Jutta!
    Guter Hinweis. Und wieder die Parallele zum bildenden Bereich, für mich: ich nenne es das rhizomartige Vorgehen, indem der Arbeitsprozess nicht linear verläuft, sondern die Dinge im Entstehen wachsen, sich Knospen bilden, an denen wieder etwas wächst, indem es wuchert, sich vermehrt und das gedankliche Rhizom im Prozess der Entstehung der Dinge seine Entsprechung findet. Man kann eigentlich überall in diesem Netz beginnen und sich Vorarbeiten.
    Liebe Grüße
    Jürgen

  2. Klasse Gedanken. Im Hinterkopf hatte ich das auch, aber noch nie probiert. Oder vielleicht doch, bei kürzeren Texten/Artikeln/Essays. Bei Geschichten müsste ich es mal probieren, bin sogar sicher, dass es funktioniert! Dankeschön.

  3. Wie im Leben. Wann ist man schon beim Anfang einer Geschichte dabei. Und wenn doch merkt man es wahrscheinlich nicht. diesen Hinweis finde ich sehr klug und hilfreich !!

      1. Ich sammle deine Anregungen. und warte auf die Gewissheit worüber ich gerne schreiben würde. Inzwischen übe ich an Kurztexten über alles Mögliche. Herzliche Grüße

Ich freue mich über Kommentare!

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