(22) Mach das Gegenteil!

Vor vielen Jahren nahm ich an dem Schreibkurs einer Sommerakademie teil. Geleitet wurde dieser Kurs von einem sehr berühmten Schriftsteller, der zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erweckte, dass dieser Job ihm irgendeine Freude bereiten würde. Die Stimmung erreichte ihren Tiefpunkt, als mehrere Teilnehmer:innen den Wunsch nach konkreten „Schreibaufgaben“ äußerten. Er sei für einen „Meisterkurs“ engagiert worden und nicht für einen Volkshochschulkurs in „Kreativem Schreiben“ hielt er einer älteren Dame entgegen, als sie gleich am ersten Tag danach fragte. Auch an den folgenden Tagen fand sich immer irgendjemand, der sich höflich bittend oder pampig drängend erkundigte, ob es nicht vielleicht doch möglich sei, eine Schreibaufgabe zu erhalten. Der berühmte Schriftsteller war fassungslos. Wie konnte jemand ernsthaft für möglich halten, dass eine „Schreibaufgabe“ einen auch nur halbwegs ernstzunehmenden literarischen Text auszulösen vermöge?
Am vorletzten Tag des Kurses teilte uns der sehr berühmte Schriftsteller erfreut mit, dass nun seine Arbeit an dem ganzseitigen Artikel für DAS Feuilleton der deutschsprachigen Presselandschaft beendet sei, eine Arbeit, die ihn sehr strapaziert hatte (er hatte uns über die Mühen, diesen Text zu schreiben täglich detailliert Auskunft gegeben). Plötzlich schien er milder gestimmt und bemühte sich, die offene Feindschaft, die zwischen einigen Teilnehmer:innen und ihm ausgebrochen war, durch eine freundliche Reaktion auf einen Text, ein Lächeln hier, eine humorvolle Anmerkung da, in friedlichere Gefilde zu überführen. Aber auch an diesem Tag stellte jemand kurz vor dem Mittagessen die Frage nach einer Schreibaufgabe. Der sehr berühmte Schriftsteller sah den Fragesteller lange an. Als sei diese Frage ganz neu für ihn, als sei sie kompliziert und er müsse sorgfältig darüber nach denken. Dann sagte er: „Na gut.“ Wieder machte er eine sehr lange Pause. Schließlich sagte er: „Macht das Gegenteil, von dem, was Ihr sonst immer macht. Schreibt kurze Sätze, wenn ihr sonst immer lange Sätze schreibt, schreibt humorvoll, wenn eure Texte sonst ernst sind oder voller Emotionen, wenn sie gewöhnlich sachlich sind. Macht das Gegenteil!“
Vielleicht lag es nicht nur an dieser Aufforderung, vielleicht lag es auch an der aufgestauten kreativen Energie, dass die Texte, die daraufhin geschrieben wurden, mir so viel besser vorkamen als alles, was wir uns bis dahin vorgelesen hatten – ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass mich diese Aufforderung „Mach das Gegenteil!“ seither schon manches Mal aus einer kreativen Sackgasse befreit hat, ja, dass es mir eine der wertvollsten Anregungen zu sein scheint, die ich kenne.
Damals habe ich lange über mein „Gegenteil“ nachgedacht. Und dann habe ich mir einen Kassettenrekorder (tatsächlich!) gesucht und fünf Minuten das aufgenommen, was mir gerade einfiel zu dem ersten Satz des Textes, an dem ich gerade arbeitete. Ich habe einfach drauflos geredet habe. Ich kann mich nicht mehr an diesen ersten Satz erinnern, oder daran, was ich da erzählt habe, aber ich weiß, dass mir mein nach Worten suchendes, ein bisschen stammeliges Reden, das mich damals oft störte, auf einmal wie ein gewollter Kunstgriff erschien.

Das Gegenteil. Also etwas ganz anderes. In diesen Wochen und Monaten der Corona-Krise müssen wir alle ständig vieles anders machen – und ich glaube, dass das ein Grund dafür ist, warum vielen das Schreiben gerade so schwerfällt oder sogar unmöglich ist. Weil unser Alltag uns schon so viel kreative Energie abverlangt. „Mache das Gegenteil“ kann also eine Einladung, eine Aufforderung sein, einmal all den Druck, der für viele mit dem Schreiben verbunden ist, beherzt zur Seite zu packen und eine wohlverdiente Schreibpause einzulegen. Aber Nicht-Schreiben ist nur ein „Gegenteil“ von Schreiben. Vielleicht habt Ihr auch Lust ein anderes „Gegenteil“ auszuprobieren. Vielleicht ist es an der Zeit, einmal autobiographisch zu schreiben, wenn Ihr sonst immer fiktional schreibt (oder umgekehrt). Oder kitschig oder larmoyant (oder was immer ganz weit oben auf Eurer Schreckens-Liste steht) – jetzt ist einfach mal wirklich alles erlaubt! Oder vielleicht ist das Gegenteil von Schreiben auch mal Zeichnen oder Spazierengehen oder Serien gucken. Oder Lesen?

Ich freue mich auf Eure Ideen, Experimente, Texte und Gedanken!

9 Kommentare

  1. Liebe Jutta,
    danke für diese Schilderung deines Workshops bei dem berühmten Schriftsteller!
    Einen Tipp, den ich ab und an umsetze. Ich nenne es immer, die Komfortzone verlassen. Bei mir entspricht das ganz eindeutig dem Flächen malen statt dem Linien zeichnen. 🙂
    Amüsiert habe ich mich über deinen Hinweis auf das Tonband, habe ich dir doch gerade auf einem Kommentar geantwortet, du könntest ja mal deine Texte aufnehmen …. 😉
    Liebe Grüße sendet dir Susanne

  2. liebe jutta, ich wollte mal kurz dankeschön sagen, für die mühe, die du dir hier machst. ich lese immer mit, schaffe es aber nicht, mich aktiv zu beteiligen, da ich arbeite usw. ich hebe es mir für demnächst auf, alles noch mal genauer anzuschauen, erneut zu lesen und auszuprobieren, wollte aber kurz mal danke sagen für dein engagement und die vielen guten ideen, tipps und empfehlungen. danke schön. 🙂 ein schönes wochenende dir und liebe grüße aus berlin.

    1. Vielen Dank, das freut mich sehr! Und fürs Nachlesen zum späteren Zeitpunkt werde ich die Blog-Beiträge in leicht überarbeiteter Form auch als „Alternativer Schreibratgeber“ veröffentlichen – jedenfalls ist so der Plan 😉 Liebe Grüße auch an dich!

  3. spannend, über mein gegenteil/ oder gegenteil-aspekte müsste ich auch erstmal nachdenken, ob es das überhaupt geben kann, da ich das gefühl habe, ohnehin ständig im fluss zu sein, oder zumindest ist das mein wunsch 🙂 aber da gehört ein ausloten und ausprobieren natürlich auch dazu.
    ganz herzlichen dank an dieser stelle mal für die sehr feinen inspirierenden schreibimpulse, liebe jutta!
    liebe grüße von diana

Ich freue mich über Kommentare!

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