Tag 1: Kleine Lockerungsübungen

Gestern habe ich meine Virtuelle Schreibwerkstatt angekündigt und ich freue mich wirklich sehr, dass sie auf Interesse, Vorfreude und Neugier stößt! Und jetzt soll es losgehen. Aber wie, wenn doch ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Schreibwünschen hier mitmachen wollen? Und was ist überhaupt das Ziel?

Mein Ziel ist es, für die nächste Zeit hier einen „Raum“ zu schaffen, in dem Menschen, die in diesen Tagen gerne schreiben wollen, Anregungen und Austausch finden. Ein bisschen Ermutigung. Tipps. Vor einigen Jahren habe ich so etwas ähnliches schon mal im Zusammenhang mit meinem Geschichten-Generator hier auf dem Blog gemacht und das hat erstaunlich gut geklappt – und ich möchte das jetzt gerne mit einem etwas veränderten Fokus erneut anbieten.

Ich werde mich zunächst vor allem an diejenigen richten, die interessiert sind, erstmals oder nach längerer Zeit wieder mit dem Schreiben anzufangen. Das wichtigste ist dann – wirklich anzufangen. Das fällt sehr vielen Menschen, die eigentlich schreiben wollen schwer. Mir ist es auch sehr lange schwergefallen. Ich werde auf die unterschiedlichen Gründe dafür sicherlich noch zurückkommen, aber für den Moment ist es erstmal wichtig, sich klarzumachen: Es ist für die meisten Menschen keine einfache Sache „einfach mal drauflos“ zu schreiben. So wie es für die meisten Menschen keine einfache Sache ist, einfach mal loszusingen oder zu -zeichnen.

Weil das so ist, ist das erste große Etappenziel: Wirklich anfangen. Es sich nicht nur vornehmen oder mit dem Gedanken spielen, sich ausmalen, wie gut es wäre, eine/r zu sein, die oder der schreibt – sondern es zu werden. So wie es für Menschen, die mit dem Joggen beginnen wollen, nur darauf ankommt, dass sie sich Turnschuhe anziehen, nach draußen gehen und sich ein bisschen schneller von der Stelle bewegen, als sie es gewöhnlich tun. Wem es gelingt, das zu einer regelmäßigen Gewohnheit zu machen, wird unweigerlich und ganz automatisch bald 10, dann 20 Minuten und irgendwann sogar einen Marathon laufen können.

Mit dem Schreiben ist es ganz ähnlich. Aber während Menschen, die mit dem Joggen beginnen in der Regel wissen, dass es erst mal „nur“ darauf ankommt, die schwierige Anfangsphase zu überstehen, ist es beim Schreiben oft anders. Menschen, die mit dem Schreiben anfangen wollen, erwarten von sich, dass sie auf Anhieb spannende oder komische oder literarisch wertvolle Texte schreiben – und wenn ihnen das nicht gelingt, sind sie überzeugt, dass ihnen das nötige Talent fehlt.

Wenn man etwas Neues beginnt oder ausprobiert, ist es also eine ziemlich gute Idee, sich ein bisschen Zeit zu lassen. Herauszufinden, wie man es sich so leicht wie möglich machen kann – es bleibt dann noch schwer genug. Das bedeutet vor allem, die eigenen Erwartungen (zumindest erstmal) herunterzuschrauben. Beim Schreiben ist das erste große Etappenziel: In eine halbwegs mühelose Schreibpraxis finden.

Ich werde deswegen hier in der nächsten Woche zunächst einmal ganz unterschiedliche Arten von Schreibanregungen sowohl für eher fiktive Texte als auch für eher autobiographische Texte vorstellen, die sich gut eignen, um anzufangen. Und für Euch, die Ihr Lust habt, hier mitzumachen, geht es erstmal „nur“ darum, einfach mal drauflos zu schreiben. Ohne den Anspruch, dass es schon ein „fertiger“, womöglich toller Text wird. In Felix Scheinbergers Mut zum Skizzenbuch habe ich das schöne Motto gelesen: „Wenn es dir Spaß macht, wirst du es oft machen, wenn du es oft machst, wirst du es gut machen.“

Den Spaß, die Freude am Schreiben (wieder) zu finden, ist für viele eine wirklich große und langwierige Aufgabe – und es dauert meistens eine Weile, bis sich die innere Haltung zum Schreiben ändert und es gelingt, den Anspruch, es „gut zu machen“, zumindest mal für eine gewisse Zeit abzuschütteln. Es dauert meistens auch eine Weile bis die Teilnehmer:innen meiner Kurse verstehen, dass es bei meinen Schreibanregungen nicht darum geht, sie wie eine „Hausaufgabe“ möglichst gut zu erledigen, sondern wirklich nur darum, das Anfangen zu erleichtern. Ich sehe in den Schreibanregungen so etwas wie ein Überbrückungskabel, das man nutzen kann, wenn der Motor gerade nicht anspringt. Aber niemand würde einen Motor, der gerade angesprungen ist, wieder ausschalten, weil das Kabel vielleicht nicht richtig sitzt oder gerade erst befestigt wird.

Um die Schreibfreude meiner Kursteilnehmer:innen zu wecken, habe ich einen Geschichten-Generator entwickelt, der hier in den nächsten Wochen gar keine große Rolle spielen soll, aber heute, zum Auftakt möchte ich gerne auf ihn zurückgreifen – mit drei Karten, die (glaube ich) bei der 1. Auflage des Geschichten-Generators noch nicht dabei waren:

LOTTE (schwer bepackt), NÖ und SCHIFFSDECK

Wenn Euch also etwas einfällt zu einer schwer bepackten Lotte (was mag sie denn mit sich herumtragen und warum?), ohne dass ein Schiffsdeck dabei auftaucht – überhaupt kein Problem! Oder falls ihr eine Szene auf einem Schiffsdeck vor Euch seht, ohne eine Lotte weit und breit, prima: Schreibt es auf. Und auch, wenn Euch diese Anregung (all meinen gegenteiligen Beteuerungen zu Trotz) an eine Schulaufgabe erinnert und Euren Widerstand oder Eure Unlust hervorlockt: Wunderbar, schreibt auch das auf!

Auch für diejenigen von Euch, die eigentlich an einem längeren Text arbeiten und denen irgendwo unterwegs die Schreibfreude verloren gegangen ist, könnten überlegen, ob sie nicht Lotte oder ein Schiffsdeck (oder die Rede davon oder ein Gemälde) in ihren Text einbauen. Auch bei längeren Texten ist es wichtig, sich immer wieder auf die Suche nach der Schreibfreude zu machen und herauszufinden, was genau sie eigentlich vertrieben hat. Manchmal reicht es schon, irgendeinen Impuls von außen einzubauen, um selbst wieder neugierig auf den Text zu werden.

Ach ja, bevor ich mich ins Wochenende verabschiede: Die Frage ist jetzt schon öfter aufgetaucht, was denn mit den ganzen entstehenden Texten geschieht. Ob man sie veröffentlichen muss oder darf und wenn ja, wo oder wie. Auch das wird, wie alles andere, für jede und jeden von Euch unterschiedlich sein. Manche haben selbst einen Blog und sind natürlich herzlich eingeladen, wenn sie mögen, ihre Texte dort zu posten, wer keinen Blog hat (und das werden die meisten sein), kann hier auf dem Blog in den Kommentaren kürzere Texte einstellen oder wenn die Texte länger werden, den Anfang des Textes. Und je nachdem, wie sich alles entwickelt, werde ich mir auch noch etwas anderes einfallen lassen. Aber gerade die echten „Anfänger:innen“ unter Euch sollten sich jetzt erstmal nicht allzu viel Gedanken über das Ergebnis (den Text) machen, sondern sich vor allem auf den Prozess (das Schreiben) konzentrieren. Alles andere findet sich dann – versprochen!

Soweit für erste. Montag gehts hier weiter und dann erstmal an jedem Werktag. Und dann sehen wir, wie sich die Dinge entwicklen – hier und überhaupt.

42 Kommentare

  1. Supi, das klingt doch alles gut. Und auch wenn ich nicht erst (wieder) mit dem Schreiben anfange, fühle ich mich angesprochen und lege gleich/nach getaner Arbeit mal los … Bis später und hab ein schönes und gesundes Wochenende. Liebe Grüße Sabine

  2. Ja, da mache ich mit. Ich werde das Produkt/die Produkte auf meinem Blog veröffentlichen und einen Ping zu deinem Beitrag schicken. Passt das so für dich? Ein schönes WE wünsche ich.

  3. Ich bin ganz motiviert 🙂 https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2020/03/20/12676/

    „Wie es wohl der Lotte geht? Als Kollegin war sie eine Zumutung, ebenso reich wie geizig und pedantisch wie ich noch sonst niemanden kennengelernt habe. Vor ein paar Jahren hat sie sich an eine andere Schule versetzen lassen und seither habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ohne Bedauern, muss ich sagen.

    Kürzlich traf ich die Lotte aber, schwer bepackt. Um irgendein Transportmittel zu benützen und sei es ein Packesel ist sie zu geizig, sie schleppt lieber, egal welche Gewichte. Ich sah sie aus einiger Entfernung, wie sie in den City-Liner-Katamaran Wien-Bratislava einstieg. Ihr umfangreiches Gepäck belegte die halbe Fläche des Schiffsdecks. Boshaft fragte ich mich, wie sie das Dilemma lösen würde gleichzeitig ihr Gepäck zu bewachen und den Gratissnack in der Kabine zu bekommen.

    Was sie wohl vorhatte? Übersiedelt sie nach Bratislava? Die niedrigeren Lebenshaltungskosten wären ein gutes Argument dafür oder gedenkt sie an einem slowakischen Marktstand Altkleidung oder Ähnliches zu verschachern. Die Dinge halt, die andere Leute irgendwelchen Organisationen spenden. Der Lotte ist alles zuzutrauen.

    Um auch etwas Positives über sie zu sagen: sie ist eine hervorragende Germanistin mit umfangreichem Wissen auch in anderen akademischen Disziplinen. Und mit ihren Kenntnissen geht sie gar nicht geizig um, sie belehrt großzügigst jeden der ihr über den Weg läuft, was im Lauf der Jahre dazu geführt hat, dass ihr immer weniger Leute über den Weg laufen, schließlich ist man selbst klug. „

        1. Ich mag auch mitmachen. Schön ist das!
          Meine Texte stelle ich in meinen Blog und verlinke ich zu dir. Wenn das so recht ist.
          Herzlichen Dank für deine offenen Pforten zur Schreibwerkstatt.
          LG, Veronika

          1. Upsi, ich habe da meinen Kommentar am Handy getippt und bin da irgendwo ganz anders gelandet. Ach, und anonym bin ich auch? Das ist jetzt ärgerlich.

  4. Pingback: Virtuelle Schreibwerkstatt mit Jutta Reichelt | Birgit Böllinger | Textbüro Die SchreibWeise
  5. Ich war und bin auch ganz motiviert und mache es dann wie Myriade: Ein Ping über meinen Blog und mein Text hier als Kopie:

    Lotte ist schwer bepackt. Auf dem Rücken hat sie eine große Tasche aus Stoff, die sie leicht nach vorne kippen lässt. In der linken Hand trägt sie gleich zwei Eimer, die halb mit Wasser gefüllt sind, in der rechten hat sie eine große blaue Tüte, die sie hinter sich her über das Schiffsdeck schleift. Kurz hebt sie den Kopf – die Reling ist nicht mehr weit.

    Die Lotte hat Hummeln im Arsch, hat ihre Mutter immer gesagt. Heute sagt sie das nicht mehr. Denn erstens ist sie tot und zweitens hat Lotte auch keine Hummeln mehr. Nicht mehr im Arsch und auch nicht sonst irgendwo. Auch keine Flausen mehr im Kopf. Das hat ihre Mutter auch immer gesagt. Die Lotte, die will weit kommen. Und reisen. Das hat die Mutter jedem gesagt, ob der es hören wollte oder nicht. Aber bald wusste es dann eben auch jeder in dem kleinen Dorf, in dem Lotte mit ihrer Mutter lebte. Ohne Vater. Der war weg. Da redete die Mutter nicht drüber. Im Gegensatz zu den Flausen und den Hummeln von Lotte. Lotte selber sagte da auch nicht viel zu. Sie ließ lieber die Mutter reden. Meist hörte sie es gar nicht, wenn die Mutter wieder davon redete, weil sie in Gedanken schon ganz weit weg war und sich ausmalte, wo sie überall hinreisen wollte. Dafür strengte sie sich sogar in der Schule an.

    Als die Mutter krank wurde und nicht mehr arbeiten konnte, trieb das die Flausen fast von selber aus Lottes Kopf. Denn Lotte musste die Schule abbrechen und Mutters Stelle in der Wirtschaft übernehmen. Da stand sie nun jeden Tag von vier bis nachts um elf und musste so manche Hand auf ihrem Arsch ertragen. Da flogen auch die Hummeln davon.

    Lotte klagte nicht. Sie machte einfach und arbeitete und pflegte die Mutter, der es immer schlechter ging. Die Jahre gingen ins Land.

    Als die Mutter starb, hatte Lotte auch schon graue Strähnen im Haar und Falten im Gesicht. Und mit der Mutter begrub Lotte die Hummeln und Flausen und verkaufte all das Hab und Gut, was noch in ihrem Besitze war. Und dann schnallte sie sich die Tasche, die sie aus altem Bettzeug genäht hatte, auf den Rücken und fuhr in die große Stadt. Sie dachte nicht, sie machte einfach.

    In der Stadt ging Lotte zum Hafen und schaute auf die Schiffe, die dort lagen. Und wieder dachte sie nicht, sondern machte einfach und Lotte ging zu dem Kapitän des größten Schiffes, das sie finden konnte. Und Lotte redete nicht. Lotte machte einfach. Sie nahm zwei Eimer, die halb mit Wasser gefüllt waren, in die linke Hand und eine große blaue Tüte mit Putzzeug in die rechte Hand. Und dann macht sie einfach. Lotte putzte das Schiffsdeck.  Das ganze Schiffsdeck putzte Lotte.

    Jetzt putzt Lotte jeden Tag das Schiffsdeck. Auch wenn das Salzwasser über die Reling spritzt. Und Lotte denkt nicht. Lotte macht einfach. Und die Hummeln und Flausen schauen vom Himmel aus zu.

    ……

  6. Ich bin auch hochmotiviert und würde es dann wie Myriade machen: Ein Ping über meinen Blog und die Textkopie auch hier:

    Lotte ist schwer bepackt. Auf dem Rücken hat sie eine große Tasche aus Stoff, die sie leicht nach vorne kippen lässt. In der linken Hand trägt sie gleich zwei Eimer, die halb mit Wasser gefüllt sind, in der rechten hat sie eine große blaue Tüte, die sie hinter sich her über das Schiffsdeck schleift. Kurz hebt sie den Kopf – die Reling ist nicht mehr weit.

    Die Lotte hat Hummeln im Arsch, hat ihre Mutter immer gesagt. Heute sagt sie das nicht mehr. Denn erstens ist sie tot und zweitens hat Lotte auch keine Hummeln mehr. Nicht mehr im Arsch und auch nicht sonst irgendwo. Auch keine Flausen mehr im Kopf. Das hat ihre Mutter auch immer gesagt. Die Lotte, die will weit kommen. Und reisen. Das hat die Mutter jedem gesagt, ob der es hören wollte oder nicht. Aber bald wusste es dann eben auch jeder in dem kleinen Dorf, in dem Lotte mit ihrer Mutter lebte. Ohne Vater. Der war weg. Da redete die Mutter nicht drüber. Im Gegensatz zu den Flausen und den Hummeln von Lotte. Lotte selber sagte da auch nicht viel zu. Sie ließ lieber die Mutter reden. Meist hörte sie es gar nicht, wenn die Mutter wieder davon redete, weil sie in Gedanken schon ganz weit weg war und sich ausmalte, wo sie überall hinreisen wollte. Dafür strengte sie sich sogar in der Schule an.

    Als die Mutter krank wurde und nicht mehr arbeiten konnte, trieb das die Flausen fast von selber aus Lottes Kopf. Denn Lotte musste die Schule abbrechen und Mutters Stelle in der Wirtschaft übernehmen. Da stand sie nun jeden Tag von vier bis nachts um elf und musste so manche Hand auf ihrem Arsch ertragen. Da flogen auch die Hummeln davon.

    Lotte klagte nicht. Sie machte einfach und arbeitete und pflegte die Mutter, der es immer schlechter ging. Die Jahre gingen ins Land.

    Als die Mutter starb, hatte Lotte auch schon graue Strähnen im Haar und Falten im Gesicht. Und mit der Mutter begrub Lotte die Hummeln und Flausen und verkaufte all das Hab und Gut, was noch in ihrem Besitze war. Und dann schnallte sie sich die Tasche, die sie aus altem Bettzeug genäht hatte, auf den Rücken und fuhr in die große Stadt. Sie dachte nicht, sie machte einfach.

    In der Stadt ging Lotte zum Hafen und schaute auf die Schiffe, die dort lagen. Und wieder dachte sie nicht, sondern machte einfach und Lotte ging zu dem Kapitän des größten Schiffes, das sie finden konnte. Und Lotte redete nicht. Lotte machte einfach. Sie nahm zwei Eimer, die halb mit Wasser gefüllt waren, in die linke Hand und eine große blaue Tüte mit Putzzeug in die rechte Hand. Und dann macht sie einfach. Lotte putzte das Schiffsdeck.  Das ganze Schiffsdeck putzte Lotte.

    Jetzt putzt Lotte jeden Tag das Schiffsdeck. Auch wenn das Salzwasser über die Reling spritzt. Und Lotte denkt nicht. Lotte macht einfach. Und die Hummeln und Flausen schauen vom Himmel aus zu.

    ……

  7. Hallo Jutta, was für eine tolle Idee! Ich hab schon eine Idee, die ich in mein Großprojekt einbauen kann! Danke schön und liebe Grüße!

  8. Hallo Jutta, ich bin auch dabei! Der Ping ist schon da, und hier folgt der Anfang meiner Geschichte, denn sie ist (natürlich) länger als erwartet geworden …

    „Sie ächzte und ließ sich auf den Stuhl fallen. Er knackte unter ihrem Gewicht, aber darauf kam es inzwischen auch nicht mehr an, sie war halt schwer bepackt, was das anging, und nicht nur damit, ja, und? Die durften sich alle gern um ihren eigenen Mist kümmern.
    Der Pausenraum war jedenfalls an Trostlosigkeit kaum zu überbieten, vermutlich aus Gründen – wo käme man denn hin, wenn die Verkäuferinnen sich in ihrer Pause auch noch wohlfühlten? Das Einzige, was sie bedauerte, war die Tatsache, dass es hier kein Fenster gab, das sie aufreißen konnte, um verbotenerweise eine zu schmöken. War die Haltung von Säugetieren ohne Fenster nicht verboten? Egal, sie würde es nicht mehr ändern, die paar Jahre bekam sie auch noch rum. Sie nahm geistesabwesend einen Schluck von dem Automatenkaffee, während ihre Augen schon über die Schlagzeilen der Tageszeitung wanderten.“

    Ich freue mich, wenn du (und jede*r, die*der möchte) zu mir zum Lesen kommen!
    https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/03/21/lotte-muckt-auf-schreiben-bei-jutta-reichelt-tag-1/

    Liebe Grüße
    Christiane 😀

  9. Liebe Jutta!
    Ich versuche mich auch mal und taste mich heran:

    Lotte, du Kleine, du,
    schwer bepackt, mit was auch immer,
    du, der du kaum nein sagen kannst,
    nö, nö, nö, nö, nö!
    Dir würde auch ein Platz auf dem Schiffsdeck wenig helfen
    (welchem Nicht- Neinsager hilft schon ein Platz auf dem Schiffsdeck).

    Liebe Grüße
    Juergen

  10. Hallo und guten Tag! Hier mein Beitrag zu deiner Schreibwerkstatt:

    Letztens besuchte mich Klaus und trug im Arm, was er in seiner E-Mail als „winzig kleinen Hund“ angekündigt hatte. Da war er wirklich nicht schwer bepackt. Dieses handvoll Hund, ein Hündchen oder mehr Hundelileinchen hört auf den Namen Lotte. Wenn Klaus irgendwohin geht, wo er die Hände frei haben muss, steckt er Lotto in eine Tasche und nimmt sie mit. Nur noch ihr Köpfchen schaut hervor. Lotte blickt dann neugierig um sich. Ein einziges Mal hörte ich Lotte bellen. Sie schien selbst erschrocken zu sein und hörte sofort wieder auf. Aber ich war erleichtert. Ein Hund, der nicht bellt, ist vielleicht gar keine Hund, sondern eine thailändische Riesenratte. Die thailändische Riesenratte ist keine Wanderratte, sondern eine Wandersage. Ich hörte sie zum ersten Mal Mitte der 1980-er Jahre. Ein Junge erzählte mir, Bekannte seiner Eltern hätten versehentlich eine thailändische Riesenratte aus dem Urlaub mitgebracht, weil die Frau die zutrauliche Ratte für ein süßes Hündchen gehalten hatte. Es war ihr hinterher gelaufen und sehr zutraulich, ließ sich sogar aus dem Lunchpaket füttern. Im Nu hatte sich die Frau ins Hündchen verliebt, und sie überredete ihren Mann, es mit nach Hause zu nehmen. Man wollte es im Handgepäck schmuggeln. Das war auch kein Problem, weil das Hündchen niemals bellte. Aber schon am ersten Tag zu Hause hat dieser Hund die Katze aufgefressen, und der eilends aufgesuchte Tierarzt habe zuerst abgewehrt: „Nö, was Sie das aus Thailand mitgebracht haben, ist keinesfalls ein Hund!“ Er befragte biologische Fachlexika und sagte: „Der vermeintliche Hund ist eine gefährliche Ratte. Weil sie auch Menschen anfällt, muss ich sie sofort einschläfern.“

    Vom Schiffsdeck dann in einer anderen Geschichte, von der Frau, die als blinde Passagierin nach Australien reisen wollte.
    Beste Grüße
    Jules

    1. Ich brauche anscheinend immer einen kleinen Anstupser. 😉 Hier meine Geschichte:

      Bloß schnell weg hier. Seit Lotte im Radio gehört hatte, dass demnächst eine Ausgangssperre verhängt werden würde, hatte sie in Windeseile einen Koffer und einen Rucksack gepackt. Eigentlich mehr Erinnerungen an ihre Kinderzeit als Notwendiges, alles, was sie schnell hatte zusammen raffen können. Hatte herum telephoniert und tatsächlich noch eine Schiffspassage nach Surabaya ergattert. Die Aussicht, mit Dieter die nächsten Wochen oder gar Monate eng zusammen zu hocken, war zuviel für sie. Er würde sie triezen bis auf‘s Blut, demütigen, sich bedienen lassen, am Essen herum mäkeln – ihr das Leben so schwer wie möglich machen. „Nö!“ Nicht mit ihr. Schon oft hatte sie versucht, ihn zu verlassen, aber bisher war es ihm noch jedes Mal gelungen, sie an sich zu binden. Diesmal würde sie ihm ein Schnippchen schlagen. Jetzt schulterte sie den Rucksack, polterte mit dem Rollkoffer so laut die Treppe hinunter, dass der Nachbar von unten die Tür aufriss und hinter ihr brüllte, und hastete schwer bepackt zum Hafen. Heftig atmend legte sie sich in ihrer Kabine auf das Bett, ohne auszupacken. Geschafft! Erst einmal zur Ruhe kommen und dann gemütlich zum Abendessen gehen. Auf dem Schiffsdeck beobachtete sie später mit vielen anderen Passagieren das Ablegen, als ihr jemand den Arm um die Schultern legte.
      „Na, Lotte, wir zwei hier auf dem Schiff, was sagt man dazu? Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, dass du mit deinem alten Dieter nochmal eine Reise machen würdest. Wir werden viel Spaß haben. Kannst gleich mal meinen Koffer auspacken.“

      1. Das ist schon toll, wie dieser relativ kurze Text eine Atmosphäre der Bedrohung entwickelt – vielen Dank fürs Teilen! (Und das mit dem „Anstupser“, das geht den allermeisten so …)

      1. Also „eigentlich“ kann man meinem Blog auch ganz „normal“ folgen und weil in den letzten Tagen auch ein paar Leute neu dazugekommen snd, weiß ich auch, dass ich diese Möglichkeit auch nicht versehentlich gelöscht habe. Leider habe ich auf Anhieb keine Idee, wo das Problem liegen könnte. Notfalls könntest du jeden Tag die Seite aufrufen? Aber vielleicht hat auch jemand anderes eine Idee?

  11. Pingback: Hundepfund
  12. Liebe Jutta, ich habe durch einige der Seiten, die ich lese, zu dir gefunden und möchte auch gerne mitmachen. Da ich diese Seite verlinkt habe, müsste ein Ping bei dir auftauchen. Ansonsten setze ich meine erste Übung einfach mal hier in die Kommentare. Sie heißt

    Lottchen
    „Lotte, mach kein Quatsch!“, dröhnte blechern aus den verwitterten Lautsprechern. Seeluft war für nix gut, stellte sie fest und erinnerte sich an die Vorlesungen, in denen sie Pflichtzeiten abgesessen hatte. Korrosion, Verrottung, ausgelöst von Salz und Wasser, vermeidbare Metallverwesung, sie hatte lieber in anderen Bereichen geforscht.

    Sulke ging ihr auf den Keks. Sie hatte das Lied schon in den 80ern gehasst. Die blöden Sprüche auf jeder Party, die von Mitschülern nachgenäselten Schnulzlaute klangen ihr immer noch in den Ohren.

    Ausgerechnet hier, ausgerechnet jetzt empfand sie die Erinnerung an ihr damaliges Leid fast unerträglich. Ihre momentane Situation, ihr Plan ließ keine melancholische Rückschau sie. Sie war im Aufbruch, begann etwas Neues, etwas Schönes. Sie traute sich endlich, das hinter sich zu lassen, was ihr nicht passte.

    Ihr Vater bog um die Ecke, in jeder Hand einen Becher, aus dem es in der kalten Luft dampfte. „Ich hab dir auch einen Kaffee mitgebracht, Lottchen.“ Er reichte ihn ihr und ließ sich neben sie auf die Holzbank plumpsen. „Sind das alles deine Taschen?“ Sie grinste: „Nö! Das hättest du wohl bemerkt, oder? Die gehören der Familie da vorne. Sie sind kurz winken gegangen.“ Sie wies mit dem Kopf in Richtung Reling, wo Zwei Erwachsene und eine nicht abzuschätzende Zahl Kinder hin und her sprang, winkte, weinte, rief und offensichtlich Abschied nahm. Sie hatte niemanden zum Winken. Noch nicht. Der Vater begleitete sie die erste Etappe. Das Weinen war vorerst nicht nötig.

    „Ich erinnere mich an deine erste Klasse. Du hattest immer Angst, etwas zu Hause zu vergessen. Dein Tornister wog mindestens eine Tonne, doch du weigertest dich standhaft, etwas davon zu Hause zu lassen. Die Lehrer nannten dich die schwerbepackte Lotte. Du warst so niedlich mit deinen Zöpfen und dem Koloss von Ranzen auf deinem schmalen Rücken.“ Er lächelte, doch sie sah eine Träne in seinem Augenwinkel aufblitzen.

    „Zu früh“, dachte sie und spürte einen Kloß im Hals. Sie nahm dem Vater eine der Tassen aus der Hand und nahm einen großen Schluck. Das war besser. Für eine Weile schwiegen sie. Es war nicht der Ort, Erinnerungen auszugraben. Dafür war später noch Zeit, wenn tausende Kilometer sie trennten und man alleine weinen konnte.

    „Wollen wir ein bisschen laufen?“ Der Vater erhob sich und reichte ihr den Arm. „In zwanzig Minuten sind wir da. Zeit , ein bisschen über das Schiffsdeck zu flanieren. Allzu oft kommen wir nicht in den Genuss der Schifffahrt!“

    Sie grinste und nahm seinen Arm. Die Familie saß wieder beim Gepäck und würde nun auf ihre Taschen achten. Eine Möwe schrie, als sie mit ihm gleichzeitig den ersten Schritt machte. Sie nahm es als böses Omen.

    Ein Hafen erschien am Horizont. Dort ging es auf ein großes Schiff. Dieses Mal ohne Begleitung.

    „Möchtest du, dass ich winke?“

    Liebe Grüße
    Alice

    1. Liebe Alice, was mir wirklich sehr, sehr gut gefällt, ist wie du allein durch die Verwendung von Worten wie „Korrosion, Verrottung, vermeidbare Metallverwesung“ jede Anmutung von „Idylle“ ganz beiläufig unterminierst (mir fällt gerade kein besseres Wort ein). Und diese ganze (eben ein bisschen ungewöhnliche) Szenerie und auch Lotte als Figur zieht mich ins Geschehen. Ich würde gerne mehr über sie erfahren – und das auszulösen, darum gehts ja beim Erzählen letztlich immer 😉

      1. Ich danke dir sehr, dass du dir die Zeit für die Geschichte genommen hast. Ich habe gestern schon gemerkt, dass es mir gut tut (weil eben in letzter Zeit viel zu wenig Geschichten erzählt) wieder einer Struktur zu folgen. ich werde mich also an deiner wirklich tollen Schreibwerkstatt weiterhangeln.
        Und danke für deinen lieben Zuspruch 😉
        Liebe Grüße
        Alice

        1. Meine Erfahrung ist (auch darüber werde ich noch schreiben), dass kaum jemand über einen längeren Zeitraum schreiben kann, ohne irgendeine (reale) Resonanz zu erfahren. Freut mich, wenn du dich hier „weiterhangelst“!

  13. Bin heute erst auf deinen Blog aufmerksam geworden und schon voll begeistert. Vielleicht schaff ich es mit diesen Anstupsern mal etwas zu schreiben…denn machen wollte ich das schon ewig, aber der Input des anfangens fehlte ….

Ich freue mich über Kommentare!

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