„Hört auf mit Euren Geschichten! Die Welt besteht aus Tatsachen, nicht aus Geschichten. Aber Geschichten haben Macht – fatale Macht“ ist der Titel eines Essays, den der Schweizer Autor Lukas Bärfuss gerade veröffentlich hat. Seit ich diesen Text vor wenigen Tagen gelesen habe, begeistert mich die Vorstellung, dass es endlich eine breite Debatte um die Schattenseite des Storytelling-Hypes geben könnte, dass endlich eine öffentliche Auseinandersetzung darüber stattfinden könnte, was geschieht, wenn wir Geschichten erzählen – und was nicht.

Leider ist das nicht ganz so einfach, wie es sich anhört, weil die intuitive Vorstellung davon, was Geschichten eigentlich sind, uns zunächst in die Irre führt. Aus diesem Grund beginnt auch Bärfuss seinen Text mit einer Richtigstellung: Geschichten existieren nicht in der Welt, sondern nur in unseren Köpfen. Wir finden sie nicht, wir müssen sie nicht „nur“ erkennen, wir erschaffen sie. „Geschichten sind künstliche Gebilde. Natürlicherweise kommen sie nicht vor. Sie gehören in die Kategorie der Ideen, in den Bereich des Imaginären“, schreibt Bärfuss.

Wenn wir Geschichten erzählen, schaffen wir im Kopf eine Verbindung zwischen Ereignissen. Ein schönes Beispiel dafür stammt von E. M. Forster: „Der König starb, und dann starb die Königin“ ist eine bloße Reihenfolge. „Der König starb, und dann starb die  Königin aus Kummer“, könnte eine Geschichte werden. Das ist es, was im Kern Erzählen ausmacht: kausale Verknüpfungen herzustellen. Verknüpfungen, die auch falsch sein können. Vielleicht starb die Königin gar nicht aus Kummer. Vielleicht vermuten wir das nur. Oder wir wissen sogar, dass es nicht stimmt, wollen aber mit dieser Version die Untertanen beruhigen – oder die Leser*innen auf eine falsche Fährte führen …

Geschichten haben, auch das beschreibt Lukas Bärfuss, eine ungeheure Macht. Sie prägen unsere Vorstellungen, sie erleichtern, ja sie ermöglichen uns oft erst die Orientierung. Wenn uns jemand eine gute Geschichte erzählt, hat er uns gewonnen – als Kund*innen, als Wähler*innen, als Zeitungsleser*innen und natürlich auch: als Romanleser*innen. Weil das so ist, weil wir uns von nichts so sehr „gefangen nehmen“ lassen, wie von „fesselnden“ Geschichten, hat das Geschichtenerzählen in den letzten Jahren und Jahrzehnten ein ungeheures Interesse geweckt.

Storytelling als Betriebsanleitung für alle, die etwas zu verkaufen haben, als Lösung für fast alles. Hunderte Neuerscheinungen und unzählige Seminare zum Thema, Agenturen und Expert*innen verbreiten den Lockruf noch an den zuvor dem Erzählen unverdächtigsten Orten. Und warum auch nicht? Was spricht gegen die lustigen Heimwerker*innen-Geschichten eines Baumarktes oder dagegen, dass Menschen lernen, die Lücke ihres Lebenslaufs mit einer guten Geschichte zu erklären? Und wäre es nicht ein Segen, wenn die SPD endlich zu einer neuen Erzählung ihrer selbst fände? Wie anders als mit Geschichten von den Menschen, die sie retten, denen sie helfen, die sie unterstützen, sollten Hilfsorganisationen Spenden akquirieren? 

Ich habe nichts gegen Storytelling. Wie sollte ich? Ich erzähle selbst ständig Geschichten, ich unterstütze andere Menschen dabei, ihre Geschichten zu erfinden, ich habe einen Geschichten-Generator entwickelt – die Unterscheidung in ein „gutes“ kreatives Geschichtenerzählen und ein „böses“ strategisches Storytelling halte ich für absurd und unmöglich. Aber ähnlich wie Lukas Bärfuss beunruhigt mich, wie unkritisch, wie sorglos das Storytelling sich ausbreitet. Als wenn man mit Geschichten nichts Schlimmes anrichten könne. Aber diese Aura des Harmlosen, des „Es ist ja bloß eine Geschichte“ gerät gerade zumindest für einen Moment ins Wanken. Aus ganz unterschiedlichen Richtungen, an unterschiedlichen Orten:

Im Fall Relotius, weil die Erkenntnis wächst, dass das Problem nicht nur darin liegt, dass die erzählten Geschichten nicht stimmen, sondern weil sie – Auszeichnungen hin oder her – auf ihre erschreckend schlichte Weise der Komplexität ihres Gegenstands überhaupt nicht angemessen waren. Wie selbstverständlich und bedenkenlos sich diese Art des Erzählens im deutschen Journalismus ausgebreitet hat, verrät in einer absurden Volte, der Text, mit dem der SPIEGEL die Öffentlichkeit über den Skandal informiert – eine weitere Geschichte nach den Prinzipien des Storytellings. Stefan Niggemeier schreibt dazu auf www.uebermedien.de: „Und die Art, wie Fichtner den Fall aufschreibt und daraus eine „Spiegel“-Geschichte macht, spricht dafür, dass er gar nicht erkannt hat, wie sehr gerade das Geschichten-Erzählen ein Problem in diesem Fall ist. Das Unheil beginnt schon im ersten Satz: Kurz vor dem Ende seiner Karriere kommen sich Glanz und Elend im Leben des Claas Relotius einmal ganz nah.“

Dann, als die Aufregung um Relotius noch nicht ganz verhallt war, stand das Storytelling erneut auf der Anklagebank: Hatte auch bei Takis Würgers Stella die Begeisterung für eine „tolle Geschichte“, für die „Attraktivität“, für das „Potential“, das sie besitzt, vielleicht die Sinne des Autors und der im Verlag Verantwortlichen vernebelt? War diese Geschichte nicht zu glatt allein nach den schlichten Regeln des Storytellings erzählt? Fehlte ihr nicht jedes Moment der Fassungslosigkeit, des Wissens um die Unmöglichkeit des Unterfangens, das ein literarisch ernstzunehmendes Erzählen des Unerzählbaren überhaupt erst vorstellbar macht?

Und nun auch noch: Christoph Hein, der in der Süddeutschen berichtet, wie die Geschichte, die Florian von Donnersmarck in dem Film Das Leben der Anderen über einen Autor erzählt wird, zu ganz falschen Vorstellungen davon führt, wie das Leben in der DDR war – mit der Folge, dass ihm, dass auch anderen die „wahre Geschichte“ nicht mehr geglaubt wird. Nicht geglaubt wird, weil die Macht der filmischen Erzählung so viel größer ist, als die Beteuerungen derer, die es erlebt haben.
Eine Geschichte, die ihre eigene Wirklichkeit schuf. Eine Wirklichkeit, die der realen Wirklichkeit überlegen war. Der reale Autor Christoph Hein müsse für viele Jahre ins Gefängnis gekommen sein, waren sich Studierende sicher, nachdem sie an der Uni die reale Anti-Zensur-Rede gelesen hatten, die als Vorbild für die Arbeit des Film-Autors über Selbstmord diente. Aber nein, informierte sie der Professor, der ihnen die Rede zu lesen gegeben hatte, er selbst habe diese Rede bereits 1987 gelesen. Die Studierenden glaubten ihm nicht. Sie glaubten der Erzählung des Films. Sie wussten besser, wie es in der DDR gewesen war, wie das „Leben der Anderen“ gewesen war … Christoph Hein beendet seinen Beitrag so: „Der Film wurde ein Welterfolg. Es ist aussichtslos für mich, meine Lebensgeschichte dagegensetzen zu wollen.“

Es ist aussichtslos. Ich kenne dieses Gefühl der Aussichtslosigkeit, des Wissens, dass man keine Chance hat, für die eigene Geschichte Gehör zu finden. Dass sie (kaum) einer glauben wird. Weil Geschichten sich wie eine Schablone über die Realität legen können. Wir alle machen uns ständig Vorstellungen davon, wie es ist, so oder so zu sein, dies oder das erlebt zu haben, und diese Vorstellungen, von deren Richtigkeit wir felsenfest überzeugt sind, können falsch sein. Wir glauben zu wissen, wie es war, weil wir eine Geschichte gehört haben. Genau das zeigt die ungeheure Macht, die Geschichten besitzen: Dass wir ihnen bisweilen glauben, obwohl wir wissen, dass die Wirklichkeit komplexer ist, dass sie falsch sein können.

Unser Leben, unsere Wirklichkeit besteht aus einer vollkommen unvorstellbaren Anzahl von Ereignissen, die sich wechselseitig beeinflussen – weswegen ich Lukas Bärfuss’ Begeisterung für „Tatsachen“ nicht uneingeschränkt teile. Sicherlich – und auch darauf ist ja im Zusammenhang mit Relotius hingewiesen worden – ist die Begeisterung fürs Storytelling im deutschen Journalismus auch dem Kostendruck geschuldet: Es ist schlicht eine viel kostengünstigere, einfachere Variante als die Durchführung aufwändiger Recherchen. Aber die Tatsachen, die uns interessieren, sind meistens nicht durch bloße Beobachtung zu gewinnen – wie Bärfuss’ es nahelegt: „Aber sind schlichte Tatsachen nicht langweilig? Nur, wenn es bekannte Tatsachen sind. … die Zeitung, die als erste vermelden kann, dass ausserirdisches Leben existiert, braucht kein Storytelling. Leider ist es viel teurer und aufwendiger, unbekannte Tatsachen zu beschaffen, als eine Geschichte zu erzählen.“ 

Die Fragen, die uns gerade am meisten umtreiben, die Fragen rund um die gegenwärtigen politischen Erschütterungen sind Fragen nach Zusammenhängen, sind Fragen von einer gewaltigen Komplexität: der Klimawandel und seine Folgen, die weltweiten Fluchtbewegungen, das Wiedererstarken autoritärer Gesinnungen und Regierungsformen … Wir werden der Komplexität dieser Entwicklungen nicht gerecht, wenn wir sie allein mit Geschichten zu erklären versuchen, aber wir werden auch nicht vollständig auf Geschichten verzichten können, wenn wir von der Komplexität der sich wechselseitig beeinflussenden Einflussfaktoren erzählen wollen.

Den Versuch zu unternehmen, ein Leben als eine einzigartige und für sich selbst ausreichende Abfolge aufeinander folgender Ereignisse zu begreifen, ohne andere Bindung als die an ein Subjekt, ist beinahe genauso absurd, wie zu versuchen, eine Metro-Strecke zu erklären, ohne das Streckennetz in Rechnung zu stellen, schrieb der französische Soziologe Pierre Bourdieu über „Autobiographien“. Wenn sich noch nicht einmal ein einzelnes Leben halbwegs angemessen beschreiben lässt, ohne Berücksichtigung der es formenden gesellschaftlichen Einflüsse, wie absurd mutet es dann an, komplexe Phänomene mittels schlichter Geschichten erklären zu wollen?

Geschichten können uns den Zugang zu einer verborgenen Wahrheit eröffnen (wer wüsste das besser als Schriftsteller*innen), aber sie können auch „falsche Freunde“ sein, so wie die Vokabeln, die sich vom Klang her ähneln und doch eine ganz andere Bedeutung besitzen. Geschichten haben eine enorme Macht, was man nicht zuletzt daran sieht, wie gezielt sie zur Propaganda eingesetzt werden. Wir sind ein bisschen wie Gott, wenn wir erzählen – und deswegen müssen wir mit der Macht, die wir erzählend besitzen, vorsichtig und verantwortungsvoll umgehen.

Ich habe kürzlich auf diesem Blog unter der Überschrift „Wer darf welche Erzähl-Perspektive einnehmen?“ dafür plädiert, dass es in der Regel nicht äussere Merkmale sein sollten, die darüber entscheiden, ob wir aus der Perspektive bestimmter Personen erzählen dürfen oder nicht, sondern dass es der Text sein sollte, der darüber entscheidet. Aber eben diesen kritischen Blick müssen die Geschichten, die wir erzählen, dann auch aushalten. Geschichten können die Komplexität der Welt, von der sie erzählen, nicht vollständig wiedergeben (sonst wären es keine Geschichten mehr), aber sie können dieses Fehlen, diese Unmöglichkeit in sich enthalten, zumindest als Andeutung, als Leerstelle, als Subtext.

Geschichten können immer auch anders erzählt werden und oft lässt sich unmöglich bestimmen, welche Versionen „der Wahrheit“ näher kommt. Auch die Geschichte von einem jungen Autor, der sich von der Begeisterung für eine „tolle Story“ hat hinreißen lassen, vielleicht auch von der Aussicht, sich in die erste Reihe der Gegenwartsliteratur zu schreiben, lässt sich auf ganz unterschiedliche Weisen erzählen. Man könnte sie auch ohne jede Häme erzählen, ohne diese ganz große Empörung. Es sind ja immer ganz unterschiedliche Versionen einer Geschichte wahr …