Wer darf welche (Erzähl)-Perspektive einnehmen?

Wem gehören Geschichten? Wessen „Eigentum“ sind sie? In den letzten Jahren ist bei vielen Menschen die Einsicht gewachsen, dass das Recht auf künstlerische Freiheit (also z. B. das Recht, alle Geschichten aus allen Perspektiven zu erzählen) kein Recht war, von dem alle in gleicher Weise Gebrauch machen konnten. Die Möglichkeit, die eigene Stimme zu erheben, die Möglichkeit, für die eigenen (erfundenen wie erlebten) Geschichten Gehör zu finden, war/ist extrem ungleich verteilt, das zeigte auf die deutschsprachige Literatur bezogen die von Florian Kessler angestoßene sog. „Arztsohn-Debatte“, das zeigte auf ganz andere Weise die amerikanische Debatte um das Gemälde Open Cascet von Dana Schutz (sehr lesenswert der Beitrag von Julia Delta Feldman dazu Censorship Now!!)

Die Frage, wer was erzählen darf, ob die Einnahme einer anderen Perspektive grundsätzlich eine Machtgeste ist und viele damit verwandte Fragen, beschäftigte auch Asal Dardan, Berit Glanz und Simon Sahner auf ihrem Blog www.54books.de unter dem schönen Titel „Die Freiheit, Last und Unmöglichkeit „Ich“ zu sagen – Ein Gespräch über das Schreiben zwischen Identitätsdiskursen und Buchmarkt

Wie lange diese Fragen schon im Raum stehen und wie aktuell sie zugleich sind, zeigt wiederum die Debatte, die in diesen Tagen angesichts des gerade erschienen Romans Stella von Takis Würger geführt wird: Offenbar verstößt der 31jährige Autor mit diesem Text gegen weithin geteilte Vorstellungen davon, ob oder wie eine solche Geschichte legitimerweise zu erzählen wäre. Johannes Franzen hat in seinem Überblicksartikel Der Maßstab der Wirklichkeit die Kriterien, die in diesem Zusammenhang verhandelt werden, kenntnisreich und gut lesbar zusammengefasst.

Ich habe all diese Beiträge mit großem Interesse gelesen, ich finde die Debatte wichtig und notwendig – gerade weil ich es schwierig finde, eine klare Position zu beziehen. Ich habe hier und da auch ein bisschen mitdiskutiert und möchte nun einerseits gerne auf die genannten Artikel hinweisen, wie auch meine Gedanken zur Diskussion stellen:

Ich finde nicht, dass es automatisch eine Machtgeste ist, aus dem Blickwinkel einer anderen Person zu schreiben – auch wenn ich die Ansicht teile, dass es Grenzen für eine legitime Perspektiven-Übernahme gibt, insbesondere wenn es um den Holocaust geht.

Ich glaube, dass wir über sehr vieles schreiben dürfen, auch wenn wir es nicht selbst erlebt haben. Ich glaube, dass es genau darum geht, wenn wir schreiben, wenn wir erfinden – dass wir uns vorstellen, wie es wäre, jemand anderes zu sein, ja dass wir manchmal eben gerade „erfinden müssen, um zu erzählen, wie es war“ (Eugen Ruge).

Ich halte die Überzeugung für falsch, wir könnten immer ohne weiteres bestimmen, wer „anders“ ist, wo eine andere Identität beginnt. Ich habe vor Jahren einen Text aus der Perspektive eines spielsüchtigen Mannes geschrieben, den ich für erfahrungsgesättigt halte – obwohl ich eine Frau ohne Spielsucht-Hintergrund bin. Ich finde es auch nicht wünschenswert, mich oder andere in einer Rangordnung der Hierarchien einzureihen und daraus abzuleiten, wessen Perspektive ich einnehmen darf. Darf ich, weil ich eine Frau bin, die Perspektive eines deutschen Mannes einnehmen, aber nicht die Perspektive einer syrischen Frau? Darf ein Mann, der körperliche Gewalt erfahren hat, die Perspektive eines Mannes einnehmen, der sexuelle Gewalt erfahren hat? Oder eher die einer Frau, die ebenfalls körperliche Gewalt erfahren hat?

Ich sehe nicht, wie sich das in eine sinnvolle Regel bringen lässt: Gelten die „Perspektiven-Übernahme-Verbote“ nur für die Ich-Perspektive oder für das gesamte Personal eines Romans? Gilt die personale als getarnte Ich-Perspektive? Was ist mit Nebenfiguren? Ich glaube, es ist wie fast immer, wenn es um Literatur geht: Wir können nur am Einzelfall entscheiden, ob sich jemand eine Erzählposition angemaßt hat, die er nicht auf eine legitime, eine überzeugende Weise einnehmen kann (wie es, nach allem, was ich gelesen habe, im Falle des konkreten Textes von Tarek Würger der Fall ist).

„Die Autoren, die mir am meisten bedeutet haben“, schreibt Didier Eribon in Gesellschaft als Urteil, „waren meist auch diejenigen, die mir deshalb etwas geben konnten, weil sich ihr Schreiben auf einer Sorge um andere gründete.“ Und wenige Zeilen später: „Bei der Beurteilung des Werks eines Autors oder einer Autorin darf man, unabhängig von den Kritikpunkten, die man für notwendig erachtet, niemals die Frage aus den Augen verlieren, was sie im Moment des Schreibens erreichen wollten. Was wollten sie den Menschen, die an die sie sich richteten, sagen? (…) Welche Strategien verfolgten sie? Wem oder was wollten sie sich mit ihren Diskursen entgegenstellen? Die Umkehrung dieser Gedanken ist nicht weniger wahr: Die Autoren, die wir nicht mögen, sind solche, die nichts für uns tun und uns nicht behilflich sein wollen, wie uns demobilisieren, paralysieren und ersticken (oder dies zumindest versuchen).“
Dies scheint mir ein bessere Unterscheidung zu sein, als eine, die die Legitimität eines Textes von äußeren Merkmalen (dem Alter, dem Geschlecht, dem Kontostand, der Krankenakte oder der Nationalität) abhängig macht.

12 Kommentare

  1. Danke für den Überblick über den Stand des Diskurses, Jutta. Ich habe ihn mit Interesse gelesen und werde mir nun den Merkur und den Franzen Artikel durchlesen. Gedankengut von anderen zu übernehmen und vielleicht aus Unkenntnis in anderem Sinn als der Autor es verstanden hat zu verändern, ist problematisch. Aber oft ist es so, dass die Gedanken des anderen nicht bekannt sind. So wird alles zur Fiktion. Schwierig auszudrücken 🙂 !!!!!
    Liebe Grüße von Susanne

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      1. Er war sehr interessant zu lesen, liebe Jutta. Ich werde mit meiner Kollegin Doreen Trittel, mit der ich in einem Ost / West Projekt dieses Jahr stecke, darüber diskutieren. ich werde berichten. Eine Interessante Frage! Darf ich die Seite des Betroffenden einnehmen…. JA, sage ich spontan.

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  2. Liebe Jutta,
    Der Autor, der Geschichtenerzähler, legt in seine Figuren auch all das was in ihm ist, immer fließt für Leser wie unsichtbar die autobiographische Erfahrung, die Subjektivsicht mit ein. Schreibt der Autor über ein Thema, in dem er Erfahrungen bräuchte, recherchiert er. Ich kann mir vorstellen, mich bis zu einem gewissen Grad in ein Fremderleben einfühlen zu können. Zum Beispiel durch Gespräche mit Erfahrenen oder Zeugen. Ein Autor ‚darf‘ doch erst einmal alles sein und werden…? Wie gut er den Leser erreicht, hängt davon ab wie authentisch er schreibt , basierend auf der Recherche…?
    Holocaust finde ich, ist ein sehr schwieriges sensibles rohes Ei…Obwohl ich eine große Fantasie zu besitzen meine…reicht meine Vorstellungskraft immer noch bei weitem nicht aus um mich zum Beispiel in einen KZ Aufseher oder ein Opfer so tief hineinzuversetzen…dass ich eine Geschichte oder ein Buch darüber schreiben könnte…so echt wie sich eben nur ein Zeitzeugenbericht lesen würde…
    Danke für diese wichtige Diskussion.
    Das Thema Authentizität beim Schreiben treibt mich seit Monaten umme…Ein außerordentlich spannendes Thema. Ich werde Deinen Links folgen und hoffe auf noch mehr Meinungen und Kommentare…
    Wissenshungrige Grüße zu Dir🧚‍♀️

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  3. Liebe Jutta, danke – du bringst auf den Punkt, was so unausgegoren in mir rumschwirrte, wenn ich Artikel und Postings zu dem Thema las, nun veranlasst durch den Roman von Takis Würger (in den ich nicht reingeschaut habe). Aber mich hat jetzt aktuell immer die Frage, wenn sie in dieser Debatte auftrat, ob Würger so schreiben darf, irritiert – denn natürlich „darf“ jede Autorin, jeder Autor die Erzählperspektive einnehmen, die er möchte, wie du schreibst, unabhängig von Geschlecht, Nationalität usw. Ich habe neulich über Marguerite Yourcenar gelesen, dass sie am liebsten aus der Perspektive eines Mannes schrieb – weil ihr das näher lag. Wieso auch nicht?

    Die Einschränkungen, die auf der Basis nur „own voices“ geäußert werden, finde ich kontraproduktiv: Die Kunst ist frei, die Kunstfreiheit muss zunächst erst einmal ALLES möglich machen. Es ist dann an uns, den Rezipienten, zu entscheiden, ob die Einnahme einer „fremden“ Perspektive gelungen ist oder ob das Werk gar misslungen ist – und das ist – auch wenn es gesellschaftliche Übereinkünfte über manche Tabuthemen oder Ansichten gibt – auch etwas sehr Individuelles.

    Für mich ist es dann gelungen, wenn ich eben dieses „der Autor/die Autorin“ will mir etwas sagen, spüren und lesen kann. Wenn ich merke, der Schriftsteller hat sich sehr mit seinen Figuren auseinandergesetzt.

    Bei der ganzen Debatte finde ich auch etwas ärgerlich, dass wir als Leser völlig unterschätzt werden – ich brauche doch keine „Verbote“ im Sinne überzogener politischer Korrektheit für Autoren, wenn ich im Stande bin, reflektiert zu lesen. Und das setze ich bei Lesern dieser Art Literatur einfach voraus.

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  4. Liebe Birgit, vielen Dank für deine Gedanken und Zustimmung – das freut mich natürlich. Für die Autorin, die ich bin, ist die Frage, ob es eine gute Idee ist, eine bestimmte Geschichte so zu erzählen, wie ich sie erzähle, Teil des Schreibprozesses. Aber mich stört die Vorstellung, dass andere diese Frage für mich beantworten – aufgrund äußerer Merkmale und mich stört einfach generell, dass die Texte in der Relation Autor*in – Text immer unwichtiger zu werden scheinen, aus ganz unterschiedlichen Gründen (darauf gehen ja die Blogger-Kolleg*innen von 54books sehr gut ein). Oder anders gesagt: Was waren das für schöne Zeiten, als noch galt „der Autor ist tot“ … Allerbeste Grüße!

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