Das kann doch nicht so schwer sein, denken viele Menschen, die über sich selbst, über ihr Leben schreiben wollen: Es ist ja alles schon da! Ich muss es „nur noch“ aufschreiben … Wenn es dann doch nicht so leicht geht, weder auf Anhieb noch nach längerem Nachdenken und Rumprobieren, dann scheint es für viele nur eine mögliche Erklärung zu geben: Sie können nicht schreiben!

Deswegen habe ich mich gefreut, als ich kürzlich auf das folgende Zitat stieß (und habe es zur Steigerung der Nachsicht schon mehrfach vorgelesen): „Die Aufgabe privateste Erlebnisse zu beschreiben, kann man damit vergleichen, dass man tief in einen Brunnen greift, um mit dicken Lederfäustlingen winzige und zerbrechliche Kristallfiguren daraus hervorzuholen“ (Jerome Kagan). Über sich selbst zu schreiben ist voraussetzungsvoll und es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass man dabei in Schwierigkeiten gerät – wenn man überhaupt so weit kommt …

Ich glaube, eine der Schwierigkeiten liegt darin, dass es uns schwer fällt, auf uns selbst wie auf eine Figur zu blicken – aus einer gewissen Distanz. Wenn wir eine Geschichte, vielleicht einen Roman erfinden, beschäftigen wir uns selbstverständlich mit Fragen wie: was will die Figur, was ist ihr wirklich wichtig, in welche Schwierigkeiten oder Konflikte gerät sie? Was macht sie, um ihr Ziel zu erreichen? Wir setzen Wendepunkte und bestimmen Schlüsselszenen. Aber wer schaut so auf sein eigenes Leben?

Um diesen anderen Blick aufs eigene Leben zu erleichtern, habe ich daher zuletzt Teilnehmer,innen meiner Workshops aufgefordert, einmal aus einer solch großen Distanz auf sich zu schauen und zu fragen: Was tut sie (er) da? Mit einem staunenden Blick eine Episode, eine Begebenheit des eigenen Lebens herauszugreifen und zu schildern, als handele es sich um eine ganz fremde Person, (also auch in der 3. Person zu schreiben). Ich war selbst überrascht, wie gut das geklappt hat, wie sehr diejenigen, die es ausprobiert haben, belohnt wurden.

„Was tut sie da?“ ist ein zudem ein schönes Beispiel dafür, dass ich viele meiner Schreibanregungen aus der eigenen Schreibpraxis gewinne: „Was tut sie da?“ ist zugleich die Überschrift eines Kapitels des Textes, an dem ich gerade arbeite. Es ist ein Text, der (auch) von den diversen Schwierigkeiten autobiographischen Erzählens handelt. Eine liegt drin, nicht die Frage beantworten zu können, warum man getan hat, was man getan hat, oder sich eben zu fragen: Was tut sie da?