(2) Geschichtengenerator in Aktion

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Schreibanregungen unterscheiden sich unter anderem darin, wie „offen“ sie sind, wie viel sie „vorgeben“.  Manchmal entsteht erst mit einem weiteren Detail eine Idee oder ein Schreibimpuls, manchmal zerstört ein weiteres Detail eine zart keimende, leise Idee … Deswegen ist auch in diesem Punkt beim Umgang mit dem Geschichtengenerator Experimentierfreude hilfreich: Manchmal reicht schon die Andeutung einer Figur ODER ein Ort ODER ein Satz …

Manchmal steht uns auch die Nähe von Schreibanregungen zu herkömmlichen „Schulaufgaben“ im Weg und aus der spielerischen Suche wird eine Anstrengung, die gestellte „Aufgabe“ möglichst „gut“ zu erledigen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, eine Idee, einer Szene, eine Figur zu entwickeln oder mit wenigen Sätzen zu skizzieren, die uns etwas erzählt …

Weil ich selbst das Spiel mit Figuren liebe, möchte ich diesmal die Karte „John (oft sehr blass)“ in den Vordergrund ziehen. Vielleicht reicht das schon? Aber natürlich gesellen sich auch heute weitere Karten dazu, nämlich der „Bahnhof“ und der Satz „Ich muss dir etwas sagen!“


Ich freue mich wieder auf eure Texte! Auf eurem Blog oder hier im Kommentarfeld – es müssen keine “richtigen Geschichten” sein, eine kleine Skizze, Notiz oder auch nur etwas, das ein Anfang werden könnte. Und vielleicht geht ja auch etwas weiter? Vielleicht landet Nina nun „schwer bepackt“ am Bahnhof? Ich bin gespannt …

 

36 Comments

  1. John, ich muss dir etwas sagen! Gestern, als ich am Bahnhof auf eine Freundin wartete, sah ich deine Frau. – John, oft sehr blass, wurde noch ein wenig blasser. Sogar aus seinen Lippen hatte sich alles Blut zurückgezogen .– Wie bitte? stammelte er. Meine Frau ist doch …

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      1. Ich hoffte auf jemand anderen, der die Geschichte ordentlich weiter erzählt, denn ich konnte mich nicht in Sachen Genre entscheiden: Geistergeschichte, Eifersuchtsdrama oder was? wer schreibt die nächsten zwei Sätze? dann mach ich auch weiter.

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        1. Also ich wollte mich nicht vordrängeln, aber wenn niemand zugreift, dann würde ich gerne drei Sätze beitragen:
          Wie bitte? stammelte er. Meine Frau ist doch bei ihrer Schwester in Hamburg. Du musst dich geirrt haben! Brauchst allmählich wohl auch eine Brille, was?!

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  2. Die Oma war ganz nahe an Luise herangerückt und hatte „Soll ich dir mal was erzählen, was der Frank früher gemacht hat?“ gefragt. So wie andere Leute Ich muss dir was sagen sagen und dann was ganz peinliches erzählen. „Schule geschwänzt“, hatte sie dann gesagt.

    „Nee“, sagte der Opa. „Ich erzähl dir jetzt wie das wirklich war mit Frank, ja? Willst du noch ein Plätzchen?“ Er hielt Luise den Teller hin.

    Sie nahm das letzte mit Marmelade in der Mitte und steckte es sich in den Mund.

    „Das war so“, sagte der Opa, „wir haben damals gedacht, dass Frank trödelt, der kam nämlich immer zu spät zur Schule. Das soll man ja nicht. Man lernt ja für sich selber, nicht, und nicht für die Schule.“

    Ja, ja, ja… dachte Luise. Sie konnte schon Luise und sogar Baumann schreiben und hatte noch gar nicht alle Buchstaben gelernt. Hatte Frank ihr beigebracht.

    „Und da bin ich dem Frank mal hinterhergegangen, weil ich wissen wollte ob er schwänzt. Da musste ich noch aufpassen, dass er mich nicht sieht, das war nicht einfach. Und da seh ich, dass der Junge auf dem Weg zur Schule in eine falsche Straße ging. Ich dachte noch was er da will, er ging immer und immer weiter und im Hintergrund schrillte schon die Glocke von der ersten Schulstunde. Den Frank hat das nicht gekümmert, der lief fast bis zum Bahnhof. Kennst du das große Gebäude wo jetzt die Post ist in der Stadt? Früher, als Frank, Steffi und Michael Kinder waren war da der Bahnhof, da hast du noch nicht gelebt. Vor einem Geschäft saß ein Mann auf einer Decke und machte Holztiere. Ich konnte nicht nahe drangehen, sonst hätte der Frank mich ja gesehen, aber da sah ich, dass er seine Schulmappe aufmachte und das Schulbrot, das Oma ihm eingepackt hat rausholte und dem Mann das halbe abgab. Dann rannte er weg. Abends zu Hause habe ich erzählt was ich gesehen hatte und da meinte Frank, das mache er jeden Morgen, deshalb komme er zu spät, weil er erst noch das Brot abgeben müsste. Der Mann sei oft sehr blass, er hätte wohl nicht genug zu essen. Jedenfalls freue er sich immer über das Brot.“

    „Danach ist er aber zur Schule gegangen?“

    Der Opa nickte. „Klar, nur ist er halt zu spät gekommen. Als wir das rausgekriegt hatten haben wir ihn früher weggehen lassen und Oma hat extra Brote dazu getan, damit er selber genug hatte und dem Mann trotzdem was abgeben konnte. Da hat er sich sehr gefreut, der hatte nämlich kein richtiges Zuhause, weißt du? Und die Holztiere, die hat er Leuten verkauft, damit er sich ein bisschen Essen kaufen konnte. Kennst du Johnny?“

    „Du meinst John!“

    „Dann eben so, wenn du unbedingt willst.“

    „Der heißt John. Frank hat gesagt weil er ein Piraten-Papagei ist, Piraten heißen immer John.“ Ein Piraten-Papagei mit Mütze, Holzbein und einem Haken statt Flügel. Frank hatte erzählt, dass er ihn als Kind bekommen und in seinem Zimmer gehabt hatte.

    Der Opa nickte. „Der ist von dem Mann. Hat er extra für Frank gemacht weil er sich so über die Brote gefreut hat.“

    ***
    Könnte man jetzt noch weiter „spinnen“ – im Sinne von weben gemeint – oder eine richtige Geschichte draus machen.

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    1. Es gibt von Sten Nadolny Poetikvorlesungen unter dem Titel „Das Erzählen und die guten Absichten“, in denen vertritt er die These, dass die „guten Absichten“ (in einem sehr weiten Sinn verstanden) eigentlich immer schädlich sind für das Erzählen. Ich finde das auch sehr oft – aber bei deinem Text (ob mit oder ohne gute Absichten geschrieben ist dafür ganz unerheblich) schlimmert für mich durch, wie es gehen kann … Vielen Dank!

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      1. Ich habe noch nie etwas von Nadolny gelesen, muss ich zugeben. Es sei denn es fällt mir gerade nicht ein.

        Ich weiß nicht so genau auf welche Absicht beim Erzählen du dich jetzt gerade beziehst. Meinst du weil jemand sein Essen mit einem Obdachlosen teilt und dass da eine Moral hinter sein könnte? (So würde ich das interpretieren.) Klar, kann man so sehen. Ich bin der Ansicht, das man Schwachen und Armen helfen soll wenn man kann, aber ich wollte das nicht als „Moral“ herausstellen. Denn, da hat Nadolny recht, das geht meist nach hinten los, der „Mach xy nicht“ – „Jetzt erstrecht“-Effekt.

        Weißt du, wie das Stückchen entstanden ist? Beim Essen heute. Einer erzählte von Piraten, der nächste, dass bei der Anreise am Bahnhof die Rolltreppe defekt war und das Kind in unserer Runde war fasziniert von der Holzgiraffe auf der Fensterbank von der ich weiß, dass sie einem Straßenverkäufer in der Nachbarstadt abgekauft wurde. Ich habe mehr oder weniger bloß alles in einen Topf geworfen. Strenggenommen sind also fünf Leute dranbeteiligt.

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        1. Das gefällt mir alles sehr! Der Text und wie er entstanden ist … Und für den Nadolny muss ich mir mal einen richtigen Blogbeitrag vorknöpfen – das steht schon länger auf der Liste … Ach ja: „Die Entdeckung der Langsamkeit“ hat mir damals sehr gefallen, aber das ist natürlich auch schon sehr lange her …

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  3. John (oft sehr blass), Bahnhof, ich muss dir etwas sagen.

    Was hast du gegen Käse, fragte Ansgar. Nichts, im Prinzip nichts, nur es erinnert mich an unschöne Begebenheiten. Ich mag im Moment nicht darüber reden, wenn du mich entschuldigst.
    Ansgar spürte deutlich, ihr Unbehagen und wollte auch nicht tiefer in sie eindringen. Vielleicht ein anderes Mal.
    Er nahm ihr die Bestellungen ab und brachte sie dem Verkäufer. Seltsam, so viel Unkenntnis wie sie vorgab bezüglich der Käsearten, hatte sie anscheinend nicht.
    Er drehte sich zu ihr um. Auf seinem Gesicht war ein freundlich, zugewandter Ausdruck, als er aus seinen Augenwinkeln sah, wie John auf sie zukam.
    Blass, ausgesprochen auffällig blass. Die Augen umrandet und in beinahe tiefen Höhlen liegend. Er sah auch sehr schmal aus. Die Kleidung hing locker an ihm herunter. Alles ein bisschen zu groß, zu weit.
    Das ist doch nicht John. Der John, den er kannte. Der John, mit dem er in frühen Morgenstunden, im Park, auf Waldwegen, am Wasser, oder nur um die Häuserblocks, der jeweiligen Orte, in denen sie gastierten, Frühsport betrieben hatte. Anschließend, saßen sie beim Frühstück zusammen und erzählten aus der Zeit, in der sie nicht zusammen waren. Da gab es so Einiges.
    Kollegen für die Einen, in Wahrheit aber auch Schulfreunde und das schon seit ihrer beider, beruflichen Ausbildung. Er hatte John Monate nicht gesehen und gesprochen. Die wenigen SMS, gaben keine konkreten Aussagen über seine allgemeinen Umstände oder gesundheitlichen Befindlichkeiten.
    Ansgar hoffte von Nina einiges zu erfahren. Irgendwie überraschte ihn diese Situation. Er drehte sich wieder um. „Ansgar können wir“, hörte er Nina fragen? Sie kam auf ihn zu.
    „Sofort“, wiederholte noch einmal die Adresse von Nina, bedankte sich beim Verkäufer und sagte: „Nun haben wir Zeit“. Lass uns mit dem Fahrstuhl nach oben fahren. Von John sah er nichts mehr.
    Gute Idee und lächelte dabei, sonst komme ich doch noch in Versuchung, und kaufe noch dies und das. Ich kann noch „so“ viel gebrauchen. Sie sprach es mehr vor sich hin, als ihn an.
    Ansgar spürte deutlich ihre geistige Abwesenheit. „Nina bedrückt dich etwas?“ „Du bist seid eben, verändert.“ „Du bist ein guter Beobachter“. – Bedrückt -, ich weiß nicht recht. – Schon -.
    So kann man es nennen. Besser, es ist wie eine Herausforderung, die mir stelle, Eher wie ein Lauf gegen die Zeit, brach es aus ihr heraus.
    Das musst du mir aber genauer erklären. Sie war gerade im Begriff den Mund zu öffnen. Brachte auch noch „ich muss dir was sagen“, aber bitte es bleibt unter uns, über ihre Lippen, als mit einem heftigen Rück der Fahrstuhl stehen blieb. Sie sackten mit den Kniegelenken in sich zusammen. Ihre Körper stauten sich und wurden in den Boden gepresst. – Defekt -, kam es ihr in den Sinn, und als nächstes
    „ Bahnhof“. Ich muss noch zum Bahnhof, bevor sie realisierte was gerade wirklich, geschehen ist.

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      1. Das ist wirklich geschmeichelt. Vielleicht erlaubst Du mir mit Hilfe des Generators einen Text zu schreiben, der möglicher weise länger als – eine – Geschichte wird. Dann wäre ich über meinen Schatten gesprungen. Aber nur dann, wenn ich die Chance habe, mich darauf einlassen zu können. Egal, welche Vorgaben angeboten werden. Für mich ist es ein Abenteuer. Nicht im Dschungel, oder auf der Suche nach anderen Kontinenten, oder Welten. Für mich ist es ein Abenteuer in der Phantasie des Schreibens.
        Lieben Gruß

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  4. Vor dem Bahnhof das übliche Verkehrschaos.
    „Ich setze dich gleich hier ab, es ist kein Parkplatz zu finden“, sagte sie.
    Früher hatte sie mit ihm am Bahngleis gewartet, jede Minute ausgekostet, sich insgeheim über die zeitverlängernde Verspätungen gefreut.
    John, der sonst oft sehr blass war, hatte rote Flecken am Hals.
    „Ich muss dir noch etwas sagen“, meinte er hektisch, „vielmehr, dich etwas fragen. Als ich dich verließ, da hast du keinen Kummer gezeigt, keine Szene gemacht, nichts. War es dir so egal, war ich dir so gleichgültig?“
    Nina schaute ihn verblüfft an.
    In welcher Welt ist es der Sinn der Liebe, dem anderen Kummer zu machen? Ist das der Auftrag der Liebe?
    „Dein Zug fährt gleich“, sagte sie nur.

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  5. John (oft sehr blass)
    John hatte diese Art von Blässe, die im Grunde immer da ist. Weil sie zu ihm gehörte. Keine vorübergehende Müdigkeitsblässe oder akute Übelkeitsblässe oder extreme Schockblässe. Sondern eine vornehme, ganz leicht ins grünliche gehende Blässe, die durch seine dunklen Augenringe noch verstärkt wurde, und ihn dennoch nicht krank wirken ließ. Niemand wäre auf die Idee gekommen, es würde ihm schlecht gehen. Und vielleicht war das sein Problem. Ihm fehlte die Option, blass zu werden. Die Möglichkeit, ohne Worte Unwohlsein zu zeigen. Und so nahm er sich vor, seine Wangen jeden Morgen in einem Apricó-Ton zu pudern. Wenn es ihm schlecht ginge, überlegte er sich, würde er sich eben abschminken. Und somit immer seinem Zustand entsprechend getönt sein. Als er das Puder zum ersten Mal auftrug, erschrak er vor seinem Spiegelbild. Wie zwei giftige Äpfel leuchteten seine Wangen ihm entgegen. Die Augenringe passten nicht dazu, und so wühlte er im Kosmetiktäschchen seiner Schwester, aus dem er auch das Puder gefischt hatte, und fand bald einen sogenannten Abdeckstift, mit dem er versuchte, die Ringe unter seinen Augen zu übermalen. Leider war der Ton des Stiftes sehr viel heller als seine eigentliche Blässe und so hatte er nun also außerordentlich blasse Augenringe über seinen Aprikosenwangen. Stirn und Kinn waren noch originalgetönt. Die Stirn versteckte er unter dem Schirm eines Basecaps. Und das Kinn wühlte er in einen dicken Schal. John checkte sein Spiegelbild. So konnte er vielleicht rausgehen.

    John hätte gerne gewusst, warum seine Eltern ihm diesen Namen gegeben haben. John. Doch sie schwiegen sich darüber aus. „Uns gefiel der Name eben“, sagte seine Mutter bloß immer achselzuckend, wenn er sie fragte. „Warum? Hast du ein Problem mit deinem Namen?“, brummte sein Vater stets mürrisch. „Mein Name klingt, als wäre ich Mitglied in einer Boyband“, schnauzte John dann zurück. „Sagt, warum? John Travolta? Johnny Cash? Johnny Depp? John von den Backstreet Boys? Wer ist schuld?“ Er argumentierte, dass sein Name weder zu seinem Nachnamen (Hasselröder) noch zum Namen seiner Schwester (Luise) noch zu seiner blassen Haut passen würde. Ein John sei gebräunt und muskulös und sollte auch singen können. Also beschloss er, seinen Namen den Umständen anzupassen, und nahm sich vor, in Zukunft „Tom“ zu sagen, wenn ihm jemand fragen würde, wie er hieß. Tom klang ja fast wie John, und war gleichzeitig ganz anders. Und so kratzte er zufrieden den oberen Teil des „H“s und den unteren Teil des „J“s von seinem Personalausweis, zeichnete den fehlenden T-Strich und verband das halbe H mit dem N. So sollte es gehen.

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    1. “Denn wegen Blasse waren die Bullen hier …” Was für eine tolle, wilde Szenerie, durch die zu meinem sehr großen Vergnügen auch Nina und Piet Manssen spuken. Genau das richtige für einen Sonntagvormittag! Vielen Dank und herzliche Grüße!

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  6. „Weißt du, wer gestern abend hier an der Theke stand?“ fragte mich Nina und beobachtete dabei sowohl die Kneipentüre als auch mich. Wie macht sie das bloß, immer mindestens zwei Sachen im Auge zu behalten. Naja, die Tür ist ja vielleicht eine Sache, aber ich? Und die Tür, die behielt sie auch nicht im Auge, Quatsch. In ihren Bauch hätte sie vielleicht gepasst, bei dem Umfang. Ich meine den Bauchumfang meiner Freundin Nina, damals, als sie noch … Also Nina behielt nicht die Tür im Auge und ich bin keine Sache. Genau sollte man ja schon sein, finde ich immer. Es wird zu viel mit der Sprache geschludert, und nicht nur damit. Sie beobachtete – das ist vielleicht in diesem Fall doch der einzig richtige Ausdruck – , die Tür und schaute gleichzeitig auch mich an, denn mit mir redete sie ja. Unhöflich war Nina nicht, niemals. Und mir gegenüber schon gar nicht. Schließlich war sie meine Freundin, aber das sagte ich ja bereits. Warum beobachtete sie die Tür? Erwartete sie jemanden Bestimmtes? Vielleicht, dass John heute wieder auftauchen würde, so wie gestern und wie damals, vor bald zwanzig Jahren, als er erstmals hereinschneite – nein, es war Sommer, kein Schnee weit und breit, aber John war so blass, eigentlich war er immer blass. Sommers wie winters.
    Nachdem ich mich einigermaßen durch den Nebel hindurchgearbeitet hatte, der sich zwischen damals und heute ausgebreitet hatte, traute ich mich, Nina direkt zu fragen: „Was wollte er denn? Hat er nach mir gefragt?“ „Wer?“ fragte Nina. „Na, John“, gab ich zurück. Nina zog ihre Augen von der Eingangstür ab und wandte sie mir zu. „Ach ja, John. Ich muss dir was sagen“, begann sie. Begann sie! Doch da öffnete sich die Kneipentür und mehrere Leute kamen herein mit „Hallo Nina, wie geht’s, undsoweiter“. Nina eilte zu ihnen. Offenbar kamen sie vom Bahnhof, hatten allerlei Gepäck dabei, das sie nun zwischen einem Tisch und der Wand stapelten. Vielleicht kamen sie auch nicht vom Bahnhof, sondern waren auf dem Weg dahin? Nie kann man sicher sein, wer wohin geht oder woher kommt. Der eine geht in die Richtung, der andere kommt aus der Richtung. …. Ich trank mein Bier aus und ließ mich vom Barhocker gleiten. Das ging noch ganz ordentlich. „Nina“, sagte ich im Hinausgehen zu ihrem breiten Rücken, „ich bezahl morgen, ja? Und dann sagst du mir auch …“ Aber Nina hörte mir schon nicht mehr zu. Leicht schwankend trat ich hinaus auf den hellen Bürgersteig. Noch früher Nachmittag und schon …Und was sollte ich jetzt mit dem Rest des Tages anfangen? John. Er war im Ort. Jeden Augenblick könnte seine lange schlaksige Gestalt um die Ecke biegen, wie damals. Vielleicht würde ich ihm begegnen, wenn ich … Wollte ich ihm denn begegnen? Und wenn ja, in welche Richtung müsste ich gehen? Oder in keine, einfach hier stehen bleiben und warten? So wie damals. Wie kann ich sicher sein, ob er dann auch kommt? Vielleicht kommt er wieder nicht, wie damals, als ich auf ihn wartete. Aber das war nicht hier, nicht vor Ninas Kneipe. Das war …, die ganze Familie hatte sich versammelt, na ja, was heißt schon „die ganze Familie“, Mutter und Großmutter waren es, und mein Bruder mit seiner Verlobten. Ich wartete, und die standen herum und unterhielten sich, lachten sogar. John kam nicht, dabei sollte es unsere Hochzeit sein.

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    1. Liebe Gerda, in sehr vielen Texten denken Menschen ganz anders als Menschen in Wirklichkeit denken. Aber es ist nicht ganz einfach, Menschen in Texten realistisch denken zu lassen, weil das dann schnell verwirrend und „unlesbar“ wird. Ich mag es daher sehr, wie in deinem Text gedacht wird: „realistisch“ und zugleich so, dass mein Interesse immer größer wurde … Vielen Dank!

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  7. Liebe Jutta, hätte eine Geschichte vom John, dem blassen, ich schreib sie in meinen Blog und verweise auf Deinen so wunderbaren, zauberhaften „Geschichtengenerator“…ist das in Ordnung so? Hatte so große Lust, angestachelt von Dir, über „meinen“ John was zu schreiben! Freue mich so, daß Du den Generator erfunden hast! Viele liebe Grüsse!!!!

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  8. Eine Geschichte, bitte eine Geschichte, da lagen sie nun in ihren Bettchen, Franziska und John. Die kleinen Kinderhände auf ihren Bettdecken. So erwartungsvoll. Die Gesichter glänzend, Zähne geputzt, und die Haare gekämmt.
    Ob es nötig ist, Haare zu kämmen, bevor man schläft, dachte Franziska. Morgen früh werden sie wieder gebürstet und geflochten.
    Jeden Morgen, mal zu Zöpfen, mal Affenschaukeln, oder zu einem Kranz. Niemals gebunden zu einem lustigen Pferdeschwanz. Dann könnte man den Kopf immer hin und her bewegen und allerlei…. Ach, es wäre einfach verlockend. Befreiend.
    Manchmal, zu besonderen Anlässen, sowie heute, band die Mutter Schleifen ans Ende der Zöpfe. Das sah lustig und adrett aus.
    Heute, war so ein Tag. Sobald Franziska, für ihre Umwelt ein Interesse zeigte, hob sich dieser Tag in ihrer Erinnerung von den anderen ab. Es steckte so viel Erwartung darin. Worauf nur, was war denn so spannend. Franziska hatte immer ein beklemmendes Gefühl, mitten in ihrer Brust. Es schmerzte. Sie wusste nicht was mit ihr passiert und warum sie so fühlt. Sie hätte auch gern geweint, aber sie konnte nicht weinen, wenn sie die Tränen der anderen sah.
    Sie gingen zu dritt zum Bahnhof. Der kleine John, noch immer im Kinderwagen und auffallend blass. Na ja für einen Jungen, war er sehr zierlich, nicht so wie die anderen Kinder im Kindergarten. Die Mutter weinte manchmal, aber Frauen weinen öfter, dass hatte sie häufig mit bekommen. So viele Tränen und dann sind sie auch noch salzig. Wozu sind Tränen salzig? Es gab so viele Fragen und keine Antworten.
    Der Bahnhof war nicht weit von ihrer Wohnung entfernt. Sie konnten das Tuten des einfahrenden Zuges hören. Lange bevor dieser seine Fahrgäste entließ.
    Eine Stimme durch den Lautsprecher informierte:“Bitte zurück treten, Vorsicht an der Bahnsteigkante, der Zug läuft in wenigen Minuten ein“. Er kam immer auf einem und demselben Bahngleis an. Gleis „6“.
    Dann gingen sie nach Hause. Es war so viel Stille, die mit ging. Die Mutter war noch wortkarger als sonst. Sichtlich spürte Franziska, dass sie innerlich kämpfte. Das sah sie daran, dass sie ihre Lippen bewegte, aber nicht hören konnte was sie sagt.
    An einem Tag wie diesem fasste sich Franziska ein Herz, so etwa wie „Mutter ich muss dir etwas sagen“, sprach sie. Die Mutter merkte auf. „Mutter, wir brauchen keinen Vater“.
    Ganz still wurde die Mutter, fortan gingen sie nicht mehr zum Bahnhof.
    Jahre später klopfte es an der Tür. – Ein Fremder -, den umarmte, weinend die Mutter.

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