Was wäre, wenn vor der Tür eine Frau stünde …

Normalerweise öffne ich die Tür, wenn es klingelt, aber manchmal bin ich auch so intensiv in eine Arbeit versunken, dass ich es ignoriere. Vor wenigen Stunden war ich sehr konzentriert mit den ersten Seiten eines neuen Romans beschäftigt, aber da ich ein Paket erwartete, stand ich mit einem etwas theatralischen Stöhnen auf, ging die Treppen hinunter und öffnete die Tür.
Ich erblickte eine ältere Frau. Wäre ich doch am Schreibtisch geblieben! Sie hatte mehrere Taschen oder Beutel bei sich, die sie bereits auf der oberen von zwei Stufen, die vom Bürgersteig zur Haustür führen, abgestellt hatte.
Einkäufe, vermutete ich. Vielleicht eine Frau aus der Straße, die ich nicht kenne. Vielleicht hat sie sich ausgesperrt.
„Sind Sie die Schriftstellerin?“, fragte sie, nachdem sie mich einer kaum verstohlenen Musterung unterzogen hatte.
„Hm“, machte ich und nickte. Eigentlich gefällt es mir ganz gut, wenn mir unbekannte Menschen mich als „die Schriftstellerin“ bezeichnen. Aber ich wollte mich nicht in Gespräche verwickeln lassen, ich wollte zurück an den Schreibtisch und wenigstens die Hälfte der Ideen retten, die eben sehr vage aufgetaucht waren.
„Ich möchte Sie beauftragen.“
„Ich schreibe keine Reden für runde Geburtstage oder Betriebsjubiläen“, sagte ich, weil es mir in dem Moment einfiel und obwohl noch nie jemand einen solchen Wunsch an mich herangetragen hatte.
Sie sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Kopfschüttelnd sagte sie dann: “Ich möchte nichts dergleichen. Ich möchte eine Geschichte!“
Weil ich nicht wusste, was ich dazu sagen sollte, sagte ich nichts, was ich allerdings nicht sehr lange aushielt.
„Möchten Sie vielleicht reinkommen“, fragte ich dann.
„Ich möchte ein gutes Ende!“, sagte die Frau, als wir uns an dem großen Esstisch in meiner Küche gegenüber saßen. „Ein echtes Happy End! Können Sie das?“
„Also so allgemein gesagt, ist das schwierig zu beantworten. Die spezielle Herausforderung des Happy Ends liegt ja in der Glaubwürdigkeit. Man muss dann unterscheiden …“
„Bekommen Sie das hin?“, unterbrach sie mich.
Nun war mein Ehrgeiz geweckt. „Natürlich bekomme ich das hin! Es hängt letztlich immer von den Details ab. Man muss es unter Umständen subtil vorbereiten – aber ja, wenn Sie mich so fragen, dann bekomme ich das sicherlich hin.“
„Hier ist die Geschichte.“ Die Frau bückte sich und holte aus einer der Taschen, von der ich bis dahin vermutet hatte, dass sie Einkäufe berge, mehrere Schnellhefter. Das Papier schien teilweise durch den Alterungsprozess bereits verfärbt zu sein. Nicht bei den Computerausdrucken, aber bei den Seiten, die offenbar noch in einer echten Schreibmaschine gesteckt hatten.
„Es wäre schön, wenn Sie das insgesamt bearbeiten könnten, aber wenn das Geld dafür nicht reicht, ist es nicht so schlimm. Mir kommt es vor allem auf das Ende an. Ich möchte, dass diese Geschichte unbedingt ein gutes Ende bekommt!“
„Ist das Ihre Geschichte?“, fragte ich und wieder sah mich die Frau an, als hätte sie mir weit mehr Verstand zugetraut. Ich kannte solche Unterlagen. Manchmal waren es lose Blätter, manchmal Schulhefte oder dicke Stapel mit Ausdrucken. Mit solchen Papieren kamen manche Teilnehmer in die Schreibwerkstätten, die ich anleite. Immer neue Anläufe, die eigene Geschichte aufzuschreiben. Die selbst erlebte oder erfundene. Manchmal über Jahrzehnte hinweg verfolgte Versuche und welcher Bruchteil davon mochte überhaupt den Weg aufs Papier gefunden haben?
Aus ihrer Jacke zog die Frau nun einen Umschlag und entnahm ihm einen Packen Geldscheine. Mehr als ich jemals in der Hand hatte. Größere und kleinere, sortiert. Ein abgezählter Betrag?
„Wenn ich in einem Monat wiederkomme, werden Sie dann schon etwas für mich haben?“
„Ja“, antwortete ich und sah auf die Papiere, in denen einen Leben steckte, so oder so, da war ich mir sicher. „Ja, dann werde ich bestimmt schon etwas für Sie haben. Ganz bestimmt!“
Sie stand auf und es kam mir vollkommen selbstverständlich vor, dass sie von mir unbegleitet zur Haustür ging und diese ohne eine weitere Verabschiedung hinter sich zuzog.

34 Comments

      1. Also, wenn ich immer die kleinen „Stückchen“ weiterschreibe, die mir so in den Sinn kommen, dann werde ich ja nie mit dem neuen Roman fertig, über dessen Bearbeitungszeit ich ja gerade forsch so eine zwei bis drei Jahre-Behauptung in die Welt setze …

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          1. Also nicht, dass mir diese spezielle Rechthaberei wirklich Freude machen würde, aber wenn ich nicht meine irre klugen Kommentare schriebe, dann hätten dich die Wahl-Prognosen jetzt vollkommen unvorbereitet getroffen, gell?!

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  1. Oh, wie spannend. Ist das das erste Kapitel deiner neuen Geschichte?
    Das wäre auch für einen Schreinkurs eine gute Steilvorlage.

    Oder ist es wirklich so passiert?

    Ich möchte wissen, wie es weitergeht.

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    1. Freut mich sehr, dass es dir gefällt! Nein, es ist und ich glaube es bleibt auch das kurze Stück, das es ist – aber in dieser Hinsicht irre ich mich auch öfter mal …
      Wie ist es denn mit dir? Kannst du nicht übernehmen? Würde mich wirklich sehr freuen!

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    1. Liebe Sonja, ich hätte das vielleicht deutlich machen sollen: dieser Beitrag soll der Auftakt einer neuen Rubrik werden, die „so oder so ähnlich“ heißen könnte und mit dieser Bezeichnung andeuten würde, dass sich nicht alles exakt so ereignet hat, wie behauptet … Viele Grüße!

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  2. das ist ja wohl der bewste Anfang einer spannenden geschichte,nicht auszumachen ,ob diese frau nicht da war.habe mich sehr amüsiert :superguter tagesstart mit guten aussichten.ich freu mich auf das nächste treffen mit der taschendame!

    Von meinem iPhone gesendet

    >

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    1. Freut mich sehr, dass du das für möglich gehalten hast! Im Moment weiß ich noch nicht, ob und wie es weitergeht, aber ich habe den Eindruck, dass da tatsächlich noch irgendetwas geschehen muss 😉

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  3. Hallo Jutta, hat sie all ihre Taschen dagelassen? Und waren tatsächlich nur Schriftstücke darin? Oder auch ein klitzekleines Foto mit einer geknickten Ecke im vergilbten Mausezahnrand? Ich fürchte, mit so einem Anfang kommst du nicht mehr zur Ruhe, allein schon wegen der Kommentare nicht.

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  4. Klingt wie eine Geschichte von Paul Auster, und so sollte sie auch weiter gehen: denn die abgegebenen Zettel beschreiben natürlich das Leben einer Schriftstellerin, die bei der Arbeit durch ein Türklingeln gestört wird. Unsere Heldin steigt immer tiefer in den Sog der eigenen Story ein und will Kontakt aufnehmen, hat aber leider weder Nummer noch Namen. Und die die Frau an der Tür meldet sich natürlich nicht nach der angegebenen Zeit, sondern erst nachdem unsere Protagonistin, ausgelöst durch die Geschichte, die sich immer mehr als die eigene herausstellt, langsam aber sicher in eine Lebenskrise gerät …

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  5. Das ist eine Geschichte von Format, die hier beginnt. Und ein ganz übler Cliffhanger — auch ich wüßte gern, wie das alles weitergeht!. Vor allem könntest Du ein wenig von dem Material herzeigen?

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