Versuche über Fußball: Wer schreibt die besseren Geschichten?

Ein lange verletzter Spieler schießt ein Tor. Ein spät eingewechselter Spieler schießt ein Tor. Ein Spieler, der in der kommenden Saison (oder in der vergangenen) für die gegnerische Mannschaft spielen wird, schießt ein Tor. Ein Torwart, der sich gerade davon erholt zu haben schien, dass er im vorletzten Spiel tollpatschig über einen Ball getreten hatte, tritt erneut über den Ball. Dann passiert es. Jemand sagt: Die schönsten Geschichten (oder die besten) schreibt nun mal der Fußball. Was einerseits Quatsch ist und andererseits stimmt.

Die Geschichte meines jahrelangen Ringens um Fußball-Geschichten ist vor allem eine Geschichte des Scheiterns. Noch viel weniger als es mir überhaupt gelang, zu schreiben, gelang es mir, Geschichten vom Fußball zu schreiben. Und wenn ich es gerade aufgegeben hatte, kam wieder jemand und sagte: Mensch, warum schreibst du nicht mal über Fußball?! Eine Frau, die was von Fußball versteht – das wäre doch mal eine richtig gute Sache! Weil ich das auch eine richtig gute Sache gefunden hätte, versuchte ich es wieder. Und wieder. Und trat wieder über den Ball.

Jede Sportart, überhaupt jede Betätigung konfrontiert uns mit spezifischen Möglichkeiten des Gelingens oder Scheiterns. Was genau uns im Schreiben, Fußballspielen, Laufen oder Malen herausfordert, ergibt sich aus dem jeweiligen Tun – und aus unseren Möglichkeiten und Erfahrungen. Wer es sich nicht sowieso schon gedacht hat, wird in Haruki Murakamis „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ erfahren, was für eine unglaubliche Schinderei das Langstreckenlaufen ist – und wie es kam, dass aus dem Barbesitzer Murakami eher zufällig einer der erfolgreichsten Romanautoren der Gegenwart wurde … Für viele Menschen, die mit dem Schreiben beginnen, liegt die größte und manchmal kaum zu bezwingende Herausforderung darin, sich auf die Risiken des kreativen Prozesses einzulassen. Die Fixierung auf das „etwas gut machen wollen“ zumindest zweitweise aufzugeben.

Ich bin überzeugt, dass Fußball eine Sportart ist, deren Struktur und Herausforderungen Geschichten ermöglicht, die sich mit unseren größten Ängsten und Hoffnungen verbinden. Das liegt daran, dass das zentrale Ereignis so selten ist – das Tor. Anders als beim Tennis, beim Handball oder Basketball kann im Fußball ein einziger geglückter Moment oder eben auch ein missglückter Pass, eine kurze Unkonzentriertheit ein Spiel entscheiden. Erst auf diesem Hintergrund entstehen Heldengeschichten wie die Netzer-Geschichte vom Spieler, der sich selbst einwechselt und dann das entscheidende Tor schießt (die anderen Details, die diese Geschichte so „groß“ machen, unterschlage ich hier).

Im Fußball verdichtet sich im günstigen Fall (wie in der Literatur) alles in dem einem Moment. Und die Unwahrscheinlichkeit des Ereignisses (das Tor) wandelt sich in die Unmöglichkeit, es zu verfehlen, oder zu verhindern. Das leere Tor, der Elfmeter, das Spiel gegen eine Mannschaft in Unterzahl, der leicht zu haltende Ball. Nur dadurch entsteht die vermeintliche Lächerlichkeit. Ivan Lendl war in seinem erfolglosen Bemühen, Wimbledon zu gewinnen kein lächerlicher Held, sondern ein tragischer. Über Iker Casillas, den spanischen Torwart, ergießt sich hingegen eine Häme, die in anderen Sportarten kaum denkbar wäre.

Vielleicht begreifen wir das Besondere am Fu0ball, wenn wir uns klarmachen, wie vollkommen unsinnig die Rede vom „unverdienten Sieger“ in anderen Sportarten wäre. Beim Fußball ist es möglich, dass die schlechtere Mannschaft gewinnt. Dass die einen fünf Mal den Pfosten treffen und „das Spiel machen“ und die anderen treffen einmal das Tor – nach einem unberechtigten Elfmeter. Anders formuliert: Der Fußball begünstigt (im Vergleich zu anderen Sportarten) die „schlechtere“ Mannschaft, der Fuball-David ist ein bisschen kräftiger, als der Tennis-David oder der Basketball-David.

Das Ur-Missverständnis meiner Fußball-Schreibversuche bestand darin, dass ich davon erzählen wollte: Von den großen Momenten, wenn eine Mannschaft über sich hinauswächst, wenn ein von allen verloren geglaubtes Spiel doch noch einmal kippt, wenn 40000 nichts mehr ersehnen und herbeizuschreien versuchen, als das der Ball endlich reingeht – oder der Schiedsrichter abpfeift. Aber so funktioniert das Schreiben nicht. Weil es nie funktioniert „über“ etwas zu schreiben. Weil es immer eine Figur braucht oder eine Frage, ein Rätsel. Die guten, die gelungenen Fußballgeschichten sind in der Regel Geschichten über Figuren am Rande des Fußballplatzes.

Mir sind dann später auch ein paar Figuren begegnet. Fragen. Rätsel. Die werde ich in den nächsten „Versuchen“ vorstellen …

13 Comments

  1. Hätte zwei Figuren, meine Shinjis. Kommen aber wohl nicht in Frage. Wieder nicht ein einziges Tor.
    „Da steh‘ ich nun, ich großes Tor und der Shinji der steht davor“, so in etwa könnte der Anfang der Geschichte sein, das Ende davon kenne ich bereits auch. Heimreise.

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      1. Ist rätselhaft genug: gegen die antiken Griechen eine Stunde lang in Überzahl und trotzdem kein Tor. Wie kann das sein? Obwohl, antike Griechen waren immer schon gut in Unterzahl. Man denke an die Perserkriege und an die Schlacht bei den Thermopylen.

        Sie haben recht: Fussball erklärt zwar nicht alles, aber es behandelt episch alle denkbaren Wahrheiten.

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  2. Liebe Jutta,
    über Deinen Text muss ich etwas nachdenken. Aber vorneweg – ich verstehe nicht ganz, warum Du immer wieder mit Deinem Schreiben haderst (wobei ich ja auch nicht in Deiner Haut stecke, dann wenn Du schreibst), aber: Die Texte sind allesamt für mich bereichernd und gut geschrieben. Hier allerdings habe ich irgendeinen logischen Haken – ich komme nicht ganz drauf. Das muss sich nochmals setzen. Vielleicht, weil das Schreiben ja doch etwas „Einsames“ ist, Fußball natürlich aber in erster Linie doch eine Teamarbeit, und das Ergebnis nicht nur von der Form eines Einzelnen abhängt, sondern eine Mannschaftsleistung ist. Andererseits: Der Elfmeter-Schütze steht vor dem Tor ganz allein. Und man kennt die Angst des Torwarts beim Elfmeter (Handke-Titel). Überhaupt der Torwart – der ist ja vor allem dann, wenn er einen reinlässt und sich die Häme über ihn gießt wie jetzt beim hübschen Iker, der einsamste Mensch der Welt.
    Oder wie sehr hat man Beckham für seinen verpatzten Elfmeter gejagt. Doch: das sind ja Momente, Sekundenentscheidungen, die nicht wiederholbar sind. Den Ball kannst du nicht mehr aus dem Tor holen. Den Text kann man überarbeiten.
    Vielleicht ist das die Geschichte mit dem Fußball: So sehr der Mensch mit anderen Menschen verbunden ist und sein will – in den entscheidenden Momenten seines Lebens ist er allein.
    Hoffen wir mal, dass die Schulter hält 🙂 Liebe Grüße, Birgit

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    1. Liebe Birgit, du hast Recht, ich hätte vielleicht deutlicher darauf hinweisen sollen, dass die Zeit des Haderns vorbei ist und mittlerweile bin ich ja sehr überzeugt von dem, was ich schreibe. Aber der Weg dahin war halt lang und mühsam – und ich denke, dass das für den ein oder die andere ermutigend sein könnte 😉
      Was den „logischen Haken“ betrifft – noch habe ich ihn nicht entdeckt, aber ich werde nach ihm oder einem weiteren Hinweis Ausschau halten!
      Herzlich: J.

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      1. Liebe Jutta,
        ich hätte – selbstvorwurf – noch genauer lesen müssen: Du schreibst ja auch in der Vergangenheit vom jahrelangen Ringen! Es kam mir nur so vor, als sei dies öfter ein Thema – aber dass Schreiben ja auch harte Arbeit ist, kann nicht oft genug gesagt werden. (Für mich immer noch ein „Highlight“ – ich wurde mal als Pressetexterin angefragt und bekam vom Interessenten zu hören, er würde das ja selber machen, er könne ja auch schreiben, ihm fehle nur die Zeit. Umpf). Der logische Haken – bitte nicht als Kritik, und wenn, dann nur konstruktiv, verstehen. Irgendwie bin ich gestolpert. Vielleicht bei diesem Satz: „Anders als beim Tennis, beim Handball oder Basketball kann im Fußball ein einziger geglückter Moment oder eben auch ein missglückter Pass, eine kurze Unkonzentriertheit ein Spiel entscheiden.“
        Ich meine, dass das – die missglückte Sekunden – eigentlich nicht nur für den Fußball, sondern für jegliche Sportart, ja sogar für jegliches menschliches Handeln gilt.
        Ich freue mich schon auf die kommenden Figuren und Rätsel – bin sehr gespannt!

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        1. Liebe Birgit, mir ist die Version sehr vertraut: Ach, Romane schreiben Sie?! Das wollte ich auch immer schon mal machen! (Ich habe dann vor meinem geistigen Auge manchmal einen Käsekuchen, den wollte ich auch immer schon mal machen 😉
          Aber genug davon – ich bin sehr froh über deinen Hinweis, denn genau das ist ja meine (kühne?) These, die ich aber vielleicht noch klarer formulieren sollte: Es ist im Leben und in allen Sportarten jederzeit möglich, dass ein kleiner Moment der Unachtsamkeit „verheerende Folgen“ hat – nur scheint mir beim Fußball die Wahrscheinlichkeit dafür, dass er „spielentscheidend“ ist, viel größer zu sein – schlicht wegen der größeren Zahlen. Ein geworfener Korb, ein Punkt beim Tennis haben nicht die „Aussagekraft“, die ein Tor hat. Das zu „verschulden“ ist daher gravierender, als ein Handballgegentor – was nichts daran ändert, dass es natürlich auch beim Handball usw. auf jedes Tor ankommen kann, oder jemand beim Tennis einen Matchball nicht nutzt. Es gibt diese verdichteten Momente auch in anderen Sportarten – aber ich behaupte, es gibt sie beim Fußball häufiger und mit einer größeren Offensichtlichkeit, Klarheit, Dramaturgie (z. B. das Geschehen rund um den Elfmeter geschieht ja wie „auf einer Bühne“) und schließlich bürden sie den handelnden Figuren erst das Gewicht auf, das sie zu „Helden“ oder „lächerlichen Erscheinungen“ werden lässt.

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          1. Jetzt habe ich es verstanden! Das war mir nicht ganz klar. Aber sicher auch bedingt durch meine Begriffstutzigkeit. Du hast recht – bei einem Tennisspieler oder z.B. Basketball geht es ja hin, her, hin, her und das viel schneller – im Fußball steht in so einer Situation tatsächlich die Zeit still und alles fokussiert sich auf den einen Moment, den einen Spieler. Danke für die Nachhilfe! Ich back mal jetzt nen Käsekuchen (was ich auch noch nie gemacht habe) 🙂

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