Fundstücke: Variationen des Autobiographischen

“ … Ich stehe auf einer Verkehrsinsel in Grindelwald und telefoniere mit meiner Mutter. Kurz vor dem Abendessen; ein kurzes Melden nach einigen Tagen. Sie erzählt von meinem Vater, der beim Zahnarzt gewesen war wegen seines Gebisses, welches nicht passte. Es passte schon seit Jahren nicht, aber immer wieder hatte er den Gang zum Arzt hinausgezögert und stattdessen mit Unmengen von Gebissklebern versucht, eine Festigkeit zu erzeugen.“

So beginnt der Text „Grindelwald“ von Lothar Struck, der um die komplizierte Beziehung zu einem schwierigen Vater kreist – oder überhaupt um ein Heranwachsen unter sehr erschwerten Bedingungen. Was den Bericht aus dem Innenleben dieser Familie für mich lesenswert macht, ist das Desinteresse des Autors an Fragen der Schuld – und sein überaus großes Interesse an Details, Rätseln und Widersprüchen.

http://www.begleitschreiben.net/grindelwald/

Michael Weins hat ebenfalls einen literarischen Text geschrieben über das Heranwachsen unter sehr erschwerten Bedingungen. Das Buch heißt „Goldener Reiter“ und erzählt die Geschichte eines Jungen, dessen Mutter in die Psychiatrie eingeliefert wird. 2002 erstmals erschienen, hat der mairisch Verlag das Buch gerade neu herausgebracht und Michael Weins hat die Neuauflage um ein Nachwort erweitert, das auch im Verlagsblog erschienen ist.

Michael Weins schildert in dem Text, wie er sich beim erstmaligen Erscheinen des Romans gewunden hat, um nicht zuzugeben, wie groß die Nähe zwischen den geschilderten Erlebnisse und seinen eigenen Erfahrungen war:

„… Für die Lüge oder das Verschweigen gab es verschiedene Gründe, und sie haben mit dem Thema zu tun. Der erste Grund lautet: Scham. Und der zweite Grund lautet: Scham (wie beim Fightclub). Und die anderen vermutlich auch. Scham. Ich schämte mich für dieses Buch. Und ich schämte mich für meine Kindheit. Ich schämte mich für meine Mutter, die ich liebe. Und ich hatte Angst, dass ich nachher nie wieder ein literarischer Autor sein dürfte …“

http://blog.mairisch.de/

Nicht nur das Motiv der Beschämung  verbindet diese beiden Texte, die mich auf eine sehr zurückhaltende Weise berührt haben.

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