Die Beschäftigung mit dem Herta-Müller-Zitat geht weiter

Ich hatte zuletzt hier darüber geschrieben, wie mein eigenes Nachdenken über „das Autobiografische“ durch den Austausch hier auf dem Blog eine neue Wendung nehmen konnte.

Nun hat Susanne Haun zu dem Zitat eine Zeichnung angefertigt, die Teil ihres Projektes „Was geschah im Jahr Null?“ ist und wiederum das Zitat aufnimmt: „Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir lächerlich“.

Für mich ist das Schweigen, der Umgang mit dem Unsagbaren, dem Nichterzählbaren zentraler Bestandteil meines Schreibens. Deswegen ist meinem Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ ein Zitat vorangestellt: „Das Schweigen ist keine Pause zwischen dem Reden, sondern eine Sache für sich“. Es ist von Herta Müller …

(4) Meine Geschichte schreibe ich selbst

imageVorgestern hatte ich noch voller Vorfreude dieses Foto meiner Vorbereitungen auf den Tageskurs „Meine Geschichte schreibe ich selbst“ getwittert und mich dann nach getaner Arbeit vor den Fernseher gesetzt, um mir das Fußballspiel in Paris anzuschauen.

Gestern morgen war mir dann schlecht vor Entsetzen und ich wäre gerne zu Hause geblieben. Hätte allerdings niemand geholfen. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich Unterstützung bräuchte und deswegen habe ich Boris Cyrulniks „Rette dich, das Leben ruft“ eingepackt. Es ist die Lebensgeschichte des französischen Neuro-Psychiaters, Psychoanalytikers und Resilienzforschers, der darin einerseits von den furchtbaren Ereignissen seiner Kindheit während des Holocaust berichtet und andererseits diese und spätere Erlebnisse mit Erkenntnissen der Trauma- und Resilienzforschung in Beziehung setzt. Wie funktioniert unser Gedächtnis, wie weit können wir unseren Erinnerungen trauen und welche Rolle spielen „kollektive Erzählungen“?

Cyrulnik findet einen Ton, der scheinbar mühelos die besondere Situation des „Überlebenden“ mit der sachlichen Position des Wissenschaftlers verknüpft. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Cyrulnik selbst 40 Jahre geschwiegen hat. Keine Möglichkeit sah, seine Geschichte zu erzählen. Und der darüber schreibt, wie verheerend die Folgen sind, wenn das traumatische Ereignis (oder die Ereignisse) nicht Teil der (erzählten) Lebensgeschichte werden können, (auch) weil niemand zuhört. Die Geschichten aushält.

„Vierzig Jahre Schweigen. Was nicht heißt, vierzig Jahre ohne stumme Erzählungen und Berichte. Denn ich selbst habe mir meine Geschichte oft erzählt, aber anderen nicht. Ich hätte gerne davon gesprochen. Ich spielte darauf an, kam auf die Ereignisse von früher zu sprechen, aber jedes Mal, wenn ich ein Stückchen Erinnerung preisgab, ließ mich die Reaktion der anderen verstummen, weil sie verwirrt waren, skeptisch oder allzu fixiert auf mein Unglück. Ich hätte gern ganz einfach von meinen Erlebnissen gesprochen, aber kann man darüber einfach sprechen?“

Vielleicht ist das der Grund, warum ich heute darüber schreibe. Weil ich für möglich halte, dass viele Menschen das nicht wissen: Wie entscheidend es sein kann, anderen zuzuhören. Auch schwierigen Geschichten oder verstörenden. Oder solchen, die in einer scheinbar endlosen Schleife immer wieder erzählt werden. Aber was soll man denn zu solchen Geschichten sagen? Man muss gar nichts dazu sagen – oder jedenfalls nichts „Besonderes“ oder „Kluges“. Es reicht aufmerksam zuzuhören. Offen und mit dem Mitgefühl, das wir mobilisieren können. Ob ein Ereignis zu einem Trauma wird, entscheidet sich erst „nachher“ und deswegen ist es für viele Menschen überlebenswichtig, dass sie verlässliche und unterstützende Anteilnahme finden.

Nochmals Cyrulnik: „Daraus können wir schließen, dass die beiden wertvollsten Schutzfaktoren die sichere Bindung und die Fähigkeit der Verbalisierung sind. Der Umstand, dass wir in der Lage sind, uns von dem, was uns zugestoßen ist, eine sprachliche Vorstellung zu machen, und jemanden zu finden, dem wir von ihr berichten können, erleichtert die emotionale Bewältigung“.

Wir hatten dann noch einen ziemlich guten Tag mit erstaunlich vielen Geschichten, die schon länger darauf warteten, erzählt und gehört zu werden. Es gab berührende Momente und auch sehr komische und als wir auseinander gingen, fühlte vermutlich nicht nur ich mich beschenkt. Ich habe den Kurs beendet, indem ich den Anfang von „Rette dich, das Leben ruft“ vorgelesen habe:

„Ich wurde zweimal geboren. Bei meiner ersten Geburt war ich nicht dabei. Mein Körper kam am 26. Juli 1937 in Bordeaux zur Welt. Das wurde mir gesagt. Und ich muss es wohl glauben, denn ich habe keinerlei Erinnerung daran. Meine zweite Geburt ist mir genau im Gedächtnis geblieben. Eines Nachts wurde ich von bewaffneten Männern festgenommen, die mein Bett umringten. Sie holten mich, um mich zu töten. In dieser Nacht beginnt meine Geschichte.“

(„Meine Geschichte schreibe ich selbst“ scheint das „heimliche Motto“ meiner unterschiedlichen Aktivitäten rund um das Schreiben zu sein und ich enwickele hier auf dem Blog in loser Folge meine Gedanken dazu. Kürzlich habe ich darüber geschrieben, wie viele meiner Beiträge erst durch die Anregungen anderer Blogger:innen enstanden – für dieses Thema gilt mein Dank gleich in doppelter Weise Kai, dessen „Zitat des Tages“ ich die Begegnung mit Boris Cyrulnik erst verdanke (dort finden sich auch weitere Links zu Cyrulnik und der Resilienzforschung) und den Hinweis, dass mein „Motto“ auch für andere fruchtbar sein könnte …)