Kein Talent zum Schreiben? Sicher?

Screenshot 2016-01-05 09.55.26Gerade in der letzten Zeit treten sie in meiner Umgebung wieder gehäuft auf: Menschen, die gerne schreiben würden, wenn sie nicht bedauerlicherweise untalentiert wären. Manche würden sogar SEHR gerne schreiben, wenn sie nicht so VOLLKOMMEN untalentiert wären. Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, dass die Menschen, die sich für untalentiert halten, in Wahrheit die talentier-testen sind (ich glaube weder an „Wahrheit“ noch an „Talent“) – aber ich weiß mittlerweile, dass die Überzeugungen, die Menschen über ihr Talent und über die Qualität, der von ihnen gerade angefertigten Texte hegen, kein prognostisches Kriterium für irgendetwas sind. An dieser Stelle würde ich vermutlich aufhören, wenn ich nicht selbst so lange von meiner „Talentlosigkeit“ überzeugt gewesen wäre und daher wüsste, wie schwerwiegend und hemmend diese vermutete Eigenschaft auf jemandem lasten kann. Ich habe daher fünf Fragen notiert, die mich früher eventuell nachdenklich gemacht hätten (jedenfalls zu manchen Zeitpunkten):

1. Bist du dir sicher, dass du das beurteilen kannst?
Anders gesagt: Woher weiß du, ob du nicht zu den oben beschriebenen Menschen gehörst, die keine guten (im Sinne von zutreffenden) „Bewerter“ ihrer eigenen Texte, ihre „Talents“ sind? Wieviele „große Künstler“ haben bis an ihr Lebensende an sich, an der Qualität ihrer Arbeit gezweifelt?

2. Hast du es ausprobiert? Richtig?
Ich meine damit nicht, ob du schon einmal ein teures Notizbuch gekauft hast, die Teilnahme an einem Schreibkurs erwogen oder vielleicht auch mal ein paar Geschichten angefangen hast. Ich meine auch nicht, die ganzen Geschichten, die du vielleicht in deinem Kopf gesammelt hast, ohne sie jemals aufzuschreiben. Ich meine damit, dass du mindestens ein Jahr lang einmal in der Woche 90 Minuten investiert hast, um zu schreiben. Ohne Handy, ohne Internet.

3. Bist du „beim richtigen Sport“ gelandet?
Jemand, der Sport machen möchte, wird sich überlegen, was ihm Spaß machen, was zu ihm passen könnte und nicht vollkommen blindlings auswählen, ob es Gewichtheben, Badminton oder Geräteturnen wird. Aber genau so verhalten sich viele Schreib-Novizen. Während Schreib-Experten sorgfältig den für sie geeigneten Stoff auswählen und Ideen auf ihre Eignung prüfen, stürzen sich viele Novizen auf die erstbeste Idee und sind dann von ihrer mangelnden Begabung überzeugt – wenn nichts daraus wird.

4. Ist dir klar, dass Schreiben ein Prozess ist?
Oft vergleichen Novizen ihre ersten Versuche mit den zigmal überarbeiteten Versionen von Profis. Was kann bei diesem Vergleich herauskommen?

5. Könntest du dir vorstellen, dass die Qualität deiner Texte viel weniger durch ein ominöses „Talent“ limitiert ist, als durch das Ausmaß deiner Übung und Praxis, durch die Qualität der Anregung und Unterstützung, die du erhältst?

PS: Die fünf bis elf Personen, die jetzt glauben, ich würde (nur) sie damit meinen, grüße ich herzlich: Ich habe auch an Euch gedacht – aber (s.o.) vor allem an die verzagte Person, die ich einmal war …

PPS: Auf seinem Blog hat George R.R. Martin (Autor von „Game of Thrones“) vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass er den angekündigten Veröffentlichungstermin der nächsten Folge nicht einhalten kann. Martin schreibt:

„Unfortunately, the writing did not go as fast or as well as I would have liked. You can blame my travels or my blog posts or the distractions of other projects and the Cocteau and whatever, but maybe all that had an impact… you can blame my age, and maybe that had an impact too …but if truth be told, sometimes the writing goes well and sometimes it doesn’t, and that was true for me even when I was in my 20s. And as spring turned to summer, I was having more bad days than good ones.“ (Hervorh. von mir)

So ist es und daher sollten wir nachsichtig mit uns sein – und uns an die Arbeit machen!