10. Unsere Schreibanlässe entstehen in einer „Vorratskammer“ …

… in der sich das von uns Erlebte, Gelesene, Gehörte und auch alle Fragen auftürmen. Aus all dem können Geschichten werden und nur aus dem – oder wir müssen uns auf die Suche machen: nach einem bestimmten Gefühl oder einer Art zu reden oder vielleicht nach einer Haltung, die uns noch fehlt.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen der inneren Vorratskammer, aus der sich unser Schreiben nährt und derjenigen, aus der wir unsere Mahlzeiten zubereiten: unsere „innere“ Vorratskammer ist unsichtbar. Und selbst, wenn wir uns ganz gut in ihr auskennen, gibt es doch immer auch dunklere Ecken oder Kisten, deren Inhalt wir nicht kennen. Manches darin ist vielleicht auch eher unscheinbar oder hat so wenig Gewicht, dass wir es kaum zu fassen bekommen, wenn wir danach greifen wollen.

Wenn wir Geschichten schreiben wollen, dann können wir oft nur schreibend erfahren, was sich alles an Stoff und Material in uns angesammelt hat. Geschichten sind selten „da“. Als ganzes und sofort. Geschichten entstehen aus einer Suchbewegung heraus und in vielen, kleinen Schritten.

Vor zwei Jahren schrieb ich innerhalb eines Jahres drei kürzere Texte, in denen eine Frau eher unwillig in die Stadt zurückkehrt, in der sie aufgewachsen ist. Diese Parallele habe ich erst, nachdem ich den dritten geschrieben hatte, überhaupt bemerkt. Ich wäre bis dahin nicht auf die Idee gekommen, dass das ein Motiv sein könnte, was mich beschäftigt. War es aber. Mittlerweile ist daraus ein Text entstanden, den ich sehr schätze und eine ganz andere Romanidee.

Offensichtlich verlieren wir manchmal den Überblick darüber, was in unserer Vorratskammer los ist. Und was dringend verarbeitet werden muss, damit es nicht verdirbt:-) Daher einmal mehr: reingreifen, loslegen und schauen, was daraus werden könnte!

Von vorne beginnen oder weiterschreiben?

„Heute (…) habe ich beschlossen, das Buch, an dem ich gerade arbeite, von vorne zu beginnen. Auf Seite 37 konnte ich den Verdacht, ich hätte schon in der Konstruktion, in der Schreibvoraussetzung, einen grundsätzlichen, nicht korrigierbaren Fehler gemacht, nicht mehr abweisen. (…) Ich schreibe sehr langsam, und 37 Seiten einfach zu verwerfen ist für mich eine harte Entscheidung.“

Das schreibt Monika Maron in dem schmalen und sehr lesenswerten Band „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“, in dem ihre Frankfurter Poetikvorlesungen abgedruckt sind und dass mir einfiel, als ich heute erfreut las, dass ein neuer Roman von Monika Maron erschienen ist: „Zwischenspiel“.

Worin genau unterscheiden sich Schriftsteller von Schreibanfängern? Was bewirkt die Praxis, die Erfahrung, der jahrzehntelange Austausch? Mein Eindruck ist, dass „Anfänger“ sich oft keine Vorstellung davon machen, wie mühsam, wie zirkulär und suchend das Schreiben auch (oder gerade) für diejenigen ist, die es seit langer Zeit und sogar mit Erfolg betreiben. Wie selbstverständlich es ist, immer wieder einen neuen Anfang, eine andere Perspektive oder Tonlage zu erproben.

Und andererseits – wer an einem längeren Text schreibt und die ersten Seiten wieder und wieder verwirft und darüber die ganze Geschichte und Schreibfreude und jedes Selbstbewusstsein verliert, der sollte unbedingt versuchen, einmal weiterzuschreiben. Obwohl es noch lange nicht der erwünschte, erträumte Text ist. Obwohl die Dialoge schlecht und die Handlung unverständlich scheint. Vieles lässt sich nur in kleinen Schritten und nacheinander angehen.

Weniger als an Talent mangelt es manchem daran: Zu akzeptieren, dass fast alles, das wir schreiben vorläufig ist. Nicht weiter führt oder zumindest überarbeitet werden muss. Dass wir immer wieder von vorne beginnen müssen. Das kann unsere Eitelkeit erheblich kränken – aber es ist leider so und vielleicht hilft der Gedanke, dass es anderen kaum besser geht.

Natürlich kann auch die reziproke Aufgabe herausfordernd sein: Ein Ende zu finden. Aber dieses Thema ist unbedingt einen eigenen Beitrag wert …