(14) Niemand kann lesen, was niemals zu Papier gebracht wurde (Howard S. Becker)

In Die Kunst des professionellen Schreibens. Ein Leitfaden für die Geistes- und Sozialwissenschaften berichtet der Verfasser Howard S. Becker zu Beginn von dem ersten Seminar zum Schreiben wissenschaftlicher Texte, das er an der Universität anbot – und von der „Chuzpe“, die er dabei an den Tag legte, schließlich war er zwar ein anerkannter Soziologe, aber für dieses Thema war er eigentlich nicht ausgebildet. In die erste Stunde ging er also ohne genaue Vorstellung, wie er sie gestalten würde. Dann hatte er einen „Geistesblitz“: Schon seit langem interessierte er sich brennend für die Schreibprozesse und –rituale anderer und genau danach fragte er nun die Teilnehmer:innen seiner Veranstaltung. Alle zierten sich, allen war es peinlich, darüber Auskunft zu geben. Aber dann offenbarten sie schließlich eine Liste sonderbarer Gewohnheiten, die ihnen selbst „verrückt“ vorkamen. Becker schreibt dazu: „Aus einer bestimmten Perspektive betrachtet, waren die von den Seminarteilnehmern beschriebenen Symptome sicherlich neurotische Symptome. Nicht so aus soziologischer Sicht: Hier wurden aus ihnen magische Rituale. Malinowski zufolge vollziehen Menschen solche Rituale, um das Ergebnis eines Prozesses zu beeinflussen, den sie mit rationalen Mitteln nicht steuern zu können glauben.“

Aber nicht alles, was wir nicht beeinflussen können, versuchen wir mit magischen Rituale zu beeinflussen – das machen wir nur, wenn es für uns große Wichtigkeit besitzt. Was war so wichtig für die Studierenden. Becker fragte sie auch danach und zu seiner Überraschung gaben sie offen und bereitwillig Auskunft: „Was sie fürchteten, waren zwei Dinge. Sie hatten Angst, ihre Gedanken nicht strukturieren zu können und beim Schreiben in ein großes, verwirrendes Chaos zu stürzen, indem sie verrückt würden. Und sie hatten eine lebhaft empfundene Furcht davor, was sie schrieben, könne „falsch“ sein, und es werde (irgendwelche nicht näher spezifizierten) Personen geben, die sie dafür auslachten.“

Die Angst, ausgelacht zu werden. Sie begegnet mir offen oder verdeckt, wo immer ich mit Schreibworkshops unterwegs bin: Mit einer großen Selbstverständlichkeit in Schule und Universität, aber auch da, wo man denken könne, dass sie keine große Rolle spielt: in ganz „normalen“ Schreibwerkstätten. Vielen sitzt die Angst vor Beschämung so in den Knochen, dass selbst eine durchgehend wohlwollende, freundliche Atmosphäre ihre Aufregung und Sorge lange Zeit nicht zu beseitigen vermag. „Wer andere davon abhalten will, in dem, was er schreibt, einen ernst zu nehmenden Ausdruck seiner Fähigkeiten zu sehen, ist allerdings erst dann wirklich in Sicherheit, wenn er überhaupt nichts schreibt. Niemand kann lesen, was niemals zu Papier gebracht wurde“, schreibt Howard S. Becker.

Warum ich das alles erzähle? Zum einen weil ich diesem Buch einige wichtige Einsichten und Anregungen verdanke und es hier gerne empfehlen möchte. Howard S. Becker erklärt auf eine sehr kluge und humorvolle Weise, was für verrücktes Zeug wir manchmal denken oder tun, wenn wir schreiben – gerade, wenn wir es „gut“ machen wollen. Gerade wenn wir wissenschaftlich „anspruchsvolle“ Texte verfassen wollen, was sich oftmals auch umstandslos auf die Produktion literarisch anspruchsvoller Texte übertragen lässt. Er unterschlägt dabei nicht die realen Schwierigkeiten und Risiken, mit denen wir es zu tun haben und die Komplexität, die (jedem) Schreiben nun mal innewohnt. Das ist der zweite Grund, warum ich von diesem Buch erzähle – weil mir klar ist, dass ein einzelner Beitrag über das Wagnis des Schreibens nicht ausreicht, um die weitverbreitete Ansicht zu zerstreuen, dass uns das Schreiben doch eigentlich leichtfallen müsse – wenn wir nur wollen. Aber es fällt den wenigsten leicht und dafür gibt es gute Gründe: Unser Einsatz ist weit höher, als es uns oft bewusst ist und zugleich bleibt oft unklar, nach welchen Regeln gespielt wird.

In den letzten Tagen bin ich gleich mehreren Menschen begegnet, die sich sehr geärgert haben – über sich selbst. Die enttäuscht waren. Weil die Gelegenheit doch „eigentlich“ gerade so günstig ist fürs Schreiben. Endlich wäre mal genug Zeit … Abgesehen davon, dass viele Menschen gerade weniger und nicht mehr Zeit haben, ist es für viele keine gute Zeit, sondern eine schwierige. Und in schwierigen Zeiten sollten wir es uns nicht noch schwerer machen – sondern leichter. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, uns an guten Vorsätze abzuarbeiten, deren Umsetzung uns in normalen Zeiten schon schwer fällt.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen sehr, dass Ihr gut durch diese Ostertage kommt und soweit als irgend möglich macht, was Euch gut tut! Diejenigen, die Lust haben, ohne jeden Anspruch, ohne Druck ein bisschen zu schreiben, könnten vielleicht ihre Erinnerungen an frühere Ostern notieren, könnten „Ich erinnere mich …“ schreiben und sehen, was ihnen einfällt …

17 Kommentare

  1. Liebe Jutta,
    mich würde sehr interessieren, was genau das für Rituale das waren, diese magischen Rituale?
    Könntest du mir / uns da vielleicht einige Beispiele nennen?
    Das Buch von Howard S. Becker werde ich mir bestellen – aber ich bin jetzt schon neugierig… ; )
    Liebe Grüße, Hannah

    1. Liebe Hannah, als ich gestern den Beitrag schrieb, habe ich genau danach geschaut, weil ich gerne ein paar Beispiele zitieren wollte – aber tatsächlich erwähnt er ganz konkret nur das Beispiel einer Frau, die nur auf gelben, linierten DIN-genormten mit einem grünen Filzstift schreiben könne und auch erst, wenn sie zuvor die Wohnung sauber gemacht habe. Becker fügt hinzu „eine Vorbereitung, die sich als unter Frauen üblich herausstellte, nicht hingegen unter Männern, die eher dazu neigten, zwanzig Bleistifte anzuspitzen“. Ich bin allerdings schon sehr oft auf solche „magischen Praktiken“ in der Literatur oder auch in den Berichten von Freund:innen oder Teilnehmer:innen gestoßen, die sich sehr oft um Schreibwerkzeuge (nur mit dieser Art von Stift, nur mit einer mechanischen Schreibmaschine usw.) oder Orte drehen. Für mich ist ein sehr interessanter Punkt an Beckers Überlegungen, dass Schreibprobleme sehr oft eigentlich „Denkprobleme“ sind (meine nicht ganz glückliche Formulierung). Aber das ist ein weites Feld … 😉 Wenn ich ein Buch empfehle, beschleicht mich meist die Sorge, ich könnte womöglich falsche ERwartungen geweckt haben. Es gibt zu diesem Buch reichlich Informationen im Netz – vielleicht wirfst du da vorher nochmal einen Blick drauf (oder hast das ja vielleicht auch schon längst gemacht). Liebe Grüße auch von mir, Jutta

      1. Vielen herzlichen Dank für deine ausführliche Antwort, liebe Jutta,
        und entschuldige bitte vielmals, daß ich dir jetzt erst antworte.
        Vor lauter Gedichte-Schreiben komme ich dieser Tage oft kaum noch zu etwas Anderem (zum Beispiel zum Schreiben und Beantworten von Kommentaren oder auch zum Mailen).
        In diesen surrealen Zeiten habe ich selbst glücklicherweise keine Schreib-Probleme (oder sagen wir mal: nur wenige… ; ) – aber ich kenne diese Phasen nur allzugut, in denen man vollkommen blockiert und fast schon gelähmt ist – von seinen eigenen Ängsten und Befürchtungen (zum Beispiel davor, mißverstanden zu werden) und in denen man kaum etwas zu Papier zu bringen vermag.
        Und ich würde mich gerne wappnen für diese Phasen, die sicherlich auch wieder kommen werden und vor denen ich mich jetzt schon (oder jedenfalls schon wieder von Zeit zu Zeit) fürchte.
        Ich habe schon ein Gedicht im Kopf, das sich damit befasst, wie ich in Zukunft am besten damit umgehen könnte, wenn die Schreib-Hemmung sich wieder anschleicht …
        Es ist ein Gedicht an mein zukünftiges Ich und der Titel soll lauten: Laß mich nicht im Stich!
        Aber das Gedicht ist noch nicht fertig, da arbeite ich noch dran… ; )
        Jedenfalls bin ich dir dankbar für den Buch-Tipp – und auch für deine Antwort – und das Buch werde ich mir auf jeden Fall bestellen.
        Liebe Grüße, Hannah

        1. Liebe Hannah, ich finde die Idee eines Gedichtes an dein zukünftiges Ich sehr schön und ich kann mir auch gut vorstellen, dass das hilfreich ist – aber gerade habe ich das Gefühl, dass du mit diesem Problem vielleicht auch einfach „durch“ bist … Mir selbst ist es so ergangen: Ich hatte wirklich lange damit zu tun und nun bin ich es aber auch schon recht lange auf eine Weise los, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals wieder in diese ganz großen Ängste zu geraten … Liebe Grüße auch von mir

          1. Liebe Jutta,
            danke dir für deine ermutigenden Worte!
            Ja, nun, ich hatte schon öfter gedacht, ich sei jetzt „durch“ damit… und dann kam es immer wieder zu diesen Phasen, in denen ich leider feststellen musste, daß mich die ganzen Ängste doch wieder einholen – und daß sich ein großer Widerwille gegen meine eigenen Worte einstellt.
            Oft geschieht das gerade dann, wenn ich ein Buch fertig gestellt habe und wenn es dann erschienen ist. Dann möchte ich es niemandem schicken – und dann schicke ich es auch keinem.
            Und das ärgert mich gerade sehr, wenn ich daran denke, und es macht mich auch traurig, daran zu denken: Wie oft ich mich auf diese Art und Weise schon selbst im Stich gelassen habe.
            Nun habe ich die Gedichte: „Laß mich nicht im Stich / Verrate mich nicht!“ fertig geschrieben.
            Diese Haiku-Reihe ist ein Appell an mein zukünftiges Ich. Mal sehen, ob das jetzt wirkt… ; )
            Wenn du magst, kannst du sie dir ja mal ansehen. Ich habe sie gerade in meinen Blog hochgeladen. Ich plane nämlich gerade wieder ein Buch (mit den Gedichten der letzten Wochen). vielleicht stelle ich diese Gedichte ans Ende (zur Erinnerung an mich selbst daran, das Buch jetzt auch wirklich zu verschicken – und: dazu – zu meinen Worten – zu stehen… ; )
            Liebe Grüße, Hannah

          2. Liebe Hannah, ich habe deine Haiku-Reihe gerne gelesen und ich kann mir gut vorstellen, dass sie die von dir erhoffte Wirkung entfalten werden – und vielleicht ist auch das Buch, das ich im heutigen Blog vorstelle, etwas für dich … (Den meisten Menschen hilft es, wenn sie erfahren, wie sehr sich auch andere mit diesen Problem plagen … Liebe Grüße!

    1. Sehr gerne! Das Interessante sind dann vor allem die Strategien, die Menschen anwenden, um der Gefahr, sich lächerlich zu machen, zu entgehen. Und die scheinen mir (vom Grundsatz her) im wissenschaftlichen Bereich gar nicht so unterschiedlich wie im literarischen …

  2. Liebe Jutta,
    Danke für diesen Beitrag. Wie sehr diese Angst, abgelehnt zu werden mit dem Geschriebenen (in welchen Art und Weise auch immer) in uns steckt, ist ein großes Thema.
    Aber auch die Erkenntnis, dass doch ausreichend Zeit zum Schreiben wäre, es aber einfach nicht geht derzeit, spricht uns aus der Seele.
    Danke dafür. 😊
    Herzliche Grüße und schöne Ostern
    „Benita“

  3. Danke für den Buchhinweis, liebe Jutta. Ich werde mir das Buch anschaffen. Ich habe während der gesamten Krise nicht einen Satz an meiner Promotion geschrieben. Jedoch habe ich die Zeit der Stille für meine Kunst und für mich selber genutzt und glaube, daraus große Kraft für die Promotion zu tanken, die ich nutze, wenn ich wieder Bibliotheken benutzen kann.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne, das freut mich alles sehr – und ich bin gespannt, ob du etwas für dich Hilfreiches in dem Buch findest (aber ich bin ganz zuversichtlich …). Viele liebe Grüße und einen schönen Abend!

Ich freue mich über Kommentare!

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